Zweckoptimistische ifo-Studie: Bildung als Wachstumschance?

Zweckoptimistische ifo-Studie: Bildung als Wachstumschance?

Bildungsnation Deutschland: Projektstaat mit glorreicher Zukunft (Symbolbild:Imago)

Das ifo-Institut wird oft bemüht, wenn es um die deutsche Wirtschaftslage geht. Dann erfährt mal wieder eine Studie große Medienaufmerksamkeit. Das kann natürlich auch nach hinten losgehen. Vor einigen Monaten hieß es beispielsweise, dass Migration nicht zu mehr Kriminalität führe. Das war natürlich falsch und die vorliegende Studie arbeitete vor allem mit Taschenspielertricks, aber nur wenig mit Fakten. Man sollte dies im Hinterkopf behalten, wenn nun eine neue Studie vorgestellt wird, laut der Bildung der wichtigste Faktor für künftiges Wirtschaftswachstum darstellt. Auftraggeber war die Bertelsmann-Stiftung, die eng mit der Regierungspartei CDU personell verknüpft ist und oft die Entscheidungen der Politiker unkritisch mit „unabhängigen“ Studien in ihrer Richtigkeit bestätigte. Die Studie verspricht hohe Renditen, sollte Deutschland sein Bildungssystem reformieren. Oder, wie die Autoren es auf den Punkt bringen: „Wer heute in Bildung investiert, sichert den Wohlstand von morgen.“ Etwas stutzig macht dabei auch, dass teilweise auf die ZDF-“heute-show” verwiesen wird, in der die Kunstfigur Gernot Hassknecht ja auch schon betont hätte, dass Bildung das Land voranbringen könnte. Comedy ist aber nun mal kein Ersatz für Wissenschaft.

Worum geht es genau? Angeblich könne die deutsche Wirtschaftsleistung um 21 Billionen Euro wachsen. Eine Zahl, die zunächst unrealistisch hoch erscheint. Ebenso fällt auf: Es wird zwar von Investitionen ins Bildungssystem gesprochen, deren Höhe aber gar nicht erst beziffert wird. Hoher Nutzen ganz ohne Kosten? Das also sind gleich mehrere Warnsignale, die Zweifel nähren. Dass die Studie wieder nur „wissenschaftliche“ Rückendeckung für die Politik ist, versucht sie gar nicht erst zu verbergen. In ihrer Grundannahme bezieht sie sich auf die Bildungsministerinnen der Länder Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg – Stefanie Hubig (SPD), Karin Prien (CDU) und Theresa Schopper (Grüne) – die zu Beginn des Jahres einen „parteiübergreifenden Impuls für messbare Bildungsziele“ mit dem Titel „Bessere Bildung 2035“ ins Leben gerufen haben. Darin forderten sie, dass deutsche Schüler nicht mehr die Minimalziele verfehlen dürften, während gleichzeitig auch die Spitze gefördert werden solle.

Hypothetisches Szenario

In der vorliegenden Studie selbst findet sich aber nicht im geringsten ein Ansatz dafür, wie man dieses Ziel überhaupt erreichen kann, Dort setzt man stillschweigend voraus, dass das Ziel bereits erreicht wurde und berechnet dann nur, wie sich in diesem hypothetischen Szenario die Wirtschaftskraft entwickeln würde. Sprich: die gesamte Prognose ist nur eine Annahme. So hatte beispielsweise auch Marcel Fratzscher „bewiesen“, dass Flüchtlinge der deutschen Wirtschaft nutzen würden, indem er einfach annahm, dass diese mehrheitlich gut bezahlte Jobs ausüben würden. Und wenn die Sprungkraft des Menschen nur gut genug wäre, könnte er Urlaub auf dem Mond machen. Machen Menschen Urlaub auf dem Mond? Nein? Na, dann war vermutlich die Annahme falsch. Wenn die Studie einfach nur hypothetische Szenarien durchrechnet und diese gar nicht erst prüft, dann kann sie nahezu jede These in den Raum stellen. Und dann ließe sie sich auch in einem einzigen Satz zusammenfassen: Wenn die Wirtschaftsleistung Deutschlands um 21 Billionen Euro steigt, dann steigt sie eben um 21 Billionen Euro.

Aber wie genau kam man nun auf diese Summe? Diese ergibt sich aus der Annahme, dass ein heute geborenes Kind bei Investitionen im Bildungssystem über die Dauer seines gesamten Lebens produktiver sein könnte. Die Summe von 21 Billionen bezieht sich also nicht auf ein einzelnes Jahr, sondern auf die gesamte Zeitspanne von 2025 bis 2105 (80 Jahre, also grob ein Menschenleben). Die riesige Summe schrumpft also schnell auf einen Bruchteil zusammen, wenn man versucht sie in einen jährlichen Zuwachs umzurechnen. Dann sprechen wir nur noch von einem Zuwachs von etwa 260 Milliarden Euro pro Jahr. Sicher, auch das ist eine beeindruckende Zahl, aber warum maskiert man sie mit der künstlich aufgeblasenen Zahl von 21 Billionen Euro? Gemessen an der derzeitigen Wirtschaftsleistung wäre dies übrigens nur noch ein Plus von etwa 6 Prozent. Und eigentlich ist es noch weniger. Denn die Autoren gehen davon aus, dass die Zugewinne bis etwa 2075 nur langsam ansteigen (etwa 6.7 Billionen Euro) und erst danach ein exponentieller Prozess einsetzt, der die Summe bis auf die genannten 21 Billionen Euro bringt.

Viel Schadenfreude

Rechnet man diese erste Phase wieder in einen jährlichen linearen Zuwachs um, landet man bei etwa 130 Milliarden Euro im Jahr, also bei einem Plus von etwa 3 Prozent. Unter Berücksichtigung eines linearen Zuwachses würde vom Startpunkt 2025 an erstmals im Jahr 2032 ein Zuwachs von mehr als 1 Prozent erreicht. Nehmen wir an, dass die Investitionen ins Bildungssystem – über deren Höhe uns ja nichts verraten wird! – einige Jahre lang kosten, bis die Bilanz dann endlich positiv wird, kann man logischerweise auf deutlich niedrigere Zahlen kommen. Natürlich kennen Wirtschaftswissenschaftler exponentielle Prozesse, die auch tatsächlich eintreten. Sie haben aber auch den „Vorteil“, dass sie in der Startphase derart langsam wachsen, dass die Erträge zu klein sind, um sich seriös überprüfen zu lassen. Wenn die vorliegende Studie sich als falsch entpuppen sollte, wird man wohl erst in 30 Jahren erahnen, dass das ehrgeizige Ziel des Jahres 2105 nicht mehr einzuhalten ist.

Erst vor einigen Wochen zirkulierte ein Artikel aus dem Jahr 2015, in dem ein Migrationsforscher betonte: „In zehn Jahren wird man Merkel dankbar sein.“ Nun sind diese zehn Jahre mittlerweile rum und kaum jemand ist der Altkanzlerin für ihre damalige Aufnahme von Flüchtlingen dankbar (abgesehen von den Flüchtlingen selbst, versteht sich). Dass aber im Jahr 2105 eine 80 Jahre alte Studie mit viel Schadenfreude aus dem Archiv hervorgezogen wird, ist dann doch eher unwahrscheinlich. Wenn die ifo-Wissenschaftler falsch liegen, werden sie es also wohl nicht mehr miterleben. Ohnehin ist es mittlerweile gänzlich spekulativ, Vorhersagen über die Zukunft zu treffen, weil die Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz zu grundlegenden Veränderungen der Gesellschaft beitragen können. Bereits der Vergangenheit hatte der Deutsche Philologenverband (DPhV), das konservativere Gegenstück zur linksgrünen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Studien des ifo-Instituts zur Bildungspolitik aufgrund mangelhafter Datengrundlage scharf kritisiert.

Hochloben von Schulversagern

Besonderes Potential sehen die Autoren vor allem in Bremen. Dort ließe sich die wirtschaftliche Leistung um fast das 8-fache steigern. Das ist eine merkwürdige Art zu sagen, dass Bremen das Sorgenkind der Nation ist. Denn nur dann, wenn man unter dem Durchschnitt liegt, kann man sich vervielfachen, wenn man zum Durchschnitt aufschließt. Entscheidend ist aber nicht, dass Bremen nicht genug für Bildung ausgibt, sondern dass dort die bildungsferne Schicht (also auch Deutsche) zu viele Kinder kriegt und dort viele Migranten leben. So hielt Gunnar Heinsohn schon 2010 in der “Welt” fest: „Kein Bundesland lebt seit 1945 linker und fortschrittlicher als Bremen. Reich ist man damals ebenfalls. Heute jedoch werden mit über 40 Prozent – Bremerhaven allein über 50 Prozent – mehr Kinder gleich in die Sozialhilfe geboren als in den anderen Bundesländern. Und nirgendwo wird mutiger mit Erziehungsreformen experimentiert als am Weserstrand. Dennoch belegt das Land in den Pisa-Tests eisern und immer wieder nur den letzten Platz. Und zusammen mit den Berlinern leiden die Hanseaten unter dem höchsten Kriminalitätsrisiko. So leben von 100 Jungen Bremerhavens 2006 über 40 im Archipel Hartz IV. Die aber schaffen 90 Prozent der Jugendkriminalität.

Heinsohn damals weiter: “Wenn irgendjemand in der Welt versucht, den Nachwuchs eingewanderter Schulversager hochintelligent zu machen, dann sind das die Hanseaten. Und doch tritt ihr Scheitern offen zutage. Das bremst ihren Optimismus nicht. Nur noch eine letzte Schippe Geld drauf, und alles werde gut. So verspricht der regierende Bürgermeister, das weitere Versinken der Hanseaten im Leistungsabgrund zu stoppen, wenn er nur von den anderen Ländern mit ‚besseren Sätzen für Kinder bei Hartz IV‘ eine letzte Chance bekomme.“ Auch Thilo Sarrazin hatte sich 2010 in seinem Klassiker „Deutschland schafft sich ab“ der Hansestadt gewidmet: „Obwohl das Verhältnis von Schülern zu Lehrern in Berlin um 15 Prozent günstiger war als im Bundesdurchschnitt, erzielte Berlin neben Bremen die schlechtesten Pisa-Ergebnisse. In zahlreichen öffentlichen Auftritten zu diesem Thema legte ich eine Aufstellung der Ergebnisse als Powerpoint-Folie auf und behauptete, hier sei der klare Beweis erbracht, dass Schulleistungen umso schlechter würden, je mehr Lehrer man auf die Schüler loslasse. Das war natürlich Unsinn, aber es bescherte dem Thema die nötige Aufmerksamkeit und war Teil meiner am Ende erfolgreichen Abwehr aller Versuche, den Berliner Ausstattungsvorsprung bei den Lehrerstellen noch weiter zu vergrößern. Darüber hinaus konnte ich belegen, dass Berlin auch bei den Ausgaben pro Schüler bundesweit mit an der Spitze stand. Das bewies, dass nicht Unterschiede bei den materiellen Inputs ins Bildungssystem für die Unterschiede zwischen den deutschen Bundesländern verantwortlich waren.

Auch Genetik ist ein Faktor

Man kann also nicht einfach beliebig viel Geld ins Bildungssystem pumpen und erwarten, dass die Leistungen besser werden. Bis zu einem gewissen Grad geht das natürlich, dann aber erreichen die Leistungen ein Plateau und können auch bei weiteren Zuschüssen nicht gesteigert werden. Wie hier angemerkt, würde dadurch der virtuelle Effekt entstehen, bei dem es scheinbar so wirkt, dass zusätzliches Geld die Leistungen mindert. Was die ifo-Autoren außerdem – natürlich – vergessen haben, ist, dass Intelligenz eben genetisch bedingt ist. Hat die bildungsferne Schicht zu viele Kinder, werden diese auch im besten Bildungssystem keine großen Sprünge machen können. Und: liegt die Wirtschaft in einer Region erst einmal brach, werden von dort die klügsten Köpfe abwandern, um in stärkeren Gegenden ihr Glück zu versuchen. Auch diesen Effekt beschrieb Sarrazin:
In Schwaben wird es immer mehr Maschinenbau und mehr Unternehmertum geben als in der Uckermark – und damit auch deutlich mehr Wohlstand. Dieser Wohlstand hat Wanderungsbewegungen ausgelöst und dazu geführt, dass die in Schwaben lebenden Menschen durchschnittlich einen höheren Intelligenzquotienten haben als jene in der Uckermark – wenn man glauben kann, was die Tests der Bundeswehr an ihren Rekruten ergaben haben.

Das, was Sarrazin beschrieb, mutet nach dem heutigen wissenschaftlichen Standard, der sich in den vergangenen 15 Jahren etabliert hat, nahezu steinzeitlich an. Wahr ist es trotzdem. Er bezog sich auf eine Erhebung des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, die nunmehr schon über 20 Jahre alt ist. Damals legten die Rekruten noch einen klassischen IQ-Test ab. Und damals zeigten sich eben die beschriebenen Muster, dass in den wirtschaftlich stärkeren Regionen auch die klügeren Menschen lebten. Mittlerweile gibt es ähnliche Studien aus anderen Ländern, die bis hin auf die genetische Ebene gehen – und Sarrazin glänzend bestätigen.

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8 Antworten

  1. Studien von regierungsnahen Stiftungen finanziert bringen merkwürdigerweise stets die Ergebnisse, welche die Regierung in ihrem Handeln bestätigen.
    Der Furzmeister sagt dazu: „Pffrrz!“
    😜

    1. Nun, wir haben doch gelernt:

      Wenn man als Politiker blöd ist dann verbietet man eben dass man das sagen darf.
      Und wenn man merkt dass die Bevölkerung immer dämlicher wird dann schafft man halt die IQ-Tests ab.

      Probleme gelöst.

  2. @“dass Intelligenz eben genetisch bedingt ist. “
    Diese Vermutung habe ich schon länger. Wenn ich so die Ahnen meiner Familie , die meines Weibes die Schwieger Eltern und meiner Enkel so betrachte. da sind schon sonderbare Dinge dabei heraus gekommen.
    Mein Vater war durchaus ein intelligenter Handwerksmeister, aber leider zu stark politisch engagiert gewesen. Seine Eltern waren zwar Arbeiter aber keine Dummköpfe. Aus der Reihe meiner Schwiegerfamilie war da mal ein Verhaltensgestörter. Was sich bei meiner Frau später auch bemerkbar machte. Erwerbsunfähig mit Anfang 40 psychisch bedingt. Hatte vorher Grade mit ach und krach das VHS Abi bestanden. Mein Nachwuchs zeigt auch schon mal Besonderheiten auf. Jetzt haben sich bei meinem Enkelsohn auch Schwächen gezeigt. Die aber bei der Erziehung hätten berücksichtigt werden können. Die Ziele wurden gegen meinem Rat zu hoch gesteckt. Mein Schwiegerkind ist auch recht holprig durch die Schulzeit gekommen.
    Es meinte es könnte niemandem seine Zeugnisse zeigen als ich mal meine zeigte. Noten waren zwar bei mir je nach Fach unterschiedlich. Mintfächer waren immer gut und die Abschlussarbeiten von Facharbeiter bis Dipl. immer eine 1. Beurteilungen waren immer Gut bis sehr gut. So kam es das so manche Organisation in der DDR mir nachlief. Nach der Vereinigung die FDP. Ich hatte aber die Nase voll von der Politik.

  3. „„In Schwaben wird es immer mehr Maschinenbau und mehr Unternehmertum geben als in der Uckermark – und damit auch deutlich mehr Wohlstand………..“

    Ja und dann ziehen merkwürdigerweise „die Schwaben“ (also wenn sie reich genug geworden sind) lieber nach Meck-Pomm, woran das wohl liegt ?
    Keinesfalls natürlich an der jeweiligen ethnischen Zusammensetzung – niemals 😣😣

  4. @Bildung als Wachstumschance?
    da würde ich sagen : Vorsicht !
    In linken Kreisen gilt Einbildung auch als Bildung !

  5. Ein sehr gelungener und wichtiger Beitrag. Nach dem Ausscheiden von Hans-Werner Sinn reiht sich das ifo-Institut unter Clemens Fuest nahtlos in die Einheitsfront der Gefälligkeitsforscher ein. Fuest war sich in der Corona-Zeit nicht mal zu schade um sich der No-Covid-Sekte um Viola Priesemann anzuschließen.

    Bereits die Null-Problem-„Studie“ zur Ausländerkriminalität war eine Frechheit, auf dem Niveau von Prof. Brueckers (IAB) Erzählungen über die hochproduktiven Schutzduchenden angesiedelt.

    Diese Institutionen, allen voran das heimliche Kanzleramt in Gütersloh, haben allesamt mit der Wahrheit abgeschlossen, die interessiert das Faktische nicht mehr, nur noch das Erwünschte und Opportune!
    Diese Institutionen sind Bestandteil des Bilundgsabsturzes.

    So wird statt den Bildungsabsturz zu thematisieren, das herbeiphantasierte Potential thematisiert, das sich daraus ergibt: Je tiefer es geht, je größer das Potential!

    Selbstverständlich können auch Minderbegabte durch Förderung mehr Leistung entfalten. Dem stehen dann aber kulturellen Traditionen entgegen, die ja angeblich eine „Bereicherung“ darstellen sollen.

    Ja, man liest solche Elaborate und dann sitzt man mit einem Lehrerehpaar am Tisch und die erzählen einem dann, wie es wirklich aussieht, mit der Bildung und so …

  6. Hier dann noch die Kritik an eine vergangen ifo-Studie seitens des DPHV. Niemand behaupt es gäbe in Deutschland keine Kritik mehr …

    „Berlin, 14.5.2024 – Mit großer Irritation reagiert der Deutsche Philologenverband (DPhV) auf die aktuelle Studie des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung. In „Ungleiche Bildungschancen: Ein Blick in die Bundesländer“ stellen die Autoren fest, dass Bildungschancen in Berlin und Brandenburg höher seien als etwa in Bayern oder Sachsen. Dabei schneiden Letztgenannte seit Jahren in Leistungsvergleichen wesentlich besser ab als die vermeintlichen Gewinner.“

    https://www.dphv.de/2024/05/14/dphv-kritisiert-aktuelle-ifo-studie-scharf/