Woher die Gräben kommen

Corona-Spaltung (Symbolbild:Ansage)

Es ist ein Aha-Effekt – Gläubige würden vielleicht von Offenbarung sprechen -, wenn man viele unerklärliche gesellschaftliche Entwicklungen plötzlich in einen schlüssigen Zusammenhang gerückt sieht. Für einen solchen Augenblick hat bei mir kürzlich das Gespräch des Buchautors und Künstlers Raymond Unger mit Gunnar Kaiser gesorgt.
Wahrscheinlich kennen wir alle den Moment, in dem sich Familienmitglieder, langjährige Freunde, vertraute Kollegen, Menschen, mit denen man sich jahrelang eng verbunden fühlte, sich plötzlich wie aus dem Nichts mitten im Gespräch abwenden, empört reagieren, die Contenance verlieren, den Raum verlassen oder gar die Freundschaft aufkündigen. Was ist passiert?

Sicher – irgendetwas hat sie verletzt und im Innersten getroffen. Auch früher schon gab es immer mal wieder solche besonderen, schmerzlichen, einprägsamen Ereignisse aus verschiedensten Anlässen. Heute aber gehören solche Dissonanzen zum Alltag. Sie sind ein Massenphänomen geworden. In jedem Augenblick können sie ohne jede Vorwarnung in Beziehungen einschlagen wie ein Blitz. Auffällig oft passiert dies oft bei Diskussionen über die großen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit. Migration, Rassismus, Klima, Corona, Geschlechtergerechtigkeit. Die Sprünge über die Gräben gelingen nicht mehr. Sie scheitern an der Unversöhnlichkeit der Positionen. Wir nennen das Spaltung und bleiben ratlos.

Diese Unversöhnlichkeit scheint auf den ersten, neutralen Blick von außen oft als eine beidseitige. Jeder wirft dem anderen Faktenresistenz, Dummheit und Böswilligkeit vor. Oft mit verblüffend ähnlicher Wortwahl. Bei genaueren Hinsehen aber zeigt sich, dass zumeist einer der Kontrahenten durchaus Brücken zu bauen beabsichtigt. Er will reden, gehört werden, zuhören, Fragen stellen, abwägen. Das Gegenüber aber lehnt schon beim ersten Verdacht einer aufkommenden abweichenden Position genau diesen Versuch ab. Er blockiert die Verständigung. „Darüber brauchen wir nicht reden!„, „Du willst doch nicht behaupten, dass sich DIE Wissenschaft irrt?„, „Lass mich doch in Ruhe mit deinen…!„, „Spinner, Schwurbler, Leugner…!„. Man könnte fortfahren…

Mühsam unterdrückte aufsteigende Wut

Bei solchen ansonsten durchaus eloquenten Gesprächspartnern könnte noch mehr ins Auge fallen. Gesichtsausdruck, Gestik, Körpersprache gleichen sich erstaunlich oft. Das zwischen Mitleid und Arroganz changierende Grinsen, das Wegsehen, das Abwinken, das Zurücklehnen. Die mühsam unterdrückte aufsteigende Wut. Der bessere Mensch fühlt sich überlegen, er ist sich seiner gewiss, er fühlt sich einer Gemeinschaft zugehörig, er ist „#mehr“ und er nennt seine gefühlte Vielheit nicht umsonst genau so. Er muss sich daher nicht mit Zielkonflikten befassen, er muss keine Meinungen, Daten, Widersprüche zur Kenntnis nehmen, er muss sich nicht mit Stoffen befassen, die im Verdacht stehen, die längst feststehende Gewissheit in Frage zu stellen. Denn das haben ja bereits andere, unzweifelhaft kompetente für sie getan. Das Ziel ist erreicht. Das Weltbild ist fertig. Es ist unverrückbar. Außerhalb dessen stehen lediglich die Leugner, mit denen zu beschäftigen sich grundsätzlich nicht mehr lohnt.

Die spontanen Ausraster, wenn etwas nicht nach gängigen Mustern abläuft, das wütende Aufstampfen, Abbrechen, Wegrennen ist etwas, was wir sehr gut kennen: Von Kindern nämlich, bei denen das Schwarz-Weiße, Gut-Böse, das Undifferenzierte aus den Märchen einen völlig normalen Entwicklungsschritt darstellt. Und weiteres noch – der Glauben an höhere Instanzen, denen unbedingt gefolgt wird, an die man sich bindet. Erst später im Erwachsenwerden verschwinden solche Abstraktionen und machen Platz für das Erkennen und Aushalten von Zielkonflikten, Widersprüchen und die Demut vor alldem, das sich dem menschlichen Zugriff entzieht. Das kindische Verhalten, was wir bei vielen Erwachsenen sehen, ist das kindliche Verhalten von Menschen, die nie zum Erwachsenen herangereift sind.

Beschädigte Identität

Raymond Unger hat nun zu diesem Phänomen ein Buch geschrieben und berichtet im Mitschnitt davon. Er leitet die infantile massenpsychologische Befindlichkeit von Kriegstraumata der Vorgängergenerationen ab, sieht eine – über emotionsarme Erziehung, andauernde ostentative Schuldbekenntnisse und eine humanistische Bekenntniswelt entstandene – „internalisierte Scham„. Mit anderen Worten: Die Nachkriegsgenerationen wissen nicht mehr, wer sie sein dürfen. Ihre Identität ist beschädigt und wird erst wiedergewonnen, indem sich ihre trainierte Scham in etwas Positives verwandelt. Die innerliche Präsenz des eigenen sündhaften Daseins wird zur neuen stolzen, positiv geladenen Identität. Zu einer moralischen Kompetenz, die sich bis hinein in narzisstische Allmachtsphantasien steigert. Der zuvor Identitätslose gewinnt somit Macht aus der selbst konstruierten Erleuchtung. Er kann sich wie Phoenix aus der Asche erheben über Mitmensch und Natur. Viren, Klima, Ungleichheit, Geschlechter – alles wird zum Spielball seiner menschlichen Willenskraft, die sich in kultischen Handlungen vollzieht.

Im Weg stehen dabei lediglich die Ungläubigen, die Leugner, die Zweifler. Er wird sie früher oder später aus dem Weg räumen müssen, denn sie stellen eine ultimative Gefahr für die wieder gewonnene Selbstwahrnehmung dar.

4 KOMMENTARE

  1. Teilen und Herrschen !
    Altes Diktatorenprinzip !
    Wie schon von den Waisen von Zion beschrieben, braucht man dazu nur die Medien, die dann durch gesteuerte Informationsgabe die Meinung der massen lenken !

  2. Ich halte das Video mit Raymond Unger und Gunnar Kaiser für sehr sehenswert.

    Es gibt eine Antwort darauf, weshalb Narrative wie Einwanderung, Klima, Corona oder Gendern von besonderer Radikalität in Deutschland geprägt sind. Die Ursache ist die emotionale Verwahrlosung der der Kriegsgeneration folgenden Generationen.

    Nur die wenigsten Soldaten konnten über ihre Kriegserlebnisse sprechen. Die dabei aufkommenden Gefühle hätten sie nicht ausgehalten. Auch viele Mädchen und Frauen haben im Krieg viel Leid erlebt, über das nicht gesprochen wurde. All das wurde als Trauma einfach weggepackt.

    Die Folge ist eine emotionale Verwahrlosung der nachfolgenden Generation, die sich dort wieder als Kindheitstraumata verfestigte. Dieser emotionalen Verwahrlosung, die durchaus im Unterbewusstsein von der Elterngeneration wahrgenommen wurde, wurde versucht, mit materiellem Wohlstand zu begegnen, nach dem Motto „Das Kind hat ja alles, was es braucht“.

    Als Beispiel: Es liegt im Wesen des Menschen, sich zu umarmen. Wenn aber ein Kind das in der Familie, in der es aufwächst, das Umarmen nicht kennengelernt hat, wird es als Erwachsener damit eher Schwierigkeiten haben.

    Sabine Bode hat über das Thema die Bücher „Die vergessene Generation“ (Kriegskinder), „Nachkriegskinder“ und „Kriegsenkel“ geschrieben.

    Das im Unterbewusstsein wahrgenommene emotionale Defizit („Ich bin es nicht wert, dass ich umarmt werde.“), wird möglicherweise in Form von Radikalität kompensiert.

    Meiner Meinung war das so im Dritten Reich wie auch in der DDR. Auch das deutsche Wirtschaftswunder steht dafür, durch das Erbringen von Leistung, das Wahrnehmen von emotionalen Defiziten unterdrücken.

    Und heute sind es die Narrative wie Einwanderung, Klima, Corona oder Gendern, die die emotionale Verwahrlosung kompensieren sollen, in Deutschland eben mit besonderer Radikalität.

    • ZITAT: „Als Beispiel: Es liegt im Wesen des Menschen, sich zu umarmen. Wenn aber ein Kind das in der Familie, in der es aufwächst, das Umarmen nicht kennengelernt hat, wird es als Erwachsener damit eher Schwierigkeiten haben.“

      und

      „Das im Unterbewusstsein wahrgenommene emotionale Defizit („Ich bin es nicht wert, dass ich umarmt werde.“), wird möglicherweise in Form von Radikalität kompensiert.“

      Kann ich bestätigen. Aber: Es geht über das Umarmen hinaus und es führt weniger zu nach außen gerichteteter Radikalität sondern zu nach innen gerichteter Selbstisolation und nach außen gerichteter Distanziertheit/Unnahbarkeit.

    • Die Geschichte endete nicht ’45 sondern wurde wie immer direkt weitergeschrieben. Wir haben nie entnazifiziert – wie denn auch?!!! Wer wollte dies damals tun, wer hatte hatte saubere Finger mit denen er auf andere hätte zeigen können?!!!

      Kurz: Wir sind keine Nazis mehr, wie ich denke aber wir haben ein schlechtes Gewissen was unbemerkt heute wirkt. Wir können dies nicht offen benennen, denn so würden wir unsere eigenen Vorfahren nicht in dem Licht betrachten können, wie wir es als Nachfahren benötigen und auch tun sollen. Alice Miller sagte schon, dass ein „Du sollst Vater und Mutter ehren“ oder „Rede nicht schlecht über deine Eltern“ viele Patienten eine Therapie erschwert oder auch an dieser Stelle unmöglich macht, wenn auf die eigenen Eltern in der Kindheit und allgemein geschaut werden muss.

      Man kann dies nur monothematisch betrachten, wenn man es erklären will, aber nur schwer auf eine Gruppe von Menschen übertragen, um es in die heutige Zeit zu transportieren. Zusätzlich wollen wir es nicht sehen, was den öffentlichen Diskurs angeht und beschäftigen uns mehr alleine damit. Darüber reden und diskutieren erlebe ich in meinem Umfeld nicht! Aufmerksam mit weit offenen Augen und merklicher Anspannung wird aber oftmals zugehört.

      Von den Medien oder Personen können wir hier auch nichts erwarten, denn die Medien haben ihre Vorgaben: Haltung, Moral, SEO, Klicks usw. und werden auch keine Nestbeschmutzer sein.

Comments are closed.