
Am 11. September hatte ich hier auf Ansage! die zeitgenössische mediale Rezeption des 11. Septembers und die Begleitumstände dieses epochenwendenden Terroranschlags unter die Lupe genommen, insbesondere am Beispiel des “Spiegel”. Wie aufgezeigt, lässt sich gerade bei diesem früher noch zurecht als Nachrichtenmagazin definierten Periodikum etwa um die Jahrtausendwende herum eine signifikante Änderung in der Berichterstattung über den Islam feststellen: In den 90er Jahren war diese klar ablehnend, die wenigen Stimmen der Verharmloser waren eine winzige Minderheit; im Jahr 2000 war ein Trendwechsel noch nicht zu erkennen, aber zumindest zu erahnen, die Islamapolegeten fanden schon ein wenig mehr Gehör. Dann folgten die verheerenden Anschläge vom 11. September 2001 – doch statt in diesen eine Bestätigung der zuvor überwiegend kritischen journalistischen Einschätzung der “Religion des Friedens” zu sehen, führten sie auch beim “Spiegel” journalistisch zu einer Zeitenwende: Auf einmal rückten Islamfeindlichkeit und Rassismus in den Fokus – wobei die entscheidende Weichenstellung natürlich vor allem mit dem sich an 9/11 anschließenden Afghanistankrieg eintrat.
Der “Spiegel” berichtete in den 1990er Jahren noch über die Gefahren des Islams – und diese befanden sich quasi überall: Man fürchtete ein Kalifat in Bosnien oder Zentralasien – auch wenn sich diese Horrorszenarien nicht bestätigten. Natürlich hatten die USA ein Problem mit Terroristen, aber ebenso auch Russland oder Frankreich durch den Bezug zur ehemaligen Kolonie in Algerien. Die Auseinandersetzung mit respektive die Bedrohung durch den Islam war gewissermaßen auf viele Schultern verteilt. Mit dem 11. September war dann aber der vielbeschworene „Kampf der Kulturen“ gekommen. Nun spitzte sich alles auf eine Auseinandersetzung zwischen dem Islam und den USA zu. Am Ende war es dann wohl der Antiamerikanismus beim “Spiegel”, der den Ausschlag gab. Das zeigt sich vor allem an der verwendeten Terminologie: Es fällt auf, dass der “Spiegel” in seinen Online-Artikeln vorwiegend den Begriff „Vergeltungsschlag“ bemühte, um den möglichen Angriff auf Afghanistan zu bezeichnen. Dieser Begriff hat eine wertende Komponente und ist klar als Framing einzustufen. Denn ein Vergeltungsschlag ist nach dem Völkerrecht nicht zulässig; eine Intervention der USA war laut dieser Sprachregelung also illegal.
Rachebedürfnis der Bevölkerung
Doch war diese Bezeichnung überhaupt zulässig? Bei einem Vergeltungsschlag geht es im Wesentlichen darum, dem Gegner als Ausgleich einen ebenso großen Schaden zuzufügen. Völkerrechtlich zulässig ist ein Krieg nur dann, wenn er sich gegen einen anhaltenden Angriff richtet, aber nicht, wenn er als Reaktion auf einen bereits abgeschlossenen Angriff erfolgt. Nun waren die Anschläge des 11. September 2001 natürlich “abgeschlossen”; allerdings waren – schon aufgrund der von jubelnden Islamisten weltweit überall angekündigten und ersehnten Nachahmungstaten – weitere Angriffe jederzeit denkbar und wahrscheinlich. Und auch eine Militäroperation, die keine Vergeltung ist, kann als Vergeltung erscheinen: Nämlich dann, wenn ein berechtigter Militärschlag das Rachebedürfnis der Bevölkerung befriedigt oder wenn er derart verheerend ist, dass er die gleiche Wirkung wie ein Vergeltungsschlag entfaltet, sprich: mögliche Nachahmer abhält.
Im Idealfall sollte sich diese Frage mit Ja oder Nein beantworten lassen. In der Realität hingegen lautet die Antwort wohl eher „sowohl als auch“. Es war also nicht komplett falsch, dass der “Spiegel” einen „Vergeltungsschlag“ sah, statt eine neutrale Bezeichnung zu werden; allerdings wurde dieser Begriff ohne weitere Erläuterung einfach als gegeben vorausgesetzt, ohne dass dies angemessen begründet wurde. Und diese Sprachregelung zog sich damals durch beinahe alle Artikel, statt je nach Anlass verschiedene Formulierungen zu verwenden. Auch war in einem Artikel über Bombenangriffe von „tödlicher Fracht“ die Rede. Nun ist es aber gar nicht nötig, Bomben als „tödliche Fracht“ zu bezeichnen – denn wären sie keine „tödliche Fracht“, dann wären sie nutzlos und würden gar nicht erst abgeworfen werden. Neutral hätte einfach von „Bombenangriffen“ die Rede sein sollen. Höchstens, wenn auch unbeteiligte Zivilisten ums Leben gekommen wären, wäre dieser wertende Begriff angemessen gewesen. Doch in dem Artikel ging es um die amerikanischen Luftangriffe generell. Das gilt ganz ähnlich auch für die Begriffe „Bombenteppich“, „Bombenhagel“ oder „Bombenwelle“.
Zunehmender Antiamerikanismus
Ähnlich einzustufen ist auch die Schlagzeile „Bush will weiter bomben“. Neutral hätte es auch lauten können „Bush kündigt fortgesetzte Luftangriffe an“. Die Schlagzeile wäre höchstens dann kein Framing, wenn Bush explizit den Satz geäußert hätte: „Ich will weiter bomben.“ Vergleichbar ist auch die Schlagzeile „Amerikaner wollen Ausweitung des Krieges“ oder „Kriegseuphorie lässt nach“. Einen Krieg “will” man nicht, so wie man gerne in den Urlaub fahren will; einen Krieg akzeptiert man, weil er eben ein notwendiges Übel darstellt. Neutraler formuliert hätte es wohl geheißen: „Amerikaner befürworten Ausweitung des Krieges.“ Wertend klingt auch die Schlagzeile „Bush und Rumsfeld klopfen starke Sprüche“. Im Artikel ist dann etwas neutraler von einer „scharfen Kampfansage“ die Rede. Auch war in einem Artikeln von „‘Gotteskriegern‚“ die Rede – wobei das Wort in Anführungszeichen geschrieben wurden, was zuvor in den 1990ern noch nicht der Fall gewesen war. Damals sprach man von Gotteskriegern ohne distanzierende Gänsefüßchen; einmal war auch von „selbsternannten Gotteskriegern“ die Rede.
An diesen Details zeichnete sich bereits ab, dass der “Spiegel” in den nächsten Jahren seine zuvor stets sehr klare Sprache Schritt für Schritt verwässern sollte. Wenn der “Spiegel” durch die Verwendung framender Begriffe die Wirkkraft seiner Kritik am amerikanischen Kriegseinsatz verstärken wollte, hat er diesem Anliegen einen Bärendienst erwiesen. Sicher; bei jemandem, der ohnehin amerikakritisch eingestellt ist, dürfte sich der gewünschte Effekt so schnell einstellen. Umgekehrt könnte er jedoch freie Geister so eher verschrecken. Wenn durch die Wahl solcher wertender Formulierungen klar wird, dass die Sympathien eben nicht bei Washington liegen, könnte man an jedem weiteren Artikel zweifeln – denn es ist zu befürchten, dass die Berichterstattung nicht ergebnisoffen, sondern interessengeleitet ist, und im Lichte der heutigen Performance des “Spiegel“ hat sich diese Befürchtung ja auch mehr als bewahrheitet.
“Die Stunde der Patrioten”
Dabei gab es durchaus Punkte in der Kriegsführung, die der “Spiegel” mit voller Berechtigung kritisierte. Aber nur dann, wenn man je nach Faktenlage mal positiv und mal negativ berichtet, kann der Leser sicher sein, dass er es mit einem seriösen Medium zu tun hat. Wie der “Spiegel” anmerkte, wurden die Luftangriffe auch während des Ramadan weitergeführt. Dabei hatten islamische Staaten selbst während des Ramadan Kriege geführt – gegen andere islamische Staaten, oder aber gegen Israel: „Dennoch steht für die islamischen Verbündeten der USA fest: Wenn Muslime im Ramadan gegeneinander kämpfen, dann ist das eine Sache, wenn Nicht-Muslime aber Muslime angreifen, eine andere.“ Bush sei „unerbittlich“, wenn er während des Heiligen Monat des Islam den Krieg fortsetze. Zu dieser Kritik hatte dieser damals gemeint: „Unsere Feinde werden während des Ramadan nicht ruhen, und wir werden es auch nicht.“ Und grundsätzlich gilt: Religiöse Befindlichkeiten haben keinen Platz im Völkerrecht. Wenn ein Krieg legitim ist, ist er es auch während des Ramadan. Ist er es nicht, ist er es auch außerhalb des Ramadan nicht. Deswegen ist es befremdlich, wenn es hieß, dass es „Neue Bomben zu Weihnachten“ gebe. Denn in einem islamischen Land, in dem nur die wenigsten lesen konnten, geschweige denn einen Fernseher besitzen, dürfte das Weihnachtsfest völlig unbekannt gewesen sein.
In der Debatte um den Militärschlag drohe eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, bangte der “Spiegel” weiter; „die Stunde der Patrioten“ habe geschlagen: „Tiefe Gräben verlaufen in Deutschland zwischen den Beschwörern der bedingungslosen Bündnistreue und den Mahnern vor einer Gewalteskalation. […] Wer nicht mitmachen wolle, müsse sich spätestens im Falle eines Anschlags in Deutschland fragen, ob er sich richtig verhalten habe. So erpresst Moral den Verstand. Die Größe des Ereignisses polarisiert, als gebe es nur noch blutgierige Falken und naive Friedenstauben. Zwischentöne sind verboten. Wer über die Ursachen und Folgen des Terrorismus und seiner Bekämpfung nachdenken will, dem wird die Fähigkeit zu Trauern abgesprochen, der ist herz- und pietätlos und vermutlich auch ein Vaterlandsverräter.“
Früher Skeptizismus
Unter dem „Basta-Kanzler“ Schröder würden „Kritiker abgekanzelt“ und „Die Volksvertreter sollen Ja und Amen sagen“: „Wenn die freien Gesellschaften jetzt konstituierende Grundlagen wie den offenen Diskurs aushebeln, haben die Terroristen schon etwas gewonnen. Die Deutschen sollen sich an einem Krieg beteiligen. Wir sind das Volk. Oder sind wir nur Gefolge?“ Großbritannien, so der “Spiegel”, werde durch die Anti-Terror-Maßnahmen zum „Staat der Hysterie“. Jedoch: „Bürgerrechtler und Oppositionspolitiker bezweifeln allerdings die Wirksamkeit des Gesetzes und fürchten eine unnötige Demontage des demokratischen Rechtsstaats und seiner Freiheitsrechte. […] Die Attentäter des 11. September haben es geschafft, dass im Namen des Anti-Terrorismus in Großbritannien wichtige Freiheitsrechte beschnitten werden. Norman Baker, der innenpolitische Sprecher der Liberaldemokraten, nannte das Gesetz deshalb bereits einen ‚Sieg der Terroristen‘.“ Erstaunlich, dass der “Spiegel” Maßnahmen, die die Terrorgefahr verringern, als „Sieg der Terroristen“ bezeichnet. Wurden dadurch wirklich ernsthaft die Freiheiten der Gesellschaft beschnitten? Umgekehrt darf man heute immer weniger sagen und den Islam nicht mehr kritisieren. Dieser echte „Sieg der Terroristen“ ist fü den “Spiegel”, der ihn mit ermöglicht hat, allerdings kein Problem.
Zu Wort kam auch der norwegische Friedensforscher Johan Galtung, der in den Terroranschlägen „Vergeltung für eine expansionistische Wirtschafts- und Militärpolitik“ sah. Er plädierte für einen „Dialog“, auch mit Extremisten. Die Übersetzung von „Dschihad“ mit „Heiliger Krieg“ sei falsch, dieser Fehler sei aber mittlerweile auch von Islamisten übernommen worden. Auch wollte er nicht von „Terroristen“ sprechen, weil „auch Extremisten Gründe für ihr Handeln haben“. Als früher Vertreter des Skeptizismus, der später in die massenhaft verbreiteten 9/11-Verschwörungstheorien münden sollte, zeigte er sich in Bezug auf die Täterschaft bin Ladens skeptisch. Auch hätte die Anschläge sich gegen die Wirtschafts- und Außenpolitik gerichtet, aber nicht gegen die Demokratie an sich. Schließlich seien das World Trade Center und das Pentagon attackiert worden, nicht aber das Kapitol (Galtungs diesbezügliche Einschätzung erwies sich allerdings als falsch, da später darüber spekuliert wird und vieles darauf hindeutet, dass das vierte abgestürzte Flugzeug eigentlich das Kapitol treffen sollte und eine vorgesehene fünfte Terrorzelle nicht zum Einsatz kam). Die USA, so Galtung, hätten über genug andere Länder Unheil gebracht. Der ehemalige Außenminister Henry Kissinger stünde selbst auf einer Stufe mit bin Laden. Antiamerikanisten damals wie heute gehen solche Sätze runter wie Öl.
Seltsame Haltung der Deutschen
Als hauptsächliche Ursache für den Terrorismus sah der “Spiegel” (ganz im Geiste des heutigen Quasi-Relativierungsmottos “nichts hat mit nichts zu tun und schon gar nichts mit dem Islam”)vor allem Armut: „Eigentlich müsste jetzt die Stunde der Entwicklungspolitiker schlagen. Aber bislang fordert nur die Opposition mehr Mittel, um künftigem Terror aus Entwicklungsländern vorzubeugen. […] Terroristen können ihren Nachwuchs absehbar aus dem Vollen schöpfen, jedes fünfte Kind auf der Welt ist ein Analphabet. Gerade diese Kinder sind in Entwicklungsländern wie Afghanistan ideal von Demagogen zu instrumentalisieren.“ Andererseits dann wieder: Als Bundestagspräsident Wolfgang Thierse im Interview ähnliche Töne anschlug, widersprach ihm “Spiegel” :„Damit laufen Sie Gefahr, Terroristen zu rechtfertigen.“
Henryk Broder erklärte, „Warum wir die Amerikaner hassen“. In seinem Beitrag amüsierte er sich über den Vorschlag von Bundespräsident Johannes Rau, der meinte, dass man die Ursachen des Terrorismus vor allem mit Entwicklungshilfe bekämpfen könne. Ähnliche innenpolitische Vorschläge seien bereits ins Leere gelaufen. Die „Kulturzentren für Rechtsradikale“ in Brandenburg hätten „nicht viel Erfolg gehabt. Die Zahl der Sozialarbeiter ist gestiegen, die der Rechtsextremisten auch.“ Er sah all diejenigen, die vor einer Eskalation warnten, als weltfremd an. Ein ähnlicher Terroranschlag in Deutschland wäre auch mit dem Ruf nach einer entschlossenen Reaktion beantwortet worden. Die Deutschen legten eine seltsame Haltung an den Tag: „Amerikaner dürfen gehauen werden. Denn sie sind Imperialisten, mischen sich überall ein, zwingen ihre Lebensweise der ganzen Welt auf. Oder sie sind Isolationisten, die sich daheim verkriechen, ihre Verantwortung als Weltmacht nicht wahrnehmen und dabei die Luft verpesten. Es gibt viele Gründe, die Amerikaner zu hassen, man kann sie sich aussuchen oder wie aus einem Lego-Kasten zusammenstellen. Der Antiamerikanismus hat den Antikommunismus und den Antisemitismus als kollektives Ressentiment ersetzt. […] Dass die Amerikaner die Israelis unterstützen, mit denen die Deutschen ebenfalls noch eine historische Rechnung offen haben, macht die Sache nur noch schlimmer. “
Als “rechte” Publizisten noch eine Stimme hatten im “Spiegel”
Eine Erwiderung auf diesen Beitrag verfasste Matthias Matussek (ja, all diese heute “rechten” Publizisten durften damals im “Spiegel” noch schreiben): „Zunächst einmal ist es durchaus nicht antiamerikanisch, sondern vernünftig zu fragen, wie man einem Gegner mit dem Tod drohen will, der vor dem Sterben keine Angst hat. Wenn die Amis mit dieser Taktik genauso viel Erfolg haben wie Ariel Scharon, dann Gute Nacht. Nein, Angst hat bei so was nicht der Terrorist, sondern nur die Zivilbevölkerung, und jeder, der noch alle Tassen im Schrank hat, wünscht sich da größere operative Klugheit und militärische Präzision. Nun sollen alle Unterstützer-Länder des Terrorismus unter Beschuss. Aber Osama Bin Laden ist ein amerikanisches Produkt! Es hat ihn ausgebildet und finanziert und müsste ganz oben auf der eigenen Liste stehen. Da muss man doch, jetzt als Bush-Freund, sagen: Don’t take him too seriously, er meint es nicht so, er macht sich Mut und vor allem Gedanken über die Ratings. Amerika hatte, wie wir wissen, in der Vergangenheit überhaupt nichts gegen Terroristen, solange sie den eigenen Interessen dienten, und da gab es nie viel Federlesen mit zivilen Opfern.“
Kurze Zeit nach den Anschlägen trafen sich zahlreiche Künstler und Intellektuelle in Berlins Akademie der Künste. Deren Präsident György Konrad bezeichnete die „Unterscheidung von Zivilisation und Barbarei“ als „urblöde Formel“ und schlug einen Einsatz der Polizei statt des Militärs vor, um al-Qaida zu stoppen. “Von Krieg zu reden, heißt, dieselbe Sprache wie der Terrorismus zu sprechen”, so der Schriftsteller Hans Christoph Buch. Walter Jens warnte vor einer Gewaltspirale: „Rache um jeden Preis ist nicht das Gebot der Stunde“, man solle „differenzieren, mit dem Florett arbeiten, statt das Breitschwert zu benutzen, und nicht in gängige, vertraute Gut-Böse-Muster zu verfallen“. Günter Walraff plädierte für neue Integrationsbemühungen, und der israelische Schriftsteller Amos Oz warnte: „Verurteilen Sie nicht jeden Moslem!“ Man müsse bedenken, „dass die überwältigende Mehrheit der Araber und anderer Moslems weder Komplizen des Verbrechens waren noch Freude daran empfinden.“ Der Friedensforscher Ernst-Otto Czempiel meinte, dass bei den Republikaner ein „unilateraler, geradezu autistischer Militarismus“ vorherrsche. Die Nahostpolitik Bushs habe zum Anschlag beigetragen. (Zur Einordnung: wie man heute weiß, hatten sich die Terrorzellen schon im Jahr 2000 – also noch während der Präsidentschaft Bill Clintons – im Land aufgehalten.)
Sporadisch noch echte Islamkritik
Der SPD-nahe Islamexperte Michael Lüders – heute Mitglied des BSW – warnte, dass dem Nahen Osten ein großer Flächenbrand drohe, sollten die Amerikaner auch im Irak einmarschieren. Er behielt recht, so kam es bekanntermaßen auch. Seiner damaligen Analyse ist, allen späteren Fehleinschätzungen zum Trotz, in weiten Teilen zuzustimmen, allerdings sah er schon damals eine der Ursachen des Terrorismus die Politik der israelischen Regierung: „Aus der Sicht gemäßigter Muslime ist es unerträglich, dass arabische und islamische Staaten mit härtesten Konsequenzen zu rechnen haben, falls sie sich ‚unbotmäßig‘ verhalten, während Israel in den besetzten Gebieten nach Belieben gegen internationales Recht verstoßen darf, ohne auch nur die Andeutung von Konsequenzen seitens der westlichen Staatengemeinschaft.“
Tatsächlich wurde der Islam damals aber immer noch kritisiert. So war zu lesen, was passiert, „Wenn sich die Schleier lüften“: „Make-up und lackierte Nägel – aus Sicht der Steinzeit-Islamisten ein Verstoß gegen die von ihnen aufgestellten strengen Tugend- und Religionsvorschriften. […] Auch die Burka, das Gewand zur Verhüllung des ganzen Körpers, muss nicht mehr getragen werden. Einige Frauen in Kabul haben die schwere blaue Burka sofort abgelegt und tragen jetzt Kopftücher, lange Kleider oder Hosenanzüge. Und schon sind Frauen auch wieder allein unterwegs – unter den Taliban durften sie sich nur in Begleitung eines männlichen Familienmitgliedes auf die Straße wagen.“ Doch während der Taliban-Herrschaft mussten Frauen „Unter den Gesetzen des Schleiers operieren“: „Lag eine Frau auf dem OP-Tisch, musste der Chefarzt draußen bleiben. Ärztinnen durften selbst am Krankenbett die Burka nicht abnehmen. Kaum irgendwo waren die starren Regeln der Taliban so absurd wie in Kabuls Krankenhäusern, viele Patienten starben.“ Ein Chirurg hoffte, dass sich die Lage nun bessern würde. Er war gezwungen sich einen langen Bart wachsen zu lassen, obwohl dies eigentlich den Hygienevorschriften in der westlichen Welt widersprechen würde. Auch musste er bei einer OP vom Gang aus Anweisungen an die Chirurginnen geben, statt selbst zur Tat schreiten zu dürfen.
Barbarei der Taliban
Und unter dem Titel „Die Stimme hinter dem Schleier“ hieß es im “Spiegel, seit Kriegsausbruch in Afghanistan sei das Thema Frauendiskriminierung wieder in die Öffentlichkeit gerückt. “Die systematische Entrechtung der Frauen durch die Taliban wurde zwar von der westlichen Welt zur Kenntnis genommen, doch schien das Leid der Frauen nach und nach vor der Weltöffentlichkeit zu verschwinden – wie sie selbst hinter ihren unförmigen Ganzkörperschleiern, den Burkas. Dabei gibt es wohl kaum ein Land, in dem Frauen so wenig Rechte besitzen. Kein Zugang zur Bildung, keine Arbeitserlaubnis, kein Ausgang ohne männlichen Begleiter – das ist nur ein Auszug einer Liste von Menschenrechtsverletzungen, die die Revolutionäre Vereinigung Afghanischer Frauen (RAWA) anprangert.” Auch wurde über das „Comeback des sündigen Treibens“ berichtet; dabei ging es allerdings um – man höre und staune – Fußball! Der Sport war nämlich den „Gotteskriegern… ein Dorn im Auge: Fußball galt als sündhaft und wurde als Schauplatz für brutale Bestrafungen genutzt.“ Unter den Taliban mussten die Spieler auch auf dem Platz lange Hosen und Bärte tragen. In den Halbzeitpausen wurden Verurteilte hingerichtet oder ausgepeitscht, um Macht zu demonstrieren.
Pakistan sei „Der Unheimliche Alliierte“ der USA im Kampf gegen den Terror. Insbesondere der pakistanische Geheimdienst führe ein Eigenleben: „Die Agenten haben jahrelang die Taliban unterstützt und sind tief in den blutigen Glaubenskrieg verstrickt. […] Pakistanische Agenten unterstützen das grausame Regime der Kabuler Taliban, obwohl sie es nie offiziell zugegeben haben. Sie fördern fanatische Islamisten-Gruppierungen, die der Welt den ‚Heiligen Krieg‘ erklärt haben. Nach Ansicht westlicher Aufklärer sind sie tief verstrickt in Schmuggel, Korruption und Waffenhandel. Für die Inder sind sie die Hintermänner von Flugzeugentführungen und Terrorattentaten im Kaschmir-Konflikt. […] Militärfachleute schätzen, dass es unter den gewöhnlichen pakistanischen Soldaten allenfalls fünf Prozent Fundamentalisten gebe, unter den ISI-Führungskadern dagegen um die 30 Prozent.“ Letzteren Satz bestätigte ein Zitat des früheren ISI-Chefs: „Welche terroristischen Methoden? Wo Dschihad ist, gibt es keinen Terrorismus.“ Und in einem weiteren Artikel klagte der “Spiegel”, dass die pakistanischen Behörden die Arbeit westlicher Journalisten behinderten, angeblich um diese vor drohender Gefahr zu schützen; er musste aber lapidar eingestehen: „Tatsächlich ist es zurzeit nicht ratsam, inmitten eines rasenden Mobs von Islamisten Interviews zu machen.“ Ministerpräsident Pervez Musharraf lasse die Radikalen aus dem eigenen Land nach Afghanistan ziehen, die dort die Amerikaner bekämpften. So werde er das Problem wenigstens im eigenen Land los.
Kritik an der Kriegsführung
Die USA führten den Krieg gegen die Taliban größtenteils aus der Luft. Am Boden rückte hauptsächlich die Nordallianz vor, die größtenteils aus der Minderheit der Tadschiken und Usbeken bestand. Diese war islamistisch ausgerichtet und allenfalls um Nuancen moderater. Vom “Spiegel” wurde dies durchaus kritisch beäugt. Viele ihrer Angehörigen hatten als sogenannte Mudschaheddin in den 1980er Jahren gegen die sowjetische Besatzung gekämpft. So hieß es, man treibe den „Teufel mit dem Beelzebub“ aus. Die Mudschahedin seien eine „menschenverachtende Verbrecherbande“, die für „Massenvergewaltigungen, Plünderungen und ethnische Auseinandersetzungen verantwortlich“ waren. Nach der Eroberung Kabuls hätte die Nordallianz blutige Rache geübt: „Taliban-Anhänger werden massakriert, die Horden der ausgehungerten Kämpfer ziehen plündernd durch die Straßen. Die enthemmte Soldateska rasiert Männern die Bärte ab und fesselt sie auf der Straße für die Schaulustigen. Überraschen tut das nicht. Denn dass der ohnehin als skrupelloser Schlächter bekannte General Dostam in Masar-i-Scharif noch einige Rechnungen offen hatte, war bekannt. Aus seinen vorher als friedliebend, schlecht ausgerüstet dargestellten Freiheitskämpfern wurden so in wenigen Tagen echte Kriegsherren und brutale Sieger.“
Nachdem Bush die „hungrigen Wölfe“ der Nordallianz mit Waffen und Luftschlägen unterstützt habe, drohe er nun den Einfluss auf die „unkontrollierbaren Alliierten“ zu verlieren: „Und warum sollten die Krieger nach jahrelangem, zehrenden Kampf jetzt plötzlich wieder auf einen anderen hören? Noch dazu, wenn es ein Ungläubiger aus dem fernen Westen ist?“ Unter den neuen Herrschern drohten „öffentliche Auspeitschungen, körperliche Verstümmelungen und Verbote nur gegen Frauen – auch die Nordallianz richtet sich nach islamischen Rechtsgrundsätzen.“ Immerhin die Lage der Frauen sei geringfügig besser. Auch diese müssten eine Burka tragen, seien aber wenigstens nicht vom Arbeitsleben ausgeschlossen. Michael Lüders zeigte sich ernüchtert: „Die Pest der Taliban wurde mit Hilfe der Cholera der Nordallianz besiegt.“ Grünen-Politikerin Steffi Lemke erklärte damals, warum sie sich innerhalb ihrer Partei gegen den Kriegskurs stellte: „Die Nordallianz ist weder eine Demokratie-Initiative noch der militärische Arm der afghanischen Frauenbewegung.“
Jammern über humanitäre Hilfe der Falschen
Grundsätzlich war es begrüßen, dass der “Spiegel” die islamistischen Tendenzen in der Nordallianz anprangerte. Zu einem Zeitpunkt, als die Islamkritik als solche in dem Blatt langsam in den Hintergrund zu rücken begann, stellt sich allerdings die Frage, ob diese mahnenden Stimmen auf den Islam als solchen abzielten, oder ob sie nur ein Spiel über Bande waren, um letztlich den großen Bündnispartner USA zu treffen. Das zeigt sich etwa in der Ambivalenz der Berichterstattung zu humanitären Hilfen: Da damals in Afghanistan eine Hungersnot drohte, hatte die amerikanische Luftwaffe damit begonnen, Care-Pakete abzuwerfen, die jeweils eine Tagesration enthielten. So waren etwa enthalten: Bohnen, Reis, Trockenobst sowie Brot mit Marmelade und Erdnussbutter. Nun ist klar, dass es sich dabei eher um eine propagandistische Aktion als eine humanitäre Mission handelte; das Motiv ist durchschaubar. Dennoch: Diese Pakete konnten einen Afghanen eben tatsächlich vor dem Hungertod retten. Man könnte also den Intention der Aktion kritisieren ohne die Aktion als solche zu verurteilen.
Aber weit gefehlt. Die Ärzte ohne Grenzen durften im “Spiegel” mosern: „Humanitäre Hilfe muss neutral geleistet werden und darf nicht mit einem politischen Programm verbunden sein.“ Rupert Neudeck bemängelte, dass die Hilfe nicht alle Menschen gleichermaßen erreiche und manchmal in unwegsamen Gelände liegen bleibe. Brot für die Welt war gar überzeugt, dass Lebensmittel-Abwürfe „das schlechteste Mittel seien, um Hungernden zu helfen.“ Und Oxfam nannte die Aktion „gefährlich, willkürlich und unwahrscheinlich teuer.” Die Organisation Care USA befürchtete, die Pakete könnten Menschen auf den Kopf fallen oder in falsche Hände geraten. Außerdem würde die Zusammensetzung der Rationen nicht den „Ernährungsgewohnheiten der afghanischen Bevölkerung“ entsprechen. Als ob sich ein Hungernder über so etwas beschweren würde! Auch die Deutsche Welthungerhilfe meldete sich zu Wort: „Das ist eine gut gemeinte Geste, aber keine humanitäre Hilfe.“ Auch hätten sich die Menschen am Boden um die Pakete geprügelt und zu „Höchstpreisen“ auf dem Schwarzmarkt angeboten. So viel also zur Behauptung, die Care-Pakete gingen an den „Ernährungsgewohnheiten“ vorbei. Auch bestehe die Gefahr, dass die Rationen Menschen in verminte Gebiete lockten. Nun, wenn man die Pakete nicht in Minengebieten, sondern nur in Regionen, in denen sich die Afghanen regelmäßig bewegen, dann ist ihr Risiko nicht höher als ohnehin schon. Immerhin einen berechtigen Kritikpunkt gab es. Die Bomblets („Bömbchen“) der Splitterbomben waren gelb – ebenso wie die Essenspakete. Dadurch wurden Kinder, die keine Unterscheidung treffen konnten, tatsächlich einer Gefahr ausgesetzt.
Erhellendes zum Zweck von Staatsgrenzen
Der Amerikaner John Walker war in seiner Jugend zum Islam konvertiert und hatte sich den Taliban angeschlossen, „als der Islam sein Herz und seine Seele eroberte. Seine Faszination für die Religion führte ihn schließlich zu den Taliban. Für die Gotteskrieger griff er sogar zur Waffe.“ Amerikanische Rechtsextremisten zeigten sich über die Anschläge erfreut. „Menschen anderer Hautfarbe, die eigentlich verhasst sind, wird nun Respekt gezollt. Die ‚American Nazi Party‘ ließ verlauten, eine Handvoll ‚Handtuchköpfe_ hätten die ‚weiße Bewegung‘ in den USA beschämt und meinte: ‚Wären die 150 Millionen weißen und arischen Amerikaner nur zu einem Zehntel so konsequent wie die tapferen Attentäter von New York – wir wären einen wichtigen Schritt weiter.‚“
Etwas seltsam mutet ein “Spiegel”-Artikel über ein Flüchtlingscamp an, in dem folgender Satz zu finden ist: „An Grenzen demonstrieren Staaten gewöhnlich Stärke, um den Eindruck zu erwecken, sie hätten auf ihrem Hoheitsgebiet alles unter Kontrolle.“ Diese Weisheit hätte der “Spiegel” besser einmal im Jahr 2015 beherzigt! Ferner hieß es, Bush habe eine „strategische Fehlentscheidung“ getroffen, als er einen „Krieg“ ausrief: „Die bis dahin kaum bekannte Organisation al-Qaida wurde zu einem ernst genommenen Gegenspieler der größten Militärmacht der Welt geadelt, ihr spiritueller und politischer Führer Bin Laden zur mythischen Figur erhoben. Die Klerikal-Faschisten um Osama Bin Laden hatten mit einem Schlag erreicht, wofür andere terroristische Bewegungen Jahrzehnte kämpfen müssen, nämlich als Kriegsgegner – und damit auch als gleichwertig – anerkannt zu werden.“ Andererseits: Wäre es denn vielleicht besser oder richtig gewesen, al-Qaida gar nicht zu bekämpfen?
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3 Kommentare
Ich glaube, der Relotius-Spiegel baumelt schon längst am Angelhaken von Soros & Co….wie andere Publikationen auch…
Augstein würde sich im Grabe umdrehen !
Was 9/11 betrifft: Kein vernunftbegabter Mensch glaubt, dass sich das so zugetragen hat, wie polit-medial „verkündet“.
Es war der STARTSCHUSS, für KRIEGE. Skrupellos und niederträchtig.
Wenigstens macht Netanjahu in Gaza entlich einen kleinen notwendigen Schritt.
Also mittlerweile sollte doch auch der letzte begriffen haben, dass der 11.9.2001 KEIN muslimischer Terroranschlag war, sondern ein inländischer Teroranschlag.
Selbst Bush hat davon gewusst.
Aber es wurde den Moslems in die Tasche geschoben, um dort Krieg führen zu können. Um diese ganzen Region zu destabilisieren.
Um all die Scheiße, die uns mittlerweile um die Ohren fliegt, erst zu ermöglichen.
Wenn es Osama Bin Laden gewesen wäre, wieso wurde er nicht festgenommen, als er mehrmals in Washington in einer Spezialklinik war, um sein Nierenleiden zu behandeln?
Hört endlich mal alle auf zu lügen. Hass und Hetze kommt von Links UND Rechts.