Sonntag, 3. März 2024
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Ein bisschen Haushalt oder: Geizkonsum am Limit

Ein bisschen Haushalt oder: Geizkonsum am Limit

Beweisbild: Vasenbruch, geplatzte Tube und Gurken-Biotop (Foto:privat)

Freitags: Im Discounter des Missvertrauens lasse ich die Pfirsiche für 3,99 Euro stehen. Ich weiß inzwischen, dass in jeder Kiste diskret faulende Steinöbstlinge eingeordnet sind. Immer ganz unten. Immer zwei. Man könnte es sehen, wenn man die Verpackungseinheit entschlossen in die Höhe stemmte und die zwangsläufigen, der Pedanterie geltenden Blicke der um Contenance bemühten Kundschaft ignorierte. Vermutlich wissen es auch die Filialleiter, die immer alles Beanstandete schnell und routiniert umtauschen. Lidl lohnt sich zwar nicht mehr – aber es schämt sich auch nicht, so wie der Professor zwei Häuser weiter, der neuerdings geduckt als Billigheimer durch die Regalflure huscht und versucht, seinem Hausmeister zu entkommen, der die TK-Schränke nach Fertigpizzen im Angebot durchforstet.

Neu ist, dass die Verdienstoptimierung der Versorger jetzt auch die sauren Gurken im Glas erfasst hat: Das untere halbe Gefäss besteht jetzt des Öfteren aus nachhaltig zerfetzten Gemüseresten mit ganz vielen Senfkörnern und Gewürzen, die aussehen wie tote frühgeborene Seepferdchen. Meine sorgfältig antrainierte Weltläufigkeit lässt auch hier nur einen kurzen Moment der Empörung zu. Für schmale Taler ist in aller Regel eben keine knackige Biomasse zu erwarten. Das kann man sich merken, gilt immer. Was soll man machen? Schließlich weiß man ja, wo man sich befindet: Am unteren Ende der Ernährungspyramide nämlich. Dort, wo die Nutriscore-Aangaben dunkelrot leuchten wie weiland die Wetterkarten und wo der Kaffee schmeckt wie Glasreiniger.

Schnelles Ende in der Spülmaschine

Bei Depot habe ich vorige Woche eine Glasvase erworben. Sie hat, bevor ihr der Schonwaschgang in der Spülmaschine ein schnelles Ende bereitete, immerhin den kurzzeitig darin beherbergten Blumenstrauß überlebt, der bereits am zweiten Tag sämtliche Blätter verloren hatte. Ähnlich erging es dem irgendwie nach Fäkalien duftenden Basilikumtopf: Der hatte nach drei Tagen seine Optik der Sensorik angepasst und wanderte ebenso in die Kreislaufwirtschaft wie die Substanz, die, eigentlich als Biogurke erworben, nach vier Tagen im Kühlschrank zum Festessen für Kleinstlebewesen wurde.

Die Entsorgung in einem hauchzarten, frisch gezupften Müllbeutel misslang, doch immerhin hielt der nagelneue Amazon-Wischmob. Das wird in der Rezension sicher lobend hervorgehoben, obwohl das Konstrukt über zentralasiatische Spaltmaße nicht hinauskommt und bereits bedenklich wackelt.

Durchfall im Durchfallfall

Meine neue Zahncremetube ist, wie ich soeben entdeckte, im Badschrank noch vor der ersten Inanspruchnahme der Länge nach aufgeplatzt wie ein vergessener Schafskäse auf der Fensterbank. Das werde ich mit einem nachhaltigen Reparaturpflaster noch beheben können. Beim Klopapier wird mir dies jedoch wenig helfen: Hier muss ich den Hinweis auf dem Beipackzettel übersehen haben, der vor der Berührung mit Feuchtigkeit warnt. Der Hygieneartikel fällt also durch – im Durchfallfall sowieso. Nein, beschweren will ich mich auch hier nicht; wer als Geizhals das Dreilagige mit Goldbordüre von Dolce & Gabbana für 29,99 Euro sozusagen umschifft, ist selber schuld.

Im Sondermüll landeten diesen Monat noch ein Akkusauger, der weder saugen noch laden mochte; ein explosiver Hochdruckreiniger, dessen Schlauchanschluss nicht mehr wie noch beim Vorgängermodell aus Metall, sondern aus Plastik gefertigt war; ein Regiestuhl, dessen Bespannung die feuchte Gartenluft nicht ertrug; ein geschenktes Portemonnaie, dessen Reißverschluss sich hartnäckig im geschlossenen Zustand verhakte; ein paar H&M-Basics, deren Nähte offenbar von übernächtigten laotischen Großfamilien bei Stromausfall in der Küche mit biologisch abbaubarem Zwirn gefertigt wurden, sowie die vier Tage alte, vom Töchterlein gerade zum Liebling der Saison erkorene Sonnenbrille, deren rechter Bügel sich beim Absetzen mit einem trockenem Knacks verabschiedete. Mit dieser obsoleszenten Bilanz verabschiede ich mich nun ins haushalterische Wochenende. Viel Glück beim Einkauf!

12 Antworten

  1. Solche Erfahrungen macht man immer wieder mal. Aber so konzentriert? Kann ich nicht nachvollziehen.

    Apropos “zentralasiatische Spaltmaße”: Sind wir an dieser Arroganz nicht längst gescheitert?

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  2. In Afrika sollen jede Menge alte Mercedes 200 D, Golf II, BMW E46, alte Toyota Corollas fahren.
    Es ging auch mal anders. Warum haben wir diese robusten Fahrzeuge aufgegeben für völlig überteuerten Dreck mit viel Digitalschnickschnack, der uns nun auch noch überwacht?
    Mein Yamaha CD-Player tut seit 30 Jahren seinen Dienst.
    Ich hätte vielleicht doch meinen 20 Jahre alten Neff-Geschirrspüler mit Schaltwerk reparieren lassen sollen, anstatt einen neuen von Siemens mit Platine zu erwerben, die nach 10 Jahren kaputt gegangen ist und somit einen Totalschaden verursacht hat.
    Also: Lieber zweimal nachdenken bevor man alte Geräte wegwirft.
    Ich weiß, nicht jeder hat die Zeit dafür: Aber man kann gerade jetzt jede Menge hervorragendes Fallobst oder auch Obst direkt vom Baum bekommen, um das sich keiner kümmert. Früher war es auch ganz normal, Obst und Gemüse selbst einzukochen. Sollte man sich wieder drauf besinnen.

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    1. @ anstatt einen neuen von Siemens mit Platine zu erwerben, die nach 10 Jahren kaputt gegangen ist

      10 Jahre? Da hattest du aber was richtig langlebiges!

    2. youtube kimchi suchen
      Diesen Winter wirds ernst mit Habecks Strom-Sperenzchen. Mal sehen, wie hoch dieVerluste sind, wenn nach 1-3 Tagen alles, was noch im Kühlschrank war, verdorben ist.

  3. So ist es. Wir werden mit Lumpen bekleidet und mit Abfällen gefüttert. Auf einer kanarischen Insel habe ich erfahren, wie Tiefkühlfisch verarbeitet werden muss. Er wird auf See in einem Eisblock sofort eingefroren, mit einem Etikett versehen, auf dem Fangdatum und Haltbarkeitsdatum angegeben sind, und gelangt so in den Handel. Zuhause aufgetaut muss er nicht mal gewürzt werden, weil er wunderbar nach Meer schmeckt. Bei uns gibt es in den Supermärkten jahrealte gefrorenen Fischabfälle, die nicht nach Fisch, sondern nach Tran schmecken. Das Fleisch ist nicht besser. Außerdem gibt es in dem reichhaltigen Angebot zwanzig Sorten Saftschinken, der seinen Namen verdient. Er besteht aus 20g Eiweiß und 5g Fett. Ich erkundigte mich mal, warum das keine Suppe ist, und erfuhr, dass das mit Pektin erreicht wird. Eine Pizza kann man damit nicht belegen, weil er unter Hitze fast verschwindet, und er muss auch nach Öffnung der tatsächlich hochwertigen und stabilen Verpackung sofort gegessen werden, weil er sich sonst in welke Blätter verwandelt. Für alle anderen Würste gilt, dass sie zu 2/3 aus Fett bestehen. Ich fragte mal einen Supermarktmitarbeiter, ob das noch Wurst ist. “Nicht wirklich” antwortete er. Vor zehn Jahren gab es noch ein ausreichendes Angebot an fettarmen Lebensmitteln, aber inzwischen haben selbst Kekse an die 40g Fett. Damals setzten sich die Pharmabosse zusammen, weil sie bezüglich Lipid- und Cholesterinsenkern und Antidiabetika einen Absatzeinbruch befürchteten. Prompt wurden die Lebensmittel verschlechtert und immer mehr Konsumenten sind nur fetter als Schweine.

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  4. lieber Author, freuen Sie sich auf [plötzlich und unerwartet] wiederaufflammende gute Nachbarschaft mit denen man Einkaufserfolge [~neuerdings~wieder~] austauscht; man war ganz begeistert als wir von einem 1€ Laden erzählten bei dem [sofort gekaufter] Besen und Stiel nicht durch “asiatisches” Plastikgewinde sondern durch Aluschraube miteinander verbunden wurden, etc, etc, …

  5. 👍 und..
    das erwähnte “Portemonnaie, dessen Reißverschluss sich hartnäckig im geschlossenen Zustand verhakte”..

    ist ein Teil des innovativen Bürger-entlastungs-pakets.

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  6. Nicht zu vergessen das faulige Geschäft mit den inzwischen unbezahlbaren Zwiebeln, von denen jede Zweite schon im Netz am kompostieren ist, die Dreierpackung Knoblauchzehen von denen mindestens ein immer komplett verschimmelt ist, diverse Tiefkühlprodukte, die gerne mit Paniermehl aufgefüllt werden, um auf das angegebene Gewicht zu kommen – und natürlich die Bananen, die in ihrem eigenen Saft im Karton vor sich hinschimmeln und faulen. Ja, ja, Geiz ist geil – das haben wir nun davon!
    Das Schlimme daran: Man kann auch abseits von Schwarz-Gruppe und Albrecht-Discounter das Doppelte und Dreifache bezahlen – und bekommt genau den selben Müll und Ausschuss serviert – nur dass dann auf der Packung ein hübsches Logo prangt, dass wir z.B. aus der Fernsehwerbung kennen. Der ‘Mehrwert’ erschöpft sich dann auch genau in den Kosten, den diese Werbung verursacht – nicht etwa in einer wie auch immer gearteten besseren Qualität. Die wirklich guten und hochwertigen Waren sind ausschließlich denen vorbehalten, die sich diese noch leisten können. Der Rest muss mit ‘Qualitäten’ vorlieb nehmen, die nicht einmal für Tiernahrung ausreichend wären (kein Scherz! Für Tiernahrung gelten zum Teil höhere Anforderungen an Hygiene und Inhaltsstoffe als für ‘Menschennahrung’!).

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    1. @ und natürlich die Bananen, die in ihrem eigenen Saft im Karton vor sich hinschimmeln und faulen.

      Mal abgesehen davon, dass ich den Anspruch, in unserer Region Bananen als selbstverständlich anzusehen, ablehne, mal meine Erfahrung als Hobbygärtner:

      Seit Jahren habe ich in meinem Garten mehrere Gemüse. Eigentlich immer dabei sind Tomaten, Paprika und Gurken.
      Und gerade bei diesen drei heimischen Pflanzen stelle ich immer wieder fest, dass sie nach der Ernte eine kürzere Haltbarkeit haben, als ihre Artgenossen vom Discounter.
      Wobei Erntedatum vs. Kaufdatum, dem Discounter sogar noch ein Vorteil eingeräumt wird.

      Also, wo ist das Problem?

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  7. In einem Satz: Die Qualität der Waren hat stark nachgelassen. Das haben wir auch schon erlebt. Zahnpasta, die aus der Tube fließt, Kochkäse, der sich vom Brot auf das Brett verteilt (halbwegs symmetrisch), Klopapier, das beim Abwischen für Fingerkontakt mit dem Anus sorgt, Bananen, die ohne Zwischenstufe von grün nach braun übergehen (keine Andeutung bezüglich einer Partei) … man könnte noch viele Beispiele aufzählen. Deutschland wie es leibt und lebt.

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    1. @ Klopapier, das beim Abwischen für Fingerkontakt mit dem Anus sorgt

      Wer billig wischt, wischt zweimal (oder so ähnlich)
      Legst es halt doppelt, oder dreifach. Und dann Dreisatz für den nächsten Einkauf. So schwer ist das doch wohl nicht.

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  8. Zimtsterne aus dem Reformhaus: 42 Gramm Zucker pro 100 Gramm. Der Schrecken von guten Ärzten und Ernährungsberatern. In Keksen aus dem Billigmarkt sind nur 16 Gramm Zucker drin.