Anthrax, T-Shirts, ESC: Zwölf Punkte für die Propaganda!

Stimmungsmache für Dummies (Symbolbild:Pixabay)

Um mich nicht wieder einmal in die Nesseln zu setzen, hatte ich mir gestern noch vorgenommen, nichts Sarkastisches mehr öffentlich zu schreiben, aber heute Nacht kann ich es nicht unterdrücken: „Vor dem nächsten ESC sollten wir Putin um eine kleine Invasion bitten – dann landen wir einmal nicht auf dem letzten Platz!”, dachte der auf böse Bemerkungen gepolte Teil meines Gehirns, der sich immer dann zu Wort meldet, wenn er Widersprüche in der öffentlichen Berichterstattung wittert. In meiner Fantasie musste wieder einmal Oer-Erkenschwick als Ort des Geschehens herhalten, da ist es beschaulich, schon die Landung von fünf Russen am Fallschirm könnte für den nötigen Effekt sorgen. Niemand müsste zu Schaden kommen – ein bisschen Ballern in die Luft reicht. Deshalb können wir das Szenario auch nicht nach Neukölln verlegen, dort würde man die Schießerei als Begleitmusik einer Clanhochzeit fehlinterpretieren – unsere kleine Invasion fiele dort gar nicht weiter auf.

Aber in Oer-Erkenschwick könnte sie die nötige Wirkung haben. Schaue ich mir die Kostümierung einiger Teilnehmerinnen des ESC so an, bräuchten wir dann nur noch eine blondbezopfte Schönheit im Latex-Dirndl, die zu Technobeats ein altes deutsches Volkslied jodelt, während im Hintergrund eine Gruppe von Transfrauen im noch knapperen Latex-Dirndl erotisierend eine Raketen-Attrappe umtanzt. „Die Sängerin interpretiert in ihrer ergreifenden Performance unkonventionell das Thema ‚toxische Männlichkeit‘”, würde der Moderator mit von Pathetik bebender Stimme verkünden, während das Publikum das Latex-Dirndl bestaunt. Mal keine langweilige Ballade aus Deutschland – das ist doch einen Applaus wert! Wenn das keine zwölf Punkte gibt, ist es der Beweis, dass uns noch immer alle hassen und Annalena Baerbock zur internationalen Werbetour für Deutschland aufbrechen muss.

Kein Krieg ohne Propaganda

Das klingt makaber und geschmacklos? „Sie sollten sich was schämen, Frau Lübke, ein so ernstes Thema in den Schmutz zu ziehen!”. Allerdings kann man mit der galligsten Satire die makabre Realität nicht mehr einholen. Kein Krieg ohne Propaganda – die gab es schon bei den Römern -, aber in diesem Krieg sagt mir meine Wahrnehmung jeden Tag, dass hier etwas nicht zusammenpassen will. Dabei geht es mir nicht um das Ableugnen tatsächlicher Gewalttaten durch die Russen, ich zweifele nicht daran, dass es hart umkämpfte Regionen gibt, in denen die Bürger leiden und in Trümmern leben. Deshalb sollten wir ukrainischen Kriegsflüchtlingen auch einen sicheren Platz bei uns anbieten. Propaganda wird natürlich auch nicht allein von der Ukraine betrieben – auch die Russen und die USA mischen kräftig mit.

Als die Angegriffenen haben die Ukrainer auch alles Recht der Welt, um Unterstützung zu bitten. Wie dick dabei aufgetragen wird, stößt allerdings bitter auf. Auch wenn dieses entschiedene Auftreten mit Verzweiflung erklärt wird, so fallen gerade deshalb einige Ungereimtheiten und Inszenierungen ins Auge. Beim gestrigen ESC stand im Vorhinein fest, dass die Ukraine gewinnen würde, aus „Solidarität“ (ist das für die ukrainischen Musiker wirklich ein befriedigendes Gefühl?) – und aus Kiew meldete sich eine gutgelaunte Moderatorin zu Wort. Der Ausgang war für so manchen hellsichtigen Beobachter ohnehin schon früh klar:

(Screenshot:Twitter)

Wie so oft in den letzten Wochen rief der besorgte Teil meines Gehirns „Verdunklung!” und hielt Pappe und Klebeband bereit: Die Stadt wirkte sehr „normal”, hell erleuchtet, der Verkehr lief. Internet und alle Sendeeinrichtungen funktionieren offenbar auch. Ohne bösartig werden zu wollen: Das adrette Armee-Shirt, mit dem sich Selenskyj seit Wochen sehen lässt, ist in dieser Umgebung mehr als überflüssig. Vielleicht sollte er sich, um authentischer zu wirken, wenigstens ein wenig Dreck ins Gesicht schmieren.

Die russische Seite stellt sich propagandistisch dagegen eher wie ein tapsiger Bär an. Das beginnt schon bei der Auswahl der Hilfstruppen – wenn man für sich in Anspruch nimmt, Verteidiger des christlichen Abendlandes zu sein, ist es nicht klug, sich Verbündete aus Tschetschenien zu suchen, die wie „Taliban light” aussehen (und sich wohl auch so verhalten). Worüber ich gar nicht hinwegkomme, ist diese merkwürdige Biowaffen-Geschichte, die auch in den sozialen Medien immer wieder aufgenommen wird, obwohl sie nur wenig plausibel ist. Das heißt nicht, dass es in der Ukraine keine entsprechenden Labore gäbe, aber was heißt das schon? Selbst die Bundeswehr unterhält etwa dreißig Projekte, die sich mit defensiver Forschung beschäftigen. Gegen die biologischen Sauereien, die Russland aus dem kalten Krieg noch vorrätig hat, sind das kleine Fische. Und Putins Spekulationen über ethnische Biowaffen waren gleich ganz großer Käse.

Skepsis gegenüber außenpolitischen Abenteuern

Es verwunderte mich zunächst, dass auch die USA darauf einstiegen und sogar bestätigten, an der Forschung beteiligt zu sein – wahrscheinlich spart das Geld, weil im eigenen Land Gehälter und Sicherheitsmaßnahmen teurer sind. Aber auch die Amerikaner wissen, wie gefährlich ein großflächiger Angriff mit biologischen Waffen für die eigenen Leute ist – gerade das häufig genannte Anthrax verbleibt über Jahrzehnte im Boden und macht ein Gebiet für Mensch und Tier unbrauchbar. Allerdings ist „Anthrax” für die amerikanische Bevölkerung seit dem 11. September 2001 ein sogenanntes „Buzzword”: Nach dem Terrorangriff in New York wurden an einige Prominente Briefe mit Anthrax-Sporen verschickt – dieser Schrecken sitzt vielen noch in den Gliedern. Und welcher Normalbürger mag sich schon mit den grausigen Details der Anthrax-Forschung auseinandersetzen? Der psychologische Effekt reicht vollkommen aus, um die kriegsmüde amerikanische Bevölkerung ein wenig aufzurütteln – das Eingeständnis scheint mir also eher auf die eigenen Leute abgezielt zu haben, die weiteren außenpolitischen Abenteuern ihrer Regierung skeptisch gegenüberstehen.

Die Propagandaschlacht tobt – moralischer Druck in Deutschland, Panikmache mit Biowaffen und der Einsatz von Künstlern für die eigene Sache – das ist alles nichts Neues. Bevor Selenskij allerdings beginnt, für den bevorstehenden NATO-Beitritt seines Landes sein Waffenarsenal aufzustocken, sollte er auch einmal um humanitäre Hilfe für die Betroffenen seines Volkes bitten. Das könnten sie dringend brauchen und dazu wären viele Staaten bereit, weil solche Lieferungen keine Provokation darstellen. Aber stattdessen läuft der Krieg der Bilder weiter – und man selbst steht dazwischen und weiß nicht mehr, was man glauben soll.

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7 Kommentare

  1. Kommt davon, wenn man sich diesen Schwachsinn ansieht. Ohnehin seit Jahren von der Politik missbraucht, da wundert der Sieg der Ukraine nicht, war schon vorher festgelegt. Dass Dummschland den letzten Platz abonniert hat, ebenfalls. Zumindest sieht es so aus.

  2. Sehr geehrte Frau Lübke, anfangs war Ihr Artikel wg. dem ESC-Gedöns noch erfrischend.Etwas weniger Naivität wäre aber dennoch angebracht. Als erstes,für Sie zum mitmeißeln, wurden die ukrainischen Kräfte unter faschistischer Führung angegriffen und nicht die Ukrainer, die nicht mit einem Hakenkreuztatoo alle Russen ausmerzen wollen seit 2014. Es gibt Hinweis auf eine geplante US-geführte chemische Foeschung zur Kriegsführung durch die ukrainischen Faschisten und Dokumente, wo sogar deutsche Firmen daran beteiligt waren, sie wissen doch die mit den Covid-Impstoffen. Ihre Weichspülerei dieses Themas ist einfach unangebracht und weiter muss ich Ihnen sagen, das sehr viele Söldner für die Ukraine unterwegs sind, aber das sind ja wahrscheinlich für Sie die Guten.Aus Verbundenheit gegenüber Russlands kämpfen die Tschetschenen auch für Ihren Glauben und wann hatte die russische Seite von der Verteidigung des christlichen Abendlandes gesprochen ?? Na gut… Sie haben wahrscheinlich Mut zur
    Lücke

  3. Es geht noch makabrer Frau Miriam Lübke. Es soll Politiker geben, die veräußern “ Krieg für den Frieden“ führen zu wollen, oder der Meinung sind “ Krieg ist Frieden“. Ich habe mir auch sagen lassen das diese Meinungen von Mitgliedern des deutschen Bundestages gekommen sind. Wenn es stimmt war ihr Beitrag wirklich nicht sarkastisch.

  4. Zu Zeiten des 3-Programme-Fernsehen war alles anders.

    Gut genährte und konservativ gekleidete Damen und Herren begrüßten uns zu tollen Aufzeichnungen. Alles andere hieß „Eurovision“ und sollte live sein, später dann auch in Farbe. Den „ESC“ gab es damals auch, aber er hieß glaub ich anders. Dennoch schalteten wir im Norden gerne um auf die Konkurrenzsendung im Dritten, hieß „Monster, Mumien, Mutationen“, meist in Schwarz-Weiß, auch die Musik war da besser. Dann kam die EU mit der Rechtschreibreform, das war das Ende.

    Euer E. Koslowski II

  5. Ich sehe mir diese Ekelveranstaltung schon lange nicht mehr an, aber dieses Jahr haben sie echt den Vogel abgeschossen. Schon Tage vorher hatte ich zu einem Bekannten gemeint, warte ab, diesmal gewinnt die Ukraine. Und richtig. Die ESC-Gemeinde wusste, was von ihr erwartet würde.
    Besonders schlimm fand ich, dass gleich am nächsten Tag beim mainstream zu lesen war, dass der deutsche Teilnehmer auf dem letzten Platz gar nicht traurig oder enttäuscht sei. Er habe geäußert, es sei ja eine so tolle Veranstaltung gewesen mit einem so super schönen Festival-feeling und ganz besonders freue er sich, dass die Ukraine gesiegt habe, denn das habe er sich am allermeisten gewünscht.
    Hahahaha ich musste echt lachen. Da kannste deinen eigenen Beitrag so dermaßen verkacken, dass du am allerletzten Platz landest, und dennoch lässt sich mit dem Übersprung zur richtigen Propaganda noch ein klarer Sieg daraus zaubern. Was für eine Fake-Veranstaltung. Ich habe mir, weil ich nicht glauben wollte, wie tief man bereits im Ideologie-Sumpf versunken ist, den Ukraine-Beitrag heute auf youtube angeschaut. Immerhin hätte es ja sein können, dass hier ein Mega-Hit gelandet wurde, und nur ich einen völlig falschen Verdacht gehegt hatte. Ich kam bis 38 Sekunden, dann war Schluss mit dem affigen Gejaule für mich. So viel dazu.

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