Sozialismus in vollen Zügen

Lästige Enge im Abteil (Foto:Pixabay)

Was haben das 9-Euro-Ticket und der Sozialismus gemeinsam? Zunächst einmal klingen beide nach einer guten Idee: Ob Gerechtigkeit oder (fast) freie Fahrt für alle, da mag niemand „nein“ sagen. Die Bedürfnisse des Alltags für jeden günstig erfüllt: Das bedeutet erst einmal eine Erleichterung, niemand muss hungern oder jeder kommt für ein bisschen Geld in ganz Deutschland herum – sogar nach Sylt, das noch immer als der Inbegriff einer schicken, edlen Urlaubsinsel gilt. Daran kann doch niemand etwas auszusetzen haben?

Wenn nur die Umsetzung der schönen Theorie so einfach wäre. Es ist eine Sache, sich am Schreibtisch wie Marx oder in einem Gremium wie die Grünen einen Masterplan zur Beglückung der Bevölkerung einfallen zu lassen. Wenn man dabei aber reale Gegebenheiten vollkommen ausblendet, dann ist das Scheitern vorprogrammiert. Das beginnt schon bei der Finanzierung des Großprojekts: Auch eine gute Idee kostet nun einmal Geld. Es hat sich in den letzten Jahren eine Mentalität à la „na, dann drucken wir einfach mehr davon“ eingeschlichen, die sich in Form von Inflation nun bitter rächt. Tatsächlich war das Ticket – neben seiner Funktion als Lockmittel für den Umstieg auf Bus und Bahn – als finanzieller Ausgleich für die hohen Benzinpreise gedacht. Nun kann ich günstig zum Einkaufen fahren – und stehe dann vor Regalen, in denen sich viele Waren des täglichen Bedarfs extrem verteuert haben. Für den Preis des Tickets bekomme ich selbst beim Discounter gerade einmal zwei Flaschen Speiseöl. Und das gilt schon als Sonderangebot.

Träume zerplatzen im Vorfeld

Das Ticket gilt seinen Erfindern als Erfolg, weil es über 50 Millionen Male verkauft wurde. Auch ich zähle zu den Käufern, man freut sich eben heutzutage, wenn es etwas günstig gibt. Man kann sicherlich auch gute Ideen in Bedenken ersticken, aber ist es zuviel verlangt, von den Initiatoren wenigstens ein Minimum an Planung zu erwarten? Jeder normale Bürger, der etwas Großes vorhat, muss so agieren, wenn er nicht mit seinem Projekt kräftig auf die Nase fallen will. Wer einen Umzug plant, macht sich nicht erst einen Tag vorher Gedanken darüber, woher er den Möbelwagen und die Helfer bekommt. Bei uns Normalbürgern macht eventuell auch schon die Bank einen Strich durch die Rechnung, wenn sie ein Darlehen verweigert, welches man aufgrund des eigenen Einkommens unmöglich pünktlich zurückzahlen kann. Da zerplatzen unrealistische Träume schon im Vorfeld. Oft bekommt man den Eindruck, dass einem Projekt, das von vornherein größenwahnsinnig ist, weniger Hindernisse in den Weg gelegt werden.

Ist es nicht zudem merkwürdig, dass gerade jene, die vorgeben, sich um die „Unterprivilegierten“ zu kümmern, sich offenbar kaum darum scheren, wie eben diese mit dem ihnen aufgezwungenen Projekt zurechtkommen? Angela Merkels wohl meist zitierter Satz ist „Wir schaffen das!”, bezogen auf die Einwanderung seit 2015. Sie ist einfach davon ausgegangen, dass ein Heer von Helfern die eingebrockte Suppe schon auslöffeln wird.

9-Euro Ticket: Krachend gescheitert an mangelnder Absprache

Auch die Erfinder des 9-Euro-Tickets überrumpelten Verkehrsverbünde und die Bahn.
Schon in einem normalen Unternehmen kann das zu schlechter Stimmung führen, wenn die Firmenleitung beteiligte Mitarbeiter mit ihren Plänen überfährt, denn diese wissen recht gut, was machbar ist und was nicht. Menschen wollen wissen, ob ihre Arbeit ernst genommen wird. Üblicherweise ist es der Kapitalismus, der eines solchen Verhaltens bezichtigt wird – nicht immer zu unrecht – aber der Sozialismus kann es genauso gut. In vielen sozialistischen Staaten ist man noch nicht einmal frei in der Berufswahl gewesen.

Auch diesmal ist die gut gemeinte Idee krachend an mangelnder Absprache gescheitert. Die Ideologie, die Bürger auf Biegen und Brechen vom eigenen Auto abzubringen, scheiterte schon an der fehlenden Infrastruktur. Die ohnehin mit Problemen aller Art kämpfende Bahn konnte wohl kaum neue Züge aus dem Hut zaubern. Es ist ohnehin im Berufsverkehr kein Vergnügen, zwischen anderen eingepfercht zu sein, wenn man so müde ist, dass man nur noch sitzen möchte. Was ist daran arbeitnehmerfreundlich?
Auch wenn es dem Geldbeutel wehtut: Lieber zahle ich für meine gelegentlichen Fahrten ein wenig mehr, als noch länger wie in einer Sardinenbüchse zu reisen. Angesichts der zu erwartenden „Müffeln gegen Putin”-Koalition ist ein Verzicht auf menschliche Nähe im Zug vielleicht gar nicht mal eine schlechte Idee.

11 Kommentare

  1. Das 9-Euro-Ticket war eine blanke Schnapsidee der Grünen. Ab morgen steigen vielerorts die Tarife im ÖPNV im Vergleich zu den Tarifen, die vor dem 9-Euro-Ticket gültig waren. Und was hat es gebracht?

    • Oh nein, es ist kräftig gestiegen!
      Man bekommt bei uns nur noch eine Monatskarte die für die ganze Stadt gilt, ein Luxus den ich überhaupt nicht benötige, aber mit 13.-Euro an Mehrkosten jetzt mitragen muss!

  2. Was hat diese derzeitige Entwicklung im Kapitalismus mit Sozialismus in vollen Zügen zu tun? Woher kommt dieser blinde Hass auf alles was sich Sozialismus nennt. Der Sozialismus ist ein anderes Wirtschafts- und Sozialsystem als der Kapitalismus. Im Sozialismus hat das ökonomische Primat, das Volkseigentum. Im Kapitalismus hat das ökonomische Primat das Privateigentum an PM. Beide Eigentumsformen haben nicht nur vom Namen her nichts miteinander zu tun. Und sozialistische Eigentumsformen funktionieren im Kapitalismus nicht. Was außerdem bei vielen nicht klar zu sein scheint, ist die Besitzform. Im Sozialismus gibt es Volkseigentum und persönliches Eigentum. Im Kapitalismus gibt es ebenfalls persönliches Eigentum und das Privateigentum an PM. Das Privateigentum an PM basiert auf der Ausbeutung der menschlichen AK die sich als Ware AK im Kapitalismus verkauft, woraus sich die Ausbeutung selbst ergibt. Das Privateigentum gehört wenigen das Volkseigentum allen. Die Eigentumsform sagt schon alles über deren Besitzer aus. Und was jetzt in Europa passiert ist die Ausbeutung des Menschen weiter voranzutreiben. Einen Entzug des persönlichen Besitzes der von der herrschenden Klasse angestrebt wird hat nichts mit Sozialismus zu tun. Sowas hätte es auch im Sozialismus nie gegeben. Aber es hat alles mit der Umverteilung von unten nach oben zu tun. Immer weniger bereichern sich an immer mehr Menschen und führen diese mit dem Entzug des persönlichen Besitzes in die neue, digitale Sklaverei. Und nun frage ich mich was das mit Sozialismus zu tun hat. Ich kann wirklich allen nur dringend empfehlen jede Form von Hass Phobie hinter sich zu lassen und sich sachlich mit den Vor -und Nachteilen einer Gesellschaftsordnung auseinander zu setzen. Politik wird von Menschen gemacht und die Gesellschaftsordnung wird von Menschen gestaltet. Und Menschen machen wir wir wissen viele Fehler. Machen wir nicht andere Gesellschaftsordnungen für unsere Fehler verantwortlich. Fangen wir mal an, die eigene aktuelle Gesellschaft kritisch zu hinterfragen. Es tut dringend Not, da wir sonst nicht aus unserem eigens produzierten Dilemma herausfinden und wehrlos gemacht in die digitale Sklaverei wandern. Fangen wir endlich mal an, unsere Fehler auf de Grundlage dieses Wirtschafts- und Sozialsystems und seiner globalen Verflechtungen zu suchen, dann finden wir auch Lösungen für Veränderungen. Eine Kritik über ein nicht existentes wesensfremden System kann man ja machen, aber nicht im konkreten Zusammenhang mit einem existierenden.

  3. Das 9-Euro-Ticket und der Sozialismus haben kaum etwas gemeinsam. Das sind 2 verschiedene Dinge. Im Sozialismus hätte es meist eine Absprache der Partner gegeben, weil sie staatlich waren, soweit die materiellen Dinge vorhanden waren. Als ich noch arbeiten ging bis 2007, gab es mit der S-Bahn schon das gleiche Problem. Ich erinnere mich an die Strecke Neustadt/Weinstraße – Mannheim. Erst fuhr dort ein Regionalzug mit Doppelstockwagen, wo man einigermaßen noch Platz bekam. Dann wurde mit großem Tamtam die S-Bahn propagiert, die mit der gleichen Anzahl von Wagen fuhr, die aber nicht Doppelstock waren. Es gab also nur noch die Hälfte des Platzbedarfes und man hatte Mühe noch in Neustadt/Weinstraße ein Plätzchen zu bekommen. Als ich im Westen arbeitete, stellte ich dort mit Befremden fest, dass niemand, bevor ein Projekt gestartet wurde, im Vorfeld tiefgehende Analysen gemacht hat. Mein DDR-Studium war angefüllt mit Erstellung von Analysen. Im Westen nannte sich das dann „flexibel sein“ und ging zu 90% in die Hose und kostete immer mehr Geld als erwartet. Das 9-Euro-Ticket ist so ein Fall. Da ist es völlig egal, ob die Hartzerin mal einen Tag nach Sylt gefahren ist. Das ist völlig irrelevant. DAS ist nämlich auch das Problem im Westen. Man hängt sich an solchen Nebensächlichkeiten auf, statt sich tiefgreifend damit zu beschäftigen, ob das 9-Euro-Ticket nützlich war, um zu begreifen, wie man die Leute vom Auto auf die Bahn holen könnte Man kann vorher durch Analysen erkennen, wie die Bahn und der ÖPNV umgestalten werden müssen, um das Ziel erreichen zu können. Aber was macht macht man? Man schwelgt in irgendwelchen Zahlen ohne die jemals zu hinterfragen. Wenn die Zahl groß ist, ist es ein Erfolg, auch wenn es ein Misserfolg in der Gesamtheit war.

    Es sei noch angemerkt, dass ich damals mit dem Auto zum Bahnhof gefahren bin, weil der Bus, der es einfacher gemacht hätte, weil ich dann mein Auto hätte abschaffen können, nur für die Schüler da war und wenn er zu voll war, hielt er nicht mal mehr an meiner Bushaltestelle (ein paar Meter entfernt von unserem Haus) und ich stand wie doof da. Und genau DAS ist der Punkt, wo alles umorganisiert werden müsste und was auch Investitionen verlangt. Investitionen, die mehr brächten, als sie in sogenannte grüne Energie zu stecken oder das Geld in der Welt zu verteilen und es in Deutschland für Firlefanz und Migranten auszugeben.

  4. Die Idee wäre gut gewesen, wäre sie mit der DB abgesprochen worden. Sehr häufige Zug Ausfälle und ständige Verspätungen gar nicht erst erwähnt. Die Bahnsteige voll bis zum „geht nicht mehr“ und völlig verdreckt. Mülleimer nicht geleert. In den Zügen drängeln sich die Menschen dicht an dicht. Ich selbst 67 Jahre alt, musste auf einer Stufe sitzen, weil Kinder nicht auf den Schoß genommen werden. Fragt man höflich, wird man von den Eltern angegiftet oder ignoriert. Wichtig ist nur eins: MASKE tragen. Da liebe ich doch mein Auto, ohne (!) Maskenzwang und ohne sich gegenseitig auf die Pelle zu rücken. Wenn mehr Züge und Lockführer zur Verfügung stehen ( und die WC in Ordnung sind) versuche ich es gern wieder!

  5. Einen Zusammenhang zwischen Sozialismus und 9-Euro-Ticket sehe ich nicht. Diese Gleichsetzung könnte aus FDP-Kreisen stammen, weil man sich keinesfalls mit dem gemeinen Pöbel an den gleichen Tisch bzw. in die gleiche Bahn setzen möchte. Aber sonst ..?

    Das 9-Euro-Ticket hat sich mit Sicherheit schon aus Kostengründen erledigt. Mit diesen Einnahmen wird man wohl kaum den ÖPNV finanzieren können – zumal, wenn man an den Sanierungsbedarf denkt.

    Aber offensichtlich ist der dadurch erzeugte Druck auf die Politik nun so groß geworden, dass jedenfalls nachgelegt werden muss. Inzwischen ist man ja bei einem 365-Euro-Ticket gelandet. Ob dass bei großer Nachfrage die Kosten des Schienen- und Busverkehrs deckt, kann ich beim besten Willen nicht beurteilen.

    Allerdings sollte man schon über eine einfache und einheitliche Lösung nachdenken. Die deutsche Kleinstaaterei hat ja leider in einem ineffektiven Föderalismus seinen Höhepunkt gefunden. Wie absurd, teuer durch „Regierungspersonal“ und Behördenaufbau und kompliziert bei heutigen Verhältnissen ist, sieht man im Bildungsbereich (wie viel Murks wurde und wird da veranstaltet – Lehrpläne, Umzug bedeutet für Kinder oft „Umschulung“; beim Katastrophenschutz ; bei der Polizei; demnächst wieder bei einer Maskenpflicht; beim Aufwand für vollkommen überflüssige Behörden, wobei immer jedes Land um der politischen Profilierung willen das Rad für sich neu erfinden möchte und nicht zuletzt eine mühsame und teure Koordination um mit dem Wirrwarr nicht ganz aus der Zeit zu fallen (digitaler Ausbau).

    Und das Ganze trifft auch auf die Tarife bei Bahn und Bussen zu. Mehrfach bei beiden durch unterschiedliche Tarife und „Waben“, bei denen man sich erst umständlich schlau machen muss, welcher Betrag ggf. wann denn nun zu zahlen war/ist.

    Eines steht jedenfalls fest: Mit annähernd berechenbaren Einnahmen für die Betreiber wäre viel gewonnen. Aber damit sind wir ja wieder bei den unterschiedlichsten Betreibern. Im 19.Jahrhundert brachte die Vereinheitlichung des Schienenverkehrs und das Entfallen von Landesgrenzen mit Zoll einen großen Aufschwung. Doch heute hängt schließlich jeder an seinem Posten, im Land, bei den Betreibern, in den Aufsichtsräten und den Gremien, sodass ein großer Wurf kaum zu erwarten ist.

    Warten wir’s ab …

  6. Für einige Sozialismus- und Kommunismusfreunde noch einmal zur Kenntnis: Der grundsätzliche Abgrenzung zum „Kapitalismus“ ist ganz einfach: „Kapitalismus“ bedeutet Vertragsfreiheit und bedingungsloses Recht an Eigentum- die aufklärungsbegründete, klassische bürgerliche Revolution und letztendlich die Emanzipation von heutigen Sozial-Klerikern, Öko-Adligen und sonstigen „Future“-isten – alles volkswirtschaftliche Kostenfaktoren, die eine vernunftgeprägte und prosperierende Volkswirtschaft konterkarieren. Dass das linken Schwurblern nicht passt und sie Sozialismus und Kommunismus – neuerdings als Ökologismus verpackt – als wirkliche Alternative darstellen, ist in sich eine Aufwertung des Begriffs „Kapitalismus“.

    • Das ist keine Definition des Systems des Kapitalismus an sich. Aber es beweist wie verdummt viele durch dieses System geworden sind. Tut mir Leid das so zu sagen. Aber wer solch einen Unsinn ablässt hat den Kapitalismus nicht begriffen. Und das hat nichts mit Links oder rechts zu tun, sondern mit Philosophie und politischer Ökonomie.

  7. @Jürgen Karsten: Danke für das Kompliment! Es grüßt: Ein „verdummter“ Wirtschaftswissenschaftler, der nichts von Philosophie und „politischer“ Ökonomie hält, da diese nur Ausdruck von Unvermögen sind.

    • Wenn sie sich persönlich angesprochen fühlen, sollten sie als Wirtschaftswissenschaftler mal darüber nachdenken, warum. Allein ihre Aussage vom Unvermögen der Philosophie und der politischen Ökonomie , lässt die Frage offen wie sie das als Wirtschaftswissenschaftler politisch, ökonomisch und sozial einordnen wollen. Das Leben lässt sich nicht nur mit reinen Wirtschaftsinteressen erklären. Was dabei rauskommt wenn man andere Wissenschaften negiert, können sie heute sehen. Und ich denke sie tragen selbst ein gerüttelt Maß dazu bei das die Entwicklung immer eingleisiger betrachtet wird. Das ergibts sich aus ihren Gedanken zum Thema. Aber vielleicht irre ich mich da ja auch. Ich kennen sie ja nur von diesem Disput hier. Wissenschaft ist ein allgemeingültiges Gut die ohne eine objektive Betrachtungsweise nicht auskommt. Dazu gehört auch sich mit Begrifflichkeiten zu befassen die außerhalb der eigenen in ihrem Fall der Wirtschaftswissenschaften von Bedeutung sind für ihre Wissenschaft. Und wir leben auf der objektiven Grundlage politisch ökonomischer Prozesse in einem Kapital dominierten System. Und dieses System schreit gerade zu nach politischer Ökonomie und dem Umgang damit.

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