
Anne Hähnigs Analyse des Magdeburger AfD-Wahlerfolgs in der ”Zeit“ beginnt mit einer Einsicht, auf die man in Teilen des deutschen Journalismus erstaunlich lange warten musste: Vielleicht wählen Menschen die AfD tatsächlich, weil sie die AfD wählen wollen. Nicht aus Versehen, nicht als verschlüsselte Botschaft an die CDU, nicht aus ostdeutscher Kränkung, Nachwende-Trauma oder sozialpsychologischer Bedürftigkeit. Und auch nicht, weil sie der Demokratie einen “Denkzettel” verpassen möchten, um anschließend reumütig in den Schoß der etablierten Parteien zurückzukehren. Sondern ganz einfach deshalb, weil sie mit wesentlichen Positionen dieser Partei inhaltlich übereinstimmen. Bei einem Ergebnis von 43,8 Prozent und einer Wahlbeteiligung von 77,8 Prozent lässt sich diese Erkenntnis schwerlich länger vermeiden. Die CDU kommt auf 17,2 Prozent. Die AfD liegt also nicht knapp vor der zweitstärksten Partei, sondern bei mehr als deren Zweieinhalbfachem. Hähnig nennt das zu Recht einen “historischen Moment” und schreibt ausdrücklich, die Wähler hätten gewusst, „dass es nun ernst wird“.
Dann schreibt Hähnig: Die These vom bloßen Protestwähler stimme schon lange nicht mehr, „vielleicht“ habe sie nie gestimmt. Man möchte diesen Satz zweimal lesen; denn er revidiert quasi en passant ein Deutungsmuster, mit dem Politik, Politikwissenschaft und Medien mehr als ein Jahrzehnt gearbeitet haben. Aber kaum hat Hähnig den AfD-Wähler aus der ersten therapeutischen Behandlung entlassen, überweist sie ihn gleich in die nächste.
Die ewige Suche nach dem verborgenen Wähler
Immerhin diagnostiziert die Autorin einen bemerkenswerten Fehler ihres eigenen Milieus: Über keine Wählerschaft, schreibt sie, habe man sich derart „ungläubig gebeugt“ wie über jene der AfD. Das ist präzise beobachtet. Der AfD-Wähler wurde über Jahre nicht einfach als Bürger mit bestimmten politischen Präferenzen behandelt. Er wurde zum Forschungsgegenstand. Man untersuchte sein Alter, seine Bildung, seine Einkommenslage, seine Abstiegsängste, seine DDR-Biographie, seine autoritären Dispositionen, seine Kränkungserfahrungen und sein Vertrauen in Institutionen. Zuletzt wurde selbst seine unmittelbare soziale Umgebung zum Anschauungsmaterial. Der “Freitag” suchte vor der Sachsen-Anhalt-Wahl Menschen, die darüber berichten sollten, wie es sei, mit AfD-Wählern in Familie, Verein und Nachbarschaft zu leben. Das Eigentümliche daran war nicht journalistisches Interesse an politischen Milieus – das ist legitim –, sondern die Perspektive: Der AfD-Wähler erschien als soziale Besonderheit, mit deren Anwesenheit andere Menschen irgendwie „umgehen“ müssen.
Überzeugte SPD-Wähler werden selten daraufhin untersucht, wie ihre Angehörigen mit ihnen leben. Man fragt auch nicht regelmäßig Nachbarn von Grünen-Wählern, wie sie den Kontakt bewältigen. Auch die Biographie des FDP-Wählers wird nach einem schlechten Wahlergebnis nicht tiefenpsychologisch nach verdrängten Traumata durchforstet. Diese Asymmetrie verrät schon das eigentliche Problem: Eine bestimmte politische Entscheidung gilt nicht mehr zunächst als Entscheidung, sondern als erklärungsbedürftige Abweichung. Genau diese „Pathologisierung der Demokratie“ war bereits bei Karl-Rudolf Kortes Diagnosen über das angebliche Abdriften aus der Mitte zu beobachten: Politische Bewegung wird in eine medizinisch klingende Sprache übersetzt. Wer sich von der Mitte entfernt, „driftet“; wer nicht “zurückkehrt”, ist bleibend radikalisiert; wer dabei bleibt, “verfestigt” sich. Die politische Mitte definiert sich dabei praktischerweise selbst. Zu allem Übel behauptete Korte am Wahlabend auch noch, trotz 44 Prozent gebe es „keinen Regierungsauftrag für niemanden“. Aber Friedrich Merz mit seiner 28,5 Prozent CDU zur Bundestagswahl hatte einen?
Der Patient wird endlich entlassen – beinahe
Hähnig bemerkt nun selbst, wie wenig die psychologische Ost-Erzählung erklärt. Die Herkunft sei nicht wahlentscheidend, allenfalls „wahlbegünstigend“. Die AfD habe den Osten selbst nie zum Zentrum ihres Programms gemacht. Ihre Themen seien seit 2014 erstaunlich konstant: Migration, innere Sicherheit, Russland und nationale Souveränität. Damit nähert sich die Analyse einem sehr viel einfacheren Erklärungsmodell: Menschen könnten Parteien tatsächlich wegen ihrer Politik wählen. Diese Banalität besitzt im deutschen Diskurs mittlerweile beinahe revolutionären Charakter. Denn wenn sie stimmt, müsste man beispielsweise fragen, ob ein erheblicher Teil der Bevölkerung die Migrationspolitik tatsächlich für falsch hält; ob Menschen die Energiewende nicht bloß „schlecht kommuniziert“, sondern politisch verfehlt finden; ob die Wahrnehmung zunehmender Unsicherheit nicht allein aus Desinformation entsteht; ob Skepsis gegenüber der Russland- und Ukrainepolitik sachliche Gründe haben kann; ob Bürger tatsächlich weniger europäische Zentralisierung und mehr nationale Entscheidungsmacht wünschen.
Dann wäre der AfD-Erfolg keine psychologische Störung mehr, sondern eine politische Rückmeldung. Gerade hier biegt Hähnigs Essay jedoch ab – ob aus Angst, Feigheit oder anderen Gründen, bleibt offen. Die neue Erklärung lautet: Machtlosigkeit. „Wir holen uns unser Land zurück“, habe Ulrich Siegmund im Wahlkampf gesagt. Hähnig übersetzt: Wir wollen wieder mächtig werden! Daraus wiederum folge: Wir sind es derzeit nicht. Die AfD rekurriere auf ein „Gefühl des Ausgeliefertseins“. Das ist nicht ganz falsch. Aber die entscheidende Frage wird durch das Wort „Gefühl“ bereits vorentschieden.
Vom gekränkten Ossi zum verführten Souveränisten
Denn was, wenn die Bürger tatsächlich Macht verloren haben? Was, wenn politische Entscheidungen, die früher in nationalen Parlamenten getroffen wurden, heute auf europäischer Ebene oder in metapolitischen, demokratisch nicht legitimierten Gremien fallen? Was, wenn internationale Verträge den Handlungsspielraum demokratisch gewählter Regierungen beschränken? Was, wenn Geldpolitik durch eine supranationale Zentralbank betrieben wird? Was, wenn Energieversorgung von internationalen Märkten, Sanktionsregimen und europäischen Regulierungen abhängt? Was, wenn nationale Parlamente bei Migration mit europäischem Recht, internationalen Konventionen und Gerichtsurteilen konfrontiert sind? Was, wenn selbst eine deutliche nationale Wahlentscheidung bestimmte Politikfelder nur noch mittelbar beeinflussen kann?
Man kann all das für notwendig, vernünftig oder gar segensreich halten. Aber dann ist Machtlosigkeit nicht ausschließlich ein Gefühl. Sie ist eine zumindest teilweise institutionelle Beschreibung. Hähnig benennt diesen Vorgang sogar selbst: Die Nationalstaaten seien politisch, wirtschaftlich und technologisch derart verflochten, dass anderswo getroffene Entscheidungen unmittelbar auf sie einwirkten. Genau darauf antworte der Rechtspopulismus mit dem Versprechen, den Nationalstaat zu stärken. Aber warum soll diese Antwort bereits dadurch widerlegt sein, dass sie „rechtspopulistisch“ genannt wird? Souveränität bedeutet nicht Autarkie. Kein ernstzunehmender Konservativer verlangt, Deutschland müsse Mikrochips, Bananen, Erdgas und Smartphones vollständig selbst herstellen, diplomatische Beziehungen abbrechen und hinter Schlagbäumen verschwinden. Souveränität bezeichnet vielmehr die Frage, wo die letzte politische Entscheidungsmacht liegt und ob eine politische Gemeinschaft Entscheidungen korrigieren kann, wenn deren Folgen ihren Bürgern missfallen. Das ist ein demokratisches Problem, kein psychopathologisches.
Souveränität ist keine Psychose
Die entscheidende Kategorie der Demokratie ist schließlich nicht Harmonie, sondern Reversibilität. Eine Regierung muss abgewählt, ein Gesetz geändert, eine politische Richtung korrigiert werden können. Je mehr Entscheidungen jedoch in schwer revidierbare internationale, europäische oder juristische Strukturen ausgelagert werden, desto stärker entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen demokratischer Wahl und politischer Wirkung. Man kann dieses Spannungsverhältnis zugunsten übernationaler Kooperation beantworten. Aber man kann es nicht wegtherapieren. Genau hier berührt Hähnigs Essay einen älteren Konflikt: die Vorstellung von Mündigkeit unter Vormundschaft. Der Bürger gilt als souverän, solange er innerhalb des akzeptierten politischen Korridors entscheidet. Verlässt er ihn, beginnt die pädagogische Nachbearbeitung. In den Debatten um Ostdeutschland ist dieses Muster besonders deutlich geworden. Herfried Münkler stellte noch im Frühjahr das Demokratieverständnis der Ostdeutschen infrage und sprach von einer “besonderen Anfälligkeit für autoritäre Regime”.
Jana Hensels Buch trug die Diagnose bereits im Titel: “Warum sich der Osten sich von der Demokratie verabschiedet”. Das politische Urteil einer großen Zahl von Bürgern wurde damit nicht als demokratischer Vorgang innerhalb der Demokratie beschrieben, sondern als Entfernung von ihr. Nun haben 43,8 Prozent in Sachsen-Anhalt gewählt. Also muss die Theorie angepasst werden.
Demokratie ohne Bürger
Der Denkfehler liegt in einer stillen Verschiebung des Demokratiebegriffs: Demokratie bezeichnet zunehmend nicht mehr primär ein Verfahren, in dem freie und gleiche Bürger konkurrierende politische Angebote beurteilen und Mehrheiten bilden. „Demokratisch“ bezeichnet zugleich einen bestimmten Katalog erwünschter Ergebnisse. Das führt zu einer eigentümlichen Tautologie. Demokratische Parteien sind Parteien, die demokratische Politik machen. Was demokratische Politik ist, bestimmen wiederum jene Institutionen und Milieus, die sich selbst als demokratische Mitte verstehen. Wählt der Bürger außerhalb dieses Spektrums, wird nicht zuerst gefragt, ob die Mitte ihre Repräsentationsfähigkeit verloren haben könnte. Gefragt wird, weshalb der Bürger sich von der Demokratie entfernt.
Schon Anfang des Jahres zeigte sich diese Verkehrung in einer anderen “Zeit”-Debatte: Bürger bekennen sich in Umfragen zum Rechtsstaat, wählen aber Parteien, die die Autoren als autoritär einordnen – und leiteten daraus die Frage ab, ob die Bürger womöglich „Pseudodemokraten“ seien. Das Problem könnte jedoch ebenso in der Fremdbewertung liegen: Menschen können demokratische Institutionen schätzen und trotzdem mit deren gegenwärtiger politischer Ausrichtung unzufrieden sein.
Der demokratische Bürger besitzt nämlich ein Recht, das in vielen Demokratiedebatten erstaunlich selten vorkommt: das Irrtumsrecht. Er darf eine schlechte Partei wählen, einer falschen ökonomischen Theorie anhängen, Politiker überschätzen, sich von einem charismatischen Kandidaten beeindrucken lassen, ja sogar eine Regierung wählen, deren Politik ihm später schadet. Denn wenn eine Instanz oberhalb des Bürgers verbindlich entscheiden könnte, welche Wahl vernünftig genug ist, um demokratisch anerkannt zu werden, wäre diese Instanz – und nicht mehr der Bürger – der eigentliche Souverän.
Der sonderbare internationale Beweis
Besonders schwach wird Hähnigs Argument dort, wo sie Trump, Orbán und Brexit als empirische Widerlegung des Rechtspopulismus präsentiert. Trump habe den Ukrainekrieg nicht binnen 24 Stunden beendet. Orbán habe sich als korrupt erwiesen. Der Brexit habe Großbritannien weder wesentlich reicher gemacht noch von irregulärer Migration befreit. Trotzdem verliere der Rechtspopulismus seine Anziehungskraft nicht. Warum? Die Frage erscheint hier zwingender, als sie tatsächlich ist. Denn nach diesem Maßstab müsste jede politische Strömung längst verschwunden sein. Hat die europäische Integration alle Versprechen erfüllt, die ihre Befürworter mit ihr verbanden? Hat die deutsche Energiewende Energie billiger gemacht? Haben jahrzehntelange Entwicklungshilfeprogramme ihre großen Ziele erreicht? Hat die Aufnahme von Millionen Migranten sämtliche wirtschaftlichen, demographischen und humanitären Erwartungen erfüllt? Haben westliche Interventionen in Afghanistan, Libyen oder anderswo die jeweils versprochenen stabilen Ordnungen geschaffen? Haben Sozialdemokraten soziale Ungleichheit beseitigt?
Politik besteht geradezu aus nicht eingelösten Versprechen. Merkwürdigerweise wird aber nur beim „Rechtspopulismus“ aus dem Scheitern einzelner Versprechen ein Rätsel über die geistige Verfassung seiner Anhänger. Niemand fragt nach einem schlechten grünen Wahlergebnis, warum die verbliebenen Grünen-Wähler nicht endlich erkannt hätten, dass irgendwo eine grüne Regierung ihre Ziele verfehlt habe. Niemand erklärt die Existenz sozialdemokratischer Parteien dadurch für rätselhaft, dass sozialistische und sozialdemokratische Experimente in anderen Ländern Probleme produziert haben.
Politische Familien sind keine internationalen Konzernfilialen. Ein AfD-Wähler in Magdeburg haftet nicht für Donald Trumps Übertreibungen, so wenig ein SPD-Wähler in Halle für Nicolás Maduro oder ein deutscher Grüner für jede Entscheidung einer ökologischen Partei im Ausland verantwortlich ist.
Der Osten als ewiges Klassenzimmer
Zu den stärksten Passagen von Hähnigs Text gehört paradoxerweise ihre Absage an die bisherige Ost-Therapie. Man habe „Lebensleistungen anerkannt“, Simson-Dokumentationen geschaut und sich auf Couchgarnituren in Ottendorf-Okrilla gesetzt, um herauszufinden, was den Menschen zum politischen Glück fehle – und trotzdem habe sich ihr Wahlverhalten nicht geändert. Das mutet fast wie eine Satire auf drei Jahrzehnte bundesdeutscher Ostdeutung an. Aber das Verb „geändert“ verrät noch die alte Erwartung. Weshalb hätte sich das Wahlverhalten durch westdeutsche Aufmerksamkeit ändern sollen? War das der Zweck? Dann wäre das Interesse am Osten tatsächlich therapeutisch gewesen: Man hört dem Patienten zu, damit die Behandlung anschlägt.
Genau diese Hierarchie zeigte sich wenige Wochen vor der Wahl in der Debatte um die angeblich endende „Langmut“ des Westens. Schon das Wort Langmut setzt Ungleichheit voraus. Ein Vater ist langmütig mit seinem Kind, ein Lehrer mit seinem schwierigen Schüler. Bürger auf gleicher staatsbürgerlicher Ebene sind nicht „langmütig“ miteinander. In der dazu geführten Debatte wurden – beispielsweise vom grünen Stuttgarter Finanzminister Danyal Bayaz, Transferleistungen und politische Loyalität teilweise so eng zusammengedacht, als müsse der Osten für Infrastruktur und Finanzausgleich mit erwünschtem Wahlverhalten danken. Doch Steuern kaufen keine zusätzlichen Bürgerrechte, und Transfers nehmen keine. Ein Baden-Württemberger erhält nicht deshalb 1,3 Stimmen, weil sein Land mehr in den Finanzausgleich einzahlt. Ein Sachsen-Anhalter besitzt nicht 0,7 Stimmen, weil sein Land Empfänger ist. Die demokratische Gleichheit beginnt gerade dort, wo die ökonomische Ungleichheit eben politisch nicht verrechnet wird.
Vielleicht ist nicht der Osten das Problem
Das Ergebnis von Sachsen-Anhalt zerstört deshalb nicht die Demokratie. Es zerstört eine bestimmte Vorstellung davon, wie Demokratie funktionieren sollte. Nach dieser Vorstellung gibt es eine breite, grundsätzlich vernünftige Mitte und an ihren Rändern kleinere Gruppen von Protestierenden, Radikalen oder politisch Desorientierten. Die Mitte regiert abwechselnd oder gemeinsam; ihre Parteien unterscheiden sich in Details, erkennen aber dieselben institutionellen, außenpolitischen und gesellschaftspolitischen Grundannahmen an. 43,8 Prozent passen nicht mehr in dieses Bild. Man kann fast die Hälfte einer Wählerschaft schwer zum Rand erklären, ohne irgendwann ein geometrisches Problem zu bekommen. Schon zuvor hatte die Diskussion über „postmoderne Regierungsformate“ gezeigt, wohin der Versuch führen kann, die alte Mitte unabhängig vom Wahlergebnis institutionell zu konservieren: Minderheitsregierungen, Allparteienmodelle und Abwehrkoalitionen werden dann nicht nur als situationsbedingte parlamentarische Möglichkeiten diskutiert, sondern ausdrücklich als Mittel, eine bestimmte Partei von Regierungsverantwortung fernzuhalten.
All das kann parlamentarisch legal sein. Aber Legalität beantwortet nicht jede demokratietheoretische Frage: Wenn eine Partei 43,8 Prozent erhält und sämtliche anderen Parteien ihre zentrale Gemeinsamkeit zunehmend darin finden, diese Partei von jeder Macht fernzuhalten, entsteht irgendwann von selbst eine Repräsentationskrise. Nicht nur, weil ein großer Teil des demos dauerhaft erfährt, dass seine Stimme zwar gezählt, politisch aber möglichst folgenlos gemacht werden soll; sondern auch, weil die ausgeschlossene Partei recht haben könnte.
Die eigentliche Entzauberung
Hähnig beendet ihren Essay mit einer weiteren bemerkenswerten Beobachtung. Bislang habe die AfD nicht über das Personal verfügt, das vergleichbare internationale Bewegungen besäßen. Trump, Boris Johnson und Javier Milei seien mediengeschulte Massenunterhalter. Ulrich Siegmund sei nun der erste erfolgreiche Charismatiker der AfD und zeige, was professionelles Politikmarketing verändern könne. Von einer „Entzauberung“ sei die Partei weit entfernt. Vielleicht liegt genau im Wort „Entzauberung“ der letzte Rest einer inzwischen widerlegten Hoffnung. Seit Jahren wird erwartet, die AfD müsse nur irgendwo Verantwortung übernehmen, sich zerstreiten, Fehler machen, schlechte Kandidaten aufstellen oder lange genug beobachtet werden – dann werde sie sich schon entzaubern! Dahinter steckt erneut die Annahme, der Wähler könne die Partei eigentlich nur wählen, solange er sie nicht richtig durchschaut.
Aber vielleicht hat sich etwas anderes entzaubert – nämlich die Vorstellung, Migration lasse sich dauerhaft gegen erhebliche gesellschaftliche Widerstände als alternativlose Modernisierungspolitik betreiben. Vielleicht hat sich die Vorstellung entzaubert, jede Kompetenzverlagerung nach Brüssel werde von den Bürgern als Fortschritt begrüßt. Vielleicht ist der Glaube geschwunden, Medien könnten politische Wirklichkeit verbindlich vorsortieren. Vielleicht ist auch die Behauptung entzaubert, wer sich gegen die Politik der etablierten Mitte entscheidet, müsse notwendigerweise ein Problem mit der Demokratie haben. Im Gegenteil: dann wäre sie es, die die neue Mitte bildet – und das Milieu, das sich an den Erzählungen vom menschgemachten Klimawandel, von der Überlegenheit des E-Autos oder der Schädlichkeit von Atomkraftwerken berauscht (um nur drei zu nennen), plötzlich den Rand bildet. Einen radikalen Rand, der seinerseits umso extremer reagiert, je unnachgiebiger die neue Mitte gegen ihn agiert.
“Starrt auf das, was ihnen erzählt wurde“
Gerade die wiederkehrenden Debatten über Neutralität zeigen, wie weit sich inzwischen ein institutionelles Vorfeld herausgebildet hat, das politische „Haltung“ nicht als private Entscheidung, sondern als demokratische Verpflichtung versteht. Staatlich geförderte Zivilgesellschaft, Kulturinstitutionen, politische Bildung und Teile des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bewegen sich dabei häufig in derselben normativen Richtung. Das Problem beginnt nicht damit, dass Menschen dort Position beziehen: Das dürfen und sollen sie. Es beginnt dort, wo die eigene sachpolitische Position mit „Demokratie“ identifiziert und die Gegenposition aus dem demokratischen Raum hinausdefiniert wird. Dann wird Neutralität selbst verdächtig und Haltung zur Bürgerpflicht.
Der Titel des Zeit-Essays lautet: „Starrt nicht auf diese Wähler. Starrt darauf, was sie erzählt bekommen.“ Das ist klüger als die frühere Aufforderung, immer tiefer in die Psyche der AfD-Wähler zu starren. Und doch bleibt auch diese Formel eigentümlich paternalistisch. Denn „was sie erzählt bekommen“ unterstellt zunächst einen Empfänger. Jemand erzählt. Der Wähler hört. Dann glaubt er.
Warum nicht fragen: Was haben diese Bürger erlebt? Was haben sie verglichen? Welche politischen Schlussfolgerungen haben sie daraus gezogen? Vielleicht haben sie erlebt, wie sich ihre Städte verändert haben: ein Stadtbild wie im Orient goutiert eben nicht jeder. Vielleicht vergleichen sie politische Versprechen mit Ergebnissen. Vielleicht beobachten sie Energiepreise, Schulen, Wohnungsmarkt, öffentliche Sicherheit oder kommunale Finanzen. Vielleicht halten sie die Reaktion der etablierten Parteien auf diese Probleme für unzureichend. Vielleicht lesen sie Medien und widersprechen ihnen. Vielleicht hören sie AfD-Politikern zu und glauben manches, anderes aber nicht. Vielleicht sind sie nicht manipuliertes Publikum, sondern politische Subjekte. Selbstverständlich werden auch AfD-Wähler beeinflusst. Durch Wahlkampf, soziale Medien, politische Vereinfachungen, Emotionalisierung und Propaganda. Wie alle anderen Wähler. Die interessante Frage lautet deshalb nicht, ob ihnen etwas „erzählt“ wird, sondern weshalb bestimmte Erzählungen glaubwürdiger erscheinen als andere.
Das Ende der Pädagogik
Und hier beginnt die Selbstprüfung, die Hähnigs Essay noch vermeidet. Was, wenn die AfD nicht nur deshalb wächst, weil sie überzeugend erzählt, sondern weil ihre Gegner an Überzeugungskraft verloren haben? Was, wenn nicht allein das Angebot der AfD, sondern die Bilanz ihrer Konkurrenten das Wahlergebnis erklärt? Was, wenn 43,8 Prozent weniger ein Kommunikationsproblem als ein Repräsentationsproblem anzeigen? Die vielleicht wichtigste Lehre des 6. September 2026 besteht deshalb nicht darin, dass Sachsen-Anhalt plötzlich „rechtspopulistisch“ geworden wäre. Sie besteht darin, dass eine politische Pädagogik an ihr Limit gelangt ist. Man hat den AfD-Wähler analysiert, moralisiert, historisiert und psychologisiert; man hat seine Kränkung vermessen, seine Bildung untersucht, seine DDR-Erfahrung befragt und sein Vertrauen diagnostiziert. Man hat ihn gewarnt, seine Partei beobachtet, ihre Wählbarkeit bestritten und Koalitionen gegen sie organisiert. Man hat den Osten besucht, ihm zugehört, seine Lebensleistung anerkannt und ihn zugleich immer wieder wissen lassen, welches Ergebnis dieses Zuhören eigentlich hervorbringen sollte.
Nun hat er gewählt. Mit 43,8 Prozent. Die angemessene demokratische Reaktion darauf besteht weder darin, dieses Ergebnis zu feiern noch darin, es für sakrosankt zu erklären. Jede Partei, gerade eine Partei mit Aussicht auf Macht, verdient härteste Kritik. Ihre Programme müssen geprüft, ihre Versprechen an der Wirklichkeit gemessen, ihre Politiker kontrolliert und ihre Regierungsentscheidungen gegebenenfalls bekämpft werden. Aber genau darin liegt der Unterschied zwischen politischem Streit und politischer Therapie: Der Gegner muss nicht geheilt – er muss widerlegt werden! „Der Rechtspopulismus ist schon mehrfach gescheitert. Warum verliert er nicht an Anziehungskraft?“, fragt Hähnig im Vorspann ihres Textes. Da möchte man ihr doch zurufen: „Kommunismus ist schon mehrfach, aber so richtig, gescheitert. Warum verliert er nicht seine Anziehungskraft?“ Die Frage hat sie vielleicht noch übersehen. Nein: Der Wähler muss nicht zur Demokratie zurückgeführt werden, wenn er gerade von seinem demokratischen Wahlrecht Gebrauch gemacht hat. Vielleicht sollte man deshalb Hähnigs Überschrift nur um ein einziges Wort verändern: “Starrt nicht darauf, was diesen Wählern erzählt wird!” Sondern endlich, warum sie dem einen politischen Angebot mehr glauben als dem anderen. Dann könnte aus der Diagnose endlich wieder Politik werden. Und aus dem Patienten wieder das, was er in einer Demokratie von Anfang an sein sollte: der Bürger.
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6 Kommentare
an der grenze wird entschieden …und alles was ohne grenze hier erscheint ab in eine gitterbox und mit dem nächsten frachtflugzeug zurück… reise mal ungeprüft in dubai ein… hahahah dann findet man dich nie mehr… rübe ab und weg… inshallah nur bei den deutschen dummvolldeppen ist so was möglich… alice hau rein… wir sind die deutschen…klar… mein steuergeld soll nicht mehr von polit-vollidioten geklaut werden können…
Einer Studie zufolge glauben 16,4 Mio. Amerikaner, daß Schoko-Milch von braunen Kühen stammt. (NBC4 Columbus)
Vermutlich Nazis, allesamt. Oder blöd. Oder beides.
Was das mit Hähnig zu tun hat? – Nix. Das ist ja das Schöne.
😜
Auch in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz sind viele Migranten gegen die ausser Kontrolle geratene muslimische Massenmigration in die Sozialsysteme und ihre Folgen. Das macht eben den Unterschied zwischen integren Leuten und weniger integren.
Ich bin immer wieder fasziniert, wie man versucht die Ursachen zu benennen. Bei dieser Suche sich dann bis ins kleinste verhaspelt. Aber nie wirklich weiter kommt. Man kann es ganz einfach und klar erklären.
Ich gehe in mein Stammrestaurant essen. Mir schmeckt es nicht, was ich dem Kellner auch zu verstehen geben. Bei meinem nächsten Besuch stelle ich fest das sich nichts geändert hat. Also folgt die logische Konsequenz. Ich meide ab jetzt dieses Restaurant.
Das sollte nun wirklich jeder verstehen.
Da muss man dann auch nicht rätseln was die Ursache war. Zu viel oder zu wenig Salz. Oder was weiß ich. Es hat mir nicht geschmeckt. Wenn du möchtest das ich wiederkomme, ändere was, so das es mir wieder schmeckt. Und lüg mich, ( Entschuldigung) verdammt nochmal nicht an. Sag mir doch, das es dir egal ob ich zu dir essen komme oder nicht.
Der einfachste Beweis für die durchgehend demokratiefeindliche Einstellungen sind „Wahlausschüsse“, in denen genau diejenigen sitzen, die nicht mehr wissen wollen, was „Demokratie“ seiner ursprünglichen Bedeutung nach bedeutet, sondern ihren Auftrag in der grundrechtswidrigen Sicherung ihrer Macht sehen.
Das lediglich das Bundesverfassungsgericht in einem deutschen Rechtsstaat befugt ist, Grundrechte zu entziehen oder die Verfassungswidrigkeit einer Partei festzustellen, wird schlichtweg missachtet. Nicht einmal angezeigter Rechtsschutz wird gewährt. Das sind die eigentlichen Verfassungsbrüche!
@Über keine Wählerschaft, schreibt sie, habe man sich derart „ungläubig gebeugt“ wie über jene der AfD.
ein Ausdruck, der die Überheblichkeit, die Arroganz und die Dummheit demonstrativ beschreibt, mit der die sogenannte „etablierte“ Politik der Blockpartei dem Wähler gegenübersteht.