Montag, 17. Juni 2024
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ARD-Bildungsfernsehen: “Korrosion kommt aus dem Griechischen”

ARD-Bildungsfernsehen: “Korrosion kommt aus dem Griechischen”

Geistige Erleuchtung? Beim ARD-“Bildungsfernsehen” eher Fehlzündungen (Symbolbild:Pixabay)

Am vorgestrigen Sonnabendmorgen lief in der ARD eine “Bildungssendung” unter dem Titel “Wissen macht Ah!” Aber ob man da wirklich gebildet wurde? Ab Minute 13:55 enthält die Folge einen Beitrag mit dem Titel “Warum laufen Batterien eigentlich aus?” Im Verlaufe der Erläuterungen kommt der Off-Kommentar auf die Korrosion zu sprechen – und behauptet allen Ernstes über die Wortherkunft dieses Begriffs: “Korrosion kommt aus dem Griechischen.” Diese Aussage zur Etymologie ist natürlich Unsinn: In Wirklichkeit stammt “Korrosion” aus dem Lateinischen. Man hätte es schon an der Endung “-ion” merken können (dazu unten mehr).

Was hier wie eine Nebensächlichkeit oder Lappalie wirkt, die eigentlicher keiner Reaktion wert wäre, stellt sich bei genauerem Hinsehen jedoch – aus gleich mehreren Gründen – etwas anders dar: Schließlich wurde auch diese Sendung von der Allgemeinheit in Form von Gebühren finanziert, von denen wir ja wissen, wie absurd hoch sie sind und wie sie verpulvert werden. Dabei hätte es nicht einmal eine Minute Recherche gebraucht, um die tatsächliche Herkunft des Wortes festzustellen; man verwende zu diesem Zweck ein simples etymologisches Wörterbuch. Obendrein gibt es heutzutage das Internet; insbesondere im “Wiktionary” (Wortspiel aus Wikipedia und Dictionary) lassen sich Unmengen von Wörtern aus Hunderten von Sprachen finden, und zwar oft mitsamt etymologischer Angaben. Es läßt sich nach dem zur Debatte stehenden Wort plus dem Begriff “Etymologie” suchen. Befragt man eine Suchmaschine nach “Korrosion Etymologie“, so führt dies in der Tat zum Wiktionary. Dort wird korrekt auf die lateinische Herkunft des Wortes hingewiesen.

Teamzusammensetzung: Es geht nicht um Kompetenz

Aber vielleicht hätte es das nicht einmal gebraucht. Denn möglicherweise gehört es ja sogar zur Allgemeinbildung oder kann durch diese schnell erschlossen werden, daß Wörter auf “-ion” aus dem Lateinischen stammen. In den letzten paar hundert Jahren benötigten die europäischen Sprachen zur Modernisierung viele neue Begriffe. Da bediente man sich im Lateinischen und Griechischen. Das Lateinische hat ein Suffix (Anhängsel) “-io”, im Genitiv “-ionis”, und dieses enthalten unsere Wörter auf “-ion”. Es gibt derartige Wörter auf “-tion”, “-sion” oder “-ion” mit anderem Buchstaben davor: Motivation, Kondition, Kollision, Direktion, Emotion. Dem deutschen “-tion” entspricht in der Schreibweise englisch, schwedisch und französisch ebenfalls “-tion” (jedoch mit jeweils verschiedener Aussprache), spanisch “-ción”, italienisch “-zione”, polnisch “-cja”. Irgendetwas von den gesagten Dingen hätte jemandem bei der ARD auffallen können, und zwar gerade in einem mehrköpfigen Team.

Es stellt sich jedoch heraus, daß es bei diesem Team anscheinend am wichtigsten ist, daß es sehr “divers” ist: Durch Googlen von “Wissen macht Ah!” gelangt man nämlich unter “Besetzung” an Fotos und Namen der Verantwortlichen – und ja, ich sehe hier einen zwar nur indirekten, aber dennoch klaren Kausalzusammenhang: Mit alten, weißen Männern wäre das womöglich nicht passiert (vielleicht hätte sogar einer von ihnen bereits genügt). Eine weitere Möglichkeit wäre gewesen, sich im Beitrag überhaupt nicht zur Herkunft des Wortes “Korrosion” zu äußern. Für den Zusammenhang dort war es nicht unbedingt wichtig zu wissen, woher das Wort kommt.

Kein Einzelfall

Die “alternative Herkunftssprache” für das Wort Korrosion ist keineswegs das einzige Beispiel für das, was uns in den letzten Jahren in öffentlich-rechtlichen Sendern zunehmend so alles erzählt wird, aber leider nicht zutrifft –  und dabei sind nicht einmal die bewußten Falschinformationen gemeint (etwa bei stark nach unten “abgerundeten” Teilnehmerzahlen von Demos) – sondern schlichte Schludrigkeiten und “Versehen”. So wurde unlängst in einer ZDF-Sendung behauptet, Bienen bestäubten Getreide. Diesen Fehler hätte ich, ehrlich gesagt, selber nicht bemerkt. Hätte ich aber die Verantwortung für die Sendung getragen, hätte ich versucht sicherzustellen, daß sich Derartiges nicht einschleicht. Man kann nicht alles wissen – aber man kann sich geschickter organisieren. Wenn alternative Netzmedien diesen Fehler thematisierten, dann kann auch ich das mit dem “Korrosions-”Fehler tun, bei dem mir fast die Ohren wegflogen.

Um nicht mißverstanden zu werden, sei Folgendes unbedingt hinzugefügt: Ich nehme privat niemandem übel, wenn er nicht weiß, woher ein Fremdwort kommt. Die Sache mit dem Bestäuben von Getreide hätte ich, wie oben ja zugegeben, selber nicht gewußt, und so gestehe ich auch anderen zu, einiges nicht zu wissen. Manch ein Handwerker würde weder die Herkunft des Wortes “Korrosion” noch die Sache mit dem Getreide beantworten können – aber er dafür kann vielleicht die Toilette in der Stadtbücherei reparieren, was viel wert ist. Und so soll eine Gesellschaft sein: Jeder hat irgendwo seine Stärken, und jeder hat – hoffentlich – eine Ausbildung gemacht, mit deren Kenntnissen er nun zur Gesellschaft etwas beitragen kann. So ergänzt man sich.

Bildung als Rohstoff verstehen

Im diskutierten Fall sind, wie oben ausgeführt, aufgrund der Gebühren gigantische Mengen an Geld im Spiel, und es handelt sich vorgeblich um eine “Bildungssendung”. Da darf man sehr wohl etwas mehr erwarten. Aber allesamt waren sie in der Redaktion wohl zu naiv, um auch nur skeptisch zu werden, und so brachte man nicht einmal die eine Minute für die Recherche auf. Die Angelegenheit “Korrosion” wäre nicht der Rede wert, wenn es sich um einen Einzelfall handelte, aber das ist eben heutzutage nicht der Fall. Dabei ist Deutschland auf Bildung angewiesen: Unser Land hat keine Rohstoffreserven wie die Weiten Sibiriens, sondern wir brauchen unsere Köpfe. Durch Bildung, Wissen und Ingenieurskunst ist Deutschland einmal stark geworden. Zur Zeit ist Sprachwissenschaft sogar recht wichtig, weil sie beispielsweise in KI-Programmen – wie aktuell ChatGPT – benötigt wird.

Lateinisch und Griechisch werden öfter mal verwechselt. Daher hier noch ein paar praktische Tips: So, wie (siehe oben) Wörter mit “-ion” so gut wie immer lateinisch sind, gilt das ebenso für Wörter, die mit “kon-”, “kom-”, “kol-” und “kor-” beginnen, zum Beispiel Konzept, kompliziert, Kollektiv, korrigieren. Darunter fällt auch Korrosion, wörtlich in etwa so etwas wie “Zernagung“. Fremdwörter mit Schreibweisen mit “ph”, “th”, “ch” und “y” (sofern in der Aussprache “ü”) sind dagegen meistens aus dem Griechischen, und ebenso solche, die mit “ps-” anfangen wie “psychisch”, “pseudo-”. Bei einem v im Wort hingegen scheidet Griechisch so gut wie immer als Möglichkeit aus (eine Ausnahme ist etwa Evangelium, weil dieses Wort einmal durchs Lateinische hindurchgegangen ist.)

18 Antworten

  1. Der Fernsehredakteur von heute ist doof wie Holz und kann nicht richtig schreiben, denken oder sprechen ABER er hat die richtige Gesinnung!

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  2. @“KORROSION KOMMT AUS DEM GRIECHISCHEN”
    Ja – und “Demokratie” auch – und in seiner Ursprungsbedeutung heiß es wohl so sinngemäß : “Herrschaft des Abschaums” !
    Da finde ich es schon interessant, wie viele Leute sich damit legitimieren, “Demokraten” zu sein !

  3. Warum sollte das jemanden stören? Die “Auf-dem-Smartphone-wisch”-Generation doch eh nicht, die wissen nicht einmal was Wissen ist, wenn die was sagen wollen wischen sich dann eben Wiki.

    Korrosion ist der Zustand unserer Zivilisation.

    Und das Fernsehen hatte noch nie den Zweck der Bildung. Außer in den 1960ern mal, da gabs Sendungen wie Telekolleg. Ach was waren das für Zeiten.

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  4. Ob griechisch oder latein, für die Systemlinge macht das keinen Unterschied, Hauptsache Klappe aufreissen und Dünnpfiff von sich geben. Der ganz normale Wahnsinn von Irren.

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  5. Mit der Bildung – richtiger und berechtigter wäre ja das Thema Allgemeinbildung -, ist es in Deutschland nicht gut bestellt! Da wird die Luft nach oben in Deutschland immer höher, weil das Niveau immer mehr sinkt. Das hat durchaus unterschiedliche und mehrere Ursachen: Kaum ein Interesse der Politik an Bildungsfragen – siehe Ausstattung mit Personal oder Material auf allen Ebenen. Professionales Gejammere dann jährlich auf hohem Niveau bei fehlenden Schulabschlüssen, fehlenden Bewerbern für Ausbildungsstellen oder nur noch teilgebildeten Studienanfängern.

    Die mediale Verblödung und Oberflächlichkeit bei der Jugend – wer „surft“, bliebt stets und beständig auf der Oberfläche und gelangt in keine Tiefen. Nicht einmal die Fische nimmt er noch zur Kenntnis! Viel „herum-gedaddelt“, jederzeit und allerorten – nichts, was über den eigenen Bezug hinausgeht, ist noch von Interesse, nichts wird gewusst, nichts wurde gelernt, nichts wird verstanden.

    Und zum anderen kommen dann die eingereisten Bildungsverflacher hinzu. Kinder, die in ihren Elternhäusern lediglich „ausländisches Wissen“, einschließlich mit dortiger Sprache erzogen werden und im „Lebe-Land“ Deutschland sprachlich kaum zurecht kommen und nicht nur selbst, sondern eben auch die noch anzutreffenden deutschsprachigen Kinder ihrer Muttersprache durch eigene Sprachgestaltungen „entwöhnen“ und nach unten ziehen.

    Hat der Autor auch eine Antwort auf unser “V”, das er anspricht? Das “Fau” gibt es schließlich sprachlich überhaupt nicht. Entweder sprechen wir “W” oder “F” – Wase oder Fogel.
    Auch das “Y” (Üpsilon) ist so ein undeutscher Kandidat. Ich kenne nur Leute, die “Ü” sprechen können. “Y” habe ich noch nie einen sagen hören …

  6. Und hier noch eine Rechtschreibkorrektur von der Handwerkerfront: Tips ist englisch. Im Deutschen heißt es Tipps.
    Das ZDF-Team nenne ich von nun an “Team Bildungslücke”.

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  7. Es sind ja nicht nur die Zwangsgebühren, da sind ja auch noch reichlich Werbeeinnahmen die den Verblödungsapparat finanziell über Wasser hält. Neulich im ÖRR: “Am Mittwoch haben wir erstmals 27 Grad. Da steigt dann wieder die Waldbrandgefahr.” Das sagt doch alles.

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  8. Da nirgendwo steht, dass “Korrosion” aus dem Griechischen kommt, haben die sich das schlicht und einfach selber ausgedacht und halten sich für derart besonders und befähigt, dass sie beim Raten niemals falsch liegen, im Studium hat es ja auch geklappt. Ist natürlich auch sonst keinem aufgefallen.
    Die würden nun sofort losplärren: “Fehler sind menschlich, wer hat noch keinen…”usw. usf..
    Antwort: “Ja, Fehler sind verzeihlich, Dummheiten eher weniger!”

  9. Der Korrosions-Lapsus ist ein gelebtes Beispiel für die Diktatur des Proletariats.
    Falls die Ausnahmegenies der Sendung mitlesen: Bei euren tollen Fähigkeiten reichen sicher zwei bis drei Tage oder Monate googlen aus, um den Sinn dieser Aussage zu verstehen.

  10. Es ist halt auch der Glaube, dass man sich Wissen wie aus LEGO-Bausteinen einfach zusammen bauen kann. Hier ein Wissens-Häppchen und dort eines und der Glaube an die eigene Bildung ist fertig. Wissen kann auch in Teilen nur über die Generationen vermittelt werden. Es gibt Wissen, das nicht verschriftlicht worden ist und ich halte es inzwischen mit Pythagoras, der sein Wissen nur an “Würdige” weiter gegeben hat.

  11. Nicht weiter verwunderlich. Das Bildungsniveau unserer Journalisten (Print und TV) sinkt rapide. Neben immer schludriger werdender Sprache, wie Ausdruck und Rechtschreibung, kommt ja noch die lächerliche Genderei dazu, bei der sich unsere Fernsehjournalisten besonders traurig hervortun, wobei sie sich der Lächerlichkeit sicher bewusst sind, aber im vorauseilenden Gehorsam ……..
    Das Ganze ist leider der Ausdruck dessen, was heute fälschlicherweise “Haltung” genannt wird, wobei, das was unsere Journalisten darunter verstehen, eigentlich billigster Opportunismus ist. Sicher spielt auch hier die ständig sinkenden Anforderungen auf den weiter führenden Schulen eine Rolle; schließlich kommt es ja nicht darauf an, Intelligenz zu fördern, sondern Massen von Abiturienten zu produzieren, die dann ihre Unfähigkeit spätestens auf den Unis einsehen müssen (oder dort durchgeschleppt werden).

  12. “Warum laufen Batterien eigentlich aus?”

    Wer das Wort eigentlich verwendet, der zeigt nur, dass er keinen großen deutschen Wortschatz besitzt.

    “Warum laufen Batterien aus?”

    Klingt schon ganz anders, oder?

    “Warum laufen Batterien überhaupt aus?”
    “Warum laufen Batterien bloß aus?”
    “Warum laufen Batterien denn aus?”

    Es sind klare Worte ohne Verwaschung. Eigentlich ist ein Wort, dass als Platzhalter für ein richtiges Wort dasteht. Sätze ohne eigentlich schulen das Gehirn.