Antisemitismus in Leipzig: Die hohe Schule der De-Kontextualisierung

„Haltung zeigen“: Hotelmitarbeiter vorgestern Abend in Leipzig (Foto:Facebook/Youtube)

Das bewegende gestrige Video von Sänger Gil Ofarim nach seiner antisemitischen Diskriminierung in einem für sein besonders bunt-„weltoffenes“ Publikum bekannten Leipziger Hotel wurde mittlerweile fast 2,8 Millionen Mal auf Instagram aufgerufen, Politik, Öffentlichkeit und Medien überschlagen sich einmal mehr mit wohlfeiler Entrüstung über Judenhass in Deutschland – doch es fällt wieder einmal auf: Je konkreter, handfester und für offensichtlicher der Anlass selbst, umso abstrakter wird die Debatte. Denn NIEMAND, auch Ofarim selbst, klärt leider darüber auf oder wagt öffentlich zu fragen, von wem die Schmähung – „nimm deine Kette ab“ (gemeint war Ofarims Davidstern), „dann darfst du einchecken“ – eigentlich ausging. Dabei ist dies nicht nur mit Sicherheit die Frage, die fast jeder sich zuerst gestellt haben wird, der vor dieser neuerlichen Scheußlichkeit im besten Deutschland aller Zeiten erfuhr.

Und damit sind wir beim Kern des Problems. Es gibt nämlich offenbar zwei Manifestationen von Antisemitismus in Deutschland: Die eine ist die „klassische“ Ausformung eines domestic prujudice, der rassistisch motivierte einheimische Antisemitismus, der bei Ewiggestrigen, Neonazis, rechtsextrem-völkischen Esoterikern und antizionistischen Verschwörungstheoretikern vorkommt. Er dominierte in der Nachkriegszeit und der alten Bundesrepublik der Vorwendezeit.

Wenn es vor 1990 zu Grabschändungen, Schmierereien an Synagogen oder Aussagedelikten kam, waren die Täter so gut wie immer aus diesem Dunstkreis. Dieser Antisemitismus verschwand zwar nie ganz und erlebte im Osten nochmals eine gewisse Renaissance in bestimmten Randgruppen, aus denen auch der Täter des Anschlags von Halle hervorging.

Zwei Arten Antisemitismus

Und dann gibt es da noch einen zweiten Antisemitismus, der die Ursprungsform spätestens seit der Jahrtausendwende ablöste bzw. überlagerte: Importierte Judenfeindlichkeit als Begleiterscheinung einer islamischen und vor allem arabischer Masseneinwanderung, die eng mit der Etablierung eines strenggläubigen politischen Islam in Deutschland einherging und vor allem seit 2015 massiv zunahm. Quantitativ und wegen seiner täglichen Allgegenwärtigkeit geht von diesem Antisemitismus mittlerweile eine deutlich größere Bedrohung jüdischen Lebens in Deutschland aus –  und ein Blick nach Frankreich, wo die demographisch-kulturelle „gesellschaftliche Veränderung“ punktuell schon deutlich weiter fortgeschritten als uns, sind ganze Stadtviertel bereits „judenrein“ – weil die Bewohner geflüchtet sind. Und zwar nicht wegen Neonazis oder dem Rassemblement National (Ex-Front National), sondern wegen eines Islam, der „zu Frankreich gehört„. Dieser „migrantische“ Judenhass tritt übrigens – auch bei uns – zunehmend in Vergesellschaftung mit linksextremer Gewalt auf; die Solidarisierungklammer ist hier „“Free Palestine“ und die Verquickung von antizionistischen mit antikapitalistischen Vorurteilen; eine unappettitliche Suppe, an der auch viele Salonlinke mitlöffeln.

In Deutschland dürfen jedoch nur Täter des ersten, des „traditionellen“, rechtsextremen Antisemitismus beim Namen genannt werden. Geschickt wird – ohne Unterscheidung, von wem die verletzenden Übergriffe oder Straftaten eigentlich ausgingen – „der Antisemitismus“ unterscheidungslos angeprangert, solange die Täter nicht ins gewünschte Framing passen (weil sie selbst zu den Schutz- und Opfergruppen des Toleranzstaates gehören); passen sie in eines der gängigen politischen Feindbilder, sind sie indigen deutsch und damit AfD-kompatibel bzw. „kontaktschuldfähig“, dann wird ihre Identität gnadenlos ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt.

Und mehr noch: Man hat hierzulande das Kunststück zur Vollendung gebracht, die statistische Wucht des zweiten, muslimischen Antisemitismus auszunutzen, um damit dem Feindbild des nazistisch-völkischen, rechten Judenhasses eine Scheindimension beizumessen, die dieser längst nicht hat. Kaltschnäuzig macht sich der Linksstaat hierbei sogar die – naturgemäß immer spärlicher werdenden- Holocaust-Überlebenden und jüdischen Zentralratsfunktionäre politisch zunutze, deren Wahrnehmung von Antisemitismus in Deutschland aus persönlichen familiären Erfahrungen und biographischen Gründen selbstverständlich zeitlebens vom Nationalsozialismus geprägt ist, und instrumentalisiert sie im „Kampf gegen Rechts“, bei gleichzeitiger Ablenkung von weit drängenderen Gefahren.

Eine andere Lebenswirklichkeit

Doch mit der Lebenswirklichkeit 76 Jahre nach Kriegsende hat dies nichts mehr zu tun. Wer heute mit Juden spricht, mit wem sie die häufigsten antisemitischen Erfahrungen machen, berichten hinter vorgehaltener Hand fast alle, dass es sich fast immer um arabischstämmige, auch türkische muslimische Täter handelt; mit klischeehaften deutschen „Nazis“ hatten – jedenfalls die jüdische Mitbürger jüngeren und mittleren Alters – kaum bis gar nicht zu tun. Eltern raten ihren Kindern, Anhänger mit Davidstern, Menora oder anderen Symbolen gar nicht erst offen zu tragen (um solchen Situationen wie die von Ofarim im Leipzig vorzubeugen).

Ob es Jugendliche mit Migrationshintergrund sind, die an deutschen Schulen wie selbstverständlich „Du Jude“ als Schimpfwort gebrauchen, Angriffe im öffentlichen Raum auf Kippaträger oder Spuck-Attacken und Vandalismus gegen israelische Staatssymbole: Diese unliebsame Wirklichkeit wird, wie so viele weitere rosa Elefanten, von der deutschen Politik ausgeblendet und findet nicht statt. Jüdische Stimmen, die auf das Problem hinweisen, werden – wie etwa der Publizist Rafael Korenzecher als Herausgeber der „Jüdischen Rundschau“ – ihrerseits angefeindet, wenn sie etwa mit Bezug auf Angela Merkels Flüchtlings-Schleusenöffnung schreiben: „Ihre selbstmörderische Einwanderungspolitik der offenen Grenzen und Ihr Import von Massen gewalttätiger islamischer Judenhasser und Feinde unseres säkularen demokratischen Systems hat die Stabilität unserer Demokratie und die Sicherheit der Menschen in diesem Land zerstört – vor allem die Sicherheit der jüdischen Gemeinschaft.

Und so wird jetzt auch nach dem Vorfall in Leipzig wieder so getan, als seien da unbekannte Außerirdische im „The Westin“ zugange gewesen, anonyme und gesichtslose Antisemiten. Die Standardreaktion: erstmal abstrakt „Solidarität zeigen“, bloß keine dummen Fragen stellen. Dabei wären die hier essentiell; zum Beispiel: Was waren die Beteiligten denn für Landsleute bzw. wie sahen sie aus und sprachen sie – vor allem der Rufer in der Warteschlange, der Ofarim zum Abnehmen der Davidsternkette aufforderte, woraufhin sich der Hotelangestellte Herr W. beeilte, sich dieser Forderung sogleich servil anzuschließen? War es eine dunkeldeutsche Glatze mit Springerstiefeln? Ein strenggescheitelter gegelter Identitärer? Ein alter weißer Mann, womöglich ein Gauland-Vogelschiß-Höcke-Schande-Geschichtsrevisionist? Oder ein Connewitz-Antifaler des Schwarzen Blocks?

Na was wohl: Muslimischer Wutbürger oder Ost-Glatze?

Oder könnte es nicht vielleicht doch sein, dass es sich um einen muslimischen Wutbürger handelte, der Ofarims „Provokation“ durch Tragen eines jüdischen religiösen Symbols nicht hinnehmen wollte? Paradoxerweise ist es eben das dröhnende Schweigen von Behörden, Medien, Augenzeugen und Ofarim selbst, das letztere Vermutung am plausibelsten erscheinen lässt. Denn wäre es ein Täter der anderen möglichen Gruppen gewesen, dann wäre DAS die eigentliche Meldung. Es ist wie mit den Angaben zum Täterhintergrund in Polizeiberichten: Fehlt der Hinweis auf die Nationalität oder Abstammung des Tatverdächtigen, so kann man fast todsicher davon ausgehen, dass es sich um einen Migranten handelt.

Denn andernfalls würde gerade der Umstand, dass hier ein Deutscher auffällig wurde, zur Weltbildsatisfaktion und triumphierenden Vorurteilswiderlegung überbetont werden. RTL versuchte übrigens, als Gipfel der Dreistigkeit, die Tat für einen kruden Brückenschlag zu nutzen – und ließ eine gewisse Anna Staroselski, als „jüdische Studentin“ vorgestellt, ihre Angst artikulieren, der Leipziger Vorgang habe sie „an die Querdenker“ erinnert.

Die ganze Betroffenheitsheuchelei jedenfalls gerade vieler Linker, die sich jetzt wieder mal für Antisemitismus schämen und die ansonsten für Israelhass gänzlich blind sind (wie der Fall Nemi El-Hassan beim WDR gerade wieder eindrucksvoll zeigte), ist gänzlich wertlos, wenn sie nicht bereit sind, Ross UND Reiter zu nennen. Judenhass, diese elendige Geißel der Zivilisation, ist in all seinen Erscheinungsformen verachtenswert – und deshalb müssen diese auch unterschiedlos bekämpft werden.

Unaufrichtig und unredlich

Alles andere wäre unredlich und unehrlich. „Ich finde es spricht Bände, wie ganz Deutschland den widerlichen antisemitischen Vorfall von Gil Ofarim in Leipzig zu Recht verurteilt, aber die allermeisten, die jetzt angeblich empört sind, zum Vorfall in Hamburg, als ein Jude von einem Syrer ins Krankenhaus geboxt wurde, geschwiegen haben„, schreibt der Politologe Arye Sharuz Shalicar auf Twitter.

Wir wissen nicht, was genau da vorgestern in Leipzig passiert ist; inzwischen hat der „beurlaubte“ Rezeptionist W. gegen Gil Ofarim Strafanzeige wegen Verleumdung und Bedrohung gestellt, er bestreitet den Vorwurf rundheraus. Es mag ja sein, dass er, der laut Schilderung des Sängers ja erst in Reaktion auf den Zuruf aus der Warteschlange die Aufforderung (zum Abnehmen der Kette) wiederholt hatte, Ofarim vor möglichen Anfeindungen schützen wollte; oder er wollte sich nicht selbst zur Zielscheibe machen. Dass Ofarim den Fall jedoch erfunden hat, ist schwer zu glauben: Sein Videoselfie entstand erkennbar spontan, im Affekt, gleich nach dem Zwischenfall vor dem Hotel entstand. Dass Zweifel an Ofarim auf fruchtbaren Boden fallen, ist wiederum höchst problematisch; wie ist das denn bei Rassismusvorwürfen von Schwarzen, wenn die Beschuldigten diese rundheraus bestreiten? Wem wird da geglaubt??

Doch was am Ende auch immer ans Licht kommt und ob es sich vielleicht um ein typisches non liquet handeln wird, einen letztlich nicht aufzuklärender Sachverhalt: Als Lehrstück dafür, wie verlogen und auch infantil in Deutschland mit diesem todernsten Problem umgegangen wird, taugt er allemal.

Buntland, verlogen und infantil

Dazu gehört vor allem auch das Verhalten des zur Marriot-Kette gehörenden „The Westin„: Dessen Management entschied sich, anstelle einer auch nur einer Entschuldigung bei Ofarim, zu allererst für eine Aktion, auf die man sich in Deutschland bestens versteht: Plumpes Virtue Signalling – am besten durch eine Lichter- bzw. Menschenkette. Man habe versucht, beklagt Roger Letsch auf Facebook, „die Kumbaya-Karte zu spielen„, indem man mit hastig ausgedruckten Israelflaggen vor der Tür posierte. Dass Ofarim kein Emblem Israels, sondern den Davidstern um den Hals getragen hatte, schien da nicht zu interessieren. Letsch: „Es mag dem Management des Westin neu sein, doch nicht jeder Jude ist auch Israeli – wie übrigens auch nicht jeder Israeli Jude ist.“ Solche Feinheiten sind wohl eher nachrangig, wenn es darum geht, zwecks Schadensminderung „Haltung“ zu zeigen. Allerdings deutet diese Gleichsetzung durchaus darauf hin, dass hier ein israelfeindliches Motiv vorgelegen haben könnte, weil das auslösende Vorurteil dann auch in der „Wiedergutmachung“ wiederaufgegriffen worden wäre.

Noch aufschlussreicher – und verräterischer? – sind jedoch die zwischen die Israelflaggen platzierten türkischen Halbmonde. Wollte man hier die türkischen Hotelgäste aus der Schusslinie bringen? Nochmals Roger Letsch: „Ich frage mich, was in dem konkreten Fall der islamische Halbmond im Bild zu suchen hat, denn der wurde doch gar nicht beleidigt. Wäre es anders, stünden die Fackelträger der wunderbunten Willkommenskultur längst vor ZDF-Kameras und den qualmenden Ruinen des Hotels. Woher die Angst, im Versuch einer Entschuldigung jemanden zu vergessen, der mit der Angelegenheit offensichtlich nichts zu tun hat und warum hat man die Symbole der Christen, Hindus, Zoroastrier, Bahai und Buddhisten dann offenbar doch vergessen…?„.

Auch wenn die größte Sorge der Medien (deren Kamerateams das Hotel seit gestern früh belagern), linker Multikulti-Träumer, die hier mutmaßlich einmal wieder mit den Früchten ihrer eigenen blinden Weltoffenheit konfrontiert werden, offenbar aber auch von Ofarim selbst die ist, ja niemandem auf den Schlips zu treten und das Buntland-Equilibrium samt dem Mantra „Nichts hat mit nichts irgendwas zu tun“ keinesfalls zu gefährden: Solange in Deutschland weiter zwischen Tätern und Opfern jeweils erster und zweiter Klasse unterschieden wird und selbst Mitgefühl und Entsetzen politisch korrekt ablaufen müssen, kann gesellschaftlichen Fehlentwicklungen nicht wirksam begegnet werden. Und der „Anfänge“ braucht dann auch niemand mehr zu wehren. Über diesen Punkt sind wir längst hinaus.

1 KOMMENTAR

  1. Auch wieder ein sehr guter Beitrag!
    An diesem Fall sollte die Öffentlichkeit dranbleiben. Mit großer Sicherheit ergeben sich daraus Erkenntnisse, wie es um deutschen oder eben andersartigen Antisemitismus steht! In den üblichen Medien dann gewiss eine kleine Notiz – wenn überhaupt.

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