
Heute ist Wintersonnenwende – und ein weiteres, aufwühlendes Jahr geht zur Neige. Die stille Zeit ist da – und damit Zeit für etwas Reflexion über Vertrautes, Verlorenes, Gegenwärtiges und Ewiges. Noch einmal hinaus – mit hochgeschlagenem Kragen und etwas klammen Fingern, über die frostigen Höhen meiner heimischen Hügel. In fahlem Grauweiß steht die Wintersonne nun in ihrem Tiefstpunkt über den eisigen Feldern. Kein Windhauch, kein Mensch weit und breit. Absolute Stille. Das Jahr ist vorüber. Morgen ist tatsächlich bereits Wintersonnenwende – und ich kann kaum fassen, daß die Zeit gerade, stoisch-beherzt, einen weiteren Ring um den Weltenbaum des Lebens schließt. Vieles habe ich in den vergangenen Jahren hier und an anderer Stelle über diesen, gänzlich durch die Natur bestimmten Fixpunkt geschrieben. Über dieses möglicherweise älteste Fest der Menschheit – das mir bereits seit meiner Jugend das innigste Herzensfest ist, schlicht weil dessen Existenz sich auf basierte, kosmische Gesetze, also auf die Natur selbst gründet.
Der heutige kürzeste Tag sowie die längste Nacht des Jahres, mit der Rückkehr des Lichtes am darauffolgenden Morgen, ist übrigens tatsächlich die echte „Wiha-Nacht“ („wiha“ bedeutet in der Sprache unserer germanischen Vorfahren „geweiht/geehrt“) – also die „geweihte Nacht“ und der Ursprung unseres „Weihnachten“. In den skandinavischen Ländern wird das Fest auch heute noch als „Jul-Fest“ bezeichnet – und zwar die gesamte Zeit um die Wintersonnenwende. Im Norden wünscht man einander „God Jul!“ Mir sind diese schönen, heimatlichen Bezeichnungen um so viel näher als spätere Begriffe wie beispielsweise „Noël“, „Christmas“ oder „Navidad“, in denen der eigentliche Kern dieses alten Festes bereits verlorengegangen ist, der in „Weihnacht“ noch lebt und atmet.
Eine Geschichte aus Märchen, Macht und Gewalt
Apropos verlorengegangen: Gerade werden wir erneut Zeugen einer invasiven und gewaltsamen Umgestaltung unserer heimischen Traditionen durch eine uns fremde, aus einer fernen Wüstenregion stammenden, kriegerischen Kultur und Religion. Ein selbstgefälliger, anmaßender, anthropozentrischer Kult, der alles zuvor Gewachsene vernichten und auszumerzen strebt, beginnt sich aktuell bei uns auszubreiten. Zuletzt fand dies im Großteil Europas vor etwa anderthalbtausend Jahren auf tatsächlich frappierend ähnliche Weise statt; hier in meinem heimatlichen Thüringen sogar erst vor etwa eintausend Jahren. Eine neue, aus pragmatisch-politischem Kalkül zur Staatsreligion des Römischen Reiches erhobene, ebenfalls aus dem Orient stammende Religion einfacher Hirtenstämme drang damals nach Nordwesten vor. Deren fanatisierte Verbreiter trieben schließlich unsere Vorfahren mit dem Schwert zu Zwangstaufen in die heimischen Flüsse oder schickten sich an, sie wegen falscher Meinung, ihres „alten“ Glaubens und ihrer Naturverbundenheit rigoros zu töten. Nur wer sich unterwarf, überlebte.
Wie sehr unsere Historie seit Anbeginn vor allem eine Geschichte aus Märchen, Macht und Gewalt ist, scheint stets an all unsere zahllosen, aufsteigenden und fallenden „Götter“ gebunden zu sein – was uns letztlich als kriegerische, selbstsüchtige und einfältige Wesen charakterisiert.
Auf welche Weise einst der Kult des Sonnenkönigs Aton der alten Ägypter der Mithras-Kult der alten Perser und das Sol Invictus-Fest der Römer durchgesetzt wurden, wissen wir nicht mehr – aber ich wage zu vermuten, dass auch dies nicht grundlegend friedlich verlief. Von den heute gänzlich unbekannten Erbauern des 5.000 Jahre alten Newgrange in Irland, der Steinkreise in Stonehenge sowie des 7.000 Jahre alten Sonnenobservatoriums in Gosek – kaum eine Dreiviertelstunde des Weges von meinem thüringischen Zuhause entfernt – wissen wir es ebensowenig. Was wir allerdings wissen ist, dass deren damalige Herrscher ihre Gebräuche, Monumente und Riten wohlüberlegt auf die Wintersonnenwende ausrichteten – ganz einfach deshalb, weil sie eingebunden in die Natur lebten und von ihr abhängig waren. Dennoch: von Eitelkeit und Selbstsucht getrieben wandelte sich im Laufe der Epochen wieder und wieder, was jeweils als „göttlich“ galt. Wenngleich sich die Namen der Gurus, Götter und Heilande änderten, so blieb das Fest der Wintersonnenwende doch als Kern bestehen. Seit uralten Zeiten bestimmt der natürliche Kalender den Lauf unseres Daseins – unabhängig von unseren Wunschvorstellungen, bis heute. Zumindest diese Tatsache finde ich zutiefst beruhigend.
Dies ist unser Kontinent und unsere Kultur!
Noch immer fühlen wir Menschen uns vornehmlich in Mythen, Märchen und Illusionen geborgen und sind, zentriert-egoistisch wie auch furchtsam, noch immer kaum fähig, stattdessen den Blick heraus aus unserem allzu menschlichen Kleinklein sprichwörtlich hinauf zu den Sternen zu erheben. Hinaus zu einer Komplexität und Schönheit, die im besten, abstrakten Sinn des Wortes „göttlicher“ ist als alles, was wir uns je auszudenken vermögen. Es macht Hoffnung, dass das heutige kulturelle Christentum seit der Renaissance – jener Explosion des Wissens, des Intellekts und der Aufklärung – inzwischen friedlicher ist als jener neue, kriegerisch um sich schlagende Mohammed-Kult. Möglicherweise ist dieser ja in 400 Jahren ebenfalls friedlich oder noch besser: sogar gänzlich obsolet. Bis dahin kommen allerdings vermutlich noch schwere und finstere Zeiten – nicht nur für nichtreligiöse Menschen wie mich.
Dies ist unser Kontinent, unsere Kultur. Gewachsen und im steten Wandel, seit hunderttausend Jahren; aus den Wäldern, Ebenen, Höhlen und ersten Feuern hin zu Siedlungen, Städten und Ländern. Aus dunklen Kulten, abergläubischen Riten, abstrusen Religionen, fanatischen Dogmen hin zu Erkenntnis, Aufklärung, Wissenschaft, Philosophie, Ratio und Logik. Unsere Kultur ist vor allem die kostbare, schwer erlangte Freiheit, nach jahrhundertelangem Kampf gegen Dogma, Wahn und Unterdrückung; sie ist das Streben nach Schönheit in Kunst, Musik und Literatur; sie ist das wärmende Licht von Humanismus, Empathie und Erbarmen. Sie ist der neugierige Blick hinaus in den Kosmos, statt hinunter auf den Staub zu unseren Füßen. Und: sie soll und muß das unbedingte und unnachgiebige Verteidigen all dieser Werte sein. Wir sind Kinder unserer Kultur – aber wir sind – vor allem und noch weit mehr – auch Kinder des Kosmos. In über 4,6 Milliarden Jahren evolutionär entwickelte Lebensformen – nicht nur sprichwörtlich, sondern faktisch bestehend aus dem Staub längst untergegangener Sterne. Inmitten von Billionen Galaxien, bestehend aus jeweils Milliarden Sonnen, umkreisen wir auf einem winzigen, unbedeutenden Planeten einen jener Sterne – und halten uns dabei für maßgeblich und unabdingbar. Doch vielleicht sind wir, als biologische Wesen, stattdessen ja tatsächlich ein Weg für den unermesslichen Kosmos, sich selbst zu begreifen? Wer weiß.
Von Lichterglanz durchwirkte Abende
Wieder heimwärts Richtung Tal. Der fast kürzeste Tag geht zur Neige und das Licht schwindet bereits. Der schmale Feldweg führt mich zurück ins Dorf. Aus den Fenstern der Fachwerkhäuser dringt warmes Licht; vertrauter Holzrauch liegt über der kleinen Gasse. Obgleich ich ja seit meiner Jugend kein religiöses Weihnachten mehr feiere, liebe ich die stillen, Geborgenheit vermittelnden, von Lichterglanz durchwirkten Abende dieser Festzeit von Herzen. Für mich bleiben Weihnachtsmärkte weiterhin Weihnachtsmärkte; Weihnachtsmänner werden noch immer zu keinen „Winterpersonen“ und in meinen Räumen hängen selbstverständlich Weihnachtssterne, weil sie das zurückkehrende Licht in der dunkelsten Zeit des Jahres symbolisieren. Licht, Hoffnung, Liebe und Freude – das sind die uralten und tiefen Gedanken dieser schönen Zeit. Daran sollten wir festhalten und es uns von niemandem nehmen lassen.
In diesem Sinne: Uns allen eine warme, lichte und friedliche Wintersonnenwende! Genießen wir die stille Weihnachtszeit, die kommenden Rauhnächte, das Miteinander und das Leben; am allerbesten ohne familiäre Dramen, ohne Streit – und in Zukunft hoffentlich wieder ohne Angst, dass uns jemand diese Zeit der Freude versucht, gewaltsam zu nehmen.
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9 Antworten
So isses!
Weiterführend dazu!
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Sommersonnenwende 2025: Längster Tag des Jahres 2025
~5 min
https://starwalk.space/de/news/summer-solstice-first-day-of-summer
Tausend Dank für diesen Artikel!
Die Formulierung „Wintersonnenwende … kaum (zu) fassen, daß die Zeit gerade, stoisch-beherzt, einen weiteren Ring um den Weltenbaum des Lebens schließt“ ist berührend und tröstlich – „einen weiteren Ring schließen“ impliziert viele Ringe vorher und nachher.
Solange es Herzen mit Ehrgefühl und Heimatliebe gibt – und es gibt viele! – wird der Zauber unserer Weihnacht nicht verloren sein. Die Werte des kulturellen abendländischen Erbes, das Streben nach Wissen und Weisheit sowie die Sehnsucht nach dem Wahren, Guten und Schönen, werden in den Herzen der Menschen weiter bestehen, auch wenn ein irrer Zeitgeist sie in diesen unseren Tagen angreift und zu überwältigen droht.
Danke. Ein echter Schneidereit. Alles Gute auch für Sie!
Die Wintersonnenwende ist das einzige begrüßenswerte Ereignis dieser Tage und sollte entsprechend gewürdigt werden. Die kommende Nacht ist die Kürzeste im Zyklus des jährlichen Wandels und daran ändert auch der auf den
24.12 verlegte und von der Kirche pervertierte brennende Baum nichts. Dieser brennende Baum leitet das Licht ein am dunkelsten aller Tage. Alles andere was nach der kommenden Nacht kommt, ist zu einem kommerziellen Wahnsinn verkommen und ist es nicht wert sich ernsthaft damit zu befassen. Kehren wir zurück und konzentrieren uns auf den natürlichen Rhythmus, den Wechsel der Jahreszeiten, Winter- und Sommersonnenwende, Tag- und Nachtgleiche. Kein Konsumrausch, Beieinandersein, Lichter zur Begrüßung des neuen Zyklus entzünden und sich nicht wundern warum kein Mensch mehr so richtig Lust auf Weihnachten und Merkel-Poller hat.
„Wir sind Kinder unserer Kultur – aber wir sind – vor allem und noch weit mehr – auch Kinder des Kosmos. In über 4,6 Milliarden Jahren evolutionär entwickelte Lebensformen“
Unsere Körper sind Kinder des Kosmos. Nicht wir, die Seelen.
Die Evolution ist Schwachsinn und kein Bisschen bewiesen. Darwin ist Blödsinn.
Wer schrieb den Körpercode? Nichts schreibt sich von selbst!
Falls diese Frage beantwortet wird: Wie sind mehrzellige und zweigeschlechtliche Körper entstanden?
Schritt für Schritt, bitte.
Wie haben sie sich während der „Entwicklung“ ernährt, geatmet, die Schlacken entfernt, gesteuert und! fortgepflanzt, während sie sich zeitgleich zu maskulin und feminin entwickelten? Welches Organ musste als Erstes entstehen und welchen konnte sich zuletzt entwickeln? Es gibt kein Organ, welches man entfernen kann, ohne dass der Körper stirbt. Herz, Lunge, Haut, Gehirn, Verdauungstrakt, Blut usw. usf.
Du denkst, du bist antireligiös? Nein, bist du nicht. Du scheinst der Religion des Atheismus anzugehören.
Das sind die, die das glauben.
Nun, Gott war es auch nicht, aber er geht wenigstens in die richtige Richtung.
Außerirdische waren es auch nicht, denn das würde diese Evolution nur auslagern.
Das frage ich mich auch schon lange, wie ein Mensch mit Verstand behaupten kann, die heutige Vielfalt lebender Wesen habe sich aus Einzellern entwickelt, die sich (wie!!!???) aus sich selbst fortentwickelt haben zu immer spezielleren und intelligenteren Wesen, die auch noch so perfekt aufeinander abgestimmt sind, daß jedes Wesen einen sinnvollen Part im großen Ganzen erfüllt. (Der Mensch mit seinem freien Willen bildet hier allerdings eine Ausnahme.)
Bitte mal Rupert Sheldrake lesen. Es braucht keinen Gott, der steuernd eingreift. Der Mensch schafft sich seine Götter selbst nach seinem Ebenbild: Kleinkariert, rachsüchtig, eifersüchtig, gewalttätig. Bitte mal die Bibel lesen, vor allem das Alte Testament. BTW: Wenn das durch das „Neue Testament“ in all seiner Scheußlichkeit abgelöst wurde und „Er“ dafür seinen Sohn geopfert hat, dann beweist das Zweierlei: Der Allwissende ist nicht allwissend (sonst hätte er das Opfer Jesu vorausgesehen und sich nicht erst dann um 180 Grad gedreht) und außerdem ist er erlösungsbedürftiger als wir, sonst hätte er seinem Sohn das Opfer erspart. So, und nun erschlug Kain den Abel, weil der „liebe“ Gott den Rauch des geopferten Getreides des Kain nicht mochte, aber den Rauch von Abels verbranntem Kadaver eines Schafes sich voll in die Nüstern zog. Na also: Gott liebt den Geruch verbrannter Schafskadaver, aber den Duft von brennenden „Felderträgen“ (Gemüse? Getreide? Mais? Kartoffeln?) eben nicht. Gott ist damit garantiert kein Vegetarier, sondern steht auf das Töten und Verbrennen von Tieren mit all dem damit verbundenen Leid der Kreaturen. Bitte keine Lästerei, das steht so in der Bibel. 😇
Wer braucht Kälte und Dunkelheit zu Weihnachten? – Ich nicht.
Auf der Südhalbkugel ist jetzt Sommer.
Fröhliche Weihnachten!
48 Sekunden
Dunkelheit und Kälte?
Im Westen, wo ich lebe, gab es in den vergangenen 1,5 Monaten so viel Sonne mit tollen Sonnenauf- und untergängen und bis zu 15 Grad während des Tages, wie ich es von keinem Spätherbst der letzten Jahre und Jahrzehnte erinnere.
Heute, am Tag der Wintersonnenwende, saß ich draußen auf meinem Balkon, nur bekleidet mit einem dünnen Baumwollpullover plus hochgekrempelten Jeans und genoß das Licht sowie die Wärme der Sonne. Vielleicht ist diese Fülle an Licht und Schönheit der letzten Wochen der Grund, daß ich zum erstenmal seit vielen Jahren wieder so etwas wie weihnachtliche Gefühle verspüre, die allerdings überhaupt nichts zu tun haben mit der Weise, wie Weihnachten bei uns gefeiert wird. Es ist eher eine Art festlicher Erwartung, die ich spüre und die mich froh macht, auch wenn in diesem Land offenbar peu à peu alles in Scherben fällt.