
Gibt es eigentlich irgendetwas Tödlicheres als offizielle Jahrestage? Diese Durchhalte-Phrasen, bei denen der Bundesschuldenreferent mit ernster Miene in eine Kamera nickt, während der Rest der Nation versucht, beim Wort „Wiedervereinigung“ nicht gähnend vom Sofa zu rutschen? Das Problem ist ja: Wenn man heute 70 Jahre alt ist, hat man diese Geschichte nicht einfach nur im Geschichtsbuch gelesen – man war mitten mittendrin. Inklusive des Geruchs von verbranntem Zweitakter-Öl und Linoleumkleber.
Neulich brachte ich meinen achtjährigen Enkel Elias ins Bett. Anstatt wie ein normales Kind nach einer Räubergeschichte zu verlangen, guckte er mich mit großen Augen an: „Opa, was war eigentlich der Mauerfall?“ Ich nahm all meinen pädagogischen Mut zusammen und erklärte ihm, dass die Republik früher in zwei Hälften geteilt war. Dass sein Papa im Reich der Plattenbauten das Licht der Welt erblickte und die Mama drüben im Karstadt-Paradies der alten Bundesrepublik. „Elias“, sagte ich mit dramatischem Unterton, „wenn wir im Osten nicht mit Kerzen auf die Straßen gegangen wäre, hätten wir die Grenze heute noch und es gäbe dich überhaupt nicht. Mama und Papa hätten sich nie auf ’ne Cola getroffen!“ Dem Lüttjen klappte die Kinnlade runter. Aus Kindersicht sind 36 Jahre bekanntlich ebenso weit entfernt wie die Steinzeit und die Dinosaurier. Aber für mich war das kein Schulbuchtext; ich war live dabei.
Das Fünfjahresplan-Debakel im Plattenbau
Rückblick: Herbst 1989. Wir zogen am Rand von Berlin in eine feudale Plattenbau-Residenz aus den 60er Jahren. Wohnkultur der Extraklasse! Die Bahnen vom Linoliumboden waren so geschrumpft, dass man die Güteklasse des Betons darunter anatomisch bestimmen konnte. Die Heizkörper glänzten in frierendem Trostpreis-Grau, die Badewanne sah aus wie eine Viehtränke, und die acht Schichten Ölsockel an der Wand hatten Löcher bekommen. Im echten Sozialismus gab es bekanntlich zwei Dinge reichlich: Reden auf dem Parteitag und Mangel an allem anderen. Handwerker? Gab es nur gegen die legendäre, blau schimmernde D-Mark, die für mich so unerreichbar war wie eine Reise nach Hawaii. Also hieß es: „Do it yourself, Genosse!“
Nach Wochen akribischer Trüffelsuche im Nahbereich hatte ich tatsächlich ein braunes Wasch- und Klobecken aufgetrieben. Braunes Keramik-Sanitär! Das war damals das Ost-Äquivalent zu einem goldenen Wasserhahn im Royale-Palast. Für den Rest des Bades musste mein Schwiegervater aus Sachsen anrücken. Er schmuggelte die Beute heran: 15×15-Zentimeter-Fliesen in einem atemberaubenden, erblindungssicheren Schweinchenrosa. Es gab exakt diese eine Farbe. Wer im Sozialismus nein zu Rosa sagte, wusch sich eben die nächsten zehn Jahre im Bad mit Ölsockel-Charme. Um das Desaster irgendwie nach Luxushotel aussehen zu lassen, bettelte ich beim lokalen Glaser um Spiegelfliesen der zweiten Wahl. Immer noch besser, als im dritten Wahlgang zum Kanzler gewählt zu werden. Wenn man leicht schielte, sah das Bad danach fast aus wie eine glitzernde Diskothek in Berlin.
Als Schabowski meine Spachtelmasse anrührte
Am Abend des 9. November 1989 stand ich also schweißgebadet in meinem rosa Fliesentempel, die Fugenkreuze fest im Griff. Im Hintergrund lief der RIAS – man wollte sich beim Fliesenlegen schließlich musikalisch vom Klassenfeind berieseln lassen. Gegen 19:30 Uhr platzt die Zettel-Meldung von Günter Schabowski durch den Äther. Der Gute stammelte sich live vor der Weltpresse um Kopf und Kragen und erfand mal eben spontan die Grenzöffnung – „das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort… unverzüglich.“
Bumm! Da saß ich. Die Fliese in der linken Hand, die Klebermasse in der rechten und konnte es kaum fassen. Ist das wahr? Ich habe in dieser Nacht die Spachtelmasse nicht trocknen lassen, das Radio auf höchster Lautstärke und geheult wie ein Schlosshund. Drüben auf dem Ku’damm und an der Siegessäule tanzten die Menschen auf den Straßen und in den Restaurants, die Grenzposten glotzten entsetzt in die leeren Bierbecher, und ich saß in meinem rosa Spiegelfliesen-Traum und kriegte mich vor Emotionen nicht mehr ein. Nach 28 Jahren war das Loch in der Mauer endlich da – und es war größer als der Mangel an Baustoffen!
Spechte, D-Mark und die moralische Brandmauer
Was folgte, war der wilde Ritt der Geschichte: Aus „Wir sind das Volk!“ wurde ruckzuck „Wir sind ein Volk!“ – und: „Wo gibt’s hier das Begrüßungsgeld?“ Die Mauerspechte klopften den Beton in handliche Souvenirs für Touristen, Helmut Kohl schwitzte in Dresden vor Menschenmassen und versprach blühende Landschaften. Die Währungsunion spülte dann die echte D-Mark in unsere Geldbörsen, und schließlich besiegelten die Großen der Welt im Zwei-Plus-Vier-Vertrag das Aus für die Teilung unseres Landes. Wenn ich heute zurückblicke, kann ich nur sagen: Wir haben damals eine gewaltige Kiste gerockt. Ganz ohne Bauanleitung.
Deshalb mein Wort zum Sonntag an alle Nachgeborenen und professionellen Bedenkenträger: Fangt bloß nicht wieder an, neue Brandmauern aufzustellen oder mentale Stacheldrähte im Kopf hochzuziehen. Trennung und Einmauern waren damals schon eine Schnapsidee und sahen nicht mal in Rosa gut aus! Wie sagte schon der alte Georg Christoph Lichtenberg so schön? „Ich kann nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“ In diesem Sinne: Ärmel hochkrempeln, Spachtel raus und selber anpacken. Damals wie heute: Die Geschichte wartet nicht, bis jemand anderes den Schutt wegräumt!
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2 Kommentare
Es war und ist nur eine Teilvereinigung mit Landraub der Ostländer, den Politiker der Staatssimulation „BRD“ Gerd Schröder und Co., zugelassen haben!
Das ist ein Verbrechen gegen das Völkerrecht und Menschenrecht auf Heimat und muß Rückgängig gemacht werden! Dies ist auch möglich.
Ein anderes sehr bekanntes Plakat des Kuratoriums zeigte das geteilte Deutschland in den Grenzen von 1937 mit dem Slogan „3 geteilt? Niemals!“ Als Symbol der Forderung des Kuratoriums „Macht das Tor auf“ fand eine Anstecknadel mit dem Brandenburger Tor eine weite Verbreitung.
Ein schöner und zugleich äußerst amüsant erzählter Artikel zur Feier der Wiedervereinigung! Ihrem Appell, uns nicht mehr auseinanderdividieren zu lassen, schließe ich mich (selber Wessi) mit Überzeugung an.