Sonntag, 23. Juni 2024
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Kleine Helden des Alltags (VI): Antonio, der großherzige Sous-Chef in der Kleinstadt

Kleine Helden des Alltags (VI): Antonio, der großherzige Sous-Chef in der Kleinstadt

Antonio lebte für gutes Essen (Symbolbild:Pixabay)

Manchmal sind die “kleinen Heldentaten” eine Summe aus dem Gesamtwirken, manchmal sind es singuläre Ereignisse und manchmal gibt es eine Mischung aus beiden. Man erinnert sich im Nachgang jedoch nur an eine der Begebenheiten, weil zu viel Zeit seit “damals“ verstrichen ist. Unsere heutige Geschichte ist so eine Geschichte. Sie handelt von Antonio und seinem langen Weg aus einer Schweizer Sterneküche in die Selbstständigkeit in einer Harzer Kleinstadt.

Antonio stammte aus der Türkei und war mit seinen Eltern damals Anfang der Sechziger Jahre als eines der ersten türkischen Gastarbeiterkinder nach Deutschland gekommen. Er wuchs in Deutschland auf und begann früh, den deutschen Fleiß, die Pünktlichkeit und die Toleranz, die hier damals weitestgehend noch herrschten, zu lieben. Gleichzeitig wurde er von seinem Elternhaus mit der sprichwörtlichen türkischen Gastfreundschaft großgezogen: Sein Vater lud gerne und oft seine deutschen Arbeitskollegen zu sich nach Hause ein. Der kleine Antonio hörte mit großer und ernster Aufmerksamkeit zu, wenn die Erwachsenen von der richtigen Zubereitung der typisch deutschen Gerichte erzählten. Schon früh entstand deshalb sein Wunsch, das Kochen zu erlernen.

Als Antonio älter wurde, verfestigte sich dieser Wunsch. Er begann eine Ausbildung als Koch in einem kleinen, aber feinen Restaurant in seiner Heimatstadt. Seine Leidenschaft und sein Talent blieben nicht lange unbemerkt, und so erhielt er bald die Möglichkeit, in einer renommierten Schweizer Sterneküche zu arbeiten. Dort lernte er nicht nur die hohe Kunst des Kochens, sondern auch Disziplin, Perfektion und die Bedeutung von Details. Antonio verbrachte mehrere Jahre in der Schweiz, perfektionierte seine Fähigkeiten und gewann Anerkennung in der kulinarischen Welt.

Doch trotz des Erfolgs fühlte Antonio, dass ihm etwas fehlte. Der Traum, eines Tages sein eigenes Restaurant zu führen, ließ ihn nicht los. Er sehnte sich nach einer Herausforderung und wollte seine eigene Vision von Gastfreundschaft und Kulinarik verwirklichen. So fasste er den mutigen Entschluss, in seine alte Heimat Deutschland zurückzukehren und sich selbstständig zu machen.

Die Suche nach dem perfekten Ort für sein Restaurant führte ihn schließlich in den Harz, eine Region, die für ihre natürliche Schönheit und ihre historischen Städte bekannt ist. Antonio fand eine charmante Kleinstadt, die ihm sofort gefiel. Hier sah er die Möglichkeit, seine Fähigkeiten und seine Vision umzusetzen. Er kaufte ein altes Gebäude im Stadtzentrum, das viel Arbeit erforderte, um es in ein einladendes Restaurant zu verwandeln.

Die Renovierung war eine anstrengende Aufgabe, aber Antonio war entschlossen. Mit der Unterstützung seiner Familie und neuer Freunde aus der Kleinstadt gelang es ihm, das Gebäude in ein gemütliches Restaurant mit einer offenen Küche zu verwandeln, wo die Gäste ihm beim Kochen zuschauen konnten. Antonio setzte auf eine Kombination aus regionalen Harzer Spezialitäten und mediterranen Einflüssen, was sein Restaurant einzigartig machte.

Der Anfang war hart. Es dauerte einige Zeit, bis sich das Restaurant einen Namen gemacht hatte. Doch Antonios Hingabe, sein Talent und seine charmante Art überzeugten die Gäste. Bald sprach sich herum, dass in der kleinen Harzer Stadt ein herausragendes Restaurant eröffnet hatte. Menschen kamen von nah und fern, um die kulinarischen Kreationen von Antonio zu probieren. Sein Restaurant wurde zu einem beliebten Treffpunkt und einem Ort, an dem Menschen sich wohlfühlten und gerne verweilten.

Antonio hatte seinen Traum verwirklicht, doch er ruhte sich nicht auf seinen Lorbeeren aus. Er engagierte sich in der Gemeinschaft, unterstützte lokale Veranstaltungen und half jungen Menschen, die ebenfalls eine Karriere in der Gastronomie anstrebten. Sein Restaurant wurde nicht nur ein Ort des Genusses, sondern auch ein Symbol für Integration und kulturellen Austausch. Antonio zeigte, dass es möglich ist, seine Wurzeln zu bewahren und gleichzeitig neue Wege zu gehen.

Seine Geschichte erinnert uns daran, dass kleine Heldentaten oft das Ergebnis von harter Arbeit, Leidenschaft und dem Willen sind, Träume zu verfolgen. Antonio hat es geschafft, die Brücke zwischen zwei Kulturen zu schlagen und etwas Einzigartiges zu schaffen. Sein Weg von einem kleinen Jungen, der den Gesprächen über das Kochen lauschte, zu einem erfolgreichen Restaurantbesitzer ist ein inspirierendes Beispiel dafür, was man mit Entschlossenheit und Liebe zum Detail erreichen kann.

Bereits als 12-jähriger Knabe schmiss er die elterliche Küche weitestgehend und entlastete so seine Mutter. Bald konnte er die meisten Gerichte schon besser kochen als sie. Als er seine Schule beendet hatte, suchte er sich einen Ausbildungsplatz – natürlich als Koch! Nach einer dreijährigen Lehrzeit schloss er die Lehre erfolgreich ab und bewarb sich bei verschiedenen Adressen, darunter auch bei einigen renommierten Häusern. Sein neuer Arbeitsplatz wurde dann ein 5-Sterne-Hotel in der Schweiz, in dem ein Sternerestaurant betrieben wurde. In diesem Restaurant wurde er zuerst als Beikoch angestellt. Schnell zeigte er sein Können und bekam immer verantwortungsvollere Aufgaben zugewiesen. Nach kurzen vier Jahren stieg er dann zum Sous-Chef des Restaurants auf. Diesen Posten behielt er weit mehr als 10 Jahre

Mittagstisch für 7,90 DM

Doch mit seiner Erfahrung wuchs auch der Wunsch, sein eigenes Restaurant zu eröffnen. So pachtete er, nach über 15 glücklichen Jahren in der Schweiz, ein Restaurant in der Touristenmetropole Goslar. Da er die Menschen von gutem Essen überzeugen wollte, richtete er einen Mittagstisch für kleines Geld ein (sein Hauptgeschäft sollte ja abends stattfinden). Der Mittagstisch in seinem “Chrystal“ war sensationell: Für 7,90 D-Mark bekam man eine handgemachte Vorsuppe (kein Instant- oder Dosenfraß!), ein kleines Hauptgericht und sogar ein Dessert. Manchmal eine Kugel Eis, manchmal ein Joghurt mit Honig, manchmal auch ein Küchlein. Viele Schüler der benachbarten Schule nutzen Antonios Mittagsservice über Jahre und lernten so die internationale Esskultur kennen Wenn man abends zu ihm kam und vielleicht sogar eines seiner legendären Flambeés genoss, dann schwärmte er gerne von der deutschen Küche: “Es ist so tragisch, dass die Menschen hier ihre eigene Esskultur nicht mehr wertschätzen! Nirgends auf der Welt gibt es so viele Brotsorten, und so eine Vielfalt bei Würsten, wie hier in Deutschland – Und da habe ich noch gar nichts von Rouladen, Tafelspitz, Grünkohl und diesem phantastischen Sauerbraten gesagt! Leute! Fangt wieder an, deutsch zu essen! Das ist Spitze! Ihr müsst Euch dafür überhaupt nicht schämen!

Antonios Heldentat rührt mich noch heute zu Tränen: Zu Schulzeiten hatten wir eine Clique, die regelmäßig bei Antonio zu Mittag aß. Am letzten Tag unseres mündlichen Abiturs – als wir wussten, dass wir final bestanden hatten, aber noch nicht offiziell das Zeugnis erhalten hatten – gingen wir in alter Tradition zu Antonios Mittagstisch, um eine kleine, bescheidene private Feier abzuhalten.

Als Antonio kam, um unsere Bestellung aufzunehmen, erzählten wir ihm überglücklich, dass wir gerade unser Abitur geschafft hätten. Antonio gratulierte uns artig, nahm unsere Bestellung auf, orderte bei seiner Frau hinter der Theke die Getränke und verschwand in der Küche. Normalerweise ging es sehr schnell, da er die Mittagsmenüs vorgekocht hatte. Doch an diesem für uns so besonderen Tag mussten wir – völlig unüblich – lange auf das Essen warten.

Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich die Küchentür, und Antonio trat heraus. Aber er kam nicht alleine. Er trug ein großes silbernes Tablett, auf dem eine Vielzahl exquisiter Gerichte angerichtet waren, die weit über das übliche Mittagsmenü hinausgingen. Es war ein Festmahl, das den Anschein erweckte, als wäre es für einen besonderen Anlass vorbereitet worden. Antipasti, feinste Pasta, saftige Fleischgerichte und sogar frische Meeresfrüchte – alles war dabei. Antonio hatte sich nicht lumpen lassen und seine ganze kulinarische Kunst aufgeboten, um uns zu ehren.

Er stellte das Tablett vor uns ab und sagte mit einem warmen Lächeln: „Heute ist ein besonderer Tag für euch, und das muss gefeiert werden. Alles geht auf mich.“ Wir waren sprachlos und tief gerührt von seiner Großzügigkeit. Es war, als hätte er unsere Freude und unseren Stolz auf unseren Abschluss zu seinem eigenen gemacht. Dieses Festmahl, das er in kurzer Zeit gezaubert hatte, war mehr als nur eine Geste der Freundlichkeit – es war ein Ausdruck seiner Verbundenheit mit uns und seines Wunsches, unsere Erfolge zu feiern.

Während wir aßen und lachten, erzählte Antonio uns Geschichten aus seiner eigenen Schulzeit und seinen Anfängen als Koch. Er sprach davon, wie wichtig es sei, seine Träume zu verfolgen und niemals aufzugeben. Seine Worte waren ermutigend und inspirierend. In diesen Momenten fühlten wir uns nicht nur als Gäste, sondern als Teil einer erweiterten Familie.

Nach dem Essen brachte Antonio noch eine Überraschung: hausgemachten Nachtisch – eine Auswahl an süßen Köstlichkeiten, die uns endgültig verzauberten. Es war ein Abschluss, der uns in Erinnerung bleiben würde – nicht nur wegen des Essens, sondern wegen der Herzlichkeit und Wärme, die Antonio uns entgegenbrachte.

Als wir uns schließlich verabschiedeten, versprach Antonio, dass wir immer willkommen seien, egal wohin uns unser Weg führen würde. Dieses Versprechen, verbunden mit dem heutigen Erlebnis, machte uns klar, dass Antonio mehr als nur ein Restaurantbesitzer war. Er war ein wahrer Freund, jemand, der in den entscheidenden Momenten unseres Lebens für uns da war und uns unterstützte.

Diese Erinnerung an Antonio und seine Heldentat bleibt für immer in unseren Herzen. Sie zeigt, wie wichtig es ist, dass Menschen in unserem Leben sind, die uns inspirieren, unterstützen und uns das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein. Antonios kleine große Heldentat hat unsere Abschlussfeier zu einem unvergesslichen Ereignis gemacht, das weit über den bloßen Akt des Essens hinausging. Es war eine Feier des Lebens, der Freundschaft und der Menschlichkeit.

Unvergessliche Geste

Nach über einer halben Stunde (wir rutschten bereits unruhig auf den Stühlen herum) ging die Tür zur Küche auf – und heraus kam Antonio mit seinem großen Servierwagen, darauf zwei riesige Platten mit wirklich allem, was sein Haus zu bieten hatte! Eine dieser Platten für vier Personen kostete normalerweise im Abendgeschäft 120,- Mark – aber wir waren zu acht! Mit feuchten Augen drückte er jedem von uns die Hand und gratulierte jedem einzelnen zum bestandenen Abitur. Dann hielt er eine kurze Rede, die ich nie vergessen werde: “Ihr seid mir ans Herz gewachsen, denn ihr seid sehr treue Gäste – und das seit Jahren! -Abitur macht man nur einmal im Leben und das schafft nicht jeder – In die Zeitung zu kommen, weil man seine Frau geschlagen hat, das schaffen viele – aber Abitur schaffen nur wenige! Ich bin wirklich stolz auf euch! Als ganz kleine persönliche Gratulation möchte ich euch alle zu meiner großen Schlemmerplatte einladen – für Stefan habe ich dazu extra eine kleine Portion Tafelspitz gemacht, den er so gerne ißt, für Dietrich die Filetspitzen Stroganoff, für Claudia den Schlemmersalat, für Heinz-Christian ein ganz besonderes Ragout fin, für Markus ein Rotbarsch-Loin, Oliver bekommt ein englisches Steak, für Sven habe ich Hähnchenbrust in einem raffinierten Schweizer Käsemantel und Philipp bekommt frisches Tatar…alles Eure Lieblingsspeisen bei mir…Guten Appetit und genießt diesen besonderen Tag in eurem Leben!

Für uns war nicht nur dieses Essen unvergesslich, auch die Herzlichkeit der Geste Antonios. Oft waren wir auch nach dem Abitur noch bei ihm essen, doch diesen Tag bei ihm vergaßen wir alle nie mehr, und er kehrte auch nicht wieder. Antonio gab sein Restaurant 2003 ab, es existiert unter anderem Namen bis heute in fast derselben Ausstattung wie damals. Er selbst kam später leider bei einem Autounfall ums Leben.

4 Responses

  1. Klasse! So ähnlich ist wohl der Mazedonier bei uns in der Nähe, der ein kleines, aber feines ital. Restaurant auf dem platten Land betreibt. Wo kriegt man noch ein 300 g Steak, das auf der Zunge vergeht, dazu knackfrischen Sidesalad und Beilagen nach Wunsch für schlappe 18 €? Mit Chef, der persönlich serviert, wenn er seine Leute kennt und glücklich über jedes Lob ist. Mit dem man sich auch über deutsche Gerichte hervorragend “einkäsen” kann, die er (gut gemacht) hoch schätzt, denn der sagt das selbe über Deutschland s.o.
    Der Rest im gutbesetzten Gastraum entdeckt derweil bei Pizza und Nudeln die Höhepunkte der mediterranen Küche….

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  2. Ihre Geschichte hört sich wie im Märchen an – danke, daß sie sich die Mühe gemacht haben, aus der Vergangenheit zu erzählen!

  3. Sehr sehr schön. Er hat es geschafft, für immer in Ihrem Herzen zu bleiben. Die Tragik des Unfalls macht es zudem gleichzeitig schmerzhaft. Ich mag Ihre Geschichten sehr und warte schon ganz sehnsüchtig, dass Sie sich wieder vor Ihrem Plattenschrank auf dem Boden wälzen und eine Gute nach der anderen rausziehen. Und dazu noch herrliche Stories liefern. Sie haben es geschafft, dass mir seit Ihrem letzten Artikel ,,Mc Arthur Park‘‘ nicht mehr aus dem Kopf geht. Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank dafür! L. Bauer