Abgehauen

Provencalischer Seelenbalsam (Foto:Schneidereit)

Noch einmal weg aus dem Gewohnten, dem Alltäglichen, bevor die letzten, wärmenden Sonnenstrahlen dem tristen Herbstgrau das Feld überlassen. Abhauen heißt auch: Fort aus dem Mahlstrom einer längst nicht mehr zu begreifenden Nachrichtenflut, deren groteske und nicht mehr zu persiflierende Tatsachen sich bereits in Verstand und Bewußtsein fressen, wie Säure in ungeschützte Haut. Fort, bevor eine wie unter Drogen stehende, jeglicher Bodenhaftung entrückte Herrschaftsclique auch noch die letzten Tabus der Lüge und Unterdrückung bricht. Noch einmal fort – bevor sie uns Häuser, Fahrzeuge, Treibstoff, Wärme und Energie entziehen; bevor jegliches Leben unbezahlbar, trist und elend wird; bevor uns der letzte Rest Freiheit geraubt wird, unter dem Deckmantel irgendwelcher verfluchten „höheren Ziele“, auf die sie sich immer berufen, wenn sie wieder die Gier übermannt, sich maximal an ihren Untertanen zu bereichern.

Und die Untertanen so? Weil sie gern die Knute im Nacken spüren und sich mit erlernter Haltung hündisch unterwerfen, während sie kopfnickend die von ihnen auch noch selbst bezahlten Lügen schlucken, die ihnen, pünktlich zum Abendfraß, medial ins Gesicht geklatscht werden – aus diesem simplen Grund wird sich nach diesem Herbst, Winter oder kommenden Frühling vermutlich nichts ändern. Wenn mich der Corona-Idiotentest eines gelehrt hat, dann diese traurige Tatsache.

Bei alldem nicht draufgehen

Der Rest dieses betrogenen, gemolkenen, ausgepressten Volkes wird versuchen, seinen beschissenen Alltag zu bewältigen und die letzten Bruchstücke seines Mutes und seiner Lebensfreude nicht komplett zu verlieren, während er nicht mehr in der Lage ist, seine Rechnungen zu bezahlen, um die Utopien und Gelüste seiner Peiniger zu finanzieren.
Jene, die bei alldem nicht draufgehen und eventuell noch einen Funken an Kraft haben, werden weiter kämpfen – mit Worten, Händen und vielleicht noch anderen Dingen. Ich habe, so weit und so lange ich dazu überhaupt noch in der Lage bin, vor, mich dem Rest jenes besagten letzten Restes anzuschließen.

Gestern aber erst noch einmal Flucht. Bettdecke, Zahnbürste, Kocher ins Auto – und durch gen Süden. Vielleicht ist es das letzte Mal. Man weiß es nie. Ich lebe inzwischen in permanenter Sorge, für wirklich alles Schöne, Wahre und Echte könnte schon morgen das letzte Mal gekommen sein. Mit fast leerem Dieseltank (deutsches Goldpreis-Niveau) bis ins elsässische Mulhouse gekommen. Dort für 1,66 € Literpreis hundert Liter in den Tank gefüllt. Die Nacht durchgefahren; irgendwann in den Morgenstunden auf einer provençalischen Waldwiese eingeschlafen. Es duftet nach Kräutern, nach Weite, nach Welt. Ein abnehmender Südmond geht auf. Grillen zirpen leise.

Wie nach Entzug

Heute unter wolkenlosem Himmel nur gelaufen. Tief durchgeatmet, alles aufgesogen, alles berührt, mit den Augen einverleibt – wie nach Entzug. Die Dentelles de Montmirail – eine meiner Traumgegenden. Helle Kalksteinnadeln wachsen aus Weinbergen ins endlose Azurblau. Steineichen, Olivenbäume, Eidechsen. Die Luft klar wie blaues Glas. Ein sanftes, vierundzwanziggradiges Nachglühen nach einem endlosen Sommer. Urlauber und Touristen sind fort, fünf Menschen begegne ich auf meinen 10 Kilometern Weg über das Bergmassiv. Man grüßt einander.

Jetzt ist die Sonne untergegangen und ich liege in meinem Decken unter einer Steineiche im Weinberg. Ein vertrauter Lieblingsplatz, seit vielen Jahren. Ein Panorama und ein Licht, wie nicht von dieser Welt. Ansonsten Stille. Nur ein leiser Wind bewegt draußen die Blätter der Reben. Durchs Dachfenster funkeln die ersten Sterne.

Freiheit.

10 Kommentare

  1. Sehr fühlsam geschrieben,
    Danke.
    Ich war kurz bei dieser Text-Tour voll dabei.
    Auch ich habe mich entschlossen, hier zu bleiben in meinem Land und zu kämpfen – so gut es möglich ist …
    Wir werden obsiegen!

    Gruß Rolf

  2. Aufgabe ist keine Option, sich aus der Agonie lösen, neuen Mut fassen.
    Nichts ist hoffnungslos, es gibt einen Gott und sie haben keine Ahnung!

    All die Maßlosen werden fallen, ihnen läuft alles durch die Hände.
    Im stärkeren Griff entgleitet ihnen immer mehr, es fließt hindurch.
    Der Barbar als Tugendwächter bringt sich selbst zu Fall, er ersäuft
    ist seinem eigenen Dreck, verliert völlig den Überblick, der elende
    Schmierer.

    Sie müssen überwunden werden, als ein Übel welches Erkenntnis bringt.

  3. Chapeau! Das geht mir genauso. Nichts aufschieben oder auf bessere Zeiten warten. Denn diese werden nicht kommen. Dann wird es heißen: Rien ne vas plus…

  4. Reisen, schön wärs ja. Die Gefahr, unterwegs in ein Ungesprizteninternierungslager gesteckt zu werden, ist jedoch inzwischen zu groß. Statt dessen Filmkunst im Heim innerer Emigration – Apocalypse Now – „Es war eine Lüge. Und je mehr ich davon sah, desto mehr hasste ich Lügen.“ (Captain Willard) – Gut zu wissen, daß es offenbar noch Menschen wie der reisigen Autor gibt, die den feinen Unterschied kennen – – – zwischen Lüge und Wahrheit. Andererseits: Was ist Wahrheit? – Nichts ist wahr, alles ist erlaubt, wie der Alte vom Berge schon wußte…

  5. Für die deutschen Untertanen kämpfen, nein. Ich habe schon viel zu viele ideologisierten Freunde verloren. Ich gehe im Winter in die Türkei zu meiner Schwester, die dort, in Antalya, ein Haus besitzt, meine Flucht wird noch etwas ausgedehnter.
    Man mag über Erdogan denken, was man will. Aber er sorgt für sein Volk mit reichlich Gas, Benzin, Öl und Energie.

  6. Es gibt auch noch etwas Besseres als Germoney.Mein Paradies liegt in Umbrien.Habe leider nicht mehr die Kraft,als alter Mensch bis dort zu kommen.

  7. „..Mahlstrom einer längst nicht mehr zu begreifenden Nachrichtenflut..“

    Unsere heutige Technik (Internet) ermöglicht uns wie nie zuvor im Sekundentakt Nachrichten abzurufen (Vorsicht Suchtgefahr!).

    Zuvor war dies mehr oder weniger nur im Stundentakt mittels Radionachrichten (falls man nicht auf der Arbeit war..) oder im 24-Stundentakt mittels Tageszeitung oder der 20 Uhr-Tagesschau möglich.

    Diese früher um Welten geringere „Nachrichtenflut“ auf der Zeitachse bedeutet aber nicht, dass damals in der Welt weniger passiert wäre als heutzutage.

    Die 5 Minuten für Radionachrichten, die im Platz begrenzte Tageszeitung und die 15 minütige Tagesschau hatten einfach nicht die Kapazität, über jedes Ereignis, oder jede Lüge eben, zu berichten.

    Von den Oberen zuweilen belogen wurde das Volk aber schon immer, dass ist kein neues gegenwärtiges Phänomen über das man staunen müsste.
    Nur vermittelt eben die gegenwärtige Nachrichtenflut lediglich den Eindruck, heutzutage mehr als früher, wie im Artikel formuliert, „betrogen, gemolken und ausgepresst“ zu werden.

    Wenn diese Erkenntnisse dem Volk einst mangels heutiger Technik vorenthalten werden musste, lebte es sich doch leichter und entspannter als heutzutage, gemäß dem geflügelten Wort „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“.

    Dann ist da noch der Wettbewerb der Medien untereinander:
    Einst mussten sich etwa Zeitungsredakteure im 24 Stunden-Takt Schlagzeilen ausdenken, die zum Kauf ihrer Zeitung, nicht die der Konkurrenz, einlud.

    Das müssen heutige Internet-Redakteure quasi im Sekundentakt tun um den Mauklick auf ihren Artikel zu locken. Irgendwie muss ja auch der dramatische Kaufrückgang der Printmedien kompensiert werden.

    Dazu kommt noch der Wettbewerb der Redakteure untereinander wer die „geschliffenere“ Formulierung hinbekommt, als ob die Meldung an sich schon Nebensache sei und dafür die Eitelkeit der Redakteure im Vordergrund stände.

    Ich habe u.a. noch einige „Spiegel“ aus den 50er und 60er Jahren.
    Es ist vergleichsweise ein Genuss sie zu lesen, auch die damaligen Leserbriefe, weil die eher trocken sachliche Information im Vordergrund stand und nicht wie heute die „Formulierungskunst“ der jeweiligen Schreiber (inkl. verstohlen eingebauter Meinungsmache..)

    Die momentane z.T. unterirdische Qualität des Spiegel-Online Leserforums zeigt auf, wie sich der Spiegel zu seinem Nachteil verändert hat und wohl die Redakteure, die diese z.T. unterirdischen Forenschreiben durchgehen lassen nicht realisieren, dass solche Foren-Leserbriefe den Spiegel im Niveau herunterziehen können.

    Ich habe einst die Broschüren die erklärten, wie man sich bei einem Atombombenangriff verhält (etwa Aktentasche über den Kopf halten..), die Kubakrise, den Kennedy-Mord, die 68er, die Oelkrise, diverse lokale Kriege und vermeintliche Pandemien medial zur Kenntnis genommen und muss sagen, dass ich mir damals darüber noch nicht einmal ansatzweise solche Sorgen machte, wie über die heutigen Ereignisse in der Welt.

    Das lag aber nicht an den damaligen Ereignissen selbst, die nicht minder komplex, gefährlich oder erlogen waren als heutige Ereignisse, sondern an der Art der heute ständig auf Panik gebürsteten politischen Abarbeitung und medialen Berichterstattung.

  8. Mich nerven die Deutschen, die so viele Probleme mit ihren Mitbürgern haben. Ich labere nicht viel rum und suche ein anderes Land, in dem alles viel besser sein soll. Und – nach und nach hat ich herausgestellt, daß fast alle meine Bekannten so wie ich ungeimpft sind. Geimpft sind im Bekanntenkreis nur ein paar Leute mit Gesundheitsproblemen, denen die Fachärzte zur Impfung geraten haben. Also relativ einfach ist passiver Widerstand. Man muß auch nicht Sachen aus einem Land kaufen, dessen Regierung unserer die Richtung vorgibt, usw. Ich heize auch noch mit Holz und Kohlen und das trauen sie sich nicht zu verbieten, weil hier auf dem Land sehr viele Leute Waldbesitzer sind.

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