Rheingold, Scheingold, Maingold

Der güldne Schein der Vergänglichkeit (Symbolbild:Pixabay)

2023 hält wieder einige Fest- und Gedenkgelegenheiten bereit. Dass Grundlagen einbrechen können wie nicht mehr tragfähiges Eis, wäre uns vor fünfzig Jahren, in den ersten goldenen 1973er-Monaten, unvorstellbar erschienen. Mit der erstmaligen Ausstrahlung der „Sesamstraße“ durch mehrere westdeutsche Fernsehanstalten zog ein unbeschwerter Optimismus auch bei den jüngsten Bundesbürgern ein. Obwohl es sich um eine TV-Serie „für Kinder im Vorschulalter“ handelte, waren auch ABC-Schützen und deren Eltern von Ernie, Bert & Co begeistert. Gern ließen wir, die wohlstandsverwöhnten Deutschen, uns generationsübergreifend auf humorvolle amerikanische Art unterhalten und ehrten das Krümelmonster insgeheim mit dem Orden vom Goldenen Keks.

1973 wurde dann nach trittsicherem Beginn aber auch zum Jahr des Ölpreisschocks. Auf den Jom-Kippur-Krieg im Oktober reagierten die arabischen Staaten mit massiven Preiserhöhungen für das Schwarze Gold, was hierzulande zu Sparappellen, Sonntagsfahrverboten und in der Folge zum Bau vieler neuer Atomkraftwerke führte. Man wollte sich befreien von einseitigen Abhängigkeiten. Die güldne Sonne und der Wind, der weht, wo er will, waren damals noch nicht im Gespräch.

Überraschend zahlreiche Daten der Weltgeschichte mit Sinnbezug zur Gegenwart

Wer 2023 zurückblickt in die große weite und nur zu oft sehr ernste Weltgeschichte, kommt überhaupt an überraschend zahlreichen Daten nicht vorbei, die irgendwie mit Gold, Geld und also auch mit Macht zu tun haben. Vor 75 Jahren, im Juni 1948, wurde in den deutschen Westzonen die Währungsreform durchgeführt. Damit begann, noch bevor die Bundesrepublik Deutschland gegründet worden war, die Erfolgsgeschichte der Deutschen Mark. Sie war übrigens nicht immer so „hart“, wie wir im nachhinein verklärend meinen. Gerade im Zuge der Ölkrise 1973/74 und nur kurze Zeit nach der Abkoppelung des US-Dollars vom Goldwert kam es zu einer Teuerung, die in einem Anstieg von Löhnen und Gehältern bis zu zehn Prozent gipfelte. Vor allem deswegen (die Affaire um einen DDR-Spitzel war nur Anlass, nicht Ursache) musste Bundeskanzler Willy Brandt dann im Mai 1974 abtreten und dem Finanz- und Wirtschaftsfachmann Helmut Schmidt das Amt überlassen.

Anders als heute gab es damals aber noch die „Vierte Gewalt“ in Gestalt einer Bundesbank, die wirklich gehört und geachtet wurde. Sie bewachte in Frankfurt am Main tatsächlich sozusagen das Staatsgold und wehrte alle Versuche ab, das Geld nachhaltig zu entwerten zugunsten haushalterisch flüchtigen Genusses im bloßen Hier und Jetzt. Sie verstand sich eben nicht als Staatsbank, die willfährig abgenickt hätte, was die Regierenden gerade meinten an Wohltaten ausschütten zu können. Vom Grundsatz einer von tagespolitischen Weisungen unabhängigen Notenbank ist nunmehr in Zeiten der EZB so gut wie gar nichts mehr übriggeblieben.

Glatteis meiden!

Die Bank Deutscher Länder, die spätere Deutsche Bundesbank, war ja mit der Zielsetzung gegründet worden, eine verdeckte Geldentwertung wie im Dritten Reich sowie eine Hyperinflation wie die von 1923 ein für allemal unmöglich zu machen. 1948 war 1923 gerade einmal 25 Jahre her – nun werden es, im Herbst 2023, genau einhundert sein. Wir beobachten diesen Teil unserer deutschen Geschichte und verfolgen aufmerksam, wohin sich die europäische Geldpolitik entwickelt und gestaltet – so sie nicht abdriftet und uns in den gesellschaftlichen Untergang reißt. Lassen wir uns nicht aufs Glatteis führen!

Vor 175 Jahren war die hohe Zeit der „48er“. Karl Marx und Friedrich Engels veröffentlichten ihr „Kommunistisches Manifest” im Blick auf die revolutionären Bewegungen in halb Europa. Den Forderungen nach der „Diktatur des Proletariats“ stimmten viele laut wie leise bei, unter ihnen ein Anarchist namens Richard Wagner, seines Zeichens Kapellmeister in Dresden. Sein nicht musikalisiertes Libretto „Jesus von Nazareth“ schrieb er 1848, intellektuell-werbewirksam an der Seite der Armen und Entrechteten, in einem Tonfall aber auch von Eigenrechtsanspruch und Neid. Der Streit und Kampf um den aus dem Schatz des Rheingoldes geschmiedeten Ring des Nibelungen ist da schon vorgebildet.

Bachs Gottesnähe, Wagners Erdung

Was Johann Sebastian Bach mit seinem Dienstantritt in Leipzig vor nun 300 Jahren (Mai 1723) in Kantaten und namentlich Passionen von den Untiefen menschlichen Begehrens und Sehnens aus klingend-lutherischem Geist hinauf in die goldenen Hallen des Himmelreiches führte, wurde durch Wagner „geerdet“ und zu einem Menschheitsepos verarbeitet, dessen Protagonisten ihren eigenen Gesetzen folgen und im Streben nach ichbezogener Freiheit sich nur immer mehr verhaken und verheddern. Mit der Götterdämmerung hören Goldrausch und Geldgier mitnichten auf. Wer diesen Punkt erreicht hat und angesichts solcher aussichtslosen Lage beginnt, an Gott zu zweifeln, möge an Bach glauben. So jedenfalls hat es der Komponist Mauricio Kagel gehalten, der dieses goldene Wort prägte und dessen Stück sowie Film „Zwei-Mann-Orchester. Für zwei Ein-Mann-Orchester“ vor nunmehr fünfzig Jahren Aufsehen erregte.

Im Herbst 2023 werden es 375 Jahre her sein, dass in den Rathäusern von Osnabrück und Münster Verträge unterzeichnet wurden, die den Dreißigjährigen Krieg beendeten. Dieser Westfälische Friede war nur deshalb nach jahrelangen Verhandlungen zustande gekommen, weil man eben, trotz allen Anfeindungen, miteinander geredet hatte. Die Gegner solcher Konferenzen, die vor jedweder Friedensordnung deswegen Angst hatten, weil sie dann ihre eigenen territorialen korrupten Willkürherrschaften drangeben müssten, hatten das Nachsehen. Insofern hat dieser Friedensschluss für 2023 womöglich einige Aktualität. Siegt Gewalt um ihrer selbst willen, ferner Gier nach Gold und Geld? Oder geht es nicht doch eher um deren Einhegung innerhalb einer Ordnung, die das verfasste Recht durchsetzt? Sollen wir auf diese eigentlich schon 375 Jahre alte bewährte Einsicht nun noch jahrzehntelang wie auf etwas ganz neu zu Erfindendes warten? Muss jede Generation erst wieder selber auf die heiße Herdplatte fassen, um zur Vernunft zu kommen?

Aus dem Vollen schöpfen

Unter den vielen Anlässen, die in diesem Jahr gefeiert oder bedacht werden können, sei für heute nur noch die Grundsteinlegung des gotischen Kölner Doms zu nennen. Sie erfolgte 1248, also vor 775 Jahren. Geld hatte sich dort durch das Gold des Dreikönigsschreins unermesslich vermehrt. Die unablässig in die Rheinmetropole strömenden Pilgersleute brachten Reichtum und Wohlstand, so dass man aus dem Vollen schöpfen zu können meinte und sich frohgemut ans Werk machte. Nach etlichen geistigen und materiell-finanziellen Durststrecken kam das Projekt spätestens mit der Zeit der Reformation dann gänzlich zum Erliegen. Noch Heinrich Heine und Robert Schumann ließen sich von einer Bauruine inspirieren: „Deutschland. Ein Wintermärchen” beziehungsweise der langsame Satz aus der „Rheinischen“ Symphonie sind gewissermaßen im Vorgriff auf das Endprodukt geschaffen. Erst im Oktober 1880 wurde die Kathedrale vollendet.

Vom mittelalterlichen quasi rheingoldfinanzierten Dom über inflationäres Scheingeld ohne Golddeckung bis zum 1948er Maingeld aus „Bankfurt“, das vielen bis heute ganz persönlich „mein Geld“ geblieben ist und erinnerungsweise wie tägliches Gold glänzt, kann also in diesem Jahr vieles bedacht und manches gar gefeiert werden – in eisfreien Zeiten wie diesen umso fester!

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4 Kommentare

  1. Ich muss immer wieder den Kopf schütteln, wenn Kommentatoren sich einmal ins Religiöse/Theologische begeben.
    Zitat: „Geld hatte sich dort durch das Gold des Dreikönigsschreins unermesslich vermehrt.“

    M.E. geht es nicht an, einfach einen Aspekt in den Raum zu stellen, ohne zumindest einen Bezug/Information hierzu anzuführen, der die Erwähnung überhaupt rechtfertigt. In Köln liegen gewiss keine drei Könige. In den beiden Evangelien, die überhaupt eine Weihnachtsgeschichte anbieten, werden weder Anzahl und auch keine Könige, sondern allenfalls Sterndeuter erwähnt. Genauso wenig wie in Santiago de Compostela etwas mit einem Jakobus zu tun hat. Das sind eben christliche Märchen, die man an vielen Orten erfand und in jeder Kirche eine angebliche Reliquie einbaut, um Pilger und damit Geld anzulocken. Das sollte heute eigentlich jedem bekannt sein. Bekannt sein sollte auch, dass es sich bei dem Kölner Schmuckkasten um Raubgut aus Mailand handelt, dass der selige Barbarossa und sein geschäftstüchtiger Erzbischof von Köln in Mailand raubten, um Köln damit kulturell und finanziell aufzuwerten. Der o.a. Satz ist zwar durchaus zutreffend, aber ohne irgendeine Ergänzung eben nur gefährliches Halbwissen/Halb-Erkenntnis – oder richtiger: Im Grundsätzlichen schlichte Nichterkenntnis.

    So bleibt alles ziemlich kindisch, wenn man der wahren Geschichte, den geglaubten Geschichten und dem allumfassenden wissens-verweigernden Aberglauben nachgeht.

    Was will man denn im politischen Bereich hoffen, wenn eine große Anzahl der Menschen immer noch christlichen und mittelalterlichen Erfindungen,Vorstellungen und Narrativen Glauben schenkt ohne auch nur einmal selbst zu denken? Fortschritt dank Einfalt?

    Unter dieser Überschrift hätte ich etwas zur umfassenden Korruption (schon Kaiser wurden so gewählt) oder zu sonstigem im Zusammenhang mit Gold/Geld erwartet …
    Aber über Feier- und Gedenk(!)-Tage auch mal „laut“ nachzudenken, ist bestimmt aller Ehren wert und dürfte für mehr Klarheit sorgen!

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    • … und auch hier wieder diese manichäische Sichtweise! Schade! Vielleicht sollten Sie einmal Bertold Brecht lesen?

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      • Das Lied von der Moldau von Bertold Brecht – Am Grunde der Moldau wandern die Steine
        Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
        Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
        Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

        Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
        Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
        Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
        Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

        Am Grunde der Moldau wandern die Steine
        Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
        Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
        Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

  2. v.a. Dingen wurde der Kölner Dom erst 1880 fertig, man baute also über 600 Jahre. Was ne Leistung….Die Kölner profiterten a) von den Römern, b) Napoleon und c) vermehrte sich das Geld primär durch Handel bzw. deren Zölle. Goldig war da nix.
    Und die nicht mit den Russne abgesprochene Einführung der D-Mark in den Westzonen besiegelte den Bruch mit der Ostzone, bildete den Grundstein für die langjährige Teilung
    Bei der hohen Inflation in dne 70ern drückten die Gewerkschaften wenigstens auch höhere Löhne und Gehälter durch, Renten wurden 3x über 10% erhöht, so dass die Leute weiter gut leben konnten. Völlig im Gegensatz zu heute!
    Der Goldstandard wurde 1973 abgeschafft, also vor genau 50 Jahren, kein Grund zum feiern, nachdem der vorher ab 1944 (Bretton Woods Konferenz) eine feste -natürlich- in Dollar Deckung hatte.

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