Als Erna kam…

Eine Ostergeschichte

Ein Hund verändert alles (Symbolbild:Pixabay)

Seit ich denken kann, gab es ständig Ärger mit unseren Nachbarn – den Haderers. In ihrer Hochparterrewohnung, die naturgemäß mit wenig Sonnenschein gesegnet war, fühlten sie sich seit jeher wie Kellerkinder und hegten einen tiefen Groll gegenüber all jenen, die über ihnen wohnten und sich damit automatisch auch über sie zu erheben schienen.

Die ganze Welt – so glaubten die Haderers – hatte sich gegen sie verschworen und war schuld daran, dass Herr Haderer seit Jahren arbeitslos war. An seiner Rechthaberei und seinem Jähzorn konnte es nicht liegen, sondern an der mangelnden Würdigung seiner überragenden Sachkenntnisse, über die er in nahezu jedem Fachgebiet verfügte.

Auch Frau Haderer, die eine Sekretärinnenstelle bekleidete, erzählte jedem in breitesten Dialekt, wie unfähig alle anderen Mitarbeiter seien und dass das Überleben des Unternehmens allein von ihren überragenden Fähigkeiten abhinge. Ja, wenn sie nicht wäre, würde glatt „de ganze Lade zusammebreche“.

Der einzige Sohn hatte in seiner Kindheit nur sehr selten Freunde zu Besuch und konnte gar nicht anders, als eine Kopie seiner Eltern zu werden. Inzwischen überragt er mich um zwei Köpfe und trägt sein strohblondes Haar mit einen exakt gezogenen Seitenscheitel, von dem kein einziges Haar auch nur ansatzweise wagt, abzuweichen.

Dunkel wabernde Wutwolke

Die Haarfarbe hat er von seiner Mutter geerbt und böse Zungen behaupten, dass die Blondinenwitze, wenn es sie nicht schon gäbe, spätestens wegen Frau Haderer hätten erfunden werden müssen.

Wenn Herr Haderer im Dorf auf seinem Fahrrad so verbissen in die Pedale trat, als hätte man ihm einen Goldschatz gestohlen, wich jeder zur Seite, um der dunklen Wutwolke, die ihn stets umwaberte, zu entgehen.

So ging das 10 Jahre lang, bis es Familie Haderer durch einen glücklichen Umstand gelang, ihre Mietwohnung käuflich zu erwerben, was – man mag es kaum glauben – das ohnehin zerrüttete Verhältnis zwischen ihnen, den anderen Mietern und den Eigentümern noch weiter verschlechterte.

Als Beirätin hatte ich die unliebsame Aufgabe, die raumgreifende Familie immer wieder darum zu bitten, ihr Gerümpel, das insbesondere Herr Haderer als Horter jahrzehntelang in den Gemeinschaftsräumen des Gebäudes angesammelt hatte, zu entfernen. Auch den Fahrradkeller, aus dem er jeden, der sein Fahrrad dort parken wollte, mit körperlich bedrohlicher Nähe und Verbalinjurien vertrieb, wurde schließlich nach jahrelanger Verweigerung geräumt. Als Ergebnis wurde überhaupt niemand mehr gegrüßt und ich wurde aus dem Küchenfenster heraus so laut als „Hexe“ beschimpft, dass sich die ganze Straße fragte, was wohl bei uns vorgefallen sei. Überhaupt war das Küchenfenster neben dem Hauseingang der Beobachtungsposten schlechthin, von dem aus alles überwacht und jede Verfehlung sämtlicher Einwohner akribisch festgehalten wurde.

Und so wurde die Atmosphäre im Haus beständig schlechter. Jeder vermied die Haderers, so gut es nur ging und litt still vor sich hin.

Krönung der Eintönigkeit

Die Krönung in Haderers eintönigem Leben war die alljährliche Eigentümerversammlung, zu der sie 20 Minuten vorher aufmarschierten und zu dritt den Hausverwalter von allen Seiten umzingelten. Danach wurde die Liste sämtlicher über das Jahr aufgezeichneter Vergehen abgearbeitet. Denkwürdig war die Diskussion zu „fehlenden Rasenkantensteinen“. Der Begriff „Rasenkantenstein“ war mir bis dahin gänzlich unbekannt gewesen, doch dank Familie Haderer hat sich dieses Wort unauslöschlich in mein Gedächtnis eingeprägt, da Vater, Mutter und Sohn abwechselnd über die unfähigen Handwerker, die Pfuscharbeit, die überteuerte Rechnung und … drei „fehlende Rasenkantensteine“ räsonierten. Sie selbst würden sich auskennen und hätten die „Rasenkantensteine“ um Längen besser verlegt als „dieser Handwerker, der keiner ist“.

Aus leidvoller Erfahrung wußten wir bereits, dass der Versuch, die tobende Triade zu stoppen, das genaue Gegenteil bewirkt und erst recht das Trio Infernale loslassen würde, da die Familie sich unterdrückt und ihrer Redezeit beraubt fühlen würde. Und so hielten wir, wie jedes Jahr, die Beschwerden über besagte Rasenkantensteine, den schlecht gepflegten Garten und schlampig geputzten Gang aus, obwohl wir alle die eigentliche Ursache dieser Verwahrlosung nur allzu gut kannten. Der Gärtner verrichtete seine Arbeit unter den Argusaugen der Haderers so schnell es nur ging und verdünnisierte sich danach sofort, um jeglichen lautstark vorgetragenen Rügen und Anordnungen zu entgehen. Und die Putzfrau kehrte nie in dem Bereich, in dem riesige, stachelige Kakteen von Familie Haderer im Gang standen. Ich für meinen Teil konnte es der Putzfrau nicht verübeln, hatte ich selbst doch schon Albträume darüber gehabt, dass ich auf der Treppe stolpern und von den zentimeterlangen Stacheln aufgespießt werden würde.

Hoffnungslos rechthaberische Erbsenzähler

Und so plätscherten die Jahre dahin, bis es Haderers schließlich aus für uns unerfindlichen und rätselhaften, finanziellen Quellen gelang, zusätzlich die mir gegenüberliegende Wohnung für den Sohn zu kaufen, was sämtlichen Einwohnern wieder schlaflose Nächte bescherte. Tatsächlich erwog ich ernsthaft, meine Zelte abzubrechen, denn nicht nur war dort der rechthaberische Sohn – wie sein Vater ein hoffnungsloser Erbsenzähler -, sondern auch seine junge Freundin eingezogen, die wie die Faust aufs Auge in die Familie passte. Schnippisch, rechthaberisch und unfreundlich verweigerte auch sie jeden nachbarschaftlichen Gruß und terrorisierte wie der Rest der Familie eine alleinstehende Eigentümerin, deren Hund zuviel bellte. Über jeden hündischen Laut wurde akribisch Buch geführt und bei jährlichen Eigentümerversammlungen „abgerechnet“.

Fast muss ich Haderers jedoch auch dankbar sein. Denn sie lieferten mir eine Geschichte, mit der ich seit Jahren auf Partys Lachsalven auslöse. Kurz vor meinen Urlaub hing ich frisch gewaschene Hosen über meinen Balkon und fand bei meiner Rückkehr eine polizeiliche Anzeige vor. Der Grund: Meine Hose hätte zwei Stockwerke tiefer Frau Haderers Petersilie mit ein paar Tropfen Wasser so stark geschädigt, dass sie 7,99 Euro Schadensersatz forderte. Der Polizist, bei dem ich wegen der Anzeige erscheinen mußte, schämte sich, dass er überhaupt so etwas hatte schreiben müssen. Noch verwunderter war er aber darüber, dass ich tatsächlich wegen einer solchen Lappalie auf dem Revier erschienen war.

Wunder im Treppenhaus

Man staunt doch immer, wieviel Groll und Bosheit aus Menschen strömen kann, wenn sie unglücklich, einsam, oder davon überzeugt sind, dass sie trotz Gesundheit, Familie, genug Essen und zwei Wohnungen vom Leben ungerecht behandelt wurden.

Wieder verstrichen ein, zwei Jahre, bis ich eines Abends am Hauseingang auf Haderer Juniors Freundin traf und sie – wie schon seit Jahren – einseitig grüßte, da ein schlichter Gruß für mich viel weniger Aufwand als muffiges Ignorieren ist. Und da geschah das Wunder – sie grüßte zurück. Und nicht nur das. Ihr gesamtes Gebaren, ihre Haltung, ihre Stimme waren wie ausgewechselt. Tatsächlich strahlte sie Sanftmut aus und ihre Stimme hatte eine Wärme, wie ich sie schon lange nicht mehr bei jungen Frauen vernommen hatte.

Bei sich trug sie einen Weidenkorb, den sie vorsichtig an sich drückte. Ermutigt durch die gänzlich veränderte Ausstrahlung, blickte ich in den Korb und sah darin einen winzig kleinen Dackelwelpen. „Oh“, sagte ich, „der ist aber süß. Wie heißt der denn?
Das ist Erna,“ antwortete sie mit mütterlichem Stolz. Erstaunt schaute ich zum ersten Mal seit längerer Zeit direkt in ihr hageres Gesicht und entdeckte weiche Züge. Sogar ein Lächeln breitete sich langsam darauf aus.

Alles wird anders

Und so kam es, dass sich alles in unserem Haus verändert hat, seit Erna kam. Die junge Freundin posierte mit Erna auf dem Arm und ließ mich ein Foto machen. Haderer Junior schleppte mir meine schweren Koffer so schnell die Treppen nach oben, dass ich gar nicht mehr hinterherkam.

Haderer Senior bietet mir seit Ernas Ankunft regelmäßig an, meine schweren Pakete nach oben, nach unten oder sonst wohin zu tragen. Er versprach mir sogar, dass ich Erna, die inzwischen ausgewachsen und sehr schüchtern ist, bald mit einem Leckerli bestechen und etwas streicheln dürfe. Selbst Frau Haderer – von den meisten Einwohnern als eigentliche Ursache von Herrn Haderers Ausfällen ausgemacht – wirkt plötzlich netter und man hört nicht mehr beim Vorübergehen an der Wohnung, wie sie ihren Mann tagtäglich verbal malträtiert. Schon seltsam, was so ein kleines Tier bewirken kann.

Herztüren gehen auf.
Gesichter erstrahlen.
Frieden kehrt ein.
Das Haus atmet auf.
Und all das, weil Erna kam.

 

 

Dieser Beitrag erscheint auch auf Conservo.

10 Kommentare

  1. Erna und ihre Artgenoss*INen sind Hunde, nichts anderes. Sie wollen und müssen niemand sein, der sie nicht sind. Im Gegensatz zu Menschen. Da ist nur Schein und kein Sein.

    • Stimmt ! Hunde machen Freude ….und, einen Hund kann ich mir aussuchen; – meine Nachbarn nicht I

      Einen Hund zu lieben
      sagst DU Mensch, sei Sünde ?
      Der Hund hält auch im Sturm zu Dir,
      der Mensch nicht mal im Winde !

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