Posthumer Pranger: Bischöflicher Irrsinn im Dom zu Münster

Eigenwilliger Umgang mit Missbrauchsberichten: Münsters Bischof Felix Genn (Foto:Imago)

Vom Bistum Münster und dessen katholischem Oberhirten Felix Genn ist die immer dünner werdende Schar von Gläubigen so einiges gewohnt. Wir haben schon mehrfach darüber berichtet. Aber der neueste „Anfall“ übertrifft alles bisherige und wirft Fragen auf. Es geht um die ungewöhnliche Reaktion auf die Veröffentlichung einer Mißbrauchsstudie für das Bistum Münster. Nach der Veröffentlichung wurde die Gruft, in der auch die Gebeine einiger „angeklagter“ Bischöfe aufbewahrt sind, zunächst für die Öffentlichkeit geschlossen, aber ab Allerheiligen wieder geöffnet. „Mit dieser Entscheidung ist noch nicht darüber befunden worden, wie man auf Dauer mit der Grablege und dem Thema einer angemessenen Erinnerungskultur umgehen muß“, erklärte Domdechant und Weihbischof Christoph Hegge. Die Gruft solle nun aber bis zu einer endgültigen Entscheidung zugänglich bleiben.

Viele Gläubige haben mich auf den Vorfall hingewiesen und sind empört über die Art, wie hier mit Toten umgegangen wird. Um nicht mißverstanden zu werden: Es geht in keiner Weise darum, die Vertuschung von Mißbrauchsfällen in der Kirche herunterzuspielen. Aber muß man deshalb Leichen an den Pranger stellen, die sich der Natur der Sache nach nicht mehr wehren können? Welch ein christlicher Geist weht da durch die Gruft von Münster? Um was geht es? Am Eingang zur Bischofsgruft im Dom zu Münster steht neuerdings irrerweise eine Tafel mit Hinweisen auf Fehler folgender Bischöfe: „Die in der Bischofsgruft beigesetzten Bischöfe Reinhard Lettmann, Heinrich Tenhumberg und Michael Keller haben im Umgang mit sexuellem Mißbrauch schwere Fehler gemacht.

(Foto:Helmes)

Das Vorgehen des Bistums erinnert stark an mittelalterliche Bräuche. Jedenfalls lassen sie Maß und Ziel vermissen. Warum haben die Verantwortlichen denn nicht gleich in die Folterwerkzeugkiste früherer Jahrhunderte gegriffen? Ich will den Bistumsverantwortlichen gerne einen Hinweis geben, wie sie – auch posthum – mit den Gestrauchelten umgehen könnten. Ein Blick in die Kirchengeschichte könnte hilfreich sein: Man könnte etwa die Särge bergen und besagte Bischöfe vor Gericht stellen. So etwas gab es schon in der Kirchengeschichte auf der sogenannten „Leichensynode” von 897, auf der Papst Stephanus VI. die Leiche seines Vorgängers Formosus exhumieren ließ, um ihn wegen angeblicher Mißbräuche während seines Pontifikats aburteilen zu lassen – was auch geschah. Dazu wurde der Leichnam des neun Monate zuvor verstorbenen Papstes exhumiert, in päpstliche Gewänder gekleidet und auf den Papststuhl “gesetzt”. Während des dreitägigen Prozesses, welcher vor hohen Kirchenvertretern stattfand, bestritt ein Diakon die “Verteidigung” von Formosus. Letztendlich wurde der Papst (oder besser gesagt: dessen Leiche) schuldig gesprochen.

In diesem Urteil erklärte Stephan VI. alle von Formosus durchgeführten Amtshandlungen und Weihen für ungültig. Die Leiche von Formosus wurde entkleidet und wegen des von ihm begangenen Eidbruches wurden ihm die Schwurfinger abgehackt. Außerdem wurde er über die Kirchenschwelle geschleift und enthauptet. Nachdem Formosus zunächst auf dem Fremdenfriedhof Roms verscharrt worden war, grub man ihn kurze Zeit später erneut aus und warf seine Leiche in den Tiber. Der französische Maler Jean-Paul Laurens illustrierte diese Szene in einem Gemälde von 1870:

Stephanus VI. klagt die verwesende exhumierte Leiche seines Vorgängers Formosus an (Jean-Paul Laurens, 1870; Quelle: Musée des Beaux-Arts de Nantes)

Und übrigens – auf jedem Friedhof überall im Land, an jedem Grab könnte man ein Hinweisschild anbringen: „Hier ruht ein Sünder”. Auch Bischöfe sind Sünder. Aber es gilt auch hier: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein! In Münster scheint das Steinewerfen manche tatsächlich zu entzücken. Aber Vorsicht, das könnte auch nach hinten losgehen; denn haben die Verantwortlichen – wer immer das auch war – bedacht, daß man vor dem bischöflichem Haus in Münster wie in der Bischofsgruft dereinst ebenfalls ein Hinweisschild anbringen könnte: „Bischof Genn hat im Umgang mit Mißbrauchstätern in seinem Verantwortungsbereich nach eigener Aussage Fehler gemacht“? Dies wäre doch ebenfalls eine zutiefst „christliche“ Reaktion – wenn vielleicht doch auch erst posthum…

Dieser Beitrag erschien auch auf beischneider.

BITTE BEACHTEN: Klarstellung der Redaktion zu Leserkommentaren

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann freuen wir uns, wenn Sie unsere Arbeit mit einer Zuwendung unterstützen.

3 Kommentare

  1. Kindesmissbrauch ist das grösste denkbare Verbrechen – schlimmer als Mord!
    Auf der Anklagebank sitzen ja eigentlich nicht Individuen, sondern
    eine Institution mit ihren Irrlehren.

  2. Ich sehe hier keinen Unterschied zu dem Umbenennen der Straßennamen von Personen die im 18., 19., beginnenden 20. Jahrhundert und früher gelebt haben.

Kommentarfunktion ist geschlossen.