Hilfe, mein Tipi ist rassistisch!

Im Zeltlager des woken Wahns (Symbolbild:Pixabay)

Vielleicht hatte derjenige, der den Shitstorm gegen den Ravensburger Verlag initiiert hat, eine ebenso Karl-May-vernarrte Schulfreundin wie ich: Ihre Videokassette von „Winnetou 3“ wies schon deutliche Gebrauchsspuren auf, da sich der Häuptling der Apachen mit der Rückspultaste zuverlässig wieder zum Leben erwecken ließ. Damals war es durchaus noch nicht selbstverständlich, ein VHS-Gerät zu besitzen, und es wurde eifersüchtig gehütet. Wenn durch die Eltern eine Winnetou-Pause angeordnet wurde, gab es auch noch die Schallplatte mit der Filmmusik. Derselbe Komponist schuf übrigens auch die Melodie des „Traumschiffs”.

Jener Ritter der Gerechtigkeit, welcher den Verlag zur eilfertigen Reue und der Erklärung brachte, den „jungen Häuptling Winnetou“ aus dem Sortiment zu nehmen, handelte also eventuell nicht ganz uneigennützig. Das ist natürlich wieder reine Spekulation von mir – aber ich stellte mir vor, wie der Zensor seine gesamte Internetblase zum Schreiben von Protestmails motivierte, um eine breite Welle der Empörung zu simulieren. Die Normalbevölkerung findet es nämlich einigermaßen albern, ein harmloses Jugendbuch aus dem Verkehr zu ziehen – da ist mit derlei Boykottaufrufen kein Blumentopf zu gewinnen.

Winnetou 4 – auf der Bio-Bison-Ranch?

Darüber hinaus kann ich mir auch nicht vorstellen, dass in den USA die Straßen von weinenden Ureinwohnern gesäumt werden, welche den Gedanken an einen in Deutschland ersonnenen Apachen-Häuptling nicht ertragen können. Im Gegensatz zu den Angehörigen der Religion des Friedens versammeln sich Indianer gewöhnlich nicht zur Bücherverbrennung. „Grabt das Kriegsbeil aus – die Europäer haben Manitu lächerlich gemacht!“ – das wird man von ihnen nicht hören. Da käme eher John Wayne an den Marterpfahl, wenn er noch unter den Lebenden weilte.

Winnetou kann sich aus Sicht des guten Deutschen allerdings nur noch der Verdammnis entziehen, indem er sich zur Squaw erklärt oder endlich Old Shatterhand heiratet. Oder besser beides auf einmal. Dann handelt „Winnetou 4” vom gemeinsamen Aufbau ihrer Bio-Bison-Ranch, bei dem sie sich beide unglücklich in die Transtierärztin „Flauschige Feder“ verlieben. Oder sie verkaufen nachhaltig hergestellte indigene Kleidung aus Öko-Hanf.
Wenn das so weitergeht, werden wir uns bald wirklich nur noch Dokumentationen über die Herstellung von Käse anschauen und Bücher über die besten veganen Rezepte lesen dürfen. Für etwas Abwechslung kann man sich unter einem Vorwand die Schulbücher der Nachbarskinder ausleihen. Mit spannenden Geschichten über Kolonialismus und einer Menge Schaubildern zu allen Spielarten der Sexualität. Wo sonst kann man sich noch guten Gewissens Lederkleidung anschauen? Schon die Jüngsten bekommen stärkeren Tobak vorgesetzt, als wir Erwachsenen uns anschauen dürfen, damit sie zu woken Gutmenschen heranwachsen, deren provokantestes Buch im Regal die Biographie von Annalena Baerbock ist.

(Screenshot:Twitter)

Damals wurde ich oft schräg angeschaut, weil ich „Jungsbücher“ las statt Internats- und Ponyhofgeschichten. Aber wenn ich bedenke, dass man heute deshalb gleich an meiner Geschlechtsidentität zweifeln würde, erscheint mir das im Nachhinein als eher harmloses Hindernis. Meine liebste Jugendbuchserie verstand sich damals als antirassistisch, heute würden Tugendwächter die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Selbst mir fiel auf, dass sich hier oft Klischees aneinanderreihten: Der Oberschurke war ein amerikanischer General, sein chinesischer Gegenspieler ein weiser, dichtender Philosoph – und das, obwohl die ersten Bücher noch zu Maos Lebzeiten erschienen. Afrikaner und Zigeuner hatten stets Rhythmus im Blut, erledigten aber ihre Jobs als Piloten mit Bravour. Später gab es auch noch eine fesche polnische Astrophysikerin und einen italienischen Koch, der jedes Gericht nach einem Komponisten benannte. Hat mich das davon abgehalten, die Bücher zu lesen? Natürlich nicht, ich wollte schließlich wissen, in welche Schwierigkeiten „meine Crew“ nun wieder gerät und ob sie die Welt rettet. Manchmal gelang das nur teilweise, denn auch diese Buchreihe ging mit der Zeit: Irgendwer hatte die wenig intelligente Idee gehabt, Atommüll im Kilimandscharo einzulagern und der Abtransport zur Sonne ging schief. In den Achtzigern fanden wir es sehr aufgeklärt, über so etwas zu schreiben.

Allerdings frage ich mich oft, warum es in Deutschland so leicht ist, mit Zensurfantasien durchzukommen. Es ist das eine, ein bestimmtes Werk furchtbar zu finden und seine Meinung dazu kundzutun. Das ist vollkommen in Ordnung, man muss etwas auch schrecklich finden und mehr oder minder berechtigte Kritik äußern dürfen. Etwas anderes ist es, ein Werk deshalb unzugänglich machen zu wollen.

Ungleich verteiltes Engagement

Die Frage aller Fragen jedoch dreht sich darum, warum Veranstalter und Verlage im Nu vor organisierter Empörung einknicken. Und warum wirkte der Protest bei der diesjährigen documenta erst so spät, während der arme Winnetou der politischen Korrektheit geradezu begeistert geopfert wird? Der Verlag hätte einfach nur darauf verweisen müssen, dass es sich beim jungen Häuptling nicht um ein ethnologisches Fachbuch handelt, sondern um eine Abenteuergeschichte.

Seit langem schon bin ich der Auffassung, dass der Grad von Empörung sich in Deutschland daran orientiert, welches Ziel der Empörte wirklich verfolgt. Die Vermeidung allgemeiner Diskriminierung kann es nicht sein, dazu ist das Engagement zu ungleich verteilt. Derzeit ist es sehr angesagt, sich mit den Spätschäden des Kolonialismus zu beschäftigen, aber da die indigenen Ureinwohner Amerikas eher von Konservativen geliebt werden – übrigens auch nicht immer ganz uneigennützig – spielen sie dabei nur eine untergeordnete Rolle. Sonst müsste es im Zuge der derzeitigen „woken“ Filmkultur gerade sehr beliebt sein, Indianer auf der Szene erscheinen zu lassen. Die Drehbücher für Filme, in die Schwarze „eingebaut“ werden, stammen schließlich häufig ebenfalls aus der Feder von weißen Schreibern. Das stellt seltsamerweise kein Problem dar. Wenn Winnetou wenigstens von Old Shatterhand erschossen worden wäre – daraus hätte man etwas machen können! So ein weißer Schurke geht immer. Aber echte Freundschaft zwischen einem Europäer und einem Indianer – das ist den Gutmenschen dann wohl doch suspekt…

17 Kommentare

  1. Vielleicht sollte jemand diesen Aktivisten beibringen, dass Winnetou wohl in den Romanen ein Apache ist, aber die Apachen von May absolut nichts mit den echten Apachen zu tun haben!
    Die echten Apachen lebten zu Winnetous Zeiten in festen Häusern aus Stein anstatt im Tipi, trugen gewebte Kleindung anstatt Winnetous Lederfetisch und betrieben Ackerbau.
    Unsere Edelaktivisten echauffieren sich über eine reine Fantasiefigur in einer Fantasieumgebung. Das ist schon abstoßend dumm und unwissend.

    • Unsinn, Apachen waren Prärieindianer. Jäger, Krieger. Ist aber in Verbindung mit Karl May egal. Ihm ging es um Antirassismus, Antikolonialismus, Pazifismus. Und romantisiertes Edeltum der Indianer, also genau das richtige für ein Jugendbuch. Hoch lebe Karl May.
      PS: für seine Bücher über Arabien nahm er enorme Anleihen bei den Reisebeschreibungen von Fürst Pückler (dem vom Pückler-Eis und Muskauer Park), der dort mehrere Jahre auf Wanderung war . Damit ist speziell bei diesen Büchern Realismus gesichert.
      Nochmal: ein Hoch auf Karl May!

  2. Auf die Taliban zeigen sie mit dem Finger, selber sind sie aber genau so schlimme „Sittenwächter“. Nur eben am anderen Ende der Skala.
    Zitat aus dem Artikel: „Der Verlag hätte einfach nur darauf verweisen müssen, dass es sich beim jungen Häuptling nicht um ein ethnologisches Fachbuch handelt, sondern um eine Abenteuergeschichte.“
    Hätte nichts gebracht bei einer Gesellschaft, die Spongebob für eine Unterwasser-Tiefsee-Dokumentation hält. Wer was anderes behautet, ist ein Nazi.

  3. Na ja ,vielleicht handelt es sich bei der Aktion nur um eine geschickte Werbekampagne.Ohne den Zirkus wüßte niemand daß es das Buch überhaupt gibt.Und jetzt kaufen es alle bevor es eingestampft wird.So billig kriegt man Werbung sonst nicht.

  4. Ich bin zu DDR-Zeiten zur Schule gegangen. Und wir haben, ich glaube in der 5. Klasse, das Buch von Ludwig Renn „Der Neger Nobi“ gelesen. Darauf bin ich heute noch stolz.

  5. Zu Causa: Meiner Einer muss mal Partei für ‚DIE Deutschen’ ergreifen. ‚DIE Deutschen’ werden in den Medien von einer 15% Partei verarscht!!, die sich die Hoheit in den Medien gesichert hat! Was dort täglich, um nicht zu sagen stündlich vom Stapel gelassen wird, ist die Meinung der Messerverdienenden, deren Anführer dem Volk auch noch einen Würgerdialog aufgenötigt hat.

  6. Am Anfang stand „Refugees welcome“.
    Dann die Verehrung der Schwedin Greta und das Hüpfen ums Klima.
    Von dort dann direkt von Black Lives Matters abgelöst.
    Inzwischen müssen sie
    auch noch ihr beklopptes Arafattuch widerwillig durch die ukrainische Fahne ersetzen.
    Und nun sind Rastas…
    Bessermensch sein ist eben schon sehr anstrengend.

  7. „Woke“ Filmkultur – da schau ich mir doch lieber 180 min. „Das Liebesleben der Weinbergschnecke“ an ! Dieses Bevormundungskino / Fernsehen kann mir mal schön die Ruhe lassen !

  8. Nach N word, Z word F word nun das I word Ein weiteres Word mit I ? Alles Idioten!

    Wenn das so weitergeht im Buntland koennen die Wokisten froh sein, wenn, sie noch 400 seitige Schmoeker von Karl May in ihren dunklen Wohnungen finden.
    Ist doch nett und so romantisch sich und den Kindern bei Kerzenlicht, die langen kalten Winterabende mit Lesen bzw. Vorlesen zu vertreiben, da den Smarphones, PC“S ,TV’s der Saft ausgegangen ist.
    Da helfen auch Annalena’s Kobolde nicht, die sind schon laengst abgehauen.

  9. ZITAT: „Jener Ritter der Gerechtigkeit, welcher den Verlag zur eilfertigen Reue und der Erklärung brachte, den „jungen Häuptling Winnetou“ aus dem Sortiment zu nehmen, handelte also eventuell nicht ganz uneigennützig.“

    Und ich wette, der Typ ist unkreativ und hat selbst noch nichts von Bedeutung erschaffen. Weder eine schöne Melodie noch irgendeine fortschrittliche Technik.

  10. ZITAT: „Allerdings frage ich mich oft, warum es in Deutschland so leicht ist, mit Zensurfantasien durchzukommen.“

    Ich vermute, das Problem liegt woanders. Für mich lautet die Frage: Was ist der Grund dafür, dass immer wieder eine Spirale der abnehmenden Toleranz bis letztlich zur totalen Intoleranz entsteht? Die führt meiner Meinung nach dazu, dass immer mehr Leute versuchen, anderen ihren Willen aufzuzwingen. Zensur ist so ein Versuch.

  11. Winnetou, Mohren–Apotheken, dies das Ananas …
    Aber in Tolkiens Werk gibt es auf einmal dunkelhäutige Zwergenkönnigen und lesbische Elben, oder so ähnlich?
    Ja klar, ihr seid gute Menschen.

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