Die Fleckentferner-Journaille: 50 Shades of Conformism

Nachgedanken zu Harald Martensteins Aus beim Berliner "Tagesspiegel"

Und wieder einer weniger, zumindest beim „Tagesspiegel“: Kolumnist Martenstein (Foto:Imago)

Man muss sich wahrlich wundern, wie lange sich manche Exponenten des freiwillig gleichgeschalteten Linksmedienkartells in Deutschland noch ihre renitenten Alibi-Federn geleistet haben. Irgendwann aber ist bei jedem Linken der Punkt erreicht, an dem er die pausenlose Konfrontation mit weltbilddisjunkten Realitäten, wahrgenommen als einzige Dauerprovokation, nicht mehr verkraftet – und schließlich lieber das Feigenblatt des innenredaktionellen Alibi-Meinungspluralismus aufzugeben bereit ist, als auch nur einen Tag länger die Unerträglichkeit eines zunehmend als Nestbeschmutzung empfundenen „Geschwurbels“ zu tolerieren. Die Öffentlich-Rechtlichen sahen bei Uwe Steimle oder Lisa Fitz eine ganze Weile lang zu bis zur unvermeidlichen Trennung (der längst angezählte Dieter Nuhr ist hier noch in der Freifallphase vor dem sich zwingend nähernden Aufprall); beim „Spiegel” dauerte es lange Jahre, bis dort endlich die intern verhasste Edelfeder Jan Fleischhauer abgeräumt wurde – und linksradikalen Antifa-Groupies wie Margarete Stokowski endlich einer abgehen konnte (beim „Focus”, wo er anschließend unterkam, ist Fleischhauer inzwischen allerdings ein ähnlicher Fremdkörper wie zuletzt beim „Spiegel”).

Einer der letzten, die im geistig zunehmend totalitären, mainstreammedialen Jenseits ausharrten und dort als letzte Exoten einer untergegangenen Meinungsvielfalt gelten konnten, war der messerscharf analysierende, genialische Sprach-Michelangelo Harald Martenstein, der als unangefochtener Star-Kolumnist von „Zeit” und „Tagesspiegel” (TS) vermeintlich unter zeitgeistresistentem Kündigungsschutz stand. Seine TS-Kolumnen in unvergleichlichem Feinschliff zu lesen war immer ein Highlight, eine Kombipackung aus Seelenbalsam und verbalem Chili, in jedem Fall ein intellektueller und oft sardonischer Hochgenuss. Ohne Übertreibung schreibt Roland Tichy treffend: „Bei Martenstein verwandelten sich die Fundstücke des Alltags in eine geschriebene Operette, bloß ohne Wiener Schmäh. Er bleibt bei diesem trockenen Ton, der den Schmäh im Kopf entstehen lässt.

Journalistisches Fossil der alten Bundesrepublik

Im Corona-Staat und kollektiven Impfertüchtigungszentrum Deutschland war es allerdings nur eine Frage der Zeit, bis auch Martenstein, dieses lebende journalistische Fossil der längst untergegangenen alten Bundesrepublik mit ihrer diskursiven, reifen und wertgeschätzten Pressekultur, früher oder später einen der Stolperdrähte einreißen würde, die heute allerorten über immer enger verlaufenden „rote Linien” gespannt sind und die Sprengfallen des Empöriums bei der geringsten Erschütterung zur Detonation bringen. Allerdings wurde der Meister nicht etwa schnöde gefeuert, sondern hinterfotzig zum Rückzug gedrängt – mit der ältesten und miesesten Nummer der Welt: Per innerredaktioneller Zensur.

Tichy weist darauf hin, dass TS und „Zeit“ nicht zufällig demselben Medienimperium angehören – jenem Dieter von Holtzbrincks nämlich, der sich erst kürzlich kompromittierenden Enthüllungen der „Berliner Zeitung“ ausgesetzt sah über Gefälligkeitsjournalismus und Interessenkonflikte, sprich: gekaufte werbegebundene Berichterstattung im Sinne zahlender Inserenten, bei denen sich Holtzbrinck beteiligt hatte (branchenintern spricht man von „Media for Equity”). Der Selbstanspruch „journalistischer Glaubwürdigkeit” ist in den Blättern dieses Verlegers also ohnehin mit Vorsicht zu genießen. Allzu kritische, mainstreamkonträre Ansichten wie Martensteins Kolumnen sind da erst recht störend – und schon lange wurde spekuliert, dass die Sanduhr seiner Tätigkeit bei TS und „Zeit” bald leergerieselt sei – wobei die meisten eher darauf gewettet hätten, dass als erstes die „Zeit“, diese „Super-Illu für pensionierte Realschullehrer” (Felix Leidecker), die Bande mit Martenstein kappen würde.

Doch es war schließlich der TS: Dessen Chefredaktion war vergangene Woche auf gezielte „Kritik“ hin (treffender wäre: den üblichen wohlorchestrierten Twitter-Shitstorm) eingeknickt, und hatte Martensteins Kolumne vom 6. Februar, in der er sich über die Protest-Spaziergänge geäußert und dabei auch eine sachliche Einordnung der dort teilweise gezeigten gelben Judensterne gewagt hatte, kurzerhand ohne Rücksprache mit dem Verfasser gelöscht – ein Präzedenzfall in der bisherigen Zusammenarbeit, und außerdem ein Akt beispielloser Illoyalität, Rückgratlosigkeit und Feigheit gegenüber einem langjährigen Spitzenautor.

Eine Kolumne und ihre Löschung

Nachfolgend sei der Wortlaut der „inkriminierten“, vom TS gelöschten Kolumne hier noch einmal dokumentiert:

„Anfang Januar 2012 demonstrierten in Jerusalem ultraorthodoxe Juden gegen die Regierung, viele trugen dabei den „Judenstern“ aus der NS-Zeit. Ihrer Ansicht nach verhielt sich der Staat Israel ihnen gegenüber so ähnlich wie die Nazis. Auch beim ‚Marsch gegen Islamophobie‘, 2019 in Paris, waren Judensterne zu sehen, nur mit fünf Zacken statt sechs.

Laut Godwins Gesetz, benannt nach einem US-Autor, taucht in jeder öffentlichen Diskussion von emotionaler Bedeutung irgendwann ein Nazi-Vergleich auf. Godwins Gesetz kommt der Wahrheit ziemlich nah. Dass Donald Trump, Wladimir Putin, Sebastian Kurz oder die AfD heute mit Hitler oder der NSDAP verglichen oder gar gleichgesetzt werden, versteht sich von selbst, obwohl sich dabei Historikern die Fußnägel hochrollen und man so etwas durchaus ‚Verharmlosung des Holocaust‘ nennen könnte. Origineller war die britische Zeitschrift ‚New Statesman‘, als sie Angela Merkel ‚die gefährlichste deutsche Führungspersönlichkeit seit Adolf Hitler‘ nannte, originell sind auch Vergleiche der NSDAP mit der CSU (etwa durch den SPD-Politiker Florian von Brunn). Den Vogel abgeschossen hat wohl Dieter Dehm, Linkspartei, als er die Bundespräsidentenwahl 2010 so kommentierte: ‚Was würden Sie machen, wenn Sie die Wahl hätten zwischen Hitler und Stalin?‘ Zur Wahl standen Joachim Gauck und Christian Wulff.

Wer den Hitlervergleich bemüht, der natürlich nie stimmt, möchte sein Gegenüber als das absolut Böse darstellen, als Nichtmenschen. Der Vergleich will Hitler gerade nicht verharmlosen, er macht ihn zu einer Art Atombombe, die einen politischen Gegner moralisch vernichten soll. Der Judenstern dagegen soll seine modernen Träger zum absolut Guten machen, zum totalen Opfer. Er ist immer eine Anmaßung, auch eine Verharmlosung, er ist für die Überlebenden schwer auszuhalten. Aber eines ist er sicher nicht: antisemitisch. Die Träger identifizieren sich ja mit den verfolgten Juden. Jetzt, werden auf Corona-Demos häufig Judensterne mit der Aufschrift ‚ungeimpft‘ getragen. Von denen, die das ‚antisemitisch‘ nennen, würden wahrscheinlich viele, ohne mit der Wimper zu zucken, Trump mit Hitler und die AfD mit den Nazis vergleichen. Der Widerspruch in ihrem Verhalten fällt ihnen nicht auf.

Ein Supermarktleiter hat vor ein paar Jahren seine Sekretärin, die ihm wohl zu dominant auftrat, mit den Worten ‚Jawohl, mein Führer!‘ gegrüßt. Sie klagte, wegen Hitlervergleichs, er wurde fristlos entlassen. In zweiter Instanz wandelte ein weises Gericht die Kündigung in eine Abmahnung um. Die einzige Kirche, der ich angehören möchte, ist die, die man im Dorf lässt. Dieses Zitat stammt von dem ‚konkret‘-Chefredakteur Hermann L. Gremliza, einem meiner Jugendidole.”

Journalistische Bankrotterklärung

Wie man eine solch messerscharf-pointierte, aber zugleich auch unaufgeregt-nüchterne Betrachtung in irgendeiner Weise derart beanstandenswert finden kann, dass man sie gleich löscht und somit also den eigenen Lesern nicht einmal als subjektiven Debattenbeitrag und Denkanstoß zumuten zu können glaubt, ist schon für sich betrachtet eine totale journalistische Bankrotterklärung des TS – und qualifiziert ihn unmittelbar für die lange Liste der zu Recht vom allmählichen Aussterben bedrohten deutschen Zeitungen, denen – sofern die ersehnte subventionistische Staatsrettung ausbleiben sollte – der sichere Exitus winkt.

Wenigstens gestand man Martenstein dann einige „famous last words” zu, eine Schlusskolumne, in der er auf die Zensur durch die eigene Chefredaktion Bezug nahm. Wenigstens diese letzten Worte wurden ihm, als „Angeklagtem”, unter Einhaltung der „gesinnungsgerichtlichen Prozessordnung” vom TS auch ohne Löschung gewährt:

„Am 2. Mai 1988 habe ich beim Tagesspiegel angefangen, also kurz nach der Mondlandung. Mit Ironie sollte man übrigens vorsichtig umgehen, so hat es mir damals der Redaktionsleiter Günter Matthes eingeschärft: ‚Die Leser verstehen das nicht.‘ Von allen großartigen Journalisten, die ich beim Tagesspiegel kennenlernen durfte, war er, ein unbeugsamer Liberaler, einer der eindrucksvollsten. Er war nicht links, er war nicht rechts. Er war geradeaus. Bis heute denke ich, wenn ich mich an ein Thema setze, manchmal: ‚Was würde wohl Matthes dazu sagen?‘ Mein Kollege Bernd Matthies schrieb über ihn, er habe ‚ein paar Mal die Empörung der halben Stadt West-Berlin derart auf sich gezogen, dass die ganze Stadt davon geredet hat‘ – er war in seinen prononcierten Meinungen von politischen Lagern ebenso unabhängig wie von der eigenen Anzeigenabteilung.

Das war meine Schule. Nur so kann man als Journalist glaubwürdig sein. Man sollte nicht Handlanger eines ideologischen Lagers sein, und man darf keine Angst vor Wutstürmen haben. Genau dazu ist die Meinungsfreiheit ja da: um Dinge zu sagen, die manche nicht hören möchten. Es zu tun, habe ich an dieser Stelle viele Jahre lang versucht, mal besser, mal schlechter, manchmal fehlerhaft. Ich danke all den Leserinnen und Lesern, die mich wieder und wieder ermutigt haben. Ich entschuldige mich bei denen, deren Briefe ich nicht beantworten konnte, weil die Zeit fehlte.

„Habe geschrieben, was ich denke“

Dies ist meine letzte Kolumne für diese Zeitung, mit der ich fast genau mein halbes Leben verbracht habe. Ich war, was für ein Zufall, etwa genau so lange Autor des Tagesspiegels wie Günter Matthes. Wer meinen Sound gemocht hat, sollte regelmäßig die Wochenzeitung ‚Die Zeit‘ aufschlagen, dort findet man mich im Magazin.

Es ist kein Geheimnis, dass die Chefredaktion des Tagesspiegels sich in aller Form von einem meiner Texte distanziert und ihn gelöscht hat. Ich war in diese Entscheidung nicht eingebunden. So etwas bedeutet in der Regel, dass man sich trennt, den Entschluss dazu habe ich gefällt. Ich finde, jeder sollte in der Lage sein, sich zu diesem Text selbst ein Urteil zu bilden. Er steht auf meiner Facebook-Seite und meiner Website harald-martenstein.de. Wie immer habe ich geschrieben, was ich denke. Leute, die Judensterne benutzen, um sich zu Opfern zu stilisieren, sind dumm und geschichtsvergessen. Leute, die auf ihren Demos zur Vernichtung Israels aufrufen, sind etwas gefährlicher. Ich habe meine Meinung nicht geändert. Vielleicht irre ich. Wo man glaubt, nur man selbst sei im Besitz der Wahrheit, bin ich fehl am Platz.

Sollte die Redaktion die Größe besitzen, mir diese Abschiedsworte zu gestatten und sie nicht zu löschen, danke ich ihr dafür.”

Auch wenn der TS dem Wunsch im Schlusssatz stattgab und die Schlusskolumne ungekürzt veröffentlichte: Von „Größe“ kann man hier ganz sicher nicht sprechen; eher von einem mittelmaßgetriebenen Lavieren zwischen Schadenbegrenzung und krampfhafter Haltungswahrung: Allen wohl und niemand wehe, zu Kreuze kriechen und zugleich kreuzritterlich gegen toxische Meinungsverbrechen zu schreiten, Meinungsvielfalt in Konformität – es ist die übliche Quadratur des Kreises, die die Schizophrenie vieler heutiger Medienschaffender erklärt und vor allem auch die unerträgliche Einförmigkeit der veröffentlichten Meinungsnuancen, die sich allesamt innerhalb des zunehmend schmäler werdenden Korridors bewegen. Die einschläfernde und hypnotisierende Langzeitwirkung dieses Zweckkonformismus sind staatlicherseits übrigens durchaus erwünscht…

7 Kommentare

  1. Es handelt sich im Beitrag nicht um einen Ulf Steimle, sondern um den sächsischen Satiriker Uwe Steimle.

    Auf dem YouTube-Kanal „Steimles Welt“ gibt es jeden Sonntag 19 Uhr die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“.

  2. ZEIT=Die Super-Illu für Realschullehrer ein genialer Euphemismus! Absolut zutreffend! Habe mein Abo 2015 nach über 40 Jahren gekündigt, und schweren Herzens auf „meinen Martenstein“ verzichtet. Bin gespannt, wie lange er noch bei der ZEIT tätig sein „darf“.

  3. „Journalistisches Fossil der alten Bundesrepublik…“.Wie so manch aussterbende Relikt einer einst aufgeklärten und freiheitlichen Gesellschaft.

  4. Wer auf das Totalitäre hinweist und mit dem Totalitären aus der Vergangenheit unterlegt, braucht heutzutage ein schnelles Pferd. Wie hätten wohl Hugenberg´s Medien heutzutage reagiert?

  5. Es ist für mich leider keine Überraschung, dass der Tagesspiegel diesen großartigen Journalisten hinausgemobbt hat. Ich hatte die Ehre Herrn Martenstein letztes Jahr in der „Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus“ bei einer Buchvorstellung zu erleben und im Anschluss ein sehr nettes Gespräch mit ihm zu führen.
    Spätestens ab da wunderte ich mich, wieso der Tagesspiegel so jemand Klugen und Anständigen für sich schreiben lässt und mir wurde klar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis dieses Rotfrontblatt ihn hinausmobbt. Ich hoffe jedoch, er lässt sich davon nicht unterkriegen und schreibt weiter fleißig Artikel und Bücher.
    Er ist ja leider nicht das erste Zensuropfer und gewiss auch nicht das Letzte. Auch mir haben sie vor Kurzem mal wieder das epubli-Konto gesperrt, weil ihnen meine selbstverlegten Bücher nicht gefallen haben. Tja, ich hätte halt nicht auf den US-Wahlbetrug hinweisen dürfen; so läuft das in rotgrünen Diktaturen wie der Unseren :-(.

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