Der Iran wäre nichts dagegen: Die Taliban als Atommacht?

Atomkrieg (Symbolbild:Foto:Razvan Ionut/Dragomirescu)

Realitätsblindheit und -verweigerung begleiten das westliche Afghanistan-Engagement seit den ersten Tagen des „War on Terror“, doch wie fahrlässig derzeit im Umgang mit den Taliban gehandelt wird, macht selbst außen- und sicherheitspolitische Optimisten sprachlos. Und damit sind nicht die üblichen Kirchentagssuaden naiver linksgrüner Träumer und Polit-Amateure gemeint, von Margot Käßmann, die Dschihad-Zottel am liebsten aus Feindesliebe umarmen würden, bis zu Annalena Baerbock, die mit den Taliban, anders als übrigens mit der AfD, unbedingt „reden“ möchte. Sondern es geht um die routinierte Sorglosigkeit, mit der die Re-Usurpatoren Afghanistans von uns als neue Herren akzeptiert werden – als hätte man nicht 20 Jahre unter immensem Blutzoll gegen ihre Rückkehr gekämpft und damit auch gegen die Restauration desselben Gottesstaates, von dessen Terrain aus Osama bin Laden vor 20 Jahren einen Wellenband entfesselte.

Da schwärmen manche Feuilletonisten von den trendig-stylishen Taliban, so dass es nicht wundernähme, wenn wir auf den Laufstegen der Haute-Couture und auf den Kanälen namhafter Influenzier deren „Mode“ bald schon zitiert wiederfänden. Hier werden Erinnerungen wach an die kindische Begeisterung für den Look des Ex-Präsidenten Hamid Karzai, dessen Stil aus Karakuli, Stammes-Chapan und feingewebten Langhemden westliche Designer schwärmerisch huldigten (so auch Wolfgang Joop im Jahr 2004).

Die Mär von den geläuterten Taliban

Andere Kommentatoren äußern sich fasziniert, wie sich die militanten Koranschüler in den letzten 20 Jahren doch „weiterentwickelt“ hätten, sie würden nun doch viel „gemäßigter“ auftreten (vermutlich ließen sie sich von den wohlinszenierten Pressekonferenzen nach der Kabuler Machtübernahme blenden, für die die Taliban-Pressesprecher reichlich Kreide vertilgt haben mussten). Und manche Kulturversteher und Politikexperten geben zu bedenken, die Taliban seien, anders als zur Jahrtausendwende, heute schon deshalb „dialogbereit“, weil sie ohne Handelsbeziehungen nicht „überleben“ könnten.

Und manche Journalisten sind gar aus dem Häuschen, weil Taliban-Kommandanten in Kabul doch tatsächlich in Aussicht stellten, Frauen dürften nun doch wieder arbeiten gehen – sofern es im Einklang mit der Scharia stehe (dass in Masar-e Sharif und Herat Mädchen ab 12 Jahren zwecks Zwangsverheiratung mit Talibankriegern aus ihren Elternhäusern gezerrt wurden und vielerorts Massaker an Andersgläubigen verübt werden, wird da gerne übersehen).

Was aus solch vordergründigen, teilweise auch in deutschen Medien zirkulierenden Einschätzungen wirklich spricht, ist eine unerträgliche Einfalt und Borniertheit, die sich allen gegenteiligen Erfahrungen der jüngeren Geschichte im Umgang mit radikalen Fundamentalisten, mit Diktatoren und insbesondere islamistischen Machthabern konsequent verschließt. Sie atmet den Irrglauben, durch Sanktionen oder die Devise „Wandel durch Handel“ ließen sich politische Veränderungen herbeiführen, und perpetuieren das linke Missverständnis, die eigenen Vorstellungen von Konfliktbewältigung und Kompromissbereitschaft wären auf archaische Kulturkreise übertragbar. Ganz so, als sei der in einer jahrhundertelangen, leidvollen und blutigen Geschichte vom christlichen Abendland mühsam errungene, aufgeklärte Zivilisationsgrad ein Naturzustand.

Närrische Fehlschlüsse zur Dialogbereitschaft

Und deshalb überhören sie jetzt auch stur die warnenden Stimmen der bodenständigen Insider und politischen Profis, die sich nicht von närrischen Traumbildern, sondern von gesundem Misstrauen leiten lassen – und die eben darum angefeindet und gehasst werden. So etwa Donald Trumps früherer Sicherheitsberater John Bolton, der durch die Machtübernahme der Taliban „unkalkulierbare nukleare Risiken“ befürchtet. Was der Ex-Stratege hier äußert, ist allerdings keine Paranoia, sondern fusst auf fundierten NATO-Geheimdienstinformationen, die unter anderem in der Atommacht Pakistan gewonnen wurden, wo die Taliban einst ihren Aufstieg begannen: Und diesen zufolge sind die Islamisten seit vielen Jahren an Atomwaffen interessiert. Zwar sind sie noch weit davon entfernt; doch Bolton sieht eine Gefahr „nicht morgen oder in 30 Tagen, aber mittelfristig“.

Wer sich allerdings den unfassbar verantwortungslosen und schier kriminell leichtsinnigen Umgang von US-Präsident Barack Obama und seines damaligen Vize Joe Bidens mit dem Iran und seinen nuklearen Ambitionen vor Augen führt, dem muss klar sein, dass der Westen solcherlei Begehrlichkeiten auch bei den Taliban nichts entgegensetzen wird. Er wird es nicht einmal versuchen. Denn in der „freien Welt“ reagieren keine Realisten mehr – ob diese nun „Falken“ oder „säbelrasselnde Hardliner“ geschimpft werden – sondern Tontauben. In Europa ohnehin, und in Washington (nach dem kurzen Trump-Intermezzo, das nicht zuletzt deshalb von den Linken als reaktionärer Betriebsunfall der Geschichte verpönt wird) spätestens Januar dieses Jahres wieder. Im Umgang mit militanten Theokratien und Sprenggläubigen gilt das Gegenteil der 2000 Jahre alten römischen Weisheit: si vis pacem para bellum; zu Deutsch: willst du den Frieden, dann sei bereit zum Krieg.

Biden ist nicht einmal 250 Tage im Amt, und schon hat er mit dem kopflosen und dilettantischen Afghanistan-Abzug eine ganze Weltregion ins Chaos gestürzt, unter tatkräftiger Mithilfe seiner Verbündeten einschließlich Deutschland. Welche weitere Überraschungen seine Präsidentschaft unter diesem neuartigen, prädementen Führungsstil bereithalten wird, mag man sich nicht ausdenken. Wer sich auf diesen Präsident verlässt, der ist verlassen – spätestens wenn es darum gehen wird, neben einer iranischen Atomrüstung auch noch ein afghanisches Nukleararsenal zu verhindern.