„Mama, ist mein Brüderchen auch überprivilegiert?“

Schwangere Irgendwas (Foto:Imago)

Das hätte sich der gute alte Aldous Huxley nicht träumen lassen: Es gibt jetzt ein Baukasten-System für Menschen! In seiner „Schönen neuen Welt“ kamen die Babys noch aus Glaskolben und wurden erst in der „Zuchtanlage“ und schließlich in der Kita auf ihr zukünftiges Leben vorbereitet: Ein bisschen Alkohol ins Glas und Elektroschocks beim Anblick von Blumen schufen den idealen Mitarbeiter für den anspruchslosen Dienstleistungsbereich – es sollte ja niemand auf falsche Karrieregelüste kommen.

Der reichweitenstarke Instagram-Kanal „Mädelsabende“, der von „funk“ betrieben wird (dem öffentlich-rechtlichen, sogenannten „Content-Netzwerk“ von ARD und ZDF), postete gestern einen „Privilegien-Check“, bei dem sich jeder in die passenden Schubladen einsortieren kann.

(Screenshot:Instagram)

Huxley wusste noch nichts von den Möglichkeiten der Gentechnik – und so wird es vielleicht in ein paar Jahren Anti-Designer-Babys geben, die sich die schönsten Hoffnungen auf eine politische oder mediale Laufbahn machen dürfen; wenn die Konkurrenz nicht zu groß wird und die Mode sich wandelt. Mit dem Ende der Ära Merkel tauchen schließlich schon längst verbannt geglaubte Ideen wie Pilze im Herbstwald wieder auf. Atomkraft wird gerade wieder salonfähig – das Ausland macht es vor, und die Industrie will nachziehen. Also dürfen wir hoffen, dass auch den Genlaboren nicht der Saft ausgeht.

Eine gutbürgerliche Familie, weiß und wohlhabend, könnte durchaus Angst um die Chancen ihrer Kinder in der zukünftigen Welt bekommen, denn es gibt kaum noch eine Branche, die nicht auf ein internationales, multikulturelles und diverses Image setzt. Und dann setzt man – Gott behüte! – ein kerngesundes, heterosexuell veranlagtes blondes Kind in die Welt. Das arme Wurm hat von Anfang an einen schlechten Start ins Leben. Denn heute strebt man nicht mehr nach Privilegien, sondern nach vorgeblichen oder tatsächlichen Nachteilen. Nur in naturwissenschaftlichen Fächern kommt man noch ohne aus, aber die gelten ohnehin als kolonialistisch kontaminiert. Es sei denn, sie hätten mit Klimaforschung zu tun. Da geht mal endlich wieder ein Nobelpreis nach Deutschland – natürlich an einen Klimaforscher! Das entschuldigt natürlich vieles.

Unser gutbürgerliches Paar wäre also gut beraten, sich ein Kind entwerfen zu lassen, das zumindest zum Schein ein wenig benachteiligt ist. Vielleicht hat ein prominenter schwarzer Schauspieler dem konsultierten Babylabor ein wenig DNA gespendet, die man gegen Aufpreis erwerben könnte: Soll es eher eine Portion Will Smith oder Halle Berry sein? Was aber machen wir mit der Gesundheit? Was kann man einem Kind für die Karriere zumuten? Gilt Heuschnupfen schon als ernstzunehmende chronische Krankheit? Entscheidet man sich für eine Neigung zur Melancholie, kann man das eventuell auch unter „Behinderung“ verbuchen.

Der Genpass als QR-Code im Nacken

Die freundliche Dame in der Beratungsstelle unseres Genlabors könnte darüber hinaus auch noch Sonderkonditionen für eine private Krankenversicherung anbieten, wenn man auch die in-Vitro-Impfung mit den zwanzig in naher Zukunft auf dem Markt befindlichen Corona-Impfstoffen mitbucht. Papa macht sich vielleicht Sorgen über das Gerede, das die Nachbarn anstimmen werden, wenn Junior oder Töchterlein ihm nicht nicht allzu ähnlich sieht. Jedoch: Auch hierfür gibt es eine Lösung, den Genpass als QR-Code im Nacken, der mit jedem handelsüblichen Smartphone abgescannt werden kann – ist es nicht praktisch?

Natürlich wird es Gerangel zwischen „echten“ und „nachgemachten“ Benachteiligten geben, schließlich geht es um wertvolle Ressourcen wie Sprecherposten bei den Grünen, den der Staatssekretärin beim Berliner Senat oder die Rolle in der Vormittags-Seifenoper. Da kann es nicht schaden, zusätzlich auch noch zur Religion des Friedens zu konvertieren – dann kann einem keiner mehr was.

Aber mal im Ernst: Wer denkt sich Listen über Privilegien aus, in die sich Menschen einsortieren können? Als Genetik- und Geschlechtsbenachteiligte? Käme ein solches Baukasten-System als Teil eines Programms ans Licht, mit dem Versicherungen die Tarife für ihre Kunden entwickeln, riefen die Medien Zeter und Mordio. Mittlerweile zerfleischt sich diese Blase allerdings schon untereinander und duldet auch keine Kritik von außen. Das geht so weit, dass Jasmina Kuhnke, besser bekannt als „Quattromilf„, es als lebensbedrohlich betrachtet, wenn neben ihr auch der Antaios-Verlag auf der Frankfurter Buchmesse ausstellt. Die Beteiligung von „Non-POC“ an der Diskussion ist unerwünscht.
Eins fehlt in diesen Listen allerdings immer, was vollkommen unabhängig von Geschlecht, Religion oder Hautfarbe existieren kann: Begabung. Oder auch Intelligenz, Kreativität und Allgemeinbildung. Wenn man nur genug diskriminiert ist, scheint man das nicht mehr zu benötigen.

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