
Den deutschen (und auch den amerikanischen) Medien gilt Donald Trump als Totengräber der Wissenschaft. Dort ist häufig zu lesen, der US-Präsident würde einen „vermeintlich“ linken Hochschulbetrieb attackieren. Üblicherweise versuchen die Medien jedoch nie, zu begründen, warum genau sie sich für das Wörtchen „vermeintlich“ entschieden haben. Immer dann, wenn diese Vokabel erklingt, kann man sie eigentlich durch ein „tatsächlich“ austauschen und schon stimmt es wieder. Denn die akademische Welt in den USA (und auch in der übrigen westlichen Welt) ist eben tatsächlich sehr linkslastig. Studien, die dies untermauern, gab es in den vergangenen Jahren zuhauf. Amerikanische Professoren tendieren stark zu den Demokraten, während Sympathisanten der Republikaner nur noch in Spurenelementen zu finden sind.
Nun gibt es einen neuen Ansatz, der die Linkslastigkeit der Forschungswelt illustrieren will. Der britische Soziologe James Manzi wertete mit KI-Unterstüzung sozialwissenschaftliche Fachartikel aus, um einen politischen Bias zu ermitteln. Sein Ergebnis ist sehr deutlich. Die untersuchten Aufsätze waren zu 90 Prozent linkslastig. Ist damit also alles gesagt? Der Reihe nach: Manzi untersuchte insgesamt 600.000 englischsprachige Artikel aus den Sozialwissenschaften mit Hilfe von GPT auf einen politischen Bias. In einer Vorauswahl wurde allerdings eine breite Mehrheit von etwa 70 Prozent aller Artikel ausgeschlossen, weil diese keine explizit politischen Themen behandelten. Und die 90 Prozent sind auch ohne Aussagekraft, solange man nicht versteht, welche politische Skala verwendet wurde.
Grenzen der Methodik
Man könnte das politische Spektrum in Drittel, also links, mitte und rechts unterteilen. Dann wären 90 Prozent Artikel, die man dem linken Drittel zuordnet, ein außergewöhnlich hoher Wert. Andererseits kann man das Spektrum auch einfach in eine linke und eine rechte Hälfte einteilen. Dann würde der Befund ein klein wenig spektakulärer ausfallen – wäre aber natürlich immer noch beeindruckend. Doch wie überhaupt ging die KI bei der politischen Einstufung vor? Manzi hatte eine Skala von 0 bis 10 entwickelt (wobei 0 für rechts, 10 für links steht – was bedeutet, dass linke Positionen in den Diagrammen jeweils am rechten Bildrand stehen.) In dieser Skala galt nur die 5 als mittig – und alles abseits davon entweder als links oder rechts. Jedem Punktwert ordnete er einen Politiker, ein Medium und einen Think Tank zu. Donald Trump beispielsweise war eine 2, Joe Biden eine 6 und Alexandria Ocasio-Cortez eine 8.
Da die jeweiligen Medien und Think Tanks sich auf die USA beziehen und den meisten Deutschen unbekannt sind, darf sich der geneigte Leser gern vorstellen, dass man beispielsweise die Amadeu-Antonio-Stiftung oder die “Junge Freiheit” als Referenzpunkte gewählt hätte. Unter den Artikeln, die überhaupt eine politische Ausrichtung hatten, wurden 90 Prozent als links, 5 Prozent als “mittig” und 5 Prozent als rechts eingestuft. Gleichzeitig wurde aber beobachtet, dass die Fachartikel in den letzten Jahren eher noch weiter nach links rückten und einige Studienfächer noch linker sind als andere. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Werte im Einzelfall auf bis zu 100 Prozent links ansteigen. Und genau das lässt sich beispielsweise für die Gender Studies beobachten. Selbst das “rechteste” Fach, nämlich die Wirtschaftswissenschaften, tendiert nach links – nur eben weniger stark als die anderen Disziplinen. Auch wenn der Ansatz, wortwörtlich hunderttausende Studien auszuwerten, beeindruckend ist, muss man sich über diese Grenzen der Methodik bewusst sein.
Was ist links? Unterschiede zwischen USA und Europa
Obwohl die Studie sehr neu ist, ist sie streng genommen doch bereits veraltet. Und damit ist nicht gemeint, dass der Untersuchungszeitraum 2024, also vor zwei Jahren, endet. Eine wissenschaftliche Studie durchläuft oft einen langwierigen Begutachtungsprozess. Das bedeutet in diesem Fall aber, dass das genutzte zugrundeliegende KI-Modell – in diesem Fall GPT 4 – mittlerweile hoffnungslos veraltet ist. Eigentlich müsste man die Studie gleich nochmal mit dem wesentlich besseren GPT 5 wiederholen und dann die Ergebnisse mit einer anderen KI-Modell – beispielsweise Gemini – abgleichen. Wenn man dann in mehreren Anläufen immer wieder zu ähnlichen Resultaten kommt, sind diese als vertrauenswürdig einzustufen.
Zum Anderen stellt die Eingrenzung auf englischsprachige Fachartikel eigentlich keine echte Eingrenzung dar. Denn die meisten Publikationen dürften aus den USA, Kanada und England stammen – und aus vielen anderen Staaten, in denen Englisch die dominierende wissenschaftliche Sprache ist. Eine Differenzierung nach verschiedenen Ländern wäre jedoch wünschenswert gewesen. Andererseits ist der Trend einer linkslastigen Hochschullandschaft ein globales Phänomen; also ist nicht davon auszugehen, dass eine Aufschlüsselung ein grundsätzlich neues Bild ergäbe. Jedoch kann es eine Verzerrung geben: In den USA ist das Eintreten für einen starken Sozialstaat oder eine öffentliche Krankenversicherung eine klar linke Position, während dies in Europa einen parteiübergreifenden Konsens darstellt und allerhöchstens in Nuancen zwischen links und rechts umstritten ist. Auch ist es schwierig, einen Maßstab zu finden, der für die insgesamt sechs Jahrzehnte des Beobachtungszeitraums konsistent ist. Nur als Beispiel: Noch in den 90er Jahren klangen die Artikel des “Spiegel” in Bezug auf den Islam so wie heute “PI-News” und andere freie Medien.
Gewisse Unschärfe
Außerdem gestaltet es sich schwierig, eine Position auf einer politischen Skala einzuordnen. Chemiker haben es deutlich einfacher, den pH-Wert einer Lösung zu bestimmen. Im Bereich der Politik gibt es aber immer eine gewisse Unschärfe und einen Interpretationsspielraum. Man kann sich sicher darüber streiten, ob ein bestimmtes Paper auf der 10-Punkte-Skala eher eine 7 oder eine 8 oder eine 2 oder eine 3 verdient; dass die KI aber ein komplett rechtes Paper als komplett links einstuft oder umgekehrt, dürfte wohl noch nicht vorgekommen sein. Insgesamt 600.000 Paper kann natürlich kein menschlicher Wissenschaftler und auch kein Team aus Wissenschaftlern überprüfen – doch zumindest stichprobenartig sollte man es versuchen.
Entscheidend ist auch, dass nur die Abstracts, also die einleitenden Kurzzusammenfassungen der der Paper, untersucht wurden. Das ist wichtig, denn wer sich kurz fasst, wird schnell die Kernpunkte zusammentragen. Das kann die politische Einordnung hin zu den Extremen verzerren: Ein Wissenschaftler, dessen Abstract als klar links eingeordnet wird, kann in der nachfolgenden Studie gleichwohl deutlich differenzierter argumentieren. Dies wird wohl kaum das Ergebnis auf den Kopf stellen, aber dabei könnte eine 8 zu einer 6 werden, oder eine 2 zu einer vier.
Eher Pionierarbeit als allgemeingültige Wahrheit
Die kompletten Volltexte KI-gestützt auszuwerten, dürfte allerdings nahezu unmöglich sein: ein vollständiges Paper kann schnell 50-mal so umfangreich wie das Abstract sein. Zudem sind von vielen Studien nur die Abstracts verfügbar, während der Volltext entweder hinter einer Paywall oder klassisch in einem verstaubten Bücherregal wartet. Erschwerend kommt hinzu, dass eine KI im Falle eines Falles nicht nur reinen Text auswerten, sondern womöglich eine komplexe statistische Argumentation nachvollziehen müsste, um zu überprüfen, ob sie im Widerspruch zur politischen Aussage des Papers steht.
Eine gänzlich andere Debatte wäre es, darüber zu diskutieren, wie begründet die Linkslastigkeit eines Artikels im Einzelfall ist. Wenn ein Wissenschaftler auf die objektive Wahrheit stößt und sich diese als links herausstellt, kann man ihm kaum einen Vorwurf daraus machen. Wer zum Beispiel in die USA blickt, stellt fest, dass dort die Rechte der Arbeitnehmer oft mit Füßen getreten werden, während es in Deutschland zumindest einige juristische Schutzmechanismen gibt. Diese sind hierzulande aber so fest etabliert, dass sie kaum noch als links, sondern als selbstverständlich angesehen werden. Um eine linke Schräglage zu beweisen, müsste man eine Position eben nicht nur als links, sondern als links und falsch einstufen. Man kann die vorliegende Studie also nicht als allgemeingültige Wahrheit ansehen, sondern nur als Pionierarbeit, der noch weitere ähnliche gerichtete Untersuchungen folgen müssen, um die Ergebnisse empirisch abzusichern.
Illusion der Meinungsvielfalt
Der eigentliche Befund – nämlich die Linkslastigkeit der akademischen Welt – ist indes so offensichtlich, dass er eigentlich gar keiner Studie bedürfte. Für einige Fachbereiche wäre eine Untersuchung ohnehin nicht nötig gewesen. Gender Studies und Post Colonial Studies beispielsweise sind im Prinzip mehr Aktivismus als Wissenschaft. Dies wurde bei der Gründung dieser Fachdisziplinen fest eingeschrieben. Man darf von den Post Colonial Studies keine ergebnisoffene Wissenschaft erwarten, wenn ihre Urväter – Frantz Fanon – sich selbst in den anti-kolonialen Bewegungen in den Kolonialgebieten engagierten. Auch wenn die Soziologie heute fast schon als Inbegriff einer linken Wissenschaft gilt, war dies nicht immer so. Gegen Ende des 19. Jahrhundert fanden sich in der noch jungen Disziplin noch verschiedene Strömungen. Hier ist der Linksdrift des Fachs also kein „Geburtsfehler“, sondern eine spätere personelle Entwicklung.
Die interessantere Frage lautet daher: Was folgt aus einer dieser Erkenntnis? Und, eher grundsätzlich: Welches Verhältnis der politischen “Schlagseiten” wäre denn eigentlich angemessen? In der Mathematik beispielsweise ist egal, ob ein Wissenschaftler links oder rechts tickt, solange er nur korrekt rechnen kann. In den Geisteswissenschaften wäre ein gewisser Mix sogar wünschenswert. Wo alle Personen einer Meinung sind, entstehen zwangsläufig große Echokammern, in denen man sich immer weiter bestätigt, und vielleicht auch wegen winziger Nuancen gegenseitig zerfleischt, weswegen man sich einbilden kann, dennoch Meinungsvielfalt zu leben.
Im Journalismus dasselbe Bild
Elementare Fragen werden allerdings gelegentlich ausgeblendet. In der Soziologie ist nahezu unbekannt, dass auch Gene das menschliche Verhalten prägen. Viele gesellschaftliche Probleme lassen sich aber ohne Rücksicht auf die menschliche Natur nicht verstehen. In den USA gibt es mit Dalton Conley praktisch nur einen einzigen Soziologen, der sich darum bemüht, derartige Konzepte stärker in seinem Fachbereich zu verankern. Jedoch: Eine komplette Ausgewogenheit muss gar nicht das Ziel sein. Wenn Forscher wie Conley nicht mehr die absolute Ausnahme wären, sondern ein geschätztes Viertel des akademischen Betriebs stellen würden, könnte dies bereits ausreichen, um die Echokammern aufzusprengen. Umgekehrt sollten aus genau diesem Grund auch niemals alle linken Wissenschaftler einer Cancel Culture von rechts zum Opfer fallen.
Natürlich kann man die Studie Manzis, die in erster Linie zeigt, dass überwiegend linke Wissenschaftler ganz überwiegend linke Wissenschaft betreiben, auch auf den Journalismus übertragen: Denn da lautet ja das Argument, dass die größtenteils grünen Journalisten keinen grünen Journalismus betreiben würden, weil sie ja angeblich “professionell” genug seien, ihre politischen Maßstäbe nicht in ihre Arbeit einfließen zu lassen. Dass ebendiese Journalisten natürlich wissen, dass sie nicht die Wahrheit zeigen, erkennt man schnell, wenn man diese Logik auf den Kopf stellt. Würde zum Beispiel die “taz” ein AfD-Mitglied einstellen, weil dieses ja zwischen seiner Arbeit und seiner politischen Haltung unterscheiden kann? Und halten die gleichen Journalisten, die sich mit Leidenschaft am Portal “Nius” abarbeiten, auch nur einmal kurz inne und erwägen die Möglichkeit, dass dort politisch neutrale Journalisten arbeiten, die nur den Anweisungen des Herausgebers folgen? Eben!
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2 Kommentare
Uff!
Jetzt bin ich von der Erkenntnis, daß die Wissenschaft linkslastig ist, dermaßen überwältigt, daß ich erst einmal ein Schläfchen machen muss.
😜
Was soll der Artikel? Sprechen wir doch einfach von Auftragswissenschaft der Regierenden und damit sind die Finanzierung und Ergebnise klar. Das braucht keine KI. Dann gibt es noch die reale Wissenschaft, wo Otto Normalbürger keinen Zutritt hat und gelegentlich mal was „durchsickert“ bzw. man gezielt ohne KI mit „normalen“ Menschenverstnd suchen kann (noch). Da liegt sehr viel fertig in den geschlossenen Schubladen und wird auch punktuell angewendet. Wenn man Kontakte bekommt und wirkliches Vertrauen besteht, wird man auch von diesen Wissenschaftlern auf den Laufenden gehalten. Auf die Masse der Menschen kann man es aber nicht loslassen.