Montag, 24. Juni 2024
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Kompass defekt? Kalibrieren hilft!

Kompass defekt? Kalibrieren hilft!

Orientierung verloren? Neuausrichtung hilft! (Symbolbild:Imago)

Schon seit dem 11. Jahrhundert, als chinesische Seefahrer den magnetischen Kompass entdeckten, wusste man: Falls dieser einmal nicht nach Norden zeigt, hilft (Neu-)Kalibrieren. Heute kennen das auch die Benutzer von Kompass-Apps auf Smartphones und Handys. Doch was für einen Kompass gilt, erweist sich zuweilen auch im gesellschaftlichen und politischen Diskurs als hilfreich: Manchmal ist es durchaus notwendig und sinnvoll, auch einmal die eigenen Ansichten und Meinungen zu kalibrieren. Die Schwierigkeit jedoch liegt darin, festzustellen, ob eine Kalibrierung notwendig ist. Das setzt Hinterfragung und Fähigkeit zur Selbstkritik voraus.

Vorab muss ich bekennen, dass ich ein absoluter Verfechter und Befürworter der Maxime des „alten Fritz“ bin, Friedrich des Großen von Preußen (1712-1786), der einst verfügte, in seinem Staate möge jeder “nach seiner Façon selig werden” – womit er die unbedingte Religionsfreiheit proklamierte. Gleichzeitig gehöre ich zu der Mehrheit des schweizerischen Volkes, welches am 29. November 2009 in einer Volksabstimmung – gegen den Willen von Regierung und Parlament – durchgesetzt hat, dass in der Schweiz keine Minarette gebaut werden dürfen. Wie passen denn nun diese – auf den ersten Blick widersprüchlichen Ansichten – zusammen? Muss ich mich etwa hier hinterfragen, neu kalibrieren?

Nach wie vor für Minarettverbot

Die Antwort lautet in diesem Fall: Nein! Meine Begründung für dieses Minarettbauverbot lag nicht in mir und der Mehrheit der untergeschobenen Ablehnung der Religionsfreiheit, sondern eben in der Gleichbehandlung aller Religionen. Unsere Devise damals war ganz klar: Solange es Christen nicht gestattet ist, die heiligen Stätten des Islam in Saudi-Arabien, in Mekka und Medina, auch nur zu betreten geschweige denn dort zu beten oder gar eine Kirche zu bauen, so lange gibt es in der Schweiz auch keine Minarette (wichtig ist an dieser Stelle der Hinweis, dass die damals in der Schweiz gebauten Moscheen und Minarette praktisch ausschließlich mit saudi-arabischen Mitteln finanziert wurden).

Hingegen sehe ich in Gesellschaft und Politik, gerade in Deutschland, durchaus so einige „Kompass-Einstellungen“, die im Hinblick auf notwendige Kalibrierungsmaßnahmen dringend überprüft werden sollten. Da ist beispielsweise die Problematik des zurzeit auflodernden Antisemitismus: Großmehrheitlich wird in der Gesellschaft das Judentum mit dem Staat Israel gleichgesetzt. Der derzeitig andauernde Gaza-Krieg mit seiner ganzen Brutalität trifft auch hier in Deutschland die jüdische Gemeinschaft mit voller Wucht. Die von Deutschland verkündete „Staatsraison“, wonach die Unterstützung des Staates Israel oberste Priorität genießt, erweist sich hier als Boomerang, der die jüdische Gemeinschaft unvorbereitet trifft. Diese Staatsraison, entstanden als Reaktion auf die Verbrechen des Dritten Reiches, muss heute als kontraproduktiv und als Fehler bezeichnet werden. Sie sollte der jüdischen Glaubensgemeinschaft gelten, jedoch nicht dem politischen Staat Israel und noch viel weniger der zionistischen Bewegung. Die Gleichsetzung von jüdischer Gemeinschaft und dem Staat Israel muss dringend neu kalibriert werden.

Staatsraison mit Blick auf Israel neu überdenken

Auch bedingt durch diese Vermengung ist nun ein völlig untypischer muslimischer Antisemitismus entstanden. Die jüdische Geschichte zeigt, dass Fehden oder gar Pogrome zwischen Juden und Muslimen bis Anfangs des 20. Jahrhunderts kaum existent waren, im Gegensatz zu Christentum und Juden. Auch aus meiner Sicht ist es absolut notwendig, die jüdische Gemeinschaft mit der vollen Macht des Staates zu schützen und den Antisemitismus zu bekämpfen. Ebenso muss jedoch auf staatlicher Ebene die Staatsraison gegenüber dem Staat Israel neu kalibriert werden, wenn Deutschland seinen Ruf als strikter Verfechter des Völkerrechts behalten will. Es ist unbestritten: Das Pogrom vom 7. Oktober 2023 durch die Terrororganisation Hamas ist auf das Schärfste zu verurteilen. Diese Organisation muss vernichtet und die Schuldigen müssen bestraft werden. Genauso unbestritten ist jedoch, dass die militärischen Aktionen Israels mit seinen inzwischen mehr als 31.000 Toten und das langsame Aus- und Verhungern von mehr als zwei Millionen Palästinensern im Gazastreifen unverzüglich gestoppt werden müssen.

Die Begründung für dieses völkerrechtliche Verbrechen, dass die Hamas nur auf diesem Wege gestoppt werden kann, wird oder wurde bereits durch den Staat Israel selbst widerlegt. Es gäbe andere, zielgenauere Möglichkeiten. Nach dem Attentat auf die Olympischen Sommerspiele in München 1972 durch die Terrororganisation „Schwarzer September“ rief die damalige Ministerpräsidentin von Israel die „Operation Zorn Gottes“ ins Leben. Im Rahmen dieser Operation wurden die Verantwortlichen für dieses Verbrechen durch den israelischen Geheimdienst Mossad liquidiert und die Organisation „Schwarzer September“ vernichtet.

Eindämmung des heutigen Antisemitismus

Ob eine derartige Operation heute in ähnlicher Form durchgeführt werden könnte, vermag ich nicht zu beurteilen. Die damalige Situation jedoch zeigt auf, dass es auch in unmöglich scheinenden Situationen Alternativen gibt. Niemand hätte damals geglaubt, dass es Israel schaffen würde, die Verantwortlichen zur Strecke zu bringen. Daher ist es nur konsequent und logisch zu verlangen, dass auch in diesem Konflikt mit Augenmaß gehandelt wird.

An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass eine Intervention seitens des Zentralrates der Juden in Deutschland bei der israelischen Regierung sehr hilfreich gewesen wäre und so möglicherweise den hiesigen Antisemitismus hätte etwas eindämmen können. Das bisherige Verhalten und Sich-Positionieren der deutschen Regierung ist jedoch mehr als bedenklich zu bezeichnen. Die lauwarmen Aufrufe zur Mäßigung, das Sich-Widersetzen gegenüber den UN-Resolutionen, schädigen das Image von Deutschland vor allem bei den Partnern des globalen Südens und auch bei den EU-Mitgliedern. Wie lange will sich Deutschland dies noch antun? Wäre es nicht angebracht, hier eine Kalibrierung vorzunehmen?

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HINWEIS IN EIGENER SACHE: Auf Ansage! schreiben Autoren mit unterschiedlichen und teils konträren Meinungen zu hochumstrittenen Themen wie Nahostkonflikt und Ukrainekrieg. Die Sichtweise einzelner Autoren entspricht daher nicht der der Redaktion.

5 Responses

  1. Lieber Walter Revilloud, ich tendiere inzwischen zu Ihrer Sichtweise bezüglich der Toten, deren Mißverhältnis schon sehr ins Auge sticht. Max Erdinger hatte schon vorher klar dazu Stellung bezogen.

  2. In einem Kommentar unserer Mainstream-Tageszeitung wird Nethanjahu doch tatsächlich als rechtsextrem bezeichnet. Wir kooperieren also mit einem rechtsextremen System, wo wir bei uns mit der Afd nichts zu tun haben wollen. Es zeigt sich, dass allenthalben der Kompass verloren gegangen ist, weil nicht mehr zwischen Staat und amtierender Regierung, die mehr oder weniger tauglich ist, unterschieden wird. Unsere Innenministerin will die Delegitimierung des Staates verbieten, wobei sie jede Kritik an ihrer Person unterbinden will. Es ist ein heilloses Durcheinander.

  3. Sobald die Hamas aufhört, Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu benutzen, kommen im Gazastreifen keine Zivilisten mehr zu Schaden, so einfach ist das. Was ihnen selbst übrigens gar nicht gefallen würde, da es für Moslems bekanntlich das Höchste ist, im “Heiligen Krieg” gegen die “Ungläubigen” den Märtyrertod zu sterben. So aber opfert die Hamas weiterhin die eigenen Leute, man kann sich weiterhin als Opfer aufspielen und sich über die völlig verblödeten Kuffar kaputtlachen, die sich so kinderleicht und bereitwillig für dumm verkaufen lassen.

    Die haarspalterische “Differenzierung” zwischen dem jüdischen Volk und dem Staat Israel ist ekelhaft. Israel ist die Heimat des jüdischen Volkes. Der “Nahost-Konflikt” endet, sobald die moslemische Welt ihre Totalvernichtungsphantasien gegenüber dem jüdischen Volk aufgibt. Währenddessen wird von Israel allen Ernstes verlangt, um Erlaubnis zu fragen, ob und wie es sich gegen seine Vernichtung wehren darf.

    Israel macht im Nahen Osten aus purer Überlebensnot für die gesamte zivilisierte Welt die dringend notwendige Drecksarbeit. Selbstgefällige, verweichlichte Schreibtischtäter, die satt im Trockenen sitzen, sind die letzten, die sich darüber auszulassen haben.

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  4. Wieder ein sehr guter Artikel. Vielen Dank!
    Es ist halt so bei der deutschen Regierung: zum einen fehlt es zurzeit an regierungsamtlicher Gehirnmasse, um überhaupt irgendetwas differenziert zu sehen, andererseits scheint eine eigenständige deutsche Haltung in der Außenpolitik, die auch nur ein Jota von der des großen Bruders USA abweicht, weder gewollt noch möglich zu sein. Derweil suhlt man sich lieber im Rechts-Wahn.

  5. Das fällt mir sofort dazu ein:
    “Wenn wir wirkliches Neuland betreten kann es vorkommen, dass nicht nur neue Inhalte aufzustellen sind, sondern dass sich auch die Struktur des Denkens ändern muss, wenn man das Neue verstehen will.” Werner Heisenberg