Vita non fascista

(Symbolbild:Imago)

Michel Foucault, einer der wenigen Ahrimaniker, die Luzifers Charme nur allzu gerne erliegen und dabei noch scharf und halsbrecherisch zu denken vermögen, nannte einmal das Buch Anti-Oedipus seiner Freunde Gilles Deleuze und Felix Guattari „eine Einführung in das nicht-faschistische Leben”. So stand es in seiner Vorrede zur 1977 erschienenen amerikanischen Ausgabe des Buches, also beinahe zehn Jahre nach dem Studentenjahr 1968. Die Schlagkraft und die Tragweite dieser Charakteristik sind einmalig. Berücksichtigt man, dass der Faschismus zur fraglichen Zeit zum Rang des absolut Bösen erhoben wurde, so konnte der Antifaschismus unmöglich etwas anderes bedeuten als das absolut Gute – nach derselben Logik eines volkstümlichen Manichäismus, nach der die USA eben deswegen als Reich des Guten haben gelten müssen, weil als Reich des Bösen die UdSSR gegolten hat.

Die Einführung in das nicht-faschistische Leben nimmt sich wie eine orthodidaktische Anleitung aus, die das Leben von jeglicher unitären und totalitären Paranoia zu befreien trachtet. Der zufolge Gedanken, Triebe, Träume, Handlungen nicht hierarchisch zentriert, sondern eigenmächtig und disjunktiv auftauchen und dem Prinzip der Eingliederung dasjenige des Wildwuchses vorziehen: statt des Einen das Viele, statt des Einförmigen das Verschiedene, statt des Sesshaften das Nomadische usw.. Foucault: „Wie kann man sich davor bewahren, ein Faschist zu sein, auch wenn man sich für einen revolutionären Militanten hält? Wie können wir unser Sprechen und unser Tun, unsere Herzen und unsere Lüste vom Faschismus befreien?

Analogon der Muskellähmung

Es wirkt abartig genug, wenn ausgerechnet ein praktizierender Erotomane und gelegentlicher Opium-Eater wie Foucault die Befreiung vom Faschismus mit asketischen Praktiken des Christentums gleichsetzt und an die Erfahrungen alter Moralisten appelliert: „Die christlichen Moralisten suchten nach den Spuren von Fleisch, die sich in den Seelenfalten verbargen. Deleuze und Guattari lauern ihrerseits den intimsten Spuren des Faschismus im Körper auf.” Er merkt dabei gar nicht, dass ihm ein ärgerlicher Lapsus unterlaufen ist. So wahr es ist, dass die Asketen gegen das Fleisch gekämpft haben, so wahr ist es auch, dass sie daraus nur in sehr seltenen Fällen als Sieger hervorgingen. In der Regel erlagen sie selbst dem Zauber des Fleisches, und wer, wenn nicht der Autor der mehrbändigen „Geschichte der Sexualität” (Foucault), hätte dies besser als jeder andere wissen müssen?

Der abgefeimte Trick des nicht-faschistischen Lebens bestand darin, dass es immer noch faschistisch, allzu faschistisch war, und wenn man das nicht sieht, so deswegen nur, weil man an einem reflektorisch gewordenen Nominalismus leidet, als dessen körperliches Analogon etwa die Muskellähmung gelten kann. Man nimmt die Dinge wahr, nicht wie sie sind, sondern wie sie heißen. Dinge heißen aber, wie sie genannt werden. De facto nur umbenannt, sprich: umgedreht, umgekehrt, verkehrt. Ganz wie bei Shakespeares Hexen: Schön ist hässlich, hässlich schön. Statt Lüge sagt man Wahrheit. Statt Faschismus – Antifaschismus. Dann ist es auch so: Lüge ist Wahrheit, Faschismus – Antifaschismus. In Wirklichkeit aber: Antifaschismus als verkappter Faschismus.

Was beide (Faschismus wie Antifaschismus) eint und einigt, sind Vernichtungslust und Verwüstungswut. Die Unterschiede fallen zwar deutlich, keinesfalls aber irgendwie entscheidend aus. Denn es tut nichts zur Sache, ob Untaten durch disziplinierte und hygienisch gepflegte oder schludrige und herausfordernd dreckige Täter begangen werden. Man geht diesen Äußerlichkeiten nur allzu leicht auf den Leim, wenn man den fundamentalen Gegensatz von Faschismus und Antifaschismus darin erblickt, dass der eine autoritär, der andere hingegen antiautoritär ist. Hinter dem Antiautoritarismus der Achtundsechziger verbarg sich nur der Austausch der einen Autoritäten gegen die anderen. Statt Goethe, Schiller, Schubert betete man nunmehr etwa Trotzki, Ho Chi Minh und die Beatles an – alles unter dem Banner des Slogans „Weg mit den Autoritäten!”.

Schauerliches Curriculum Vitae

Diese platte und banale Technik erwies sich jedoch als ungemein effizient: Die jungen Revoluzzer kultivierten lupenreinen Faschismus unter dem Deckmantel des Antifaschismus, ferner eine verbohrte, fast hysterische Intoleranz gegen alles, was nicht ihren eigenen Überzeugungen entsprach, unter dem grellen Aushängeschild der Toleranz, vor allem aber eine losgelassene Meute aller unter der Gürtellinie zusammengepferchten Instinkte und Triebe (im Jargon der Psychoanalytiker „polymorphe Perversion”) als Zeugnis und Zertifikat der Freiheit – einer Freiheit allerdings, wie sie sich kein pubertierender Teenager hätte besser wünschen können: Grunzen, grenzenlose Promiskuität und (geistige wie physische) Notdurft-Verrichtung coram publico.

Es war dies ein Untergang des Abendlandes, wie ihn sich der geniale und altfränkische Spengler nicht einmal im bösen Traum hätte einfallen lassen können. Spenglers Abendland ging in den Klangkaskaden des rasenden Furtwänglerschen Orchesters unter: mit Würde und Noblesse, wie es seiner tausendjährigen Lebensgeschichte auch ziemte. Es wäre stil- und geschmackswidrig, dieses Abendland mit dem der Frankfurter Adorno-Marcuse-Clique auch nur annähernd zu vergleichen. Sie haben so wenig gemeinsam wie ein schneeweißes Hemd mit einem verschmutzten Lumpen.

Ein schauerliches Curriculum Vitae, das mit Mucius Scaevola begonnen hat, jenem tollkühnen römischen Jüngling, der vor den Augen des Etruskerkönigs Porsenna, dessen Heer Rom belagerte, seine rechte Hand in das Feuer streckte und völlig verbrennen ließ, um dem überraschten König zu zeigen, dass seine Ehre mehr wert sei als sein Körper; und das nun mit einem behaarten Mutanten (Rainer Langhans), genauer mit seinem auf 1.968 Euro taxierten und in einem Kunstmuseum ausgestellten Schamhaar endet. Meinte der Dichter Thomas Stearns Eliot 1925, dass die Welt nicht mit einem Knall, sondern mit einem Wimmern endet, so endet sie nach 1968 nur noch mit einem Rülpser.

 


Der vorstehende Text ist dem Buch „Verschüttete Welt“ (Kapitel: „Das Wiegenfest der Debilen”) des armenischen Schriftstellers und Philosophen Prof. Dr. Karen A. Swassjan entnommen , 2021 erschienen in der Schweizer Edition Nadelöhr (443 S. brosch., / CHF 34.-/EUR 30.-, ISBN 978-3-952080-4-6), erhältlich im Buchhandel oder hier.

 

Zum Autor:

Karen A. Swassjan, Jahrgang 1948, studierte Philosophie sowie englische und französische Philologie an der Universität Erewan (Armenien). Er war Professor für Philosophie, Kulturgeschichte und Ästhetik an der Universität Erewan bis 1992 und wirkte als Übersetzer ins Russische und Herausgeber von Werken Rainer Maria Rilkes, Friedrich Nietzsches und Oswald Spenglers. Außerdem ist er Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu philosophischen, literari­schen, kulturgeschichtlichen und anthroposophischen Themen in rus­sischer und deutscher Sprache, darunter: „Unterwegs nach Damaskus. Zur geistigen Situation zwischen Ost und West”, „Nietzsche – Versuch einer Gottwerdung”; ”Der Untergang eines Abendländers: Oswald Spengler und sein Requiem auf Europa” sowie ”Rudolf Steiner. Ein Kommender”. Karen Swassjan ist Forschungspreisträger der Bonner Alexander von Humboldt-Stiftung und gewann 2009 den ersten Preis in einem philosophischen Essay-Wettbewerb der Russischen Akademie der Wissenschaften. Er veröffentlicht auch regelmäßig im Schweizer Agora-Magazin. Swassjan lebt seit 1993 als freier Schriftsteller und Vor­tragender in Basel.

1 KOMMENTAR

  1. „Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus.“

    Von wem stammt offensichtlich dieses Zitat? Ignazio Silone, einem italienischen Schriftsteller und Kommunisten (1900 -1978).

    „Durch seine Position als Vertreter der italienischen Kommunisten bei der Komintern konnte er den Aufstieg Stalins und die damit verbundene Ausgrenzung innerparteilicher Gegner Stalins aus nächster Nähe miterleben. So war er zwischen 1927 und 1929 bei den Sitzungen anwesend, auf denen die Positionen Leo Trotzkis, Nikolai Bucharins und anderer vermeintlicher Stalingegner verurteilt wurden. Silone schloss sich diesen Verurteilungen nicht an. Aus Enttäuschung über die mangelnde Toleranz und Offenheit brach er mit der kommunistischen Bewegung und dem Kommunismus, was dann im Sommer 1931 auch zu seinem Parteiaustritt führte.“

    Mehr zu Ignazio Silone:
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Ignazio_Silone

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