Großes Kino?

(Symbolbild:Pixabay)

Na, Volk im Frühherbst, fällt was auf? Beim Blick des Neidhammels zum Leithammel? Richtig: Ab 15.000 Euro aufwärts wird’s lockerer. Sogar in der Politik. Oberflächlich jedenfalls. Da straffen sich Bauchfalten, Minititten, Altherrenbrüste. Selbst oder gerade im Land der begrenzten Möglichkeiten. Man schafft es irgendwann eben doch. Es ist wie überall, man muss nur irgendwann als Talent entdeckt werden. Plötzlich läuft es. Dümmlich tänzelnd und opfernd bis direkt unter die Kuppel. Bargeld hortend und Kollegen stalkend bis zum Queerbeauftragten oder mit Deutschenphobie zur Antidiskrimierungschefin. Mit kleiner Stasierfahrung zur ARD. Mit großer in die Sonderbehörde. Fakten prüfen! Mit Schrauber, Stilettos, Söhnchen und Selfiestick bis nach Sylt. Ins streng geheime Antennenfeld! Von der Elternvertretung übergangslos in die Spitze des Bildungsministeriums.

Man trifft sich. Man sieht sich. Amüsiert im schlammigen Ahrtal oder angeheitert auf dem Balkon in Kiev. Mit den Wladimirs, die jetzt – soviel Korrektheit muss sein – Wolodymyr genannt werden. Stößchen, Stößchen. Wenn‘s läuft, dann läuft’s eben. Zur Schau gestellte Übellaunigkeit ist was für Wutbürger. Man zeigt lieber, wie‘s besser geht. Mit frisiertem Lebenslauf ins Außenministerium. Grinsend und schweigend bis ins Kanzleramt. Und dann gemeinsam in den Regierungsflieger. Maskenbefreit mitten hindurch durch die tödliche Pandemie. Bis ins kernkraftgestützte, also blackoutsichere Kanada. In Berlin gilt derzeit die Aufrechterhaltung geeigneter Bürotemperaturen im Paul-Löbe-Haus als schwer vermittelbar, und der weltweit größte aller real existierenden Apparate ist schließlich systemrelevant. Wer wollte das bezweifeln?!

Rettungsumbau der Welt meint immer die eigene Welt

Es geht um die Fortführung wichtiger Gespräche, die man – Digitalisierung hin oder her – selbstverständlich nicht wie der gemeine Quereinsteiger an den Brennpunktschulen der Republik am 15er-Klappbildschirm absolvieren kann. Es geht um unverzichtbare Begegnungen der Bildungsfernen auf exzellentem Niveau. Gefühl. Geruch. Stallgeruch! Den und – ja, der Job ist hart – hernach um die unvermeidlichen Magnumpullen. Schließlich ist die Cannabisfreigabe noch nicht durch. Stößchen. Das alles notieren wir jetzt mal für später.

Gedankensprung. Schon mal Blockbuster geguckt? Die, wo Euch seit dreißig Jahren stahlharte Protagonisten mit frisch gecasteten Russinnen aus soundgestützten Feuerbällen entgegenspringen und kurz darauf an Hubschraubern hängen? Mit einer Hand. Denn an der anderen zappelt der Düsterling, der dann doch, trotz fast überirdischer Bereitschaft des Rettenden – soviel Realitätssinn muss sein – mit weit aufgerissenen Augen seiner Bestimmung entgegenschwebt. Die Kraft hat nicht gereicht. Der Held ist eben auch nur ein Mensch. Einer, der an die nächste Folge denken muss. Gedankensprung zurück: Wäre es möglich, dass der behauptete Rettungsumbau der Welt, ganz grundsätzlich-systemisch meine ich, immer nur die Rettung der eigenen Welt meint? Könnte es sein, dass noch dem Altruistischsten unter den Selbstgerechten die winkende Pension näher liegt als die Gasrechnung der Anderen? So ganz prinzipiell, meine ich. Wäre es möglich, dass beides sogar zwingend zusammenhängt? Ist unsere Gesellschaft am Ende nichts als ein gefühlig-solidarisch verbrämter Verschiebebahnhof? Ein großes Gefühlskino?

Arthouse oder Softporno?

Wäre es möglich, dass dem an der Sixtinischen Madonna Klebenden herzlich wurscht ist, ob seine Urenkel auf den Mars umziehen, sondern dass er abends einfach mit pochendem Herzen die Likes der Getreuen auf Insta zählt? Vielleicht ist da einfach irgendeine Extinction-Göttin (ein Gott wäre natürlich auch möglich), ein versprengtes Ende-Gelände-Mäuschen mit oder ohne Kurzhaarschnitt, ein irdisches nahestehendes Geschöpf jedenfalls, dessen Aufmerksamkeit es zu erringen gilt? Natürlich mache ich es mir zu einfach. Der Freizeitheiland würde das alles natürlich vehement von sich weisen. So etwa, wie – Gedankensprung – die alternden weißen französischen Filmregisseure, die uns seit den Fünfzigern ihre immer gleichen feuchten Phantasien in Gestalt minderjähriger Gazellen im Kino präsentieren, den Vorwurf voyeuristischer Geilheit von sich wiesen. Und doch tauchen sie ebenso verläßlich wie verräterisch auf, die adoleszierenden Sehnsuchtsobjekte. In endlosen, klavierunterlegten melancholischen Einstellungen, luftigen, geblümten Minikleidern und mit lasziv geöffneten Mündern. Tanzend, radfahrend, durch die Sommerferien, von links nach rechts und zurück. Arthouse oder Softporno?

Fallen lassen oder nicht? Das ist hier die Frage. Und woanders sind es ganz ähnliche Fragen. Muss Bezos sich in Raketen durchs All schießen lassen? Wird beim Blick in die Garage von Solarfürst Frank Asbeck eventuell dasselbe deutlich wie beim Besuch des Büros von Frau Schlesinger? Sind es bei den kleinen und den großen Mächtigen am Ende nichts weiter als die uralten archaischen Triebe, Besitzansprüche und Egoismen, die sie, uns (den Pöbel) und die Welt lenken? Und hat genau dort das Vertrauen in die lauteren Absichten womöglich seine roten Linien, die man in Regeln des Zusammenlebens niederschreiben muss? Ist das eventuell die Idee von Demokratie? Was sonst? Vertrauen ohne funktionierende Kontrollmechanismen ist gelebte Naivität. Grassierenden Kontrollverlust muss man nicht wissenschaftlich analysieren. Er zeigt sich im Alltag. Und in den (Notizzettel!) handelnden Personen. Und niemand ist gezwungen, sich beschissene Filme mit drittklassigen Darstellern bis zuletzt anzusehen.

2 Kommentare

  1. Der Artikel ist gut und amüsant geschrieben. Aber sein Sinn entzieht sich mir. Offenbar geht es noch mehr Lesern so, da es bisher noch keine Kommentare gibt

  2. ZITAT: „Könnte es sein, dass noch dem Altruistischsten unter den Selbstgerechten die winkende Pension näher liegt als die Gasrechnung der Anderen? So ganz prinzipiell, meine ich.“

    Selbstverständlich ist das so. Selbstgerechte sind nämlich – so ganz prinzipiell – nicht altruistisch sondern egoistisch.

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