“Klöndeelen“: Ein Nachruf auf die ehedem blühende deutsche Kneipenkultur

Kneipe in den 1980ern mit „German Gemütlichkeit“ (Symbolbild:Imago)

Klönen“ nennt man im niederdeutschen Slang das Plaudern über Gott und die Welt, und die “Deele“ ist der riesige Allzweckraum in norddeutschen Bauern- und Bürgerhäusern – Stätte der Kommunikation und des gemeinsamen Mahls, dort spielten meistens die Kinder (weil sie immer beaufsichtigt werden konnten) und einige Ecken der Deele wurden manchmal auch als Lager genutzt. “Die Klöndeele“ war eine legendäre Kneipe in meiner Heimatstadt, geführt von “Lothar“, der meistens hinter der Theke stand. Dort hatte ich das Glück, die althergebrachte Kneipentradition noch in voller Blüte erleben zu dürfen: Eine unfassbare Vielfalt an Getränken – zum Beispiel allein zwölf verschiedene Biersorten vom Fass und über 100 verschiedene Spirituosen (inklusive “Escorial grün“- meine Präferenz!) und die Spezialität des Hauses: Vier verschiedene Ciders, ebenfalls vom Fass – und natürlich nichtalkoholische Getränke in Hülle und Fülle. Die legendären Baguettes und Salate (immer frisch zubereitet in der offenen Küche). Eine Dart-Ecke, zwei Flipper und zwei Daddelautomaten. 22 Sitzplätze um die U-förmige Theke und noch weitere 10 Tischgruppen, teilweise mit alten Plüschsofas (auf dem einen Sofa fanden teilweise sechs Personen Platz). Rund 50 überall strategisch im Raum verteilte Aschenbecher. Die Möglichkeit, die Gaststätte um zwei Tische zu verkleinern und so eine schmucke kleine Bühne für Livemusik zu haben. Rund 50 ausleihbare Brettspiele und 30 lederne Würfelbecher nebst Würfeln. Das war, formal beschrieben, Lothars legendäre „Klöndeele”.

Sie war jedoch noch weitaus mehr: Anlaufstelle, Wohnzimmer, Treffpunkt; Ort hitziger, aber immer respektvoll und fair geführter Debatten; spontane Kleinkunstbühne; zudem „Sozialstation”, Kommunikationszentrale und Informationsstelle für die Oberstadt (das sogenannte “Nachtjackenviertel“). Ich erinnere mich noch sehr gut, wie sich ein Lehrer und glühender Fan der Rolling Stones (alleine zwischen 1964 und 1995 besuchte er rund 50 ihrer Konzerte), der selbst musizierte, mit meiner Deep Purple-Clique zoffte, weil wir uns despektierlich über die “Scheintoten“ lustig gemacht hatten, als gerade wieder ein Song von ihnen aus der Anlage gespielt wurde. Durch die darauffolgende Diskussion wurde ich persönlich auf Mick Taylor aufmerksam – einen Musiker, den ich bis heute sehr verehre.

Unvergleichliche Erinnerungen

Irgendwann saßen wir dann wieder einmal an der Theke, als ein bis dato Unbekannter zu uns an die Theke stieß, der offensichtlich die Konversationen und lockere Atmosphäre genoss. Irgendwann fragte er Lothar nach einem Würfelbecher und vier Würfeln. Lother kramte einen Leder-Würfelbecher hervor und begann plötzlich zu fluchen: Es fand sich keinen einziger Würfel mehr (diese hatte er eigentlich in einem großen Lederbecher neben den anderen Bechern gesammelt – doch der war jetzt auf einmal leer!). Der Unbekannte, der sich als „Micha” vorgestellt hatte, sagte dann: „Das ist ja kein großes Problem!“ – Einwurf von Lothar: „Denkst Du!“ Dann fuhr Micha fort: „Oh! Schau mal in Deine Brusttasche vom Hemd – da sind doch immer Würfel!“ – Verdutzt griff Lothar hinein und – ich werde diesen Gesichtsausdruck nie vergessen! – holte zwei Würfel heraus. Micha fuhr fort: „Sag mal, hast Du schon in Deiner Hosentasche nachgesehen?“ – Dort wurde Lothar ebenfalls fündig und zog weitere fünf Würfel heraus. Am befanden fanden sich wieder alle Würfel, auch die letzten zehn, in dem großen Becher – moderiert von Micha. Mysteriös! Des Rätsels Lösung: Micha war ein Magier auf Durchreise, dem die Gesellschaft in der „Klöndeele” so gefallen hat, dass er uns eine kostenlose Darbietung seiner Kunst geboten hatte. Eine sensationelle Erfahrung!

Manchmal, wenn die Stunde und der Monat vorangeschritten waren, man noch an der Theke saß und allmählich die Kippen ausgingen, dann öffnete Lothar seine “Schatzschublade“ in der Theke und warf eine ehedem liegengelassene Zigarettenschachtel mit dem knappen Kommentar „Allmende!“ für alle kostenlos auf die Theke. Wenn Lothar richtig gut drauf war, ließ er uns sogar wählen: „Wollt ihr lieber Lux, Eckstein oder HB?” Leider sind diese Erinnerungen alles, was von der „Klöndeele” geblieben ist: Dieses Jahr werden es 20 Jahre, dass sie 2003 für immer ihre Pforten schloss.

Verlust für die Nachgeborenen

Lothar erklärte damals, dass es Probleme mit der Zubereitung von Speisen in der offenen Küche bei gleichzeitiger Raucherlaubnis gäbe, und er – Fuchs, der er war – sagte uns schon damals eine Verschärfung der freiheitsraubenden “Irrsinnsgesetze“ voraus, die ein „Abmetern von Kneipen wie im Krieg im Trommelfeuer!“ zur Folge haben würden und die gute, alte, unbeschwerte Zeit bald Geschichte werden lassen. Er sollte Recht behalten. Nicht nur immer mehr Regulierung und immer mehr Vorschriften (Gesundheit, Sicherheit, Ökologie und Klima, politische Korrektheit, digitale Kassenpflichten…) setzten Deutschlands Traditionskneipen zu, sondern auch der Siegeszug von Social Media und Smartphones.

An die „Klöndeele” können sich heute – zwei Jahrzehnte nach ihrer Schließung – kaum noch Menschen erinnern. Es ist der Lauf der Zeit – aber es ist jammerschade, weil hier ein Stück Kultur unwiederbringlich dahinging. Fast jeder kannte seine eigene „Klöndeele“ in seiner Nähe, und mit ihr und den vielen tausend vergleichbaren, ebenfalls hingerichteten Kneipen ging ein gutes Stück Toleranzfähigkeit und wahrer Vielfalt – eben nicht nur an Speisen und Getränken, sondern auch an Gelassenheit und Gemeinschaftsfähigkeit – für immer verloren. Ich bedaure die Nachgeborenen, denen diese Erfahrung von bornierten Ordnungsämtern und Ideologien vorenthalten wurde- so dass manchen von ihnen anscheinend gar nichts anderes mehr übrig bleibt, als sich „fürs Klima“ an Klassiker der Malkunst zu kleben, um ihren Schrei nach Liebe auch gehört werden zu lassen. Mein Wunsch: Lasst uns lieber wieder “Klöndeelen”!

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12 Kommentare

  1. Ja. Alles auch so erlebt. In Norddeutschland Klönsnack.
    Schade, das ich nach meinem Ableben nicht mehr sehen und hören kann, wie die Menschen nach dieser jetzigen verrotteten Generation ticken.
    Durch meine Wut aber über diese jetzige Generation, würde ich es besser finden, die leben wieder in Höhlen und kämpfen mit Raubtieren ums tägliche überleben. Alles aber ohne Lagerfeuer wegen dem Feinstaub und so…

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  2. War auch immer gerne in unserer Dorfkneipe, ein Grieche mit seiner Frau hatte diese zuletzt übernommen. Ich kann mich noch gut erinnern, auch an die Preise. Ein Bier 1,2 DM, Ouzo genauso viel, ein Rumpsteak mit Pommes und Salat 14 DM, nette Atmosphäre gratis. Wenn ich die Preise heute sehe könnte ich mir, selbst wenn ich wollte, einen wöchentlichen Kneipenbesuch gar nicht mehr leisten. Damals sprachen wir nicht über Politik, Gendern, Massenzuwanderung oder was heute Dauerthema ist, wir hatten Spaß, haben getrunken gegessen, geraucht, gezockt und uns am Leben gefreut….lange ist es her….

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    • so isses,
      Bierchen 0,3l VOR Euroeinführung um 1,20 DM!
      Bierchen 0,3l 22 Jahre später um 3,20 Euro, also über 6 Deutsche Mark.

      An solchen Dingen lässt sich gut die „wahre“ Inflation erkennen.

      Weder Normallöhne (DAX-Vorstandsgehälter sehr wohl) noch Renten sind in dem Zeitraum um 400% gestiegen.

      Und das ist dann ein schleichender Prozess, höhere Kosten bedingen höhere Preise, höhere Preise -bei gleichzeitig weniger Freiheit/Erlebnis (z.B. Rauchen) ziehen ab Punkt X weniger Gäste an, weniger Gäste bedingen dann meist wieder höhere Preise, noch weniger Gäste, Spirale bis schließlich zum habecken (Geschäft einstellen).

  3. Kneipen und Gasthäuser wurden mit der Ausgangs- und Kontaktsperre erledigt – ein Teil der gesellschaftlichen Transformation !
    Diese Gewohnheit – ein- oder mehrfach die Woche in der Kneipe anzutanzen oder essen zu gehen, ist jetzt weg und wird auch nicht wiederkommen, bevor es wirtschaftlich wieder aufwärts geht. Und da steht ein wirtschaftlicher Zusammenbruch und ein Bürgerkrieg davor !
    Wer es vermißt – Dank an die Blockpartei !
    Erinnern sie sich bei der nächsten Wahl – denn es gibt eine Verbindung zwischen der ausgeführten Politik, den amtierenden Politikern und den Wahlen !

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  4. Dat is allns so lang her… Bi mi to Hus had we de Fährschenk. Dat warn lütsches Loch, wo, wenn allns anner dicht mokt had, de Lüüt noch förn Lütten hingoon weern. Ik glöv dat is nu son schicken Kroog to’n eeten för de Turis. As ik do weer, had wi do no richtige Fischers bin. Dat warn stramme Jungs mit bannich veel Kraft – un wenn de duun weern… ik kun di seggen.
    As ik wegen de Leer un Uni weg weer, had dat Fernseen do sonne Serie mokt; mitn Doktor de över dat Land eiert un anne Lüüt rumtüddelt dat de weder bräsich warn. Un as ik dann tröch küm weer un mi olde Frünn besoekt hev, weer dat jümmers mer för de Turis. Nu is dat allns so, wi de Turi sich dat vorstelln deit.
    Hüüt is dat so, dat ich wool denk, dat ik von do afstamm aver tröch wul ik nech. De Kultur heb se afmurkst. Dat is nu son beeden wi dat Disneyland – nich för de Turis aver för mi.
    De Kroog vonne Schrieversmann is wech un bi mi to Hus is dat nich mer echt – wat is nu leger?

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  5. tja das waren wirklich noch Zeiten als man Freitag Nachmittags mal eben 20 Pils gegen den Durst angetrunken hat und dann später noch Performance hatte. Dieses ganze infantile Dingsbumms-grün-Deppen-Gedöns wirkt heute um so lächerlicher. Einfach erbärmlich was davon noch übrig geblieben ist, nicht einmal Krümel sind das noch. Doch ganz einfach: es liegt an den Leuten mit deren kommunistischen Vollkaskomentalität. Ist leider vorbei, fällt mir auch schwer, aber kommt vorerst nicht wieder!

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  6. Das Kneipensterben begann mit den Rauchverboten! Mir ist heute noch kein einziger Fall bekannt, wo sich ein Nichtraucher über den Qualm in einer Kneipe beschwert hätte. Ganz im Gegenteil.

    Das vor die Tür gehen, nahm jegliche Stimmung. Jede! Das wollte ich mir nicht mehr geben.

    Bei uns in der Pfalz gaben die Coronaregeln vielen Wirten den letzten Rest und diese Türen werden nie wieder geöffnet. Auch weil viele Lokale schon zu Wohnraum umgebaut wurde, oder einfach verfallen ist.

  7. Riesenkompliment an meinen Freund und Autor dieser Zeilen! Der Artikel ist ein kleines Meisterwerk und wohl viele von uns könnten dieses mit eigenen Erinnerungen auffüllen. In England sterben die Pubs, in Frankreich die Bistros und hierzulande trifft es längst auch Landgasthöfe, kleine Hotels und mehr. Das Brüsseler Monster verschlingt seine Ländereien, der Green Deal ist die bestellte Grabplatte, welche von den Schampuseliten auf uns drauf gelegt werden soll. Rette sich wer kann, es kommt die Hölle und kein Klönschnack mehr.

  8. Absolut korrekt, danke für Ihre Gedanken.

    (Immer mehr sehr gute Artikel von immer mehr Autoren auf der Ansage… Weiter so bitte; zahle ich 1000000x lieber als für’n ÖRR, der bekommt nix mehr und ich schau nun einfach mal was da mit mir damit geschehen wird 🙂 )

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