Wem gehört der Widerstand?

Wem gehört der Widerstand?

Hinrichtungsstätte der Verschwörer des 20. Juli im Berliner Bendlerblock (Foto:Imago)

Gedenkveranstaltungen sind meist Orte der Ruhe und Andacht. Nicht so bei der jüngsten Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestages des Attentats vom 20. Juli 1944. Der Anlass? Auch die Bundestagsfraktion der AfD hatte im Innenhof des Bendlerblocks, in dem der Verschwörer Claus Schenk Graf von Stauffenberg erschossen wurde, einen Kranz hinterlegt. Zwei Journalisten, die selbst von Angehörigen des Widerstands gegen das NS-Regime abstammen, waren erbost. Tobias Korenke und Gemma Pörzgen machten sich daran, den Kranz zu entsorgen, der letztlich im nahe gelegenen Landwehrkanal landete.

Solch eine Aktion ist natürlich nur Gratismut. Man darf sich für einen kurzen Moment wie Stauffenberg fühlen, riskiert allerdings nicht, dafür erschossen zu werden. Letztlich musste Korenke nur die Veranstaltung verlassen, mehr aber auch nicht. Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, war aber voll des Lobes: „Er hat dafür einen Preis für Zivilcourage gegen Geschichtsrevisionismus und extrem Rechte verdient.“ Wagner beklagte zudem, der Widerstand werde aus dem rechten Spektrum „notorisch instrumentalisiert“. Dass er dergleichen aber selbst ständig tut, wenn auch unter umgekehrtem Vorzeichen, bemerkt er offenbar nicht. “Instrumentalisieren” tun eben immer nur die anderen.

Dilemma der deutschen Linken

Vor 82 Jahren hatten hochrangige Wehrmachtsoffiziere versucht, Diktator Adolf Hitler mit einer Bombe im Führerhauptquartier Wolfsschanze zu töten, um die Regierungsgewalt zu übernehmen und Friedensverhandlungen einzuleiten. Korenke und Pörzgen machten bereits vor zwei Jahren auf sich aufmerksam, als sie kurz nach der Recherche über das “Remigrationstreffen” von Potsdam ein “Manifest” gegen die AfD ins Leben riefen, das etwa 280 Nachfahren von NS-Widerstandskämpfern unterzeichneten. Wenn nun berichtet wird, Korenke sei ein “Nachfahre” oder “Nachkomme” des regimekritischen Theologen Dietrich Bonhoeffer (er selbst stilisierte sich ebenfalls so), ist das technisch falsch. Dieser war sein Großonkel. Korenkes Großvater Rüdiger Schleicher, der mit Bonhoeffers Schwester verheiratet war, stand allerdings mit dem militärischen Widerstand in Kontakt. Pörzgens Großvater Heinrich Körner gehörte dem politischen Katholizismus an. Beide wurden 1945 erschossen.

Für die Nachfahren der Widerständler ist es offenbar eine Provokation sondergleichen, dass die AfD das Gedenken an Stauffenberg und Co. hochhalten will. Das zeigt ein Dilemma der deutschen Linken auf: Weist die AfD eine angebliche Nähe zum Nationalsozialismus auf, weiß man schon, woher der Wind weht; distanziert sie sich ausdrücklich, ist das nur geheuchelt. So oder so kann die Partei nur verlieren. Dabei gibt es eine Traditionslinie in der deutschen Rechten, sich positiv auf den 20. Juli zu beziehen. Wichtigste Vertreterin dieser Strömung ist die Wochenzeitung “Junge Freiheit”. Im klassischen Rechtsextremismus hingegen werden die Attentäter des militärischen Widerstands immer noch als Verräter angesehen. Die NPD (heute “Die Heimat”) würde wohl kaum einen Kranz niederlegen; teilweise mag es Überschneidungen geben, so etwa, als der niedersächsische Vorsitzende der Jungen Alternative, Lars Steinke, Stauffenberg 2018 als „Verräter“ und „Feigling“ bezeichnete; der nicht ins Bild der AfD-Hater passende Unterschied zu realen rechtsextremen Parteien jedoch: Steinke wurde umgehend seiner Ämter enthoben.

Umdenken angesichts der neuen “Machtergreifung”

Man darf der AfD also durchaus abnehmen, dass sie es ernst meint. Korenke hingegen gab in einem Interview an: „Ich habe den Kranz gesehen und gedacht: Der ist falsch, der gehört hier nicht hin.“ Auch habe er sich nachträglich “entschuldigt” – allerdings tat er dies nur gegenüber einem Sicherheitsmann, den er bei dem Vorfall beleidigt hatte. Für die Aktion an sich entschuldigte er sich nicht. Der von ihm provozierte Zwischenfall wirft natürlich erneut die Frage auf, wem der deutsche Widerstand eigentlich “gehört”. Nun könnte man antworten, dass er seinen Nachfahren gehört – oder aber entgegnen, dass eine tote Person niemandem gehört. Fragen kann man die Hitler-Attentäter ja nicht mehr, wie sie heute zur AfD stehen würden.

Tatsächlich ist die Wahrheit – wie so oft – kompliziert. In der Geschichtsschreibung gibt es eben selten nur Schwarz und Weiß. Dass der militärische Widerstand nun auch von linker Seite prominent gegen die AfD ins Feld geführt wird, ist eine neuere Entwicklung. Erst jetzt, wo man eine erneute „Machtergreifung“ befürchtet, beginnt ein Umdenken. Denn auch wenn die Männer des 20. Juli sich Hitler in den Weg stellten: Rechts waren sie trotzdem, ja sogar nach heutigen Begriffsmaßstäben fraglos völkisch-reaktionär. Viele Linke hatten genau deshalb jahrzehntelang eine innere Distanz zu den Attentätern, die erstens Offiziere, zweitens Aristokraten und drittens erzrechts waren.

Instrumentalisierte Ahnen

Selbst über die Motivlage kann man lange streiten. Während ein harter Kern des Widerstands Hitler schon früh wegen seiner menschenfeindlichen Politik ablehnte, wuchs der Kreis mit jeder Niederlage an der Ostfront stetig an. Auch Offiziere, die sich massiver Kriegsverbrechen schuldig gemacht hatten, sahen die Niederlage kommen und wollten mit einem vorteilhaften Friedensschluss Deutschlands zentraleuropäische Machtstellung angesichts der näher rückenden Roten Armee über das Kriegsende hinaus erhalten. Überhaupt ist im aktuellen Diskurs nie ganz klar, ob die Abstammung relevant ist oder nicht; im Falle des oben genannten “Manifests” war sie es offensichtlich schon, denn qua Geburt haben die Signatare ja bereits ihre edle Gesinnung erwiesen. Das würde umgekehrt aber nicht mehr für Niklas Frank gelten, der ebenfalls vor der AfD warnt: Sein Vater Hans Frank war Generalgouverneur im besetzten Polen und wurde schnell als „Schlächter von Krakau“ bekannt. Hier ist die Herkunft dann wiederum relevant, weil Frank ja trotz seines Vaters die richtige Haltung aufweist.

Immer wieder zitieren die Medien den Fakt, dass Beatrix von Storch die Enkeltochter von Lutz von Krosigk, dem Finanzminister des Dritten Reiches, ist. Ähnlich wurde auch im vergangenen Jahr berichtet, dass Alice Weidels Großvater der NSDAP angehörte (auch wenn sie ihn nie kennengelernt hatte). Zuvor wurde zudem die Mitgliedschaft Martin Krahs, des Großvaters von Maximilian Krah, im NS-Ärztebund thematisiert. Derart skandalisierende Enthüllungen gab es aber über die Vorfahren der Bundesminister Annalena Baerbock und Robert Habeck aus dem vorigen Kabinett nicht: Habecks Großvater war SA-Obersturmführer, sein Urgroßvater sogar kurzzeitig Ministerpräsident von Mecklenburg. Habeck thematisierte diesen Umstand im Klatschmagazin “Bunte” und gab salbungsvoll an, die „persönliche Auseinandersetzung“ sei eine „politische Pflicht“. Auch Baerbocks Großvater wurde nie instrumentalisiert, um seine berühmte Enkelin in die rechte Ecke zu rücken, wenngleich einige Medien anmerkten, die Außenministerin hätte sich besser über ihn informieren müssen.

Unscharfe Grenzen

Ähnliche Berichte las man auch über Josef Paul Sauvigny, den Großvater des amtierenden Bundeskanzlers Friedrich Merz; diesem warf man allerdings nicht vor, von einem NSDAP-Mitglied abzustammen, sondern lediglich, dass er die Vergangenheit seines Vorfahren geschönt habe. Richtig kompliziert wird es dann allerdings bei den „Mischlingen“: Adolf von Thadden gehörte zum Führungspersonal der NPD in der jungen Bundesrepublik, hatte aber eine Halbschwester, die dem Widerstand angehörte und hingerichtet wurde. Der ehemalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zählt zu seinem Familienkreis nicht nur Oppositionelle, sondern auch den früheren Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop.

Links und rechts weisen mitunter unscharfe Grenzen auf. Niemand würde bestreiten, dass Ernst Thälmann, der Vorsitzende der KPD, der 1944 im KZ Buchenwald starb, sowohl links als auch ein Gegner und Opfer des Dritten Reiches war. Gleichzeitig war er aber stolzer Deutscher. Auch die außenpolitische Positionierung der KPD kann aus heutiger Sicht verblüffen: So gab es beispielsweise Sympathien für rechte Freikorps, die im Ruhrgebiet gegen französische Besatzungssoldaten kämpften, denn man warf Frankreich vor, die Industrieregion aus kapitalistischem Interesse zu beanspruchen. Gleichzeitig bezeichnete die KPD die NSDAP als “Verräterin deutscher Interessen”, weil sie die deutschsprachige Minderheit in Südtirol fallen ließ, um das Verhältnis zu Italien nicht zu belasten. Die KPD sah ihr nationales Auftreten in dieser Frage dabei als Antifaschismus, um Benito Mussolini zu schwächen.

Wie hätte der NS-Widerstand zur AfD gestanden?

Über die Frage „Hätte Stauffenberg die AfD gewählt?“ kann man sich natürlich vorzüglich streiten, nur beantworten kann man sie eben nicht. Selbst wenn man die Frage an sich analysiert, statt sie zu beantworten, ergibt sich bereits die erste Schwierigkeit. Meint man etwa einen Stauffenberg, der mit einer Zeitmaschine in die Gegenwart gereist ist, oder einen geklonten Stauffenberg, der erst im wiedervereinigten Deutschland auf die Welt kam? Nicht zuletzt haben sich die politischen Koordinaten im Laufe des vergangenen Jahrhunderts mehrfach verschoben. Hätte man ihm damals das Parteiprogramm der AfD vorgelegt, spricht vieles dafür, dass ihm diese Partei bei weitem zu links gewesen wäre. Vom Gedanken an eine letztgültige Wahrheit muss man sich bei den folgenden Gedankenspielen ohnehin verabschieden. Lohnenswert sind sie trotzdem.

Taugt Stauffenberg als Gewährsmann der heutigen Politik? Immerhin finden sich in seinen privaten Briefen abfällige Aussagen über Juden und „Mischvolk“, welches höchstens zu einfachen Aufgaben in der Landwirtschaft tauge. Nichtsdestotrotz zeigte er sich entsetzt von den Massakern der Einsatzgruppen. Dass er die Masseneinwanderung von Syrern und Afghanen begrüßt hätte, darf hingegen getrost bezweifelt werden. Und selbst mit – echter! – Fachkräfteinwanderung, mit der auch die AfD kein Problem hat, dürfte er massiv gefremdelt haben. Oft wird vorgebracht, dass sich Stauffenberg nach seinem Tod nicht mehr gegen die Vereinnahmung aus dem rechten Spektrum wehren könne. Ewald-Heinrich von Kleist und Philipp von Boeselager, die zu seinen Mitstreitern gehörten, engagierten sich jedenfalls für die konservative Sache und gaben noch in den 2000er-Jahren der “Jungen Freiheit” Interviews. Den Appell haben ihre Nachfahren jedoch nicht unterzeichnet. Ob sie gar nicht erst angefragt wurden oder schlicht nicht unterzeichnen wollten, lässt sich leider nicht ermitteln.

Dialektische Brüche

Auch Ernst Jünger, einer der Klassiker der rechten Literatur, hatte Kontakte zum militärischen Widerstand. Er wurde deswegen als „wehrunwürdig“ aus der Armee entlassen. Dasselbe Schicksal ereilte General Theodor Groppe: Sein Sohn, der Militärpfarrer Lothar Groppe, relativierte in den 90er-Jahren die deutsche Kriegsschuld und Verbrechen der Wehrmacht. Und auch die Geschwister Scholl waren kaum überzeugte Linke, im Gegenteil: In jungen Jahren zeigten sich beide erfreut über die Hitlerjugend und den Bund Deutscher Mädel. Erst später wandten sie sich vom Nationalsozialismus ab. Soll wohl heißen: Ohne den Massenmord und den kriegsbedingten Terror hätten sie ihre ursprüngliche Haltung nie abgelegt. Und steht die AfD ernsthaft in der Nachfolge der NSDAP? Diese hatte ja bereits vor 1933 ihre Parteiarmee, die SA, sowie verbündete rechte Freikorps, die Hunderte Menschen ermordeten. Außerdem sind viele AfD-Politiker selbst Migranten oder zumindest mit Migranten verheiratet. Dergleichen könnte man über Juden in der NSDAP nicht sagen.

Die Geschwister Hirzel, die wie die Geschwister Scholl der Weißen Rose angehörten, aber überlebten, positionierten sich in der Bundesrepublik klar rechts. Beide gehörten Franz Schönhubers Republikanern an. Hans Hirzel ließ sich sogar für das Amt des Bundespräsidenten aufstellen. Susanne Zeller-Hirzel engagierte sich bis kurz vor ihrem Tod gegen die islamische Masseneinwanderung nach Deutschland. Hans von Dohnanyi, der mit Dietrich Bonhoeffer verschwägert war, wurde zeitgleich mit diesem hingerichtet; sein Sohn Klaus, ein Urgestein der SPD, solidarisierte sich im Jahr 2010 während der Kontroverse um dessen Buch “Deutschland schafft sich ab” mit Thilo Sarrazin.

Magere Ausbeute

Nicht zuletzt stellt sich die Frage, wie sich Juden in der aktuellen Situation positionieren. Dass der Zentralrat die AfD ablehnt, hat sich mittlerweile herumgesprochen; aber repräsentiert er alle Juden? Der jüdische AfD-Kommunalpolitiker Bernd Jacks stammt selbst von Holocaustüberlebenden ab und stellte einen Bezug zwischen Angriffen der Antifa auf seine Parteifreunde und Pogromen her. Bekanntermaßen gibt es die Vereinigung „Juden in der AfD“, wobei aber nicht bei allen dieser Juden ersichtlich ist, ob ihre Familien im Nationalsozialismus Verfolgung erlitten. Einige kommen aus dem zentralasiatischen Raum, der nie von der Wehrmacht erobert wurde. Und mit Ralph Giordano, Henryk M. Broder und Michael Wolffsohn gibt es drei weitere Juden, die entweder den Holocaust selbst überlebten oder von Überlebenden abstammen und sich ebenfalls in aller Deutlichkeit gegen den Islam ausgesprochen haben.

Was hat die AfD eigentlich in puncto Widerstandsvorfahren zu bieten? Die Familie von Gottberg brachte Helmut und Wilhelm hervor. Ersterer war in die Planungen vom 20. Juli eingeweiht, Letzterer saß für eine Legislaturperiode im Bundestag. Allerdings sind beide nur Cousins dritten Grades. Nicolaus Fest, der für die AfD im Europaparlament saß, die Partei aber mittlerweile im Streit verlassen hat, stammt von Johannes Fest ab, der dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold angehörte, das republikanische Werte hochhielt. Er wurde nach der Machtergreifung der Nazis als Schuldirektor entlassen und weigerte sich, der NSDAP beizutreten. Konkrete Widerstandsaktionen unternahm er allerdings nicht. Die weitere Ausbeute bleibt etwas mager, da sie sich nicht unabhängig verifizieren lässt: Sven von Storch hat zwar kein Parteiamt inne, gehört aber zusammen mit seiner Ehefrau Beatrix zu den einflussreichen Netzwerkern im Hintergrund. Sein Großvater soll als Oppositioneller im KZ inhaftiert gewesen sein. Der frühere Bundestagsabgeordnete Dietmar Friedhoff stammt laut eigener Aussage von einem Kommunisten ab, der im KZ saß. Ähnliches gibt der Landtagsabgeordnete Franz Bergmüller an. Der Kommunalpolitiker Georg Kadow behauptet, einen Verwandten im Kreisauer Kreis gehabt zu haben.

Wie rechts war die alte Union?

In den vergangenen Jahren ist auch ein Streit um die beiden alten Schlachtschiffe der Union, Franz Josef Strauß und Alfred Dregger, entbrannt. Dabei geht es vor allem um die Frage, ob diese heute die AfD wählen würden. Dass sich aber der frühere bayerische Ministerpräsident, der für damalige Linke ein absolutes Hassobjekt war, in der heutigen woken Union wohlfühlen würde, darf bezweifelt werden. Dregger hingegen war in der NSDAP und galt im Nachkriegsdeutschland als Vertreter der „Stahlhelm-Fraktion“ innerhalb der Union. Er stand zeitlebens an der Seite der Wehrmacht. Die Unionspolitiker der Gegenwart können höchstens noch mit dem Argument punkten, dass beide wahrscheinlich die Russlandpolitik der AfD nicht geteilt hätten.

Korenke und Pörzgen war offenbar bewusst, dass ein Kriegsverbrecher kaum als Widerstandskämpfer taugt und dass die entsprechenden Unterschriften im Manifest sogleich von rechter Seite aufgegriffen werden könnten. Dementsprechend findet man – zumindest ausweislich der Nachnamen – keine Nachfahren von Günther von Kluge, Erich Hoepner, Hans von Salmuth, Eduard Wagner, Georg Thomas, Wolf-Heinrich von Helldorff und Arthur Nebe. Alle Genannten waren maßgeblich in den Vernichtungskrieg eingebunden und vor allem durch die Kriegswende der Alliierten dazu bewogen worden, sich dem Widerstand anzuschließen. Das führt zu der paradoxen Situation, dass die heutigen Medien einerseits Nachfahren edler Helden und andererseits solche von Jahrhundertverbrechern gleichermaßen hofieren, sofern sie sich gegen die AfD aussprechen. Neben Niklas Frank sei hier auch Ferdinand von Schirach, der Enkel des NS-Jugendführers und Wiener Gauleiters Baldur von Schirach, genannt. Ebenso warnen die Großnichten Himmlers und Görings vor dem Aufstieg der AfD.

Der Sippenhaft entgangen

Wer aber jemanden zu seinen Vorfahren zählt, der nicht zu diesen beiden Extrempolen gehört, sondern nur von einem „normalen“ Kriegsverbrecher abstammt, lässt sich eben nicht instrumentalisieren. Schaut man sich die Unterschriften genauer an, findet man jedoch noch zwei „Treffer“; offensichtlich war die Gesinnungsprüfung nicht akribisch genug. Zum einen stößt man dort auf einige Galens. Diese dürften Verwandte, aber eben keine Nachfahren des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen sein, da dieser selbstverständlich zölibatär lebte. Von Galen muss man zugutehalten, dass er in seinen Predigten den Behindertenmord der Nazis scharf anprangerte und damit viele Opfer vor dem sicheren Tod bewahrte. Gleichzeitig begrüßte er jedoch den Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion und setzte sich nach 1945 gegenüber den britischen Besatzungsbehörden für die Freilassung von Kriegsverbrechern ein.

Erwein von Aretin war ein bayerischer Monarchist katholischer Prägung, der wegen seiner ablehnenden Artikel gegenüber dem Nationalsozialismus 1933 für über ein Jahr im Konzentrationslager Dachau einsitzen musste. Danach erhielt er bis zum Kriegsende ein Berufsverbot. Allerdings hatte er schon 1924 vor dem „fremdrassigen Gift“ des „jüdisch-balkanischen Geistes“ gewarnt. Seine Nachfahrin Felicitas von Aretin könnte sich immerhin darauf berufen, nicht als seine Enkelin, sondern als Enkelin ihres anderen – ungleich bekannteren – Großvaters Henning von Tresckow auf der Unterschriftenliste zu stehen, des neben Stauffenberg maßgeblichen Kopfes der Verschwörer des 20. Juli. Vielleicht verdankt sie ihm, dass sie der Sippenhaft entging.

Moralisch überlegene Kaste?

Wie überhaupt will man sein Anrecht auf Gehör begründen? Schließlich haben viele der Unterzeichner ihre berühmten Vorfahren ja nie kennengelernt. Ist in linken Kreisen jetzt also doch die Abstammung wichtig? Genetisch ergibt das allerdings kaum Sinn. Wie in der Psychologie bekannt ist, unterliegen Eigenschaften von Generation zu Generation oft einer Regression zur Mitte – egal ob es um Körpergröße oder Intelligenz geht. Sprich: Durchschnittliches Talent ist eben weit häufiger als überdurchschnittliches oder auch unterdurchschnittliches Talent. So findet man unter den knapp tausend Nobelpreisträgern nur acht, die selbst Kinder von Nobelpreisträgern sind. Nobelpreis-Enkelkinder hingegen gibt es keine. Sollte man die Männer des 20. Juli als besonders ehrenhaft herausstellen, müsste die Regression zur Mitte bei ihnen umso stärker zum Tragen kommen.

Wenn nun also auch eine Urgroßnichte (!) des Abwehrchefs Wilhelm Canaris das Manifest unterzeichnet, geht dessen hereditäre Überlegenheit im genetischen Hintergrundrauschen unter. Jedenfalls scheint sich die Staatsferne der ursprünglichen Verschwörer nicht vererbt zu haben. Andererseits: Wenn die Angehörigen des 20. Juli nur noch untereinander heiraten, wie es ja in Adelsfamilien üblich ist, könnten sie tatsächlich eine moralisch überlegene Kaste begründen? Oder eher doch nicht? Denn wer sagt uns, dass eine Familie nur deswegen überlegen ist, weil ihr ein Widerstandskämpfer angehörte? Bereits genannt wurden die Beispiele Elisabeth von Thadden, die Halbschwester des AfD-Mitgründers, oder Felicitas von Aretin. Neben Helmut und Wilhelm brachten die von Gottbergs auch Curt hervor, der Generalkommissar von Weißrussland war. Carl-Heinrich von Stülpnagels Verwandter Otto war für Judendeportationen in Frankreich verantwortlich.

10.000 Nachkommen von Widerstandskämpfern?

Hans Speidels Bruder Wilhelm wurde in den Nürnberger Prozessen wegen Kriegsverbrechen in Griechenland verurteilt. Zumindest die Namen Speidel und Stülpnagel tauchen im Manifest auf. Überhaupt lässt sich gar nicht sagen, ob die Zahl von 280 Angehörigen so beeindruckend ist, wie sie zunächst klingt. Denn die Zahl der Widerstandskämpfer könnte man mit mehreren Hundert bis wenigen Tausend beziffern, wodurch die Zahl der Nachfahren – wenn man selbst Urgroßneffen mitzählt – irgendwo zwischen 1.000 und 10.000 liegen könnte.

Wie wenig Aussagekraft das Manifest hat, zeigte erst vor wenigen Tagen, wenn auch unfreiwillig, die “Süddeutsche Zeitung”: Sie veröffentlichte einen Artikel über Adlige, die christlich-konservativen Netzwerken nahestehen und die Abtreibung ablehnen, also alles andere als links sind. Stöbert man dann ein wenig in den Biographien, stellt man schnell fest, dass die meisten der im Artikel genannten Personen Familien angehörten, die zumindest ein Mitglied im Widerstand hatten. Das ist angesichts der oft hohen Kinderzahl in adligen Familien auch nicht weiter verwunderlich. Wenn man dieser Logik folgt, war ja sogar das sagenumwobene Potsdamer Treffen, das als “Wannseekonferenz 2.0” geframt wurde, eine Neuauflage des Kreisauer Kreises: Einer der Teilnehmer war Alexander von Bismarck, der gleich zwei entfernte Verwandte hat, die zu den Männern des 20. Juli zählten.

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6 Kommentare

  1. Hört dieses bescheuerte Nazitheater denn niemals auf?

    Kein Tag vergeht, an dem die „Untoten“ nicht über den Bildschirm huschen oder in Artikeln thematisiert werden.
    Das widert mich an!
    🤮

  2. In den Augen der Regenbogen-Bolschewiken-Einheitsfront wäre Stauffenberg , der eher ein monarchistischer/aristokratischer (und zum Teil auch ,,völkischer“) Patriot war, ein ,,Hardcore-Nazi‘ oder gar ,,Reichsbürger“’…
    Mich wundert es nur, daß die sich dennoch auf ihn berufen und für ihre Zwecke mißbräuchlich instrumentalisieren…

    Ganz sicher hätte er auch versucht, würde er in den total gestörten heutigen Zeiten leben, nach der illegalen Grenzöffnung von 2016 durch IM Erika, der alten Meuchel-Schreckschraube einen ,,besonderen Koffer“ unter den Schreibtisch zu plazzieren…

    „Es ist Zeit, daß jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muß sich bewußt sein, daß er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterläßt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen.“

    -Claus Schenk Graf von Stauffenberg

    „Wir bekennen uns im Geist und in der Tat zu den großen Überlieferungen unseres Volkes, die durch die Verschmelzung hellenischer und christlicher Ursprünge in germanischem Wesen das abendländische Menschentum schufen. Wir wollen eine Neue Ordnung, die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht und ihnen Recht und Gerechtigkeit verbürgt, verachten aber die Gleichheitslüge und fordern die Anerkennung der naturgegebenen Ränge. Wir wollen ein Volk, das in der Erde der Heimat verwurzelt den natürlichen Mächten nahebleibt, das im Wirken in den gegebenen Lebenskreisen sein Glück und sein Genüge findet und in freiem Stolze die niederen Triebe des Neides und der Mißgunst überwindet.“

    -Claus Schenk Graf von Stauffenberg

    1. Der alte Richard würde sich im Grab umdrehen wenn er sehen könnte, welches . . . am Grünen Hügel aufläuft.
      Wenn ich die Äußerungen von Katharina Wagner höre wird mir nur noch schlecht.
      Wie sie das Erbe Wageners in den Staub tritt sucht seinesgleichen.
      Und dieser ganze moderne Regisseurquark hat mit Wagner nichts mehr gemein.
      Aber es ist halt ein Riesengeschäft für die Festspiele und Bayreuth, da drückt man schon mal ein Auge zu.

      Ein ehemaliger Bayreuther

  3. Man kann all den Narren, die andauernd die Historie von vor 80 bis 90 Jahren verfaelscht aufwaermen, eigentlich nur eines zurufen:
    Bohrt euch ein Loch ins Knie und schuettet heisse Milch hinein, ihr Volltrottel

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