Hegel und Högel – zur Dialektik des Helfers

„Todesengel“ Niels Högel (l.): 85 Morde, aber differenzierte Betrachtung tut not (Foto:ScreenshotYoutube)

Wenn öffentlichrechtliche Redakteure ausnahmsweise ihren Erziehungsauftrag vernachlässigen, also sachbezogen und wertungsfrei berichten, sind Erkenntnisgewinne möglich. So wurde gestern von der ARD in einer ausführlichen Dokumentation über Niels Högel berichtet. Auf das Konto des von seinen Kollegen in ambivalenter Bewunderung als „Todesengel“ bezeichneten Pflegers gehen 85 gerichtlich festgestellte Morde, zu denen mit hoher Wahrscheinlichkeit Dutzende weitere hinzugerechnet werden müssen, die (mangels vorhandener exhumierbarer Substanz) nicht mehr aufzuklären sind. Högel hatte auf Intensivstationen über Jahre Hunderten Patienten hochwirksame Medikamente in Überdosis injiziert, um sie kurz darauf vor bewundernden Blicken zu reanimieren.

Der normale Zuschauer neigt schon nach wenigen Minuten zu größtmöglicher Distanz. Da sind kaum Brücken, die irgendein Mitgefühl für den lebenslänglich Verurteilten aufkommen lassen. Högels an arglosen Opfern vorgenommen Manipulationen sind hinterhältig und grausam, seine Geltungssucht ist so abstoßend wie seine Physiognomie. Högels Häßlichkeit erscheint stimmig. Dem Bild des klassischen Mörders entspricht er dennoch nicht. Es gibt keine einschlägige Sozialisation, sein Motiv war nicht Bereicherung, nicht die Verdeckung von Straftaten oder sexuelle Befriedigung. Högel hatte Frau und Kind, führte ein normales unauffälliges Leben im Reihenhaus und ging seiner „geregelten“ Tätigkeit nach. Seine spätere Anwältin bescheinigt ihm noch in Untersuchungshaft einen durchaus sympathischen Humor. Das Böse ist auch im Fall Högel banal.

Der Drang, als Retter gefeiert zu werden

Dass trotz zahlreicher Verdachtsmomente Arbeitgeber und Staatsanwaltschaft die Mordserie fast zehn Jahre lang so klein wie möglich kochten, ist ein Fall für sich. Einer, der erwartungsgemäß keinerlei Konsequenzen für die Verantwortlichen nach sich zog. Das Besondere an den gut dokumentierten Spielen auf Leben und Tod war Högels Drang, als Retter wahrgenommen und gefeiert zu werden. Aus diesem Lebensinhalt wurde Sucht und schließlich völliger Kontrollverlust. Nicht ums Helfen und Retten im Sinne eines christlichen Werteverständnisses ging es ihm sondern um ein exzessiv betriebenes, narzisstisches Schauspiel mit vielen unschuldigen Opfern, die nicht nur Kollateralschaden sondern kalkulierter Bestandteil der Dramaturgie waren.

Nicht Gutes tun als Prozess stand im Mittelpunkt, sondern die beklatschte Illusion des Gutseins. Die Gefahr dieser Perversion wurde in den letzten Jahren oft beschrieben. Es handelt sich also keineswegs um ein Högelsches Alleinstellungsmerkmal. Zwar macht das Helfersyndrom nicht jeden zum Kriminellen, aber es füllt die innere Leere und verleiht dem Individuum eine vermeintlich übergeordnete Bedeutung. Der Altruist wird so gern zur Uniform labiler Charaktere. Der Gewaltakt des verirrten Gutmenschen ist dann vielgestaltig. Er begegnet uns als brandstiftender Feuerwehrmann, missbrauchender Priester, als behaupteter Seenotretter, als marodierender Ökoterrorist, als Nötiger in öffentlichen und im privaten Räumen. Die Taten folgen einem Muster. Es werden Notstände simuliert, Kompetenzen behauptet, Kontrolle übernommen und dann schreitet der gerüstete Moralist ohne Skrupel zum Gesetzesbruch, der ihn letztlich aus der stumpfen Masse erheben und zum Helden machen soll.

Die meisten Gewalttaten geschehen im Namen des Guten

Denkt man weiter, dann kommt man darauf, dass mit fast allen Verbrechen eine solche innere moralische Kompensation verbunden ist. Nie wird jemand behaupten, für eine schlechte Welt zu streiten. Immer gibt es mehr oder weniger rationale Selbstenthaftungen. Selbst islamistische Terroristen reklamieren höhere Ziele und göttliche Aufträge, die noch den übelsten Psychopathen in einen heiligen Krieger für Gerechtigkeit verwandeln. Und Anders Breivik hatte selbstverständlich ein Zeichen setzen wollen, das uns alle vorm Untergang bewahrt. Wir lernen – die allermeisten Gewalttaten vollziehen sich selbstverständlich im Namen des Guten.

Weil der Helfer ohne Not nicht viel wert ist, muss auch er stets der Versuchung widerstehen, das Fehlende herbeizuschaffen, zu betonen, zu verlängern. Immer öfter fehlt ihm dabei das nötige humanistische Wertegerüst. Es wird nicht mehr vermittelt. Und es zahlt sich selten aus. Und so schrumpft die ursprüngliche Distanz zu Högel zu einem einzigen faustischen Eingeständnis. Gut und Böse sind kaum noch zu trennen. Jedenfalls nicht mit individuellen Interpretationsversuchen. Wenig ist wie es auf den ersten Blick scheint. Am besten hält man sich an das demokratisch zustande gekommene Gesetz. Auch wenn man nie ganz sicher sein kann, ob seine Hüter nun gerade zu den Guten, zu den Bösen oder den Verirrten gehören.

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1 Kommentar

  1. Im nächsten Deutschland wird Jemand, der Rechtgläubige tötet, um seiner eitlen Geltungssucht zu schmeicheln, nach dem Freitagsgebet Allah überantwortet…und ich freue mich darauf !

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