„Seien Sie froh, dass Sie überhaupt ein Dach über dem Kopf haben!“

Im Land der Moral-Ayatollahs

Linke Nummer: Dauerinstrumentalisiertes Elend (Symbolbild:Shutterstock)

Was haben wir das als Kinder gehasst: In der Stadt wollten wir ein Eis haben und wurden prompt auf die Kinder in Afrika hingewiesen, die nie ein Eis bekämen! Auch ohne die wirtschaftliche Gesamtsituation südlich des Mittelmeeres hinlänglich einschätzen zu können, merkten wir doch damals schon, dass an dem Argument irgend etwas faul war. Zum einen besaßen auch unsere Erziehungsberechtigten etliche Dinge, welche im Haushalt der durchschnittlichen Massai- oder Tutsi-Familie sicherlich nicht zu finden waren. Zum anderen können auch Kinder durchaus schon intuitiv erfassen, wenn sie mit einem Totschlag-Argument moralisch unter Druck gesetzt werden.

Jemandem beständig einzureden, wie gut er es doch hat, obwohl im Grunde alle Beteiligten wissen, wie wenig das zutrifft, ist eine klassische Double-Bind-Strategie. Gewiss, man wird immer jemanden finden, dem es schlechter geht als einem selbst, aber das löst die eigenen Probleme nicht. Niemand streitet ab, dass in anderen Ländern der Welt skrupellose Diktatoren herrschen – aber wenn deren Erwähnung nur zum Niederhalten der Kritik an der Situation in Deutschland dient, so drängt sich vehement der Verdacht auf, dass der Sprecher sich im Grunde selbst nicht sonderlich um die Entrechteten schert. Die Botschaft lautet: „Sei gefälligst zufrieden mit dem, was du hast. Ich könnte dir auch sagen, dass mich deine Wünsche einfach nicht interessieren, aber es macht mehr Eindruck, wenn ich mich als moralisch überlegen präsentieren kann.” Ziel ist es, das Gegenüber in eine moralisch unterlegene Position zu bugsieren, damit es nicht mehr wagt, eigene legitime Wünsche zu äußern, weil es sich dabei schlecht und egoistisch fühlt. Im Privaten ist das oft die Abwälzung des unguten Gefühls dabei, einfach einmal „Nein!“ zu sagen. Vielleicht weil einem die Gründe für das „Nein!“ peinlich sind – eine leere Haushaltskasse zum Beispiel; in dem Fall hat die Forderung in ein Wespennest gestochen – und wer gibt das schon gern zu? Dann lieber ein bisschen schwarze Pädagogik!

Das Risiko, widerlegt zu werden

Diese und das Unter-Druck-Setzen mit einer vermeintlich überlegenen Moral haben die Linken im politischen und gesellschaftlichen Diskurs über Jahrzehnte hinweg kultiviert. Es reicht nicht aus, die eigenen Ansichten zur Diskussion in den Ring zu werfen, denn das Risiko, überstimmt und widerlegt zu werden, ist dann noch zu groß: Die Gegenseite könnte schließlich überzeugende Argumente vorbringen. Aber selbst wenn das nicht so ist – weil der andere einfach Gebrauch von seinem Recht macht, sich zu einer Sache zu äußern – muss jede Chance, er könnte Unterstützung bei anderen finden, von vornherein zunichte gemacht werden. Was eignet sich besser dazu, als ihn zum verwöhnten Egoisten abzustempeln oder einfach zu behaupten, das Leid anderer sei ihm egal? Aus dieser Falle kommt man – einmal in die Defensive gedrängt – so schnell nicht wieder hinaus. Dabei wird dann gern übersehen, dass es wieder einmal nur die eine Diskussionspartei war, welche von Anfang an festgelegt hat, wessen Leid einen zu kümmern hat und wer sich gefälligst zusammenreißen soll.

Es geht bei der Analyse solcher Taktiken nicht darum, den anderen ebenfalls kaltzustellen: Eltern haben selbstverständlich das Recht, ihren Kindern einen Wunsch auch einmal abzuschlagen (schon, um sich keinen kleinen Haustyrannen heranzuziehen, der seinerseits alle Register zieht, um zu bekommen, was er will). Und wenn Linke sich für ihre Lieblingsthemen und -gruppen einsetzen wollen oder der Meinung sind, in Deutschland wäre die Demokratie vollkommen intakt (oder nur auf dem rechten Auge blind), ist das ihr Recht. Worum es vielmehr geht, ist, wieder Augenhöhe zwischen den Debattierenden herzustellen – vor allem aber auch zur Sachlichkeit der Diskussion zurückzukehren.

Wie bei der inquisitorischen Hexentaufe

Es ist nicht leicht, statt ständiger Selbstverteidigung – die eine Menge Energie kostet und meist ohnehin sinnlos ist – wieder das Heft in die eigene Hand zu nehmen. Keiner will schließlich eine egoistische Gesellschafts-Wildsau sein, an der die anklagenden Blicke der Öffentlichkeit kleben wie festgetretener Kaugummi. Denn wenn man einmal das Etikett „Rassist“ oder „Corona-Leugner“ weg hat, ist die Jagd eröffnet, in allem, was man jemals gesagt oder getan hat, Beweise dafür aufzuspüren. Auch das ist Teil von Double Bind: Die Zerschlagung des inneren Kompasses eines Menschen, die ständige Schuldgefühle bei selbst kleinsten Verstößen gegen den definierten Moralkodex auslöst. „Wer gegen die Corona-Maßnahmen ist, nimmt Tausende von Toten in Kauf” oder „Wer Ausdruck XY benutzt, ist Rassist” zwingen einem entgegen allen juristischen Gepflogenheiten die Last auf, als Angeklagter die eigene Unschuld nachzuweisen. Die Linke, die sich als modern und progressiv ansieht, wendet allerdings gegen einmal Beschuldigte zunehmend archaische Methoden an, die sich mit der „Hexentaufe“ aus der Zeit der Inquisition vergleichen lassen: Ertrank die Beschuldigte im See, war ihre Unschuld erwiesen; überlebte sie, musste sie eine Hexe sein und landete auf dem Scheiterhaufen. Sie konnte nur verlieren.

Jedoch: Es ist kein linkes Privileg, sich moralisch fragwürdig zu verhalten. Deshalb würde es mich brennend interessieren, wie unser Twitter-User reagieren würde, wenn sich sein Vermieter auf Schimmel im Bad folgendermaßen einließe: „Deshalb rufen Sie mich? Die Menschen in Afrika wären froh, wenn sie Feuchtigkeit im Bad hätten! Die haben nämlich gar kein Wasser. Ich glaube, ich muss die Miete für die Wohnung erhöhen!”. Ich weiß es: Das wäre struktureller Kapitalismus mit immanentem Rassismus. Das schreit nach Enteignung! Aber ist der Kapitalismus nicht in anderen Ländern viel schlimmer ausgeprägt? Na, dann ist doch alles in bester Ordnung!

15 KOMMENTARE

  1. So lange alle auf den fahrenden Zug aufspringen so bald jemand „Rassismus“ brüllt, so lange wird sich nichts ändern https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/buntes-kurioses/id_91445996/europa-park-gestaltet-umstrittene-dschungel-flossfahrt-neu.html Da diejenigen, die bei allem, was ihnen nicht in den Kram passt, Rassimus brüllen und die intellektuell Minderbemittelten darauf hereinfallen, wird es eher noch schlimmer. Es wäre gescheiter, wenn wir zu „my country, my rules (mein Land, meine Regeln) zurückkehren und die, die damit nicht einverstanden sind, in ihre Heimat abreisen.

  2. was mich am meisten an diesem grünen Kommunismus nervt, ist die im Artikel erwähnte Tatsache, daß man seine Unschuld in immer mehr Bereichen ständig nachweisen muß. Mittlerweile sind wir wieder soweit, daß irgendein übereifriger Blockwart oder auch Polizei wenn denen irgend etwas nicht paßt, einem richtig Schwierigkeiten machen können. Oder Finanzamt, die stellen irgendeine Behauptung/Konstrukt auf und man kommt schier nicht dagegen an bzw. machen die das oftmals so, daß es genau an der Grenze dagegen zu klagen nicht mehr rentabel ist. Recht haben und Recht bekommen sind in der grünen DDR 2.0 zwei ganz verschiedene Dinge. Was die Masse in ihrem vorauseilenden Gehorsam denkt, kann mir zum großen Glück, völlig egal sein. Ich muß nichts verkaufen, dienstleisten oder bei irgendeinem doofen Jobs Männchen machen. Doch das „neue“ Blockwarttum gibt denen wieder ungeahnte Möglichkeiten selbst mir als bisher noch freien Menschen massiv auf die Pelle zu rücken. Allerdings kann es auch mal sein das ganz was saudummes und überraschendes in hinterhältiger Weise passieren kann. Doch wer hat schon Lust sich mit solchen gehetzten links-grünen Vollpfosten ständig herum streiten zu müssen. Fazit: Kommunistische Länder haben schon deswegen eine deutlich niedrigere Lebensqualität, weil man ständig von Anderen gemaßregelt und für einen befunden wird was gut oder schlecht für einen sei. Darum Widerstand wo es nur geht!

  3. Warum wird im Beitrag nur von den Linken gesprochen, und nicht von den Altparteien?

    Die Große Sonnenkönigin und ehemalige FDJ-Sektetärin für „Agitation und Propaganda“ an der Akademie der Wissenschaften der DDR ist doch Großmeisterin im „Double Bind“: „Und ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir noch anfangen uns entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“

    „Angela Merkel – „Dann ist das nicht mein Land““
    https://youtu.be/G9BSD7anl6s

    • ganz einfach, weil die Masse es immer noch nicht kapiert hat, daß die SED sämtliche Blockparteien seit der angeblichen Übernahme der malträtierten Ostzone, schlicht Fernsteuert. Habe damals schon aufbegehrt, aber wurde ganz links kaltgestellt…

    • Nun, Angela Merkel hat ja auch die klassische linke Schule durchlaufen, man spricht ja nicht umsonst von einem „Linksruck“ der CDU.

    • „Warum wird im Beitrag nur von den Linken gesprochen, und nicht von den Altparteien? “

      Weil es keinen Unterschied gibt.
      Wach auf.

  4. Der Vergleich von Menschen miteinander ist ebenso faul und falsch, wie der zwischen Äpfel und Birnen.

  5. Es ist der Relativismus, er lehnt Wahrheiten ab. Immer findet man irgend einen Vergleich, der als Begründung genügt, es folgt die Forderung nach Toleranz. Toleranz ist bekanntlich ein Ertragen und Dulden. Daher hyperventilieren die Linken auch, wenn von Diktatur die Rede ist, schließlich war es in DDR oder gar dem 3. Reich viel schlimmer! Also ist doch alles gut, wenn nicht, soll man doch nach Nordkorea gehen, wenn es einem hier nicht passt, da ist es mit der Willkommenskultur schnell zu Ende, auch wenn man schon länger hier lebt. Mit der Freiheit ist es aber nun mal wie mit Schwangerschaft, ein bisschen geht nicht. Man ist / hat, oder nicht. Keine Abwägung.

    • bestens formuliert! Danke! nun diese DDR 2.0 ist halt ein bißchen schwanger und vollends kindisch mit den ganzen Gender:innen

  6. „Wenn’s Dir hier nicht passt, dann geh‘ doch nach Drüben.“ Funktioniert heute nicht mehr, aber zu Alfred Tezlaffs Zeiten war das ein geflügelter Spruch von Eltern gegenüber ihren Kindern.

    • …nur die Kinder sind damals (weiß ich aus Erinnerungen persönlicher Art) nicht in diese so schöne DDR rüber gegangen, denn sie wußten, sie haben dort das Maul zu halten und werden nicht von über besorgten, heute Helikoptereltern genannt, rundum versorgt. „Tetzlaff“ und FJS hatten Recht und zwar vollumfänglich!

  7. Schwab :“Sie werden nichts besitzen !“ Da werden viele froh sein wenn sie ein Dach über dem Kopf haben und ein Stück Brot.

    • das bißchen Blech über der grünen sozialistischen Einheitsrübe ist dann auch geleast, mit Rabatt auf 5 fach ge-booster-gearschte…und wer dann auch ganz brav ist UND in der Hühnerleiter etwas weiter OBEN ist, braucht nur 10,45 Jahre auf den Elektrotrabant zu warten. iss doch geilll _ Brot, ist sowieso archo, ne Pille fressen oder gar Gras rauchen, da merkelt man die kommunistische Wartegemeinschaft nicht…

  8. >>>„Wer gegen die Corona-Maßnahmen ist, nimmt Tausende von Toten in Kauf”<<>>„Wer Ausdruck XY benutzt, ist Rassist”<<<

    Ich bezeichne Menschen als Neger, Eskimos, Indianer, Zigeuner usw. usf.
    Das sind Bergriffe, die seit hunderten oder tausenden Jahre benutzt wurden.
    Ich bezeichne! Ich werte nicht!
    Die Rassisten bewerten! Aber das ist ihr Problem, nicht meines. Nur Rassisten sehen den Rassismus.

    Überhaupt stelle ich fest, dass die schlimmsten (einzigen?) Rassisten die Neger sind. Ständig passt denen was nicht.
    Wenn es euch hier nicht passt, dann geht halt zurück in euer Paradies. Frage mich sowieso was ihr hier wollt. Ihr seid Sommermenschen. Eure Wohlfühlzone ist um den Äquator herum. Das Klima hier ist das Gegenteil dessen, was ihr braucht. Es macht euch krank und depressiv. Viel zu wenig Sonne. Viel zu kalt. Selbst im Sommer friert ihr hier.

  9. Frueher sagten, die Eltern auch, wenn ein Kind das vorgesetzte Essen nicht essen wollte:“Sei froh, dass Du zu Essen hast, die Kinder in Afrika wuerden sich freuen, wenn sie Dein Essen hatten, weil sie nichts haben und hungern muessen“.
    Darauf antwortete, damals die heute erwachsene Tochter einer Bekannten: Mama,wir koennen doch das Essen einpacken und den Kindern in Afrika schicken“.
    In diesem Sinne, waere es, die richtige Antwort, auf Corona, auf Whataboutism, psychische Erpressung ec.

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