Donnerstag, 23. Mai 2024
Suche
Close this search box.

Reigen im Bordrestaurant: Eine kurze “Zeit”-Reise

Reigen im Bordrestaurant: Eine kurze “Zeit”-Reise

Zugreisen durch Deutschland – mit interessanten Eindrücken im Waggon (Foto:privat)

Weil die zweite Wagenklasse ausgebucht war, setzte ich mich ins Bordrestaurant. Dort bin ich ohnehin gerne – nicht, weil hier Gourmetmahlzeiten serviert werden, sondern weil man hier bequem sitzt, gute Aussicht hat und wunderbar Menschen beobachten (und “belauschen”) kann. Das Bordrestaurant ist ein Mikrokosmos auf der Schiene, in dem sich unterschiedlichste Menschen sehr nahe kommen. Hier ruckelt es mitunter auch mal. Manchmal knistert es gar. Zwischendurch hört man sogar auch ein – harmloses –  Stöhnen, nämlich, wenn er auf freier Strecke mal wieder steht. Der Zug, versteht sich.

Kellner sind im Bordrestaurant häufig damit beschäftigt, den Gästen mitzuteilen, dass die Kühltruhe ausgefallen ist und das Angebot nur sehr begrenzt ist. So war es natürlich auch heute. Immerhin gab es “meinen” Orangensaft und den sogar gekühlt. So setzte ich mich am letzten freien Vierer-Tisch direkt ans Fenster, nachdem sich zwei Geschäftsmänner kurzfristig entschieden hatten, den kleinen Zweier-Tisch zu nehmen… mutmaßlich, um nicht in die “Gefahr” der Nähe zu anderen Fahrgästen zu kommen. Schnell noch vorbei an den anderen Koffern, die fast halb im Gang standen – geschafft!

Alle Vorurteile bestätigt

Am Tisch gleich hinter mir saßen zwei Frauen. Hier wurde heute jedes Vorurteil wieder mal bestätigt: Während sich die Frauen über ihre Gefühlswelt und Lebensentscheidungen unterhielten, ging es bei den Männern nur ums Geschäft. Dabei war das, was besprochen wurde – soweit ich ich mithören konnte – noch nicht einmal Grundlegendes, sondern ein sinnfreies Geschwätz unter männlichen Kollegen. Dazu ein Bundesbahnbier. Der Blick der beiden Männer am Zweier-Tisch ging zwischendurch zu dem Damentisch; deren tiefsinnige Gespräche konnten sie wohl nicht begreifen. Die Damen selbst bemerkten übrigens nicht, dass sie zwischendurch bemerkt wurden – oder sie wollten nicht, dass man merkt, dass sie merkten, dass sie bemerkt wurden.

Während ich noch so über die Unterschiede der Geschlechter und deren Sinn nachdachte, fragte ein sehr freundlicher Mann vielleicht Mitte, Ende Dreißig, ob bei mir am Tisch noch ein Platz frei sei. Ich bejahte, und er setzte sich mir diagonal gegenüber, zur Gangseite hin. Seine Stimme war hell, seine lockigen Haare trug er, akademisch gesetzt, etwas länger – dazu eine Brille mit runden Gläsern. Diese Spießigkeit wurde getoppt durch eine Tasche, die aussah, als wäre sie mindestens so alt wie er selbst. Es tut mir richtig leid, dass ich über ihn hier so rede, weil er ja sehr, sehr freundlich und nett war; er lächelte mich zwischendurch an und sein Blick war sehr verträumt. Ich erwiderte die Freundlichkeit, wollte aber auch keine darüber hinausgehende Bekanntschaft – weshalb ich einfach zwischendurch stur aus dem Fenster schaute.

Aufschlussreicher Blick in die “Zeit”

Schließlich holte er seine “Zeit-”ung heraus – und ja, nach einigen Augenblicken hatte ich Gewissheit: Es war tatsächlich die “Zeit”. Die Schublade, in die ich ihn zuvor zwangsläufig platziert hatte, wogegen ich innerlich noch ankämpfte: Diese Schublade war nun endgültig seine. Ich konnte es leider nicht mehr ändern, und er bestätigte es mit jedem Moment seines weiteren Verhaltens. Als er sein gesundes Mineralwasser nippte – dazu hatte er einen billigen Wein und ein fernasiatisches Wok-Gericht -, fragte ich ihn, ob ich mal einen Blick in die “Zeit” werfen dürfte. Dabei versuchte ich, so neutral wie nur möglich zu wirken und legte mein Mobiltelefon zur Seite. Ich wollte ihn nicht damit schockieren, dass ich bekanntlich ja der schlimmste Facebook-Hetzer an Ruhr und Volme bin…

Also las ich die “Zeit”. Es war nicht mein erstes Mal, aber das erste Mal seit fast zehn Jahren, dass ich mir diesen linken Schund angetan habe (seit 2015 – spätestens seit 2020 – war sogar die ehemals halbwegs bürgerliche “Frankfurter Allgemeine” für mich endgültig gestorben). Also gut: Ich blätterte und blätterte… und startete dann doch auf der Titelseite: 10 Gramm Fleisch… ja, alles klar! Als erstes großes Thema war da natürlich die übliche Panik vor der AfD, die angeblich immer enthemmter werde. Das wird nun seit zehn Jahren so oder ähnlich gebrüllt. Die AfD müsste ja längst so weit rechts sein, dass sie dieses Sonnensystem längst verlassen haben muss, wenn es nach den Redaktionsstuben dieser (…-)Republik geht.

Wo leben die eigentlich?

Die ganze Zeitung langweilte mich. Lediglich ein Artikel über die Situation der Homosexuellen in Uganda beschäftige mich etwas. Das Land in Zentralafrika hat jüngst die Todesstrafe für Homosexuelle eingeführt – bei besonders schweren Fällen. Nun, Wokistan mit (Regenbogen-)Fahnenappell auf der einen Seite, der Tod auf der anderen Seite. Muss es immer so extrem sein? Dann gab es noch eine besonders schreckliche ganzseitige Werbeanzeige einer Firma, die die Bundesregierung an ihre humanitäre Verantwortung gegenüber den Asyl- und Schatzsuchenden dieser Welt erinnerte und entsprechend an sie appellierte. Darin enthalten war die übliche Floskel, dass Deutschland das größte Land der EU sei. Ja – es ist das größte Land der EU – von der Bevölkerung her,  aber nicht von der Fläche! Und auch nicht vom Vermögen und nicht von der Infrastruktur! Wo leben die eigentlich alle? Deutschland ist längst das Armenhaus des westlichen Europas. Unser Herz kann noch so groß sein – aber wir können nicht noch mehr Millionen aufnehmen, ohne wirtschaftlich, finanziell und kulturell abzustürzen. Andererseits fragte ich mich, warum die “Zeit”-Sponsoren in einer anderen Blase unterwegs sein sollten als ihre Macher und Konsumenten?

Weiter zum Interview mit Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, das nur an zwei Stellen interessant war: Als sie auf ihre Heimat Duisburg zu sprechen kam, antwortete sie, dass es heutzutage natürlich schwierig sei, weil man in Duisburg nicht mehr zwingend Deutsch sprechen müsste. Aha! Da hat jemand, trotz roter Gesinnung, ein Problem erkannt und sogar klar benannt… Donnerwetter! Nur ihre Lösungsvorschläge hierfür überzeugten mich ganz und gar nicht. Später im Interview ging es um den Tod ihres Mannes, der zuvor ein Pflegefall gewesen sei. Hier konnte ich der Witwe, unabhängig ihrer sonstigen Art und Gesinnung, abnehmen, dass sie sich lieber um ihren Mann gekümmert hätte, würde dieser noch leben, als das hohe Amt zu bekleiden.

Kurzer Ausflug

Das zweite große Interview war mit Thomas de Maizière, dem willigen Vollstrecker im System Merkel, der jetzt beim so genannten “Kirchentag” mitmischt. Dieses Interview war recht dröge: De Maizière versuchte sein öffentliches Bild vom arbeitswütigen und lustfeindlichen Protestanten zu widerlegen, was ihm nicht wirklich gelungen ist. An einer Stelle musste ich schmunzeln: De Maizière sprach vom preußischen Pflichtbewusstsein und von der preußischen Loyalität und wies darauf hin, dass die preußischen Beamten damals leider auch in der NSDAP-Diktatur loyal waren. Nun… ohne beide Systeme irgendwie gleichsetzen zu wollen, musste ich trotzdem daran denken, wie vehement de Maizière die “große Führerin” aus der Uckermark seinerzeit verteidigt hat. Ich weiß noch, wie ich eine Rede von Herrn de Maizière in Dortmund im Verlagshaus der “Ruhr Nachrichten” gehört habe. Damals hat er kein schlechtes Haar an der Parteiführung gelassen und uns kleine Mitglieder regelrecht auf Linie trimmen wollen.

So weit meine “Zeit”-Lektüre; das war also mein kurzer Ausflug in ein Druckerzeugnis, für das ich im Leben kein Geld ausgeben würde. Natürlich bedankte ich mich trotzdem sehr freundlich bei meinem Tischgenossen und gab dem strahlenden, netten Herrn sein Eigentum gerne zurück. Kurz darauf kam der Kellner und kassierte. Natürlich zahlte mein Gegenüber mit Karte. Als er mit Essen und Lesen fertig war, bot er mir sogar an, die “Zeit” mitzunehmen. Ich bedankte mich und schüttelte leicht mit dem Kopf, dabei freundlich lächelnd. Am liebsten hätte ich dieses Käseblatt in den nächsten Müllbehälter entsorgt…

Kritische Seitenblicke

Die zwei Herren am anderen Tisch stiegen in Köln aus. Gott sei Dank! Tschüssikowski und auf Wiedersehen – vermutlich in der Hölle der lieblosen Oberflächlichkeit von Bier und “Bild”! An ihrer Stelle stieg ein gut gekleideter, betagter Herr ein und nahm an dem schmalen Tisch Platz. Er bestellte eine Käse-Schinken-Platte und ließ sich einen Weißwein servieren. Er telefonierte, wobei seine gebildete Wortwahl auffiel. Was ich heraushören konnte, war, dass er Pianist und politisch eher konservativ ist. Zumindest schien der gegenwärtige Bundeskanzler nicht seine Wahl gewesen zu sein und er redete sogar von denen, die “aufgewacht” seien.

Währenddessen unterhielt ich mich doch noch mit meinem Gegenüber, dem “Zeit”-Leser. Er war einem Wahl-Dortmunder aus Baden-Württemberg. Wir tauchten uns kurz beruflich und privat aus. Ich hatte irgendwie Mitleid mit ihm: Beruflich versucht er wohl irgendwie, Wirtschaft und (mutmaßlich grünpolitische) Ökologie unter einen Hut zu bringen. Er redete über den “Wandel” und dass die Bürger “auch mal weiter als für fünf Cent denken” müssten. Während ich bei mir dachte, nun, die Bürger müssen teilweise immerhin schon an 80 Cent pro Kilowattstunde denken, sagte ich ganz diplomatisch, dass es ja auch immer eine Frage der Kommunikation sei und sich viele Bürger wohl überrumpelt fühlen. Dabei sprach ich natürlich auch den Habeck’schen Heiz-Hammer an. Von dem älteren Herrn am Nebentisch kamen zwei, drei kritische Seitenblicke. Der musste wohl denken: Was für zwei linke (oder wenigstens komische) Gestalten… Dabei bin ich doch gar nicht links! Aber das konnte und wollte ich dem lieben “Zeit”-Mann, der sich nun noch ein Bier bestellte und weiter verträumt lächelte, nicht mitteilen. Also unterhielten wir uns noch ein wenig: über gesunde und nachhaltige Ernährung, über dies und das… dann erreichte der Zug das Hagener Stadtgebiet. Wir verabschiedeten uns sehr freundlich und ich stieg aus. Dieser sehr nette Mann tat mir einfach nur leid.

Am Bahnsteig seufzte ich erstmal auf. Das nächste Mal werde ich mir im Bordrestaurant auch etwas Alkoholisches bestellen. Für meine Gesundheit!

4 Antworten

  1. Im Vergleich zur “Zeit” war das “Neue Deutschland” als Zentralorgan der SED ein rechtes Tagesblatt.

  2. Was ist das denn fuer Kinderkacke?
    Uhhh, schaut her, Ich und mein Blog sind so evil.
    Alle, die Standardmagazine lesen, begreifen meine Einzigartigkeit als Anti-Systemling nicht.
    Ist ja wie in der Pupertaet: die nicht meiner Subkultur einfueg angehoeren, sind ja sooooo Mitlaeufer, ich * beliebige Subkulur einfueg* bin ja so fucking special.

    1
    9
  3. Zu freundlich behandelt, den Grünen.
    Der geht mit dem Gefühl nach Hause, alle hätten ihn trotzdem lieb, er macht weiter, er bekommt keinen Gegenwind, auch als reiner Befürworter nicht.
    Das mag in normalen Zeiten auch abgeklärtes und gutes Benehmen sein, wir sind aber mittlerweile im Krieg. Und der steht eindeutig auf Seiten des Feindes, das, was er vertritt, ist schlimmer in den Auswirkungen auf das normale Leben, als alles bislang Dagewesene.
    Also muß die Devise aktuell heißen:
    Sofort anblaffen, kalten, haßerfüllten Gegenwind ins Gesicht blasen, die müssen überall, wo sie sich auf Seiten der Grünen zeigen, derart angegangen werden, daß sie es sein lassen.
    Vermutlich ist es dann auch nicht mehr so wichtig…
    Denn die meisten dieser Träumerles wollen nämlich einfach nur Mainstream sein und zu den Lieben gehören, auch gegen die Überzeugung, oder ohne sich damit wirklich auseinandergesetzt zu haben.
    Also:
    Ohne rüden Gegenwind fühlen die sich weiter wohl und machen weiter.

  4. Bin und bleibe Autofahrer.
    Ist besser für die Nerven und erhält die lebenswichtige Distanz zu den Bekloppten und Messerstechern.