
Vor einiger Zeit schrieb ich hier auf Ansage! schon einmal einen Artikel über zwei Bücher, die uns dieser Tage bereichern können. Heute möchte ich diese Reihe mit zwei weiteren Büchern fortsetzen. Das erste davon stammt von einem der bedeutendsten Lyriker und Satiriker der Nachkriegsgeschichte, Robert Gernhardt. Als Lyriker, Zeichner und Satiriker wurde er zu einer der prägendsten und einflussreichsten Gestalten der deutschen Nachkriegs-Satire. Von Anfang 1964 bis Ende 1965 war er Redakteur der Satirezeitschrift “Pardon“ und schuf dort die bis 1976 veröffentlichte Rubrik “Welt im Spiegel“ (WimS). Zunehmende Differenzen mit anderen Redakteuren, die mehr “Politik machen wollten und keinen gesteigerten Wert auf Kunst legten, führten zum Ende seines Engagements bei “Pardon”. Mit einigen seiner Mitstreiter hielten sich jedoch enge Freundschaften. So kam es – nachdem Gernhardt einige Jahre als freischaffender Künstler mit Ausstellungen etwa in Berlin, Frankfurt, Regensburg und Basel verbracht hatte – zur Gründung der “Neuen Frankfurter Schule“ zusammen mit seinen ehemaligen Mitstreitern F. W. Bernstein, F. K. Waechter, Chlodwig Poth, Eckhard Henscheid, Bernd Eilert, Peter Knorr und Hans Traxler.
Im Mittelpunkt der neuen Schule stand die Kunst und nicht die Politik. Als eigenes Publikationsorgan der “Neuen Frankfurter Schule“ wurde die Zeitschrift “Titanic“ aus der Taufe gehoben. Gleichzeitig gründete Gernhardt mit Gleichgesinnten die “GEK-Gruppe“ und schrieb in dieser Funktion viele Gags und (als Co-Autor) Drehbücher zu Otto-Waalkes-Shows und -Filmen. Gernhardt war in den 1960er bis 1980er Jahren eher dem politisch linken Milieu zugeneigt gewesen und verstand sich lange als typischer, “wahrhaftiger“ Alt-68er. Sein inneres Aufbegehren gegen verkrustete Strukturen der Spießigkeit und eine tiefe Skepsis gegen die Obrigkeit (“…unter den Talaren der Muff von tausend Jahren…“), die sich nun gegen die selbst allmählich institutionalisierte und in obrigkeitliche Strukturen drängende 68er-Bewegung wendete, führte Ende der Achtziger Jahre konsequent zu einer weitreichenden Abkehr mit der westdeutschen Linken und zu einer Neupositionierung.
Die Spießigkeit der 68er karikiert
Stellvertretend für diese Abkehr steht das Buch, das ich Ihnen als Empfehlung für den Gabentisch präsentieren möchten: “Es gibt kein richtiges Leben im valschen“ (sic!) aus dem Jahr 1987. Das kleine, schmale und unscheinbare Bändchen, das eher an ein Vokabelheft erinnert, beinhaltet neun satirische Kurzgeschichten. In jeder dieser Geschichten wird die Heuchelei, die Verlogenheit und Impertinenz dieser in autoritäre Strukturen drängenden 68er aufgespießt und karikiert. Nur in einer einzigen Kurzgeschichte – der ersten – mit dem Titel “Umweltbewußtsein“wagt Gernhardt eine Prognose, die im Jahr 1987 wohl eher als Groteske gesehen wurde, sich aber erschreckend schnell der zukünftigen Realität annäherte. Diese dystopische Vision möchte ich nachfolgend als Exzerp und “Appetizer” für die Lektüre des ganzen Büchleins zitieren:
“Weißt du, wem wir beiwohnen? [ …] Etwas ganz Schrecklichem! […] Dem Entstehen einer neuen Moral! […] Weißt du, was das heißt, bedeutet: eine neue Moral? Es bedeutet neue Werte und neue Gesetze, neue Verinnerlichungen und neue Institutionen, neue Sünden und neue Schuldgefühle, neue Päpste und neue Häresien – und wir beide immer vorneweg als Apostel der neuen Umweltmoral, ausgerechnet wir, die wir Jahrzehnte damit zugebracht haben, die Bürde der alten klerikal-bourgeoisen Moral abzuschütteln! Ich aber sage dir: :Es wird kommen der Tag, da werden die Herrschenden diese biologisch-dynamische Öko-Moral zur herrschenden erheben, so, wie sie es einst mit dem Christentum getan haben; in stillgelegten Waschsalons aber werden sich die Altgläubigen und Abtrünnigen sammeln, und sie werden in widerwärtigen Orgien Flaschenleergut in die Biomülltonnen rammen und kompostierbare Abfälle hohnlachend mit Sondermüll und anorganischem Restmüll vermischen, und sie werden beide Entsorgungssysteme lästern, das Holsystem wie das Bringsystem, und sie werden in eklen Gesängen die Getrenntsammlungsverordnung schmähen und einen Götzen anbeten, der wird gemacht sein aus Plastikbeuteln und Einwegflaschen und auf einmal wird die Türe splittern, und es werden eintreten die Häscher der Öko-Inquisition, und sie werden hochrecken ein Kreuz aus Kernseife, zu reinigen die Stätte von dem Frevel, und sie werden Altholz zu Scheiterhaufen schichten, auf das das Gesetz erfüllet werde, das da sagt: -[an dieser Stelle wird im Original durch die Ehefrau unterbrochen…]…“ Jede einzelne dieser neun Kurzgeschichten thematisiert mosaikähnlich jeweils einen Aspekt der realexistierenden linken Lebenslügen. Frei erinnernd an den großen Diether Krebs könnte man zusammenfassend über das Buch singen: “Gernhardt my love!”
Bonhoeffer: An vorderster Front gegen “Deutsche Christen” und Nationale Sozialisten
Das zweite Buch stammt von einer nicht minder faszinierenden Person – dem Theologen Dietrich Bonhoeffer. Er entstammte einer großbürgerlichen Intellektuellenfamilie und entschied sich schon früh dazu, Theologe zu werden. Anfänglich im Laufe seines Studiums sympathisierte er mit der Wandervogelbewegung, aus der er seine spätere weltliche Ausrichtung seiner Theologie herausarbeitete. Er hatte im Rahmen seiner Pfarrerausbildung mehrere Stationen im Ausland zugebracht. So verschlug es ihn in seinem Vikariat etwa nach Barcelona und etwas später zu einem Auslandsstipendiat nach New York. Die Überprüfung seiner ursprünglich traditionellen Theologieauffassung durch neue Blickwinkel aus der Sicht anderer Kulturen und Religionen brachte seine eigene Theologie zur Entfaltung. Diese geistige Entwicklung brachte ihn als einen der führenden theologischen Köpfe in die vorderste Front des Kirchenkampfes gegen die “Deutschen Christen“ nach der Machtübernahme der Nationalen Sozialisten. Bereits am 1. Februar 1933 zeichnete Bonhoeffer im Radio Reflexionen über die Vertreter einer obrigkeitlichen Macht, die er dort “Führer“ nannte und die weitestgehend bis heute universelle moralische Gültigkeit haben:
“Der Führer wird sich dieser klaren Begrenzung seiner Autorität verantwortlich bewußt sein müssen. Versteht er seine Funktion anders, als sie so in der Sache begründet ist […] läßt er sich vom Geführten dazu hinreißen, dessen Idol darstellen zu wollen – und der Geführte wird das immer von ihm erhoffen – dann gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers, dann handelt er verbrecherisch am Geführten wie an sich selbst. Der echte Führer […] muß die Geführten von der Autorität seiner Person weg zur Anerkennung der echten Autorität der Ordnungen und des Amtes führen … Führer und Amt, die sich selbst vergotten, spotten Gottes.“ (DBW 12, S. 257ff.). Die Radioübertragung wurde damals übrigens nach dem letzten Satz kommentarlos abgebrochen.
Analyse über die Dummheit
Über seine theologische Nähe zu Karl Barth und zur “Bekennenden Kirche“ einerseits und über seinen Schwager, Hans von Dohnanyi (Vater von Klaus von Dohnanyi und Christoph von Dohnanyi) andererseits, der ihn mit Wilhelm Canaris, Ludwig Beck, Hans Oster und Karl Sack bekannt machte, avancierte er ab 1936 zu einem wichtigen kommunikativem Bindeglied des Widerstandes gegen das NS-Regime. Ab 1943 wurde er als Gefangener zuerst in Tegel und später – ab Oktober 1944 – ohne Prozess, quasi als persönlicher Gefangener Adolf Hitlers, im Keller des Gestapo-Gefängnisses in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin inhaftiert. In der Haft schrieb er mehrere Briefe, die in einem Buch, dem meine weitere heutige Empfehlung gilt, ab 1949 veröffentlicht wurden: Der Sammelband “Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft” enthält fundamentale Gedanken und beschreibt mit unfassbarer Präzision Vorgänge, die eben nicht nur konkret auf die dramatische zeitgenössische Situation ausgerichtet sind, sondern bestimmte Charaktereigenschaften jeder Epoche und Zeit wiederspiegeln. Die Anthologie ist auch eine Analyse über die Dummheit, das eines der besten Essays beinhaltet, die ich persönlich zu diesem Thema je gelesen habe. Zum “Anfüttern” sei deshalb auch dieser Text – “Von der Dummheit” – im Original nachfolgend zitiert:
“Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.”
“Angeborener Defekt“
Bonhoeffer fährt fort: “Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen. So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse. Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt.
Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden. Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Mißbrauchs. Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können.”
Zeitlose Handlungsmaxime
Und weiter: “Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen. In dieser Sachlage wird es übrigens auch begründet sein, daß wir uns unter solchen Umständen vergeblich darum bemühen zu wissen, was „das Volk“ eigentlich denkt, und warum diese Frage für den verantwortlich Denkenden und Handelnden zugleich so überflüssig ist – immer nur unter den gegebenen Umständen. Das Wort der Bibel, daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei, sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist. Übrigens haben diese Gedanken über die Dummheit doch dies tröstliche für sich, daß sie ganz und gar nicht zulassen, die Mehrzahl der Menschen unter allen Umständen für dumm zu halten. Es wird wirklich darauf ankommen, ob Machthaber sich mehr von der Dummheit oder von der inneren Selbständigkeit und Klugheit der Menschen versprechen.“
Als Abschluss noch etwas Denkwürdiges: Die Schwester Dietrich Bonhoeffers, Christine Dohnanyi, schrieb ihren Kindern Barbara, Klaus und Christoph aus der Haft eine Handlungsmaxime, die uns heute wieder abhanden zu kommen droht: “Tragt keinen Hass im Herzen gegen die Macht, die uns das angetan hat. Verbittert Eure jungen Seelen nicht, das rächt sich und nimmt Euch das Schönste, was es gibt, das Vertrauen.“ Hoffen wir, dass wir selbst einen Weg finden mögen, um nach Corona-“Maßnahmen“, “Kampf gegen Rechts“, “Klima-Notstand“, erneuerter Kriegsgeilheit und ähnlichen Geisteskrämpfen wieder gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Unsere Seelen werden es uns danken!
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