Immer öfter wird geduzt: Cool oder peinlich?

Auf Du und Du mit jedermann (Symbolbild:Imago)

Schon seit einigen Jahren stelle ich fest, dass immer mehr Menschen, auch ältere, nicht mehr gesiezt, sondern mit dem vertrauten „Du“ angesprochen werden möchten. Als Begründung kommt dann oft, auch wenn es nicht zutrifft: „So alt bin ich doch noch gar nicht.“ Manche verbieten einem sogar regelrecht das „Sie.“ Ich stehe diesem Brauch mit gemischten Gefühlen gegenüber. Man muss es ja nicht wie der neurechte Verleger Götz Kubitschek übertreiben und die eigene Ehefrau siezen – doch immer mehr Leute zwingen einem das Du geradezu auf.

So hatte ich bereits zu Schulzeiten, was jetzt 10 bzw. 15 Jahre her ist, Lehrer, die geduzt werden wollten oder es uns zumindest freistellten – wobei fast alle beim Sie blieben, was zeigt, dass die anderen Schüler dies ebenso befremdlich fanden wie ich. Meiner Meinung nach handelt es sich bei den Krampf-Duzern um Leute, die einfach nicht wahrhaben wollen, dass auch an ihnen der Zahn der Zeit nagt. Dass man ja ach so jung geblieben sei und sich gar nicht so alt fühle wie man ist, behauptet fast jeder von sich, doch wenn sich alle jung fühlen, ist es keiner mehr.

Immer mehr Unternehmen duzen ihre Kundschaft

Auch in der Geschäftswelt hat das vertrauliche Du längst Einzug gehalten. Immer mehr Firmen tun so, als seien ihre Mitarbeiter und Kunden Kinder, Familienmitglieder oder gute Freunde. Zum einen erhoffen sich diese Unternehmen, bei ihrer Kundschaft auf mehr Anklang zu stoßen und diese nicht zu vergraulen, andererseits ziehen einige sicher nur aus Gruppenzwang mit. Hier sollte mehr differenziert werden: Wenn die Zielgruppe im Durchschnitt tatsächlich ziemlich jung, also unter 30 ist, habe ich dagegen wenig einzuwenden. Dies ist jedoch oft nicht der Fall. Im Aldi zum Beispiel deckt sich das Durchschnittsalter der Kunden mit dem der Allgemeinbevölkerung: Sehr oft sind dort auch Rentner zugegen. Wieso muss man auch Menschen jenseits der 60 so anreden, als seien sie gute Freunde? Ich finde, das ist auch eine Frage der Höflichkeit und des Respekts.

Sauer aufgestoßen ist mir diesbezüglich auch der Online-Bezahldienst „Klarna”. Als ich vor einigen Jahren dort mal angerufen habe, um etwas zu klären, fragte mich der Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung gleich, ohne auch nur irgendetwas über mich zu wissen, geschweige denn mein Alter: „Wie kann ich dir helfen?“ Dieser Trend spiegelt sich auch immer mehr in den Medien wider. Bereits 2015 waren etliche Radiosender auf diesen progressiven Zug aufgesprungen – und seitdem haben sich noch viele weitere in die lange Liste derer eingereiht, die sich gerieren, als würden sie alle ihre Zuhörer persönlich kennen. Dasselbe gilt natürlich auch für allerhand Sprecher im Fernsehen, die ebenfalls meinen, mit dem „Du“ ihren Zuschauern auf die Pelle rücken zu müssen.

„Du“ gaukelt ein inexistentes Gefühl der Gleichheit vor

Da wäre es interessant zu erfahren, was all diese Duz-Fetischisten zu dem selbst eingeführten Brauch sagen. Dr. Sabrina Zeplin von dem Karriere-Netzwerk „Xing”, das seit 2020 das Siezen aus seinem Wortschatz verbannt hat, begründet ihre Entscheidung folgendermaßen: „Das ‚Sie‘ steht für eine hierarchische Denk- und Arbeitsweise, mit der wir uns bei Xing nicht mehr identifizieren können. In der Zukunft der Arbeit sollte sich unserer Meinung nach niemand mehr aufgrund des Alters oder der Position wichtiger fühlen dürfen als irgendjemand anderes. Das ‚Du‘ schafft Nähe und eine emotionale Verbundenheit, die auch in einem professionellen Umfeld zu einem signifikant besseren Miteinander führt. Schließlich kommt man mit dem ‚Du‘ deutlich leichter zum ‚Wir‘ als mit dem traditionellen ‚Sie‘.

Diese Begründung ist Wokeness und Heuchelei vom Feinsten. Es geht mal wieder darum, dass sich niemand diskriminiert fühlen darf und alle angeblich gleichgestellt sind. Was für eine Lüge! Wenn es in einem Unternehmen tatsächlich keine Hierarchien gäbe und alle Mitarbeiter gleichrangig wären, dann dürfte es doch zum einen keinerlei Arbeitskräfte in Führungspositionen geben und zum anderen, noch wesentlich entscheidender, müssten doch auch alle Mitarbeiter gleich viel verdienen! Natürlich liegt nichts der Wahrheit ferner: Wer ein höheres Gehalt bezieht und eine größere Verantwortung in einem Unternehmen trägt als andere Mitarbeiter, der darf sich nicht nur zurecht wichtiger fühlen, er ist es auch! Dasselbe gilt natürlich erst recht für selbstständige Unternehmer, die sich mit harter Arbeit etwas aufgebaut haben und eine Schar von Mitarbeitern beschäftigen. Dieser Boss kann seinen Kollegen noch so oft auf die Schulter tätscheln und den Angestellten, am besten noch den Putzfrauen, gebetsmühlenartig versichern: ”Wir sind alle ein Team, ihr seid für das Unternehmen alle gleich wertvoll”, doch wird das an den Fakten nichts ändern.

Duzen aufgrund von Gender-Wahn

Noch irrere Blüten treiben Zeplins Ausführungen am Ende des darauffolgenden Absatzes, in dem sie sich Sorgen um eine Diskriminierung des sogenannten dritten Geschlechts macht: „Mal ganz abgesehen davon, dass die binäre Anrede mit ‚Frau‘ oder ‚Herr‘ das dritte Geschlecht völlig außer Acht lässt und damit auch nicht mehr in unsere Zeit passt.“ Wenn die gute Frau Zeplin sich solche Sorgen um Geschlechtergerechtigkeit bzw. ein Geschlecht macht, das in Wirklichkeit gar nicht existiert, warum nennt sie sich dann selbst „Insider für Diversity, Data, Karriere“ und eben nicht „Insiderin”? Auch sonst wendet sie in ihrem Text oft nur die männliche Form, höchstens noch die weibliche an – jedoch keine, die sich an „alle Geschlechter“ richtet.

Wenn sie ganz konsequent wäre und ihr „Geschlechtergerechtigkeit” ein solch großes Anliegen ist, dann dürfte sie Menschen in der dritten Person auch nicht als „sie“ oder „er“ bezeichnen, sondern müsste sich irgendwelche Fantasiewörter ausdenken; wenn schon, denn schon!

Ältere und Konservative legen noch Wert auf „Sie“

Zudem werden bei diesem neuen Sittenverfall alle Menschen diskriminiert, die eben nicht geduzt werden möchten. Gerade ältere und konservativ eingestellte Personen legen noch viel Wert auf das höfliche Sie, vor allem, wenn man sich nicht kennt oder nur eine recht oberflächliche Geschäftsbeziehung zueinander pflegt. Viele Menschen willigen einem „Du” nur aus Höflichkeit ein, fühlen sich aber tatsächlich in unangemessener Weise auf die Pelle gerückt. Gerade in der Arbeitswelt kommt es immer wieder vor, dass sich manche Kollegen in Wirklichkeit spinnefeind sind. Wieso müssen diese Menschen dann so tun, als ob sie ein vertrauliches und inniges Verhältnis zueinander pflegen würden? Nur weil Mitarbeiter einander siezen, heißt das noch lange nicht, dass sie miteinander auf Kriegsfuß stehen und umgekehrt, duzen sie sich, müssen sie noch lange keine Freunde sein.

Als Fazit lässt sich ziehen, das die „Du”-Anrede heutzutage viel zu inflationär gebraucht wird und es sich dabei fast schon um einen schalen Kult handelt. Wenn die angesprochene Zielgruppe oder die Kollegen untereinander besonders jung sind, ist es angemessen, sonst jedoch nicht, zumindest nicht, wenn man sich nicht gut kennt oder befreundet miteinander ist. Zudem verfehlt dieser Brauch sein eigentliches Ziel, nämlich, dass alle gleich und für immer jung sind.

31 Kommentare

  1. Im Ausland ganz normal… so es englisch sprechende sind. Auch die Dänen duzen. Und wenn mich nicht alles täuscht auch die Schweden, Norweger und Finnen.
    In D, A, Ch, ist es wie in D: „Sie Herr/Frau…… „

    • Dafür gibt’s da respektvolle und sehr höfliche Anreden, auch in Skandinavien. Ich bin sehr viel in der Welt unterwegs gewesen, aber so respektlos, wie seit meiner Rückkehr, kenn ich von keinem anderem Land nur von dieser grün-rot versauten BRD. Angefangen hat mit dieser Duzereibei Ikea, ich weiß nicht vor wieviel Dekaden. Aber so typisch neudeutsch, nachäffen.

    • Englisch kennt kein Sie.
      Die anderen Sprachen vielleicht auch nicht.
      Deutsch ist eine Hochsprache. Deutsch ist die genauste Sprache der Welt.
      Deutsch kann man nicht ins Englische übersetzen, das ist dafür viel zu primitiv und angelsächsische Begriffe in der deutschen Sprache zerstören unsere Sprache.

      • Inm Englischem ist man per „Sie“,
        wenn man jemanden mit you, und Mister, Miss oder Mirs. und Nachnahmen anspricht.
        Per „Du“, ist man mit you, und dem Vornamen.
        Ich habe noch nie erlebt, dass ich z.B. bei der Bank, beim Arzt, bei Behoerden, oder wo immer man meinen Nachnahmen kennt, mit Vornahmen angesprochen werde, auch telefonisch nicht und ich lebe hier schon ueber 20 Jahre.
        Einfach nur mit „you“ angesprochen zu werden, bedeutet, dass man den Vor- und Nachnahmen nicht kennt, oder vergessen hat, passiert mir auch manchmal.

      • Englisch ist eine Mischsprache Deutsch, Französisch, Latein und doch welche, weiß ich jetzt nicht mehr. Lehnwörter „angelsächsische Begriffe“ gibt es in jeder Sprache, auch im Deutschem, sehr viel sogar. Außer im chinesischem. In München gab es zu meinen jungen Jahren viel französische Wörter, die ich noch gerne heute benutze, z.B. wenn ich unhöflich gefragt werde. Oder ich antworte im tiefsten Dialekt z.B.: Wo geht es denn in die Stadt, ohne Bitte und Entschuldigung, meine Antwort:“ Drent um dreim umi“.

    • Sie täuschen sich. Das englische „you“ entspricht dem deutschen „Sie“. Das „thou“ war das „du“ und ist heute nicht mehr gebräuchlich. Tatsächlich wird im englischen nur noch gesiezt. Ich sprach mit einem Briten und fragte, wie man denn im englischen die Distanz hält, wenn sprachlich alle gleich angesprochen werden. Er antwortete erstaunt: „We simply keep our distance!“.

  2. Was meinte seinerzeit Klaus Kinski dazu: „Ich duze nur Menschen, die mir sympathisch sind. Haben Sie das verstanden?

  3. Meines Erachtens ist die Anrede mit Sie in Deutschland historisch gewachsen. Andere Länder andere Sitten! Ich habe mich auch schon dagegen aufgelehnt von Unternehmen geduzt zu werden – vergeblich. Und das tendiert bereits in Richtung Arroganz. Wie sich Menschen in anderen Ländern anreden – egal – ist auch dort historisch gewachsen. Bei uns scheint es allerdings so zu sein, dass mittlerweile der transatlantische Einfluss so groß ist, dass gewisse Leute, Unternehmen und besonders die Jugend nicht mehr bemerkt, dass die eigene Kultur begraben wird. Nur ein paar weitere Schlagorte: Cool, Geil, Fuck, Bitch und vieles mehr wird gerne auch in synchronisierten Filmen in Deutsch ausgesprochen. Hast du schon mit der die das gef….? Der Schlampe werde ich eine reinh….. Und vieles mehr! Das Du ist nur die Spitze einer gewissen Unmoral wie auch Unethik, die täglich zu uns Rüberschwappt und gerne übernommen wird. Cool oder – ist doch geil oder was geht ab???

    • @ Beko,
      Dese Nachäfferei vermeintlich „geiler“ Wörter in DE ist uralt. Früher war es das frazöschische. Der Gehweg hieß Trottoar, die Geldbörse Portemone, Frau war Madam, usw. Heute zeigt die Jungend wie fortschrittlich sie ist, in dem sie amerikanisch nachäfft. Und das die Welt immer primitiver wird: das amerikanisch der untersten Bevölkerung.

  4. In einer Bank oder auch bei einer Behörde würde ich dem Berater gleich die Flügel stutzen wenn der mir mit einem Du käme. Auch in einem Showroom eines Autohauses müsste mich keiner duzen. Es kommt sehr auf den Ort und die Situation an. Das Du erscheint oft respektlos wenn es am falschenOrt oder im falschen Kontext verwendet wird.

  5. Wir haben die Unterscheidung zwischen den förmlichen „Sie“ und dem intimen „Du“ und ich finde das gut. Ich fühle mich respektlos behandelt, wenn ich von jedem mir unbekannten Menschen geduzt werde.

    • Allerdings wird im Internet, wie vorher in den Mailboxen, in Gesprächen grundsätzlich kein Sie verwendet, da man nicht weiß, wer am anderen Ende sitzt. Keine Ahnung, ob Du ein Mann oder eine Frau bist. Ob Du 50 oder 12 bist.

      Aber das hat nichts mit den Geschäftsanreden zu tun.
      Wenn man von der eigenen Bank mit Du angesprochen wird, dann geht das deutlich zu weit und ist unhöflich und respektlos.

    • „Wenn die Zielgruppe im Durchschnitt tatsächlich ziemlich jung, also unter 30 ist, habe ich dagegen wenig einzuwenden.“

      Irrtum, zu meiner Zeit als frischgebackener Volljähriger gab es wenig bei dem sich alle Altersgenossen so einig waren wie das Beharren darauf konsequent von Fremden die Anrede „Sie“ zu verwenden.
      Damit hatten sich die Grünen bei ihrem Werbeschreiben dann auch gleich völlige Sympathien verspielt (danach kam Werbung fürs 5-Euro-Liter-Benzin in einem Umfeld wo nix wichtiger war als endlich selber ein „Heilix Blechle“ fahren zu können – „Tritt ihn“ war am Ende der Kommentar dazu).

  6. Guten Tag, ist der Artikel richtig zu interpretieren, so müsste auch stehen
    „Geben Sie Ihren Kommentar ein“

  7. Für mich gilt erst einmal grundsätzlich das „Sie“, sofern man nichts anderes bilateral vereinbart hat.

    Das gilt auch für Internetforen und Kommentarbereiche, wie bei „ansage.org“.

    Natürlich wenn man gemeinsam arbeitet, ergibt sich meist das „Du“, was aber nicht zwingend sein muss.

    Für Menschen, die gendern, verwende ich keine Anrede. Da schreibe ich: „Guten Tag, Müller, sehen Sie mir bitte nach, dass ich keine Anrede verwende, weil ich nicht weiß, ob Sie Mann oder Frau sind …“

    Beispielgebend ist für mich aber ein Forum mit einem Leiter der Obdachlosenhilfe, der sagte, dass man aus Respekt heraus grundsätzlich Obdachlose mit „Sie“ anreden soll.

  8. Ich hasse es, wenn einen Firmen duzen. Auch 30-jährige sollte man höflich ansprechen und nicht irgendetwas so respektlos dahinrotzen. Meine Bank begrüßt mich in ihrer Post mit Hallo. Ich führe das ja darauf zurück, dass man nicht gendern möchte, da Hallo zwar nicht besonders höflich, aber unverfänglicher ist, als „Sehr geehrte Frau …“ Mir missfällt das sehr. Es ist meine Bank und kein guter Bekannter. Ich sehne mich nach mehr Höflichkeit in diesem Land. Ich blühe immer auf, wenn ich bei unseren Vietnamesen einkaufen gehe. Dort wird Service und Höflichkeit sehr, sehr hoch gehalten. Ab und an ist bei Kunden, die man kennt auch ein kleiner Rabatt einfach so drin.

  9. Ja wirklich, das ist eine äußerst fragwürdige Entwicklung. Allerdings können mir Firmen, die mich schon auf ihrem Werbekatalog mit „Schau hier, Deine neue Frühlingsmode…..“ oder ähnlich anquatschen, mir nichts verkaufen. Und diejenigen, die mir dazu auch noch afrikanische und arabische Models präsentieren werden für immer von mir verbannt.
    Doch wie der Beitrag es genau auf den Punkt bringt, wird man teilweise, vor allem im Berufsleben, zum „Du“ gezwungen. Ich habe einige Jahre in einer Kinder- und Jugendklinik auf Station gearbeitet. Am ersten Arbeitstag wurde mir gleich erklärt, dass „wir uns hier alle dutzen….“ Okay, da musste ich es zulassen, dass ich als berufserfahrene Fünfzigjährige von zwanzigjährigen Berufsanfängern geduzt wurde. Keine schöne Erfahrung, aber was will man da machen, wenn man nicht sofort unten durch sein will.
    Danke für den tollen Artikel.

  10. Deutschland kannte auch mal die Anrede in der 3.Person Singular (Könnten Er/Sie mir sagen, wo der Bahnhof ist – in direkter Ansprache). Das „Sie“ schwabbte wohl aus dem prägenden Frankreich herüber.

    Beim Sport hätte/macht sich jedenfalls jeder lächerlich (gemacht), der einen Gegner mit „Sie“ begrüßt hätte – egal, wie groß der Altersunterschied war und wer wen angesprochen hat.

    Mir ist es ziemlich wurscht. Wenn mich einer mit „Sie“ anredet, dann antworte ich mit „Sie“. Wenn einer „Du“ für angemessen hält, dann eben zurück mit „Du“. Kann ganz amüsant sein. Von mir aus erstmal per „Sie“ … (es sei denn ein Kind oder Jugendlicher steht vor einem).

    Und ob sich ein „Verzeihen Sie, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“ tatsächlich schwerer von der Zunge geht als ein „Verzeih, Präsident, Du bist ein Arschloch“, sei dahingestellt. Ob man ein Arschloch vor sich hat, entscheidet sich nicht am Du oder Sie – und auf Distanz erkennt man vielleicht doch eher, wer ein Arschloch ist. Ganz nach den Umständen.

    Es gibt anderes, was uns umtreiben sollte …

  11. Schaut Euch die TV-Sendung mit dem Moderator Bommes in Sachen „Gefragt-Gejakt“ an.
    Da wird nur geduzt.
    Und wenn ich mir die Aussagen bei anderen Sendungen im ÖR TV anhöre, wie
    „Willkommen zurück“ wird mir übel.
    Völlig falsch, denn es gibt nur ein Willkommen und zwar das bei der Erstaussage.
    „Willkommen zurück“, das hört sich nicht nur schrecklich an, es beißt sich sogar

  12. Derzeit störe ich mich auch an einem anderen ähnlichen Phänomen: Demnach mißfällt es mir ungemein, wie man neuerdings im öffentlichen Schriftverkehr angeredet wird, denn da kommt oft nur noch ein lapidares „Hallo Max Mustermann“.

    Leider ist in letzter Zeit verstärkt zu beobachten, dass sich überall im öffentlichen, beziehungsweise geschäftlichen Schriftverkehr diese inakzeptable abträgliche Art der oberflächlich geschlechtsneutralen Neusprech-Verirrung als Anrede offensichtlich vielfach verbreitet und etabliert, weshalb beispielsweise auch mein Energieversorgungsunternehmen erst kürzlich meine schonungslose Kritik erfahren musste, weil innerhalb geschäftlicher Korrespondenzen die Anrede „Hallo“ in Verbindung mit der bloßen Namensnennung des Angesprochenen nicht nur trivial, sondern nahezu relativierend wirkt.

    Wenn ich nun also etwa als Kunde oder Klient mit einem lapidaren „Hallo Max Mustermann“ angesprochen werde, nur weil sich scheinbar aus ideologischen Gründen davor gescheut wird, Menschen wie vormals üblich mit Herr oder Frau anzureden, dann trägt das nicht nur destruktive Züge und reduziert den Angesprochenen auf eine Sache, sondern in dieser Form der geschlechtsneutralen Anrede schwingt meinem Verständnis nach auch unweigerlich der subtile Anklang einer unterschwelligen Geringschätzung des angesprochenen Menschen mit.

  13. Es ist nicht peinlich, sondern respektlos, das Geduze. Ich wehre mich auch dagegen, wenn ein Jungspund von Kassierer mich im Supermarkt duzt. Hingegen unterhalte ich schon länger eine nette Freundschaft mit mit einem älteren Herrn: Viele stets unterhaltsame Gespräche, über witzige wie über kontroverse Themen. Wir sind bis heute trotzdem beim respektvollen Sie geblieben und ich glaube, dass gerade darin das Geheimnis liegt.

  14. „Das ‚Du‘ schafft Nähe.“ Vielleicht genau mein Problem, zu manch einem möchte ich gar keine Nähe.
    Aber die Zeiten ändern sich. Meine Großmutter (Jahrgang 1906) siezte ihre Eltern noch, etwa: „Habt ihr gut geschlafen, Vater?“ Wir als Kinder hörten staunend zu und fanden das völlig unvorstellbar. Meine Kinder sagen noch nicht mal mehr Onkel oder Tante, sondern nennen die gleich beim Vornamen. Bei der Arbeit (nicht „in der Arbeit“ und schon gar nicht „auf Arbeit“) finde ich das Du ganz gut.

  15. Seinen Nachnamen kann man sich in den meisten Fällen nicht aussuchen. Ein „Hallo Müller“ klingt zwar irgendwie schon seltsam, aber man stelle sich das mal mit Nachnamen vor, die es wirklich gibt. Da fallen mir beispielsweise Namen aus meinem Bekanntenkreis ein wie: Pickel, Fickers, Nimmersatt oder Teufel 🙂

  16. Man kann die Sache aber auch mal von einer anderen Seite sehen:
    Bei dieser Argumentation hat ein Lehrer nicht das Recht, seine Schülerinnen und Schüler mit „Du“ anzureden. Egal, ob die jungen Leute 7 oder 17 sind.
    Respekt erhält man nicht durch die Anrede „Du“ oder „Sie“. Alter ist auch kein Argument für Respekt.
    Nur das gegenseitige Verhalten auf Augenhöhe. Und dass man seinem Gegenüber die selben Rechte zugesteht, die man für sich selber in Anspruch nimmt. Das erzeugt m. E. gegenseitigen Respekt.

  17. Machen wir jetzt noch eine Diskussion um „Sehr geehrter Herr“ bzw. „…Frau“ oder „Mit vorzügllcher Hochachtung“ , „Mit freundlichen Grüßen“ oder „Mit besten Grüßen“ oder was auch immer auf?

    Deutlich wird es nur, wenn da so gar nichts davon steht!

    Und ob sich der Empfänger tatsächlich „geehrt“ oder „freundlich“ angesprochen sieht, mag er doch eher aus dem inhalt des Schreibens entnehmen!

  18. Auch wenn es in der Englischen Sprache kein formales „Sie“ gibt bestehen doch Unterschiede in der Wortwahl und Ausdrucksweise, die respektvolle Distanz erkennen lassen. Wer geschäftlich unterwegs ist weiß das. Ich selbst habe in Deutschland sehr gute Freunde mit denen ich mich nach Jahrzehnten immer noch sieze bzw. wir uns gegenseitig mit „Sie“ anreden. Auf der Baustelle und auf dem Unicampus gilt zwar das „du“, jedoch sollte das nicht als geschaffene Nähe mißverstanden werden. Ganz im Gegenteil geht es dort verbal im Du-Bereich oft unter der Gürtellinie ab. Unlängst erhielt ich eine email meiner Bank worin meine neue Kreditkarte avisiert wurde – im Du-Jargon. Ich empfand das unverschämt und wollte fast darauf einen …(bekannten Weinbrand) kippen.
    Es gäbe noch viel darüber anzumerken. Das ginge über einen Leserkommentar weit hinaus.

    Mein Fazit: Die Menschen werden mit diesem untergejubelten „Du“ in das „Grosse Wir“ hineingetäuscht. Wenn dann einige merken, dass damit die Aufgabe der eigenen Individualität zugunsten eines Herdenbewußtseins (Herdenimmunität!!) beabsichtigt ist, dann wird das zu spät sein.

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