Das gab es tatsächlich einmal: Unbetreutes Denken!

Ein Beispiel von vor nunmehr vierzig Jahren

Waffen nach Saudiarabien? Der Bundeskanzler sprach sich dafür aus. Panzerlieferungen sollten es sein, aber die Frage kam auf, ob die nicht womöglich die Sicherheit des Staates Israel gefährden könnten. Helmut Schmidt hielt dies für unwahrscheinlich, das Königreich mochte also seiner Meinung nach das gewünschte Gerät bekommen. Das war im Jahre 1981. Eine neunte Klasse saß in einem Gymnasium irgendwo in Nordwestdeutschland über einem Deutschaufsatz. Das Interview mit dem Kanzler wurde per Kassettenrekorder eingespielt, und wir sollten uns schriftlich und zeugnisnotenrelevant dazu äußern.

Einige Tage später erhielten wir unsere umfangreich korrigierten Arbeiten vom Lehrer zurück. Der entschuldigte sich ja immer bei uns, wenn er es nicht gleich zur nächsten Deutschstunde geschafft hatte, alles durchgesehen und benotet zu haben. Er war neugierig genug, sofort nachzugucken, wer was gemeint und argumentativ begründet habe. So auch diesmal: Sein Lesepensum bot wieder Anlass zur Bewunderung – und sein Auffassungsvermögen hatte ihn nicht im Stich gelassen. Es gab zwei Einsen. Die so ausgezeichneten Jungs hatten aber mitnichten ähnliche Ansichten zu Papier gebracht. Gelinde gesagt, sie waren zu völlig unterschiedlichen Standpunkten gelangt.

Während der eine pragmatisch das Öl, den Westen an sich mit seinen arabischen Verbündeten und die Möglichkeit, dadurch auch Israel zu schützen, ins Feld der Argumentation brachte, sah der andere, bergpredigtbesoffen, allein den Vers aus Matthäus Kapitel 5 Vers 9 als den Stein der Weisen an. Ich habe danach übrigens nie wieder derart bekennend-biblisch geredet oder geschrieben.

Das starke und überzeugende Wort

Und trotzdem: Unserem Deutschlehrer, noch im letzten Kriegsjahr als Soldat eingesetzt und sogar kurzzeitig in französische Gefangenschaft geraten, galt das starke und überzeugende Wort an sich mehr als die inhaltliche Einzelmeinung. Mein Klassenkamerad war nicht der „Nazi“, und ich war nicht der „linke Spinner“ – sondern wir wurden von diesem Lehrer als besonders sprachfähige, differenziert denkende und redlich argumentierende junge Menschen wahrgenommen.

Mein Deutschlehrer ist vor neun Jahren gestorben. Bei meinem letzten Besuch zeigte er sich ganz angetan von neuerlicher Lektüre ausgerechnet der „Betrachtungen eines Unpolitischen“ seines Lieblingsschriftstellers Thomas Mann. Dabei hätten wir ihn immer eher mit Herrn Settembrini aus dem „Zauberberg“ vergleichen wollen. Aber sein Humanismus war eben weiter als das, was uns heutzutage als „alternativlos“ angedient wird. Auch ein Naphta (Gegenpart des weltläufigen heiteren Italieners in dem epochalen Roman) muss seine Rolle spielen dürfen – und sei es, um sich selbst zu läutern. Hans Castorp, Tonio Kröger, Hanno Buddenbrook… sie haben eigentlich keine festgezurrte Meinung; sie sehen, gleich dem reinen Tor Parsifal, auf das Reinmenschliche.

Vor sechs Jahren dann starb völlig unerwartet im siebenundneunzigsten Lebensjahr jener Weltpolitiker, der nie gleichgeschaltete Meinungen mochte, der sich über Rechtschreibreformen und Rauchverbote hinwegsetzte, der seiner evangelischen Kirche nur noch deshalb die Treue hielt, weil sie Künstler wie Johann Sebastian Bach und Bischöfe wie Eduard Lohse hervorgebracht hatte. Helmut Schmidts Todestag war jener 10. November, der zugleich der 256. Geburtstag des geschichtskundigen Dichters Friedrich Schiller war. Und ich würde mich gerne täuschen, wenn es nicht stimmte, dass seit sechs Jahren die Welt noch einmal kälter, gleichgültiger, ungebildeter und zugleich erregbarer geworden ist.

Gedankenfreiheit wider die Eindimensionalität

Wo ist die hohe Kunst des Argumentierens hin? Ich habe sie stets gern gepflegt – solange es noch formidable Mitstreiterinnen und Mitstreiter gab! – und ihre Notwendigkeit darin begründet gesehen, entgegen allen hartherzigen Eindimensionalitäten sowohl von „Rechts“ als auch von „Links“ die urwüchsig-dramatische Schillersche Gedankenfreiheit hochzuhalten. Deren guter Gebrauch schließt nämlich die Fähigkeit ein, sich jederzeit in die Position des Gegenübers einzufinden.

Ohne solchen Diskurs aber bricht sich eine Regulierungswut Bahn, deren Gehabe rasch diktatorisch und zuletzt tyrannisch wird. An diesem Punkt regt sich also erstaunlich unerschütterlich mein „westliches“ Herz: in einer bundesdeutsch-grundgesetzlich geprägten Vorstellung von Meinungsfreiheit, die ich mir unbedingt erhalten wissen will für unsere in dieser Hinsicht durchaus gefährdete Gesellschaft.

Dies bin ich nicht dem heutigen saudiarabischen König schuldig (denn der fragt nicht danach!), auch nicht anderen Herrschern nah und fern, deren Weisheit derzeit zu wünschen übrig lässt; durchaus aber meinem verehrten Deutschlehrer, der weder für noch gegen Schmidts Panzerlieferungen agitierte, sondern vielmehr unserer schönen deutschen Sprache das gelehrte und wunderbar überlegene Wort redete.

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12 Kommentare

  1. Eines Tages wird man sich wieder fragen: Wie konnte das geschehen?

    Und dann wird wieder niemand dabei gewesen sein.

    • Es ist die Aufgabe derer, die Denken können und sehen was hier passiert, die Aussagen derjenigen zu archivieren und festzuhalten, die sich wieder mal zum Erhalt ihrer eigenen Gemütlichkeit in den Dienst der Tyrannen stellen.
      Ein Tribunal wie 1945 – 1949 kann nicht wie damals auf die Führer und Ausführenden beschränkt bleiben, die Schweiger und Mittläufer gehört genau so der Prozess gemacht.

      Archive everything. archive.is

  2. Die hohe Kunst des Argumentierens vermisst man ja eigentlich nur beim Gegenüber, wenn er herrschende Narrative verteidigen will oder muss. Jeder Versuch, Absurditäten zu rechtfertigen, muss scheitern. Was bleibt dem Argumentationslosen am Ende übrig, als den vermeintlichen Gegner persönlich anzugreifen und wenn möglich, der Regulierungswut Bahn zu brechen?

  3. Wir haben in der Schulzeit der 80er Jahre in Deutsch Erörterungen geschrieben. Zu einem beliebigen Thema sollten Argumente gefunden werden, die sowohl dafür als auch dagegen sprechen. These – Antithese – Synthese. Der Dreisatz der Erörterung. Am Ende stand mit der Synthese ein Abwägen der Argumente und gegebenenfalls ein Kompromiss oder sogar das Beste aus beiden.

    Solche Aufsatzformen gibt es nicht mehr in der Schule. Die Themen sind nicht mehr beliebig, sondern zeigen die Einmischung des Staates in die Gedankenwelt der Kinder: Migration, Klima, Diversity, usw. Und natürlich werden auch nur noch Pro-Argumente geduldet. „Warum ist Migration gut für ein Land?“ oder „Finde Gründe, warum der menschengemachte Klimawandel bekämpft werden muss.“ Eine gegenteilige Meinung zu haben, ist schon durch die Aufgabenstellung nicht mehr möglich.

  4. Mir braucht niemand mehr von den Gutmenschen (nicht zu verwechseln mit guten Menschen) zu kommen und fragen, wie konnte das damals 1933 nur geschehen? Ganz einfach, unsere Urgroßeltern waren genau so leicht zu beeinflussen wie Ihr! Nur Ihr hab heute nicht mehr die Ausrede, dass ihr euch nicht woanders informieren konntet!

    • Das Argument mit der Ausrede ist richtig gut.

      1933 gab es nur den Volksempfänger, auch Goebbels-Schnauze genannt. Heute gibt es vielfältige Angebote im Internet. So könnten die Menschen sich selbst ein Bild machen und brauchen dazu keinen Öffentlich Rechtlichen Rundfunk, der überflüssig wie eine Warze am Allerwertesten ist.

    • Beim realen Machtputsch am 4.3.1933 hatte die NSDAP trotz Regimeterrors seit dem 30.1.33, Hitlers Berufung zum Kanzler ohne Parlamentsmehrheit, trotz Annullierung aller Bürgerrechte (gültig so bis 1945!) in der Notverordnung vom Februar33 mit extremer Repression gegen die nicht-braunen Parteien nicht die absolute Mehrheit 50%+, sondern nur 44%, und das Legalismus-Getue zum Ermächtigungsgesetz, dem die verbliebenen Parteien außer der SPD unter dem Druck, die SA vor und im Reichstags-Gebäude, zustimmten, war lügenhaft wie vieles der NS-Propaganda bis 1945, denn die 2/3-Mehrheit kam nur zustande, weil vorher die Sitze der KPD, gewählt um 14%, die schon unter Verfolgung stand, annulliert, illegalisiert worden waren. Von wegen „Ein Reich, ein Volk, ein Führer“, das wurde nie bewiesen in freien Wahlen. Allerdings stimmte 1934 bei noch 5 Millionen Gegenstimmen bei der ersten (mit mehreren Fragen, Punkten überfrachteten!) Volksbefragung die Mehrheit mit JA für Hitlers Politik und Inthronisierung zum Führer (Ämter von Kanzler und Präsident vereinigt ), was aber ledigich aktuelle Stimmungslage war, aber kein Freibrief für Ewig-Diktatur, Morde und Krieg!

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