Liebe Ravensburger…

Kulturelle Aneignung und Redfacing: Pierre Brice und Lex Barker 1963 beim Dreh von „Winnetou I“ (Foto:Imago)

…in der Tat, „nicht mehr zeitgemäß”: Das trifft es. Der Indianerhäuptling musste weg! Wir alle wissen inzwischen, es gibt immer nur eine legitime Zeit. Die Gegenwart! Was haben wir nicht alles konsumieren müssen? Winnetou, Struwwelpeter, Tom Sawyer, Pippi Langstrumpf, den von einer sattsam bekannten Rechtsextremen plötzlich auf dem Markt platzierten Harry Potter. Dazu unzählige Märchen, in denen Stiefmütter, Wölfe, Kleinwüchsige und Kräuterexpertinnen aufs Übelste diskriminiert werden. Liedtexte, in denen Entchenbesitz verharmlost wird, Häschen klischeehaft in der Grube sitzen und Jäger mit Schießgewehren Kleinkindern den Schlaf rauben. Ein einziges Konvolut rassistischer und tierwohlgefährdender Standardwerke hat unsere Kindheit überschattet. Zeit, die toxischen Machwerke der Vergangenheit dem Scheiterhaufen der Geschichte zu überantworten!

Leider, liebe Ravensburger, ist euer Verlagshaus trotz der jüngsten lobenswerten Aktivitäten noch immer ein Hort solch dumpfer Ressentiments. Darüber, dass noch immer ausgerechnet ein blaues Dreieck euer Markenzeichen ist, will ich gar nicht spekulieren. Es gibt da ganz andere bedenkliche Altlasten. Über eine Million mal wurde euer Partyspiel „Nilpferd in der Achterbahn” verkauft. Eine postkoloniale Plattitüde! Muss man heute wirklich erklären, dass ein Flusspferd in seine natürliche Umgebung gehört und nicht in ein auf völkischen Festen errichtetes kommerzielles Fahrgeschäft? Gleich geschlagene vier Millionen mal habt ihr „Flotti Karotti” verkauft. Eine verharmlosende Ungeheuerlichkeit, in dem schon Vierjährige die ihnen zugeordneten Plastikhasen in eine erbarmungslose, kaum artgerechte Bergbesteigung hetzen sollen.

Feudale Entgleisungen

Auch bedenkliche feudale Entgleisungen wie „Adel verpflichtet!” – Spiel des Jahres 1990 – oder „Puerto Rico” finden sich aktuell im Ravensburger Portfolio, so als wäre nichts gewesen. Mit Kolumbus gemeinsam siedeln, Plantagen anlegen und Kaffee für Europa exportieren? Ist das eure Vorstellung von Fair Trade? Armselig!

Das alles gehört ebensowenig in die Zeit wie eure indoktrinierenden Puzzles: Zweidimensionale Scheibenwelten, bei denen statt diverser immer nur eine mögliche Einsteckvariante in Frage kommt und am Ende immer nur ein einziges, natürlich von Ravensburger vorgegebenes Abbild der Realität entsteht. Die bunte, vielfältige und offene Gesellschaft wird in derartig vorgestanzten Produkten erstickt. Kaum zu glauben – da soll zum Beispiel ein „Pittiplatsch” zusammengesetzt werden! Was denkt man sich eigentlich dabei, zwei Millionen Mal ausgerechnet einen dunkelhäutigen Kobold auf den Markt zu werfen, der in Dunkeldeutschland durch seine quietschende Stimme und sein Querdenkertum bekannt wurde? Mitsamt des zugehörigen Kontrapunkts in Gestalt der gemeinhin als ausgewogen argumentierend bekannten, natürlich blonden Ente, bei der Ravensburger – als sei das alles nicht genug – das ursprüngliche Kopftuch gegen einen Sonnenhut getauscht hat?

Nein, liebe Ravensburger, ihr habt den Schuss einfach nicht gehört! Vielleicht solltet ihr – nur ein wohlmeinender Vorschlag – darüber nachdenken, die angefallenen Übergewinne in einen Fond zur Förderung antikolonialer, queerfeministischer Kinderliteratur einzuzahlen. Mehr Mut! Neuanfang wagen!

13 Kommentare

  1. Nix mit Neuanfang. Nur der totale Kaufboykott könnte Ravensburger davon kurieren, sich kriecherisch dem linksextremen Mob zu beugen. Die haben offensichtlich noch nicht gemerkt, dass eine kleine Minderheit das bürgerliche Deutschland zu terrorisiert. Wenn denen nicht fester Widerstand entgegengesetzt wird, dann werden die die Meinungsherrschaft uneingeschränkt übernehmen -darum: wehret den Anfängen1

  2. Es mit Heinrich Heine zu sagen:

    „Das ist schön bei den Deutschen: Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht.“

  3. Und der absolute Witz ist ja der, dass dieser Winnetou als quasi christlicher und damit löblich anzusehender Indianer von Karl May präsentiert wird. Er ist als literarisches Produkt genau das Gegenteil der Indianer, wie sie in US-Schinken (meistens) daherkommen … Karl May erfand ihn als moralisches Gewissen, quasi damit auch als den Samariter, der allen und dabei eben auch Juden vormachte, was Nächstenliebe heißt …

    Lachen muss ich schon, wenn ich einen Krimi sehe, in dem auch ein Schwarzer der Mörder (andere Verbrechen gibt es ja kaum! Und dieses zigfach allabendlich!) sein könnte. Ja, um Himmels Willen, ein Schwarzer ein Mörder, das geht ja garnicht. Folglich bleibt nur ein verstörter oder geldgieriger Weißer als Täter übrig.
    Das sollte man auch mal der Polizei sagen, dass sie Dunkelhäutige sofort von einer Verdächtigenliste streichen können. Der Mörder ist immer der Gärtner – vielleicht -, aber immer ein Weißer.

  4. Bleibt dann noch Friedrich Schiller mit „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“. Gehört wohl auf den Index.
    Steht doch dort:
    „Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen“
    Hat man es wirklich nötig, diese Form der Bücherverbrennung zu unterstützen.
    Jedem Sensibelchen seine Plattform.
    Da hilft wohl nur ein grosszügiges Umgehen der Produkte von solchen Firmen.

  5. Absolut korrekte Analyse. Ich wundere mich seit Jahren, dass das böse Programm des Unternehmens so viele kleine und große Fans hatte, dass der Verlag und seine Macher, selbst die Spieleerfinder, gut davon – seit Jahrzehnten – leben konnten. Dass aber ganz wenige neurotische Weltneu- und Umdenker die Verlagsleitung zur Einkehr oder Umkehr, oder was auch immer so hurtig bekehren oder belehren können, ist ein deutsches Wunder. Nein! Das ist es nicht. Zu allen Zeiten haben Wenige versucht, den Vielen oder den Massen einzureden, dass die Freiheit des Einzelnen oder gar die Gedankenfreiheit, nicht gut für das eigene Geschäft sein kann. Wer die (künstlerische) Kreativität der Menschen einschränken will, oder schlecht macht, hat selbst nichts anzubieten. Die Aufforderung zum „Canceln“ ist eine Vorstufe des Faschismus. Glauben die Macher wirklich, dass ihnen die woken Besser- und Alleswisser ihr Gehalt und den Geschäftswagen bezahlen, wenn die richtigen Menschen entscheiden, dem Verlag die A-Karte aufgrund ihrer intellektuellen „Geschmeidigkeit“ zu zeigen, und nichts mehr bei ihnen bestellen? Vielleicht denken die Guten im Verlag, dass sie in der Not von irgendeinem Programm der Rot-Grünen gerettet werden?

  6. Wer als Kind in der DDR die „Indianerfilme“ mit Gojko Mitic gesehen hat und vielleicht sogar
    in Radebeul im Karl May Museum war hat eine ganz anderen Blick auf die Native Americans
    bekommen als die gekünstelten Karl May Schinken aus dem Westfernsehen.
    Man sollte auch unseren Kindern diese Erfahrung machen lassen, statt ihnen große Worte
    über Kulturdiebstahl und ähnlichen Schwachsinn zu erzählen.
    Ich habe mich aufgrund meiner Kindheitserinnerungen später mit dem Wilden Westen
    und den „Indianerkriegen“ beschäftigt und viel Literatur dazu gelesen.
    Wem die Sicht der „Indianer“ dazu interessiert: Dee Brown Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses.

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