
Wenn Soziologen über Politik sprechen, verrät ihre Sprache oft mehr über ihre Weltanschauung als über die Gesellschaft selbst. Das jüngste Interview mit dem „Extremismusforscher“ Matthias Quent auf “web.de” ist ein Beispiel dafür. Es zeigt eine Denkfigur, die in großen Teilen der akademischen und medialen Öffentlichkeit inzwischen dominierend geworden ist: Politik wird nicht mehr als Wettbewerb von Interessen und Ideen verstanden, sondern als moralische Therapie für unterstellte gesellschaftliche Gefühle.
Damit steht Quent exemplarisch für eine bestimmte Richtung der politischen Soziologie – eine Richtung, die eng mit dem Milieu der sogenannten „Demokratieförderung“ verbunden ist. Seine zentrale These lautet: Demokratien hätten lange Zeit Emotionen unterschätzt. Menschen handelten nicht primär rational, sondern würden stark von Gefühlen wie Angst, Wut oder Ohnmacht geleitet. “Rechte” Parteien verstünden es besonders gut, diese Emotionen zu mobilisieren. “Demokratische” Kräfte hingegen müssten lernen, mit Gefühlen politisch zu arbeiten.
Auf den ersten Blick klingt diese Diagnose (abgesehen von der schiefen Distraktion “rechts” gegenüber “demokratisch”, denn zum demokratischen Spektrum gehört die Rechte genuin dazu!) plausibel. Natürlich spielen Emotionen in der Politik eine Rolle. Schon Aristoteles wusste, dass politische Reden nicht nur Argumente, sondern auch Leidenschaften ansprechen. Doch Quents Argument enthält eine entscheidende Verschiebung. Emotionen werden nicht nur beschrieben – sie werden politisch bewertet. Bestimmte Gefühle gelten als legitim, andere als gefährlich. Wut etwa wird zum Problem, wenn sie „nach links“ gerichtet ist. Wird sie hingegen gegen „Rechtsextremismus“ mobilisiert, erscheint sie plötzlich als demokratische Tugend. Die Soziologie wird hier zur moralischen Pädagogik. Um diese Perspektive zu verstehen, lohnt ein Blick auf Quents institutionellen Kontext. Der Soziologe war Gründungsdirektor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena und arbeitet in Netzwerken der staatlich geförderten sogenannten “Extremismusforschung”.
Die moralische Soziologie
Diese und viele ähnliche Einrichtungen schossen vor allem in den letzten zehn Jahren wie die Pilze aus dem Boden und gediehen auf dem Nährboden staatlicher “Programme zur Bekämpfung von Extremismus” und politisierter akademischer Forschung prächtig. Ihr Auftrag ist jedoch nicht nur wissenschaftlich, sondern ausdrücklich politisch: “Demokratie” stärken, Radikalisierung bekämpfen, “Zivilgesellschaft” mobilisieren. Das ist legitim – aber es verändert die Rolle der Wissenschaft. Aus Forschung wird Engagement, aus Analyse Intervention. Das ist eine Form von Aktivismus. Der Unterschied zwischen klassischer Sozialwissenschaft und dieser neuen Form politischer Forschung ist subtil, aber folgenreich. Die klassische Soziologie – von Max Weber bis Niklas Luhmann – versuchte, gesellschaftliche Konflikte zunächst zu beschreiben; sie wollte verstehen, warum Menschen bestimmte Positionen einnehmen.
Die neue moralische Soziologie beginnt dagegen mit einem Werturteil. Bestimmte politische Positionen gelten von vornherein als “problematisch”, andere als “demokratisch”. Der Begriff „Rechtsextremismus“ wird dabei häufig so weit gefasst, dass er längst nicht mehr nur radikale Ideologien umfasst, sondern auch große Teile konservativer oder systemkritischer Positionen. Auch durch diese wertenden Neudefinitionen verschiebt sich die Rolle des Wissenschaftlers hin zum politischen Akteur. Die Folge ist eine merkwürdige Umkehrung politischer Logik: Früher galt Politik als Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Interessen und Weltbildern. Parteien stritten über Migration, Wirtschaft, Sicherheit oder nationale Identität. Doch in der neuen Perspektive erscheinen diese Konflikte zunehmend als Symptome emotionaler Fehlentwicklungen. Wähler sind nicht mehr einfach anderer Meinung, nein: Sie leiden an „Ohnmachtsgefühlen“. Sie reagieren “irrational” auf Krisen. Sie werden von „Gefühlspolitikern“ manipuliert. Politik wird so zur psychologischen Diagnose – und der Bürger zum Patienten.
Die moralische Hierarchie der Gefühle
Dabei entsteht eine bemerkenswerte Hierarchie politischer Emotionen. Wut über Migration, Globalisierung oder kulturelle Veränderungen gilt als problematisch. Sie wird als Ausdruck von Angst oder autoritären Sehnsüchten interpretiert. Andere Gefühle hingegen erscheinen als moralisch überlegen. Empörung über Diskriminierung, Sorge um das Klima, Angst vor „dem Rechtsruck“ – diese Emotionen gelten als “demokratisch”. Der Unterschied liegt nicht in der Intensität der Gefühle – sondern in ihrer politischen Richtung. Die eigentliche Schwäche dieser Theorie liegt jedoch an einer anderen Stelle. Denn sie erklärt politische Konflikte vor allem psychologisch. Menschen wählen bestimmte Parteien, weil sie wütend oder frustriert sind. Was dabei oft aus dem Blick gerät, sind reale Interessen und Erfahrungen: steigende Energiepreise, Wohnungsnot, Migration oder der Verlust industrieller Arbeitsplätze.
Für viele Bürger sind das keine abstrakten Emotionen, sondern konkrete Lebensprobleme. Wenn eine politische Wissenschaft diese Probleme primär als Gefühlspolitik interpretiert, entsteht eine Distanz zwischen akademischer Analyse und gesellschaftlicher Realität. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat diese Dynamik bereits vor Jahren mit einem Begriff beschrieben, der in der aktuellen Debatte wieder erstaunlich aktuell wirkt: “Thymos”. In seinem Buch “Zorn und Zeit” knüpfte Sloterdijk an eine alte anthropologische Tradition an. Schon bei Platon bezeichnete „thymos“ jenen Teil der Seele, der für Stolz, Ehrgefühl und Zorn zuständig ist. Politik, so Sloterdijks These, ist immer auch ein Management dieser emotionalen Energien. Moderne Gesellschaften versuchten lange Zeit, diese Energien zu neutralisieren. Der Liberalismus setzte auf Interessen, Märkte und rationalen Ausgleich. Doch die großen politischen Bewegungen der Moderne – von Revolutionen bis zu populistischen Aufständen – lebten stets von thymotischen Energien: vom Gefühl der Missachtung, vom Wunsch nach Anerkennung, vom Zorn über wahrgenommene Ungerechtigkeit.
Sloterdijks Thymos-These
In dieser Perspektive erscheint Wut nicht als pathologische Störung der Demokratie, sondern als eine ihrer konstanten Triebkräfte. Wenn große Teile der Bevölkerung das Gefühl entwickeln, ihre Interessen oder ihre Würde würden ignoriert, entsteht ein politischer Zornspeicher. Parteien, die diesen Zorn artikulieren, fungieren dann gewissermaßen als Ventile. Wer diese Dynamik lediglich moralisch verurteilt, versteht ihre politische Funktion nicht. Erinnern wir uns nur ans Schauspielhaus Bochum, wo am Ende von Tiago Rodrigues’ „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ ein Schauspieler als rechtsradikaler Parteifunktionär einen etwa 15-minütigen Schlussmonolog hält, der eine „extremistische Agenda“ entwirft. Während er spricht, kippt die Stimmung im Saal: erst Pfiffe, Zwischenrufe, dann fliegt eine Orange, zwei Zuschauer stürmen auf die Bühne und versuchen, den Mimen zu packen, bis andere Schauspieler einschreiten. Theaterbesucher, die sich für aufgeklärte Antifaschisten halten, reagieren auf eine Figur der Fiktion mit physischer Aggression.
Dies ist Indiz einer Öffentlichkeit, die durch moralische Dauererregung die Fähigkeit verliert, Konflikt als Konflikt auszuhalten – und stattdessen Gegner als quasi “exekutionswürdige“ Kategorie erlebt. Tatsächlich gehört die Rolle politischer Emotionen zu den ältesten Themen der politischen Theorie. Aristoteles analysierte bereits im Rhetorik-Traktat, wie Redner gezielt Zorn, Furcht oder Hoffnung mobilisieren können. Politik ohne Leidenschaft erschien ihm ebenso unrealis-tisch wie Politik ohne Interessen.
Alexis de Tocqueville beobachtete im 19. Jahrhundert, dass Demokratien besonders anfällig für starke kollektive Gefühle sind. Gerade weil traditionelle Hierarchien verschwinden, reagieren Menschen sensibler auf wahrgenommene Ungleichheiten oder Kränkungen.
Der Streit um die Deutung der Gefühle
Friedrich Nietzsche wiederum beschrieb im Begriff des Ressentiments jene moralische Umwertung, bei der unterdrückter Zorn in moralische Empörung umschlägt. Viele moralische Diskurse moderner Gesellschaften lassen sich in diesem Sinne als sublimierte Formen politischer Leidenschaft lesen. Selbst zeitgenössische liberale Denker wie Francis Fukuyama greifen diese Tradition wieder auf: In seinem Buch “Identity” argumentiert Fukuyama, dass moderne Politik zunehmend von Anerkennungskämpfen geprägt ist – von Gruppen, die Respekt, Würde und Sichtbarkeit einfordern. Vor diesem Hintergrund wirkt Quents Diagnose weniger neu, als sie erscheint. Sie bestätigt vielmehr eine uralte Einsicht: Politik ist immer auch ein Kampf um Anerkennung.
Ironischerweise bestätigt Quents Diagnose dennoch eine wichtige Beobachtung: Politik ist tatsächlich emotional. Doch nicht nur „die Rechte“ arbeitet mit Emotionen. Auch progressive Be-wegungen mobilisieren starke Gefühle: moralische Empörung, Angst vor Klimakatastrophen oder die Vorstellung eines globalen Kampfes gegen Diskriminierung. Der Unterschied liegt lediglich in der symbolischen Sprache. Während populistische Bewegungen mit nationalen Identitäten arbeiten, operieren progressive Milieus mit moralischen Kategorien. Die Emotion bleibt dieselbe. Das Interview mit Quent zeigt deshalb weniger eine Analyse der politischen Lage als einen Konflikt um ihre Interpretation. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Emotionen in der Politik eine Rolle spielen. Das tun sie seit der Antike. Die eigentliche Frage ist: Wer definiert, welche Gefühle legitim sind? Wenn Wut über politische Entscheidungen grundsätzlich als irrational oder gefährlich gilt, während moralische Empörung über politische Gegner als demokratische Tugend erscheint, entsteht eine asymmetrische politische Kultur. Eine Demokratie lebt jedoch davon, dass auch unbequeme Gefühle politisch artikuliert werden dürfen. Denn manchmal ist Wut nicht das Problem – sondern ein Symptom.
- Auf Telegram teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Telegram
- Auf X teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) X
- Auf Facebook teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Facebook
- Auf WhatsApp teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) WhatsApp
- Einen Link per E-Mail an einen Freund senden (Wird in neuem Fenster geöffnet) E-Mail
- Drucken (Wird in neuem Fenster geöffnet) Drucken









4 Kommentare
Soziologen, das sind Leute, die nichts produzieren, was man zum Leben benötigt.
Reine Labertaschen.
Braucht keiner. Können weg.
😜
Den Arsch Deiner Alten braucht auch niemand
@Wut
bei Wut geht es um Emotionen, Manipulation mit Haltung, Meinung und Lüge als Gegensatz zu MINT, Sachlichkeit und Ehrlichkeit !
Echte Demokraten sollten letztes fordern, leider gewinnen mehrheitlich erstere, weil es einfacher ist und man nicht zu selbst denken braucht.
Bertrand Russell, englischer Mathematiker, Philosoph und Nobelpreisträger :
“Viele Menschen würden lieber sterben als denken. Und in der Tat: sie tun es.“
Ausgerechnet J.Spahn (CDU):
Spahn mit Frontalangriff auf AfD: „Betrug am Steuerzahler“
Lautes Durcheinander am Mittwoch im Bundestag. Jens Spahn übte in seiner Rede scharfe Kritik an der AfD. Gegenstand seiner Vorwürfe: Die Vettern-Affäre der Rechtsaußen-Partei.
https://www.focus.de/politik/spahn-mit-frontalangriff-auf-afd-betrug-am-steuerzahler_e73bcc8b-4c1d-4a22-8f3d-c12acee38ee8.html
Zweiklassen-Justiz: Spahn verbrennt rund vier Milliarden – und bleibt straffrei!
https://ansage.org/zweiklassen-justiz-spahn-verbrennt-rund-vier-milliarden-und-bleibt-straffrei/