
Ich denke oft zurück an die Zeit um 1960 im bayrischen Schwaben. Dass man am Sonntag zur Kirche ging, stand völlig außer Frage. Das Gotteshaus stand mitten im Dorf, umgeben von einem kleinen Friedhof. Und wenn die Glocken um 8.45 Uhr anfingen zu läuten, stand man – das heißt: die Eltern und die Kinder – bereits im Flur. Am großen Spiegel wurde der schwarze Sonntagsanzug mit der Flusenbürste noch einmal abgebürstet. Hier ein Fussel, dort ein Staubkorn. Im Haus lag noch der Duft von Bohnenkaffee, den es nur sonntags gab. Der Hof und der Gehweg vor dem Haus waren selbstverständlich schon am Samstag mit dem Besen gekehrt worden. Das machten alle so. Am Sonntag sollte kein unnötiges Heu oder Stroh oder Sonstiges herumliegen. Alles, was nach Arbeit aussah, hatte zu verschwinden. Man ging nicht zur Kirche, man schritt irgendwie feierlich unter dem melodischen Läuten der drei Glocken, die über dem Dorf lagen.
Sonntage unterschieden sich deutlich von den Werktagen. Heute, wo man auf der Straße, wenn man den Wochentag nicht wüsste, kaum feststellen könnte, ob gerade Donnerstag oder Sonntag ist, haben sich diese Ordnungen und Rituale völlig verschoben, doch damals war der Unterschied klar. Der Sonntagsanzug symbolisierte auch für uns Kinder, die mit Religion noch nichts anfangen konnten, etwas Besonderes: Dieser Tag galt nicht der Arbeit. In der Landwirtschaft allerdings mit zwei Ausnahmen: Die Kühe im Stall waren vollkommen unreligiös und hatten morgens und abends das Verlangen, gefüttert und gemolken zu werden. Doch zwischendurch legten auch Bauern den Sonntagsstaat an. Vielleicht kam auch Besuch, der Onkel oder die Tante aus dem Nachbardorf oder ein Vetter, der unerwartet vor dem Hof stand. Da konnte man ja nicht in der werktäglichen Latzhose erscheinen.
Sonntags war alles anders
Schon beim Kirchgang merkten wir Kinder: An diesem Tag war etwas anders, zumindest am Vormittag: Man ging zum Gottesdienst wie alle anderen auch. Wir, die Größeren von dreien, waren Ministranten und durften dort quasi ein kleines öffentliches Amt vor dem Altar ausführen. Das hat geprägt, glaube ich. Die Schritte, das Befüllen des Weihrauchfasses, das Zusammenlegen der Tücher, das Klingeln mit den Glöckchen zur Wandlung und zum Segen: All das hatte etwas Feierliches, etwas Überirdisches. Wir Kinder konnten das nicht in Worte fassen, aber es war einfach so. Die Messe war kein bloßes Dabeisitzen. Sie glich eher einer “Mitmach-Oper”: Alle beteten laut, alle sangen laut. Ein ganzes Dorf füllte mit seinem Gesang das Kirchenschiff.
Wenn „Großer Gott, wir loben dich“ angestimmt wurde, war ich gerührt. Aber diese drei Minuten gaben Kraft für die Woche, die vor einem lag. Dass das wirkte, war kein Zufall. Ob man das Geistige verstand oder nicht, spielte dabei keine Rolle. Man war emotional erfasst. Um daraus Kraft zu schöpfen, musste man selbst das Wort „spirituell“ nicht kennen. Es genügte, wenn man es im Herzen erlebte und spürte. Nach der Messe gingen alle zum Grab ihrer Verstorbenen, in unserem Fall der Großeltern. Dort stand ein kleiner Weihwasserkessel mit einem kleinen Pinselchen, den tauchten wir ein und besprengten damit das Grab. Dann betete man ein Vaterunser und bekreuzigte sich. Auch aus Respekt vor den Vorfahren war der Sonntagsanzug genau die richtige Bekleidung.
Äußere Zeichen einer anderen Ordnung
Nach dem Kirchgang gingen Mutter und Kinder nach Hause. Dort mussten wir Kinder den Sonntagsanzug gleich wieder ausziehen. Er sollte ja nicht schmutzig werden, wenn wir im Garten spielten. Vater ging nicht ins Wirtshaus, wie viele andere; Er brauchte für die dreihundert Meter nach Hause gut zwei Stunden – aber nicht, weil er schlecht gehen konnte, sondern weil es damals üblich war, an jedem Gartenzaun stehen zu bleiben und mit dem jeweiligen Nachbarn ein wenig zu plaudern. Das war “Social Media” 1960 in live.
Der Sonntagsanzug jedoch ist mir als “Requisite” dieser Zeit am intensivsten in Erinnerung geblieben. Heute denke darüber nach und merke, wie sehr diese Traditionen heute doch fehlen. Früher galt: Besondere Tage und Anlässe – besondere Kleidung. Ist es nicht so, dass wir Menschen, auch wenn wir etwas Höheres nicht vollständig verstehen, durch solche äußere Zeichen in eine andere Ordnung hineingezogen werden; eine Ordnung, die es erlaubt, innezuhalten, den Rhythmus des Werktages zu verlassen und für einen Moment bei sich zu sein. Der Sonntagsanzug war ein praktisches “Werkzeug” dazu; mit der Sense in der Hand wäre dies schwerlich möglich gewesen…
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16 Antworten
…ja, das waren die 50er und die 60er auf dem Land, eine eigene Zeit die heute, nach fast 70 Jahren radikal anders ist, aber gehen wir nochmal 65 Jahre zurück, von 1960 zu 1895.
Das war nochmal eine ganz andere Zeit als die 60er – und dann nochmal 65 zurück nach 1830 – Europa hat sich von Napoleon erholt. Deutschland ist zerstückelt in zahlose kleine „Reiche“ und Kinder dienten vor allem als Grundlage zur Altenpflege – 1830 bis 2025 ja, es hat sich viel verändert, aber was ist/war wirklich besser/schlechter?
Was ist bei den Medien, insbesondere auch bei den Freien Medien los?
Habt ihr den Gasmangel nicht auf dem Schirm?
https://youtu.be/bE9WeSTeMKU
„Erste Gas-Speicher leer – Regierung verschweigt brisante Zahlen!
Zum ersten Mal seit Beginn der Energiekrise sind die ersten Gas-Speicher in Deutschland faktisch leer – und die Regierung verschweigt die brisanten Zahlen! Die ersten Speicherbetreibern sind vor 4 Tagen in den roten Bereich gerutscht und unsere Bundesregierung hat daraufhin ganz plötzlich die Veröffentlichung der täglichen Zahlen gestoppt! Was hier gerade passiert, ist kein Warnsignal mehr – es ist der Kipppunkt Denn wenn diese Entwicklung anhält, reden wir nicht mehr über Preise – sondern über den Super-Gau bei der Versorgung und die Ausrufung der nationalen Notlage!“
https://youtu.be/iBja3LZcP9Q
„Keine LNG-Tanker! Schiffe zum entladen fehlen! Gasimport via LNG droht abzureißen! Danke Regierung!
Die LNG-Importe drohen vollständig einzubrechen. Kein LNG-Schiff liegt mehr zum entladen an den deutschen Terminals. Restmengen werden regasifiziert, danach droht Stillstand.
Ich kann keine neuen Schiffe auf dem Radar erkennen, die in kurzer Zeit vor Ort sind. Wann tritt die Bundesnetzagentur vor die Presse?“
Wann werden wir Gas frei sein?
Wie viel Zeit verbleibt, bis uns die Energielieferanten
kein Gas für das kochen und vor allen Dingen für das
heizen jetzt im kalten Winter wegen Gasmangel einstellen?
Politiker machen das kaputt, was uns Bürger kaputt macht !
Das ist politisch so gewollt!
Wieder einige 1000de alte einsame Menschen, die wegfrieren werden.
Sitze auch hier im Mietbunker bei genau 18 Grad Celsius trotz aufgedrehter Heizung!
was soll die unseriöse Panikmache?
Es gibt keine Versorgungsengpässe.
Wir bekommen genug Gas aus Norwegen und den Niederlanden.
Ausserdem gehört das hier nicht hin.
Danke für Ihren außerthematischen Hinweis.
Ich werde diesen anonymisiert umgehend an mein Umfeld weiterleiten !
Da bin ich aber auf die ungläubigen Reaktionen gespannt. Was nicht in den heimatlichen Gazetten steht oder in ARD/ZDF-Nachrichten gesendet wird, kann nicht stimmen.
Ich selber warne niemanden mehr. Seit Corona habe ich immer wieder auf dies und jenes aufmerksam gemacht – ohne jede Reaktion. Ich investiere keinen Jota meiner Energie mehr in solche Idioten.
Die Leser dieses Blogs möchte ich jedoch noch einmal auf die kürzliche Warnung von Yanis Varoufakis hinweisen, der Mitte Dezember zu einem geheimen Treffen europäischer Zentralbanker in Basel eingeladen war, die sich über den sich abzeichnenden baldigen Zusammenbruch des zumindest westlichen Geldsystems austauschen wollten. Allesamt schieben sie Panik, da sie nach all den Maßnahmen seit 2008 nunmehr mit ihrem Latein am Ende angelangt sind. Falls keine negativen Überraschungen auf dem Finanzmarkt auftreten, geben die Zentralbanker dem System noch maximal 12-18 Monate. Es kann aber genauso gut sein, daß der Zusammenbruch bereits in einigen Monaten oder sogar nur einigen Wochen zusammenbricht.
Mittlerweile habe ich dieselbe Einschätzung auch von zwei anderen Finanzspezialisten gelesen. Dabei ist offensichtlich, daß sowohl die FED wie die EZB daran interessiert sind, der Öffentlichkeit die Lage der Dinge vorzuenthalten. Yanis Varoufakis hat das verordnete Schweigen durchbrochen, da seiner Auffassung nach die Menschen ein Recht darauf haben, die Wahrheit noch einigermaßen rechtzeitig zu erfahren, um die verbleibende Zeit noch so gut wie möglich zur Sicherung des eigenen Vermögens nutzen zu können.
Soweit ich informiert bin, soll Silber ebenfalls nicht mehr anonym gekauft werden können.
Danke für den Artikel.
Ich komme ebenfalls aus Bayern, bzw. dem Bayr. Wald. Bei uns war es ebenfalls so dass der Sonntag was besonderes war. Es wurde aufwändiger gekocht meistens ein Fleischgericht, das es unter der Woche eher selten gab. Ich war zwar eher nicht so der Kirchgänger (dafür bete ich jetzt umso mehr und zweimal im Jahr gehe ich Wallfahrten, das ist für mich mittlerweile ein Bedürfniss ), aber trotzdem wurden wir bei uns sehr religiös erzogen. Gegenwärtig ist das ja Erzkonservativ und eher eine Untugend.
Nur bei uns gab es so gut wie keine Kriminalität und es war nicht nötig die Haustüre abzuschließen oder zu verriegeln, wenn man mal kurz zum Nachbarn ging.
Gegenwärtig leben wir leider in einer sehr, sehr schnelllebigen Zeit in der Regeln eher unerwünscht sind.
Diese Dynamik nimmt extrem schnell zu und die Kurve von Ethik und Moral sinkt in der gleichen Geschwindigkeit nach unten.
Unsere Landwirtschaft, die Basis die uns früher ernährt hat und die wir respektiert haben degeneriert ebenso. Das Tierwohl muß dem Drang nach Profit weichen. Früher hat eine Kuh meinetwegen 20 Ltr. Milch pro Tag gegeben. Heute bis zu 60 Liter. Die Lebenserwartung ist mittlerweile auf 5-6 Jahr gesunken. Das Tier hat keine Wertigkeit mehr, obwohl jeder Bauer jeden Tag danke sagen müßte dass er sie hat und sie seine Existenz sichert.
Nicht gegessenen Lebensmittel werden entsorgt oder einfach vom Auto aus in den nächsten Graben geschmissen.
Alte Menschen werden ins Altenheim abgeschoben, weil sie nur Kosten verursachen und eine Belastung sind.
Gleichgeschlechtliche und Transsexualität wird im Kindergarten „gelehrt“ und den Kindern in der Prägephase als normal beschrieben.
Unser Gesellschaft degeneriert und das rasend schnell.
Die Rechnung dafür werden wir aber bekommen, ganz sicher und sie wird sehr, sehr schmerzlich sein.
Genau diesen bräsigen Dreifaltigkeitsbürgern im Hier und Jetzt, haben wir die heutigen politischen Gauner zu verdanken!
Und man stelle sich vor.
Die Armen Menschen hatten
nicht mal ein Handy!!!
Am Verfall sind auch die Kirchen schuld, hier die katholische. Seit 1963 wurde der Sonntag immer mehr entwertet. Das Kirchenjahr wurde weltlichen Bedürfnissen geopfert (früher Weihnachten bis Lichtmeß). Das die Gesellschaften stabilisierende Formgefüge wurde wegen Volkstümlichkeit („Das Volk ist nicht tümlich“ Bert Brecht) im 2. Vatikanischen Konzil zertrümmert. Und heute arbeitet ein sog. Synodaler Weg am Aufgehen im Zeitgeist (der freilich stets einen Schritt weiter ist).
Ich habe – ebenfalls im Allgäu, später in Oberbayern – dieselben stabilisierenden Erlebnisse und Erfahrungen gehabt wie Herr Müller. Auch wenn ich nicht mehr religiös-katholisch bin, konstatiere ich ein Grundübel.
Was für ein schöner Artikel – vielen Dank! Auch in meiner Erinnerung lebt diese Sonntagskultur mit seinen kleinen Ritualen, die vor allem die Kindheit in einer Zeit der Zuversicht und des Wiederaufbaus nach dem Krieg begleitet und geprägt hat. Der Schimmer des Friedens, der Geborgenheit und der Hoffnung über jenen so weit zurückliegenden Tagen dieser Zeit ist unvergeßlich.
Die Kinder der späteren Jahrzehnte des 20. Jhdts. haben eine solche Atmosphäre nie kennengelernt. Über die Gründe dieser Entwicklung kann man streiten – oder sie liegen auf der Hand ….
Unzweifelhaft jedoch ist die „Einebnung“ des Sonntags, seine äußerliche und innerliche Gleichsetzung mit allen anderen Tagen, ein Verlust sowohl gesamtgesellschaftlicher europäischer Kultur als auch persönlicher Erfahrungsebenen.
Ich bin nicht getauft. Habe aus Interesse in der Thomaskirche gesessen. Der Pfarrer legte Jedem einen vietnamesischen Chips auf die Zunge, mir nicht. Es gab kein Internet, wo ich die Antwort dafür hätte lesen können. Die Lehrer zu befragen? Das war mir schon klar, gäbe massiven Ärger. Also fragte ich Mutti, sie erklärte es mir und hatte gar kein Problem mit meinem oder gar künftigen Kirchgängen. Sie war tiefrot! Aber sie hatte etwas, was es heute nicht mehr gibt: Toleranz.
Der Artikel rührt bei mir keinerlei religiöse Gefühle, weil ich sie nicht habe. Aber er rührt menschliche Gefühle von Ehrfurcht, Kultur und selbst von Ordnung. also all solche Sachen, die heute fast völlig ausgerottet worden sind.
Danke!
Linke Ideologie
DÖW-„Rechtsextremismusbericht“: Wer an zwei Geschlechter glaubt, ist Extremist
Der aktuelle „Rechtsextremismusbericht 2024“ des linken Privatvereins Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), veröffentlicht im Auftrag des ÖVP-geführten Innenministeriums, sorgt für heftige Kritik. Darin wird ein Weltbild vermittelt, das konservative Positionen pauschal unter Verdacht stellt – und in dem man sogar für völlig normale Meinungen schon als Extremist gebrandmarkt wird: Beispielsweise werden die Überzeugungen, dass es zwei biologische Geschlechter gibt oder sich Migranten integrieren müssen, als mögliche “Einstiegsdrogen” für extremistisches Denken bezeichnet.
https://unzensuriert.at/321140-doew-rechtsextremismusbericht-wer-an-zwei-geschlechter-glaubt-ist-extremist/
Es war früher so.
Es gab Kleidung „für die Woche“ und „gute Kleidung“ für Sonntage und Festtage.
Wir durften nicht „alles einander gleich machen“ und deshalb wurden die guten Kleider für besondere Anlässe aufgehoben.
Gestellte Fotos im Garten von uns kleinen Mädchen im Sonntagskleid mit Handtasche.Mit weissen Söckchen und ein paar Jahre später mit den
langersehnten Perlonstrumpfhosen als Zeichen des Erwachsenwerdens.
Die Redewendung „ich zieh‘ mich mal gut an“ gibt es bei uns Älteren auch heute noch.
Wie haben sich die Zeiten geändert, allerdings nicht unbedingt zum Besseren hin. Auch in meiner Kindheit und Jugend in den 50er und 60er Jahren waren zerrissene Jeans und durchlöcherte Pullover nicht nur nicht die Ausnahme, sondern, schlicht und ergreifend, einfach nicht präsent. Nicht nur am Sonntag, sondern auch an Wochentagen beim Schulbesuch wurde auf anständige Kleidung Wert gelegt. Doch das änderte sich schlagartig seit den Tagen der 68er als der linke Gammel-Look fröhliche Urstände feierte, die Zahl der verkrachten Existenzen ohne Schulabschluss und demzufolge aber auch ohne abgeschlossene Lehrlings- oder auch Hochschulausbildung dramatisch zunahm. Heute stehen die Alt 68er längst nicht mehr im Berufsleben, dafür nehmen jetzt ihre Söhne/Töchter, aber auch die Enkel/Enkelinnen deren Position ein. Zu meiner Schul- und Studienzeit waren Schul- oder Ausbildungsabbrecher die unrühmliche Ausnahme und mir sind keine Mitschülerinnen oder Mitschüler bekannt, die ihre schulische oder berufliche Ausbildung geschmissen haben. Nach einer schrecklichen Diktatur, gepaart mit einem unfassbaren humanitären Absturz, waren wieder , leider heute mehr und mehr verpönte Werte wie Ehrlichkeit, Fleiß, Leistungsbereitschaft, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit etc. gefragt. Dass diese heutzutage nicht mehr zählen und diejenigen, die sich darauf rückbesinnen, nur mehr mitleidig belächelt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, dürfte sich in nicht langer Zeit böse rächen.
Ich bin mitten in einer süddeutschen Großstadt aufgewachsen. Meine Eltern, vor allem auch meine Mutter, die nicht auch noch am Sonntag kochen wollte, drängte es deshalb sonntags raus ins Grüne, wo wir – zusammen mit Bekannten, die ebenfalls zwei Kinder hatten – im Winter zum Schlittenfahren fuhren, im Frühjahr und Herbst Wanderungen (oft in Verbindung mit einer Schnitzeljagd) machten und im Sommer auf die Wacholderheide der Schwäbischen Alb fuhren, wo wir ein Federballnetz aufstellten, Karten spielten, manchmal ein kleines Feuer machten und Würste brieten, die Gegend erkundeten, auf Heuhaufen kletterten oder lasen. Am späteren Nachmittag/frühen Abend ging es dann immer in eine urige ländliche Boiz, wo man sich auch ohne Sonntagsstaat blicken lassen konnte und es bereits zu dieser frühen Uhrzeit unkomplizierte kalte (wie z.B. Wurstsalat) und warme Gerichte (wie z.B. heiße Saitenwürste mit Kartoffelsalat oder Bratkartoffeln mit Spiegelei) gab. Dazu konnte man dicke Scheiben selbst gemachten Brots bekommen. Man saß eng bei eng, und der Geprächslevel war enorm. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Besuch dieser urigen Gaststätten im Winter , wenn man völlig durchgefroren die Gasträume betrat und dann das Gefühl, wenn einen die enorme Wärme der Räume durchrieselte.
Da wir sonntags nicht in die Kirche gingen, hatten wir Kinder nichts, was man als Sonntagsstaat bezeichnen könnte. Das warf dann immer ein Problem auf, wenn wir zu einem Familienfest eingeladen waren.
Ansonsten herrschte in den 50er und 60er-Jahren strenge Ordnung, nicht nur innerhalb der Familie. Alle Nachbarn sowohl innerhalb des Mietshauses wie auch die Nachbarn rauf und runter in der Straße erzogen uns Kinder mit. Überhaupt kannte man sich näher, als das heute zwischen Großstadt-Nachbarn allgemein der Fall ist. Anders als heute hatten wir Kinder vonseiten unserer Eltern keine Beschränkung, bis wo wir unseren Spielradius ausweiten durften. Heute erstaunt mich selber, wie weit wir uns schon mit 5 oder 6 Jahren von zu Hause wegbewegten, und keinen kümmerte es. Einzige Regel war: um 17 Uhr zu Hause unser Abendbrot abzuholen. Danach konnten wir weiter draußen spielen. Nur im Herbst/Winter galt: wenn die Straßenbeleuchtung angeht, war es das für heute.
Aus guten Gründen zog mir meine Mutter übrigens nie weiße Kniestrümpfe an, sondern immer nur schwarze, was damals als unmöglich galt. Mir war´s recht.