Khomeinis Gift wirkt weiter

Khamenei unter dem wachen Auge von Khomeini: Der Iran hält bis heute an der Todesfatwa gegen Rushdie fest (Foto:Imago)

Das Motiv des Täters sei noch unklar, äußerte sich die Presse nach dem Attentat auf Salman Rushdie. Dem Schriftsteller wurden schwerste Verletzungen zugefügt, von denen er sich nicht mehr erholen wird. Es ist bemerkenswert, wie unwissend sich unsere Medien geben, die sonst sehr schnell bereit sind, Schuldige zu nennen, wenn es sich politisch instrumentalisieren lässt. Dabei scheuen sich im Falle Rushdie die Auftraggeber noch nicht einmal, ihre Mordaufrufe über Twitter in regelmäßigen Abständen zu erneuern – noch 2019 erklärte der iranische Staatschef Khamenei, dass die 1989 von Ayatollah Khomeini herausgegebene Fatwa nichts an ihrer Gültigkeit verloren hätte: Wegen seines Werkes „Die satanischen Verse“ darf Rushdie von jedem „Gläubigen“ getötet werden – die Regierung in Teheran will den Mord zudem fürstlich entlohnen. Das Kopfgeld liegt inzwischen bei etwa zwei Millionen Euro.

Schon 1989 fanden sich genügend „Intellektuelle”, welche die Fatwa kleinredeten: Sie sei lediglich ein Rechtsgutachten, welches es „rein theoretisch“ möglich mache, Salman Rushdie straffrei zu töten. Zu dieser Zeit tobten schon die ersten Bücherverbrennungen in der islamischen Welt. Auch wenn wohl keiner das Buch des Anstoßes gelesen hatte – alleine das Gerücht, Allah sei darin beleidigt worden, brachte die Gemüter zum Brodeln.

Täter-Opfer-Umkehr

Die Wut, die auf die Straßen getragen wurde, ließ keine Zweifel offen. Hier ging es nicht um die Theorie eines ergrauten Geistlichen, sondern um handfeste Aggressionen. Salman Rushdie musste daraufhin im Untergrund leben – und wie wir nun sehen konnten, lebt der Geist der Fatwa noch immer fort, auch wenn das öffentliche Interesse daran nicht mehr bestand.

Damals wie heute wird Täter-Opfer-Umkehr betrieben: Musste Rushdie denn unbedingt ein derart provokatives Buch schreiben? Es ist dieselbe Argumentation, welche uns in den letzten Jahren immer wieder vorgetragen wurde, wenn es etwa um die bekannten Mohammed-Karikaturen ging, die in Dänemark zuerst gedruckt worden waren. Vor der Wut der gekränkten Muslime soll die Meinungsfreiheit zurückstehen, sonst könnte sich erweisen, dass die Religion des Friedens gar nicht so friedlich ist, wie von ihren Lobbyisten behauptet. „Wir wären ja artig, wenn ihr euch nur unseren Launen beugen würdet!“ Zudem hat Ahmad Mansour mit seinem Einwand natürlich uneingeschränkt recht:

(Screenshot:Twitter)

Die „satanischen Verse“ gehen auf eine ältere Version des Korans zurück, in welcher der Prophet Mohammed den Mekkanern noch gestattete, zu den „heiligen Kranichen“ um Fürbitte zu beten, drei Gottheiten, die als Töchter Allahs betrachtet wurden. Moment: Töchter? Es passte nicht ins Bild, dass Allah nur Töchter haben sollte, wenn in der realen Welt Söhne als ideale Nachkommen galten. Die Erlaubnis, die Göttinnen weiter zu verehren, musste dem Propheten vom Satan eingegeben worden sein. Eine Episode im Leben des perfekten Mohammed, die ihm im Nachhinein sehr peinlich gewesen sein muss; also wurden die Verse im Koran rasch durch eine entsprechende Rüge ersetzt: Allah Töchter anzudichten, war eine Unverschämtheit, die nicht geduldet werden konnte. Wie hatte es zudem geschehen können, dass der perfekte Prophet auf die List des Satans hereingefallen war? Dieses Motiv nahm Rushdie in seinen Roman auf.

Wir sehen: Wieder einmal geht es nicht wirklich um Allah, sondern um Mohammed, der vielen Muslimen mehr bedeutet als ihr abstrakter Gott. Es ist ihnen offenbar unmöglich, ihre Empörung über seine Kränkung auf zivilisierte Weise zum Ausdruck zu bringen, was ihr gutes Recht wäre. Stattdessen erleben wir immer wieder brutale Strafaktionen, wenn „religiöse Gefühle verletzt werden”. Dazu muss noch nicht einmal der Prophet gekränkt werden, es reicht, wenn sich der Empörte an einer Kirche oder Synagoge stört. Außerhalb des islamischen Herrschaftsbereichs muss keine Rücksicht auf Andersgläubige genommen werden – da schützt auch ein Dhimmi-Status nicht.

Wo sind die Atamans, Gümüsays und Cheblis?

Ich erwarte nicht, dass sich der „normale“ Muslim aus der Nachbarschaft dazu äußert, der einfach sein Leben dort lebt und selbst garantiert nicht zum Messer greift. Allerdings wäre es angebracht, wenn sich nun einmal all jene Lobbyistinnen – es sind überwiegend Frauen – zu Wort melden würden, die Atamans, Gümüsays und Cheblis. Aber diese sind abgetaucht – haben sie nicht den Mut, ihren eigenen Glaubensbrüdern zu sagen, „das hat nichts mit dem Islam zu tun”? Angesichts der vielen Attentate der letzten Jahre ist es zynisch, Nichtmuslimen eine „Phobie“ zu attestieren. Die Bedrohung ist sehr real: Junge Männer fühlen sich berufen, in die Fußstapfen des Propheten zu treten, als große Gotteskrieger. In den letzten Jahren kommen dabei immer häufiger Messer zum Einsatz, nachdem Terrororganisationen dazu aufgerufen haben, alles als Waffe zu benutzen, was im eigenen Umfeld verfügbar ist. Und es geht nicht nur ums Töten, sondern um größtmögliche Demütigung durch Gesichtsverletzungen. Sich davor zu fürchten, einem solchen Attentäter zu begegnen, ist keine Phobie, sondern eine berechtigte Angst. Das Sprechen darüber als „Hass und Hetze“ abzutun, entbehrt nicht einer gewissen Dreistigkeit: Voller Hass und durch Hetze motiviert sind alleine die Täter. Das ist durch kein Buch und keine Karikatur zu rechtfertigen.

Es wäre Salman Rushdie zu wünschen gewesen, dass er nun endlich hätte zur Ruhe kommen, Bücher schreiben und ohne Angst Vorträge halten können. Aber die Regierung in Teheran hielt ihren Mordaufruf aufrecht. Eine Regierung, mit der auch Deutschland ohne Not Geschäfte macht und zu der einige deutsche Politiker gute Beziehungen unterhalten. Die islamische Revolution von 1979 hat das Land in die Vormoderne zurückgeworfen und seitdem hält es den Nahen Osten im Würgegriff. Aber dazu wird man von unseren Islam-Lobbyisten kein Wort hören.

13 Kommentare

  1. Mit der Distanzierung der iranischen Regierung von der Fatwa kam einst für Salman Rushdie wieder etwas Hoffnung auf Frieden und Sicherheit auf. Dann hat der iranische Staat aber ein Kopfgeld von 4 Millionen Dollar auf Salman Rushdie ausgesetzt.

  2. Ja, hätten die Anglo-Amerikaner die islamischen Länder ihren eigenen
    Entwicklungsweg gehen lassen, sähe heute vielleicht manches anders aus.
    Aber Mohammad Mossadegh durfte eben damals nicht sein, so wie z.B
    heute ein Julian Assange!

  3. Wo Menschen an die Macht gelangen, die sich in Besitz der einzigen und ewigen Wahrheit wähnen, brennen Bücher und müssen Menschen sterben. Wer an einen al­lei­nigen Gott oder eine al­lei­nige Moral glaubt, sieht den Un­gläu­bi­gen als gottlos, bö­se, un­­­mo­ra­lisch und schlechthin ver­werf­lich an. Wie der Kirchenvater Au­gustin stellt er seine Mo­ral über Freiheit und Le­bens­recht An­ders­den­kender:

    “»Es kommt nicht darauf an, ob jemand ge­zwungen wird, son­dern allein darauf, wozu er gezwungen wird, ob es nämlich etwas Gutes oder etwas Böses ist.
    Aurelius Augustinus (354-430), Ep.93 (V 16) ad Vicentinum.

    Dieser Satz, der wie bei Platon die sou­veräne Nicht­achtung der in­dividuellen Freiheit und subjektiven Mo­­ralität durch den, der sich im Besitze der abso­luten Wahr­heit glaubt, zum Ausdruck bringt, hat historisch zur Rechtfertigung der Ket­zerverfol­gungen gedient.” Aus die­ser Geisteshaltung folgten die Gre­uel der Re­ligions­kriege, die Ro­­bespier­re’sche Guillo­tinenmoral und die Schrecken des Archi­pels GULAG.

  4. Wenn man einen bunten Präsidenten hat, der sich dazu hinreißen lässt, Iran zum 40. Jahrestag der Revolution auch im Namen seiner Landsleute zu gratulieren, darf man sich nicht wundern. Und das nicht nur einmal https://www.bild.de/politik/2020/politik/bundespraesident-steinmeier-gratuliert-dem-iran-versehentlich-doch-68705836.bild.html Bärbock sollte sich diesen Brief mal zu Herzen nehmen, aber das ist bei ihr wahrscheinlich zu viel verlangt. https://journalistenwatch.com/2022/08/15/baerbock-druck-menschenrechtlern/

  5. Khomeinis Gift?

    „Denjenigen aber, die Unsere Zeichen für Lüge erklären, wird die Strafe widerfahren dafür, daß sie zu freveln pflegten. “ – Sure 6:49

    „.. Wer ist denn ungerechter, als wer Allahs Zeichen für Lüge erklärt und sich von ihnen abwendet? Wir werden denjenigen, die sich von Unseren Zeichen abwenden, mit einer bösen Strafe vergelten, daß sie sich stets abwandten.“ – Sure 6:157

    „… Für diejenigen aber, die Allahs Gesandtem Leid zufügen, wird es schmerzhafte Strafe geben.“ – Sure 9:61

    Khomeinis Fatwa gegen Salman Rushdie sagt nichts anderes als der Koran:

    Fatwa gegen Salman Rushdie:

    Im Namen Gottes,

    Wir sind von Gott und zu Gott werden wir zurückkehren:

    Ich informiere alle mutigen Muslime der Welt darüber, dass der Autor der Satanischen Verse, ein Text, der gegen den Islam, den Propheten des Islam und den Koran geschrieben, bearbeitet und veröffentlicht wurde, zusammen mit allen Herausgebern und Verlegern, die sich seines Inhalts bewusst sind, zum Tode verurteilt sind. Ich rufe alle tapferen Muslime, wo auch immer sie auf der Welt sein mögen, dazu auf, sie unverzüglich zu töten, damit es niemand mehr wagt, den heiligen Glauben der Muslime von nun an zu beleidigen. Wer auch immer in dieser Sache getötet wird, wird ein Märtyrer sein, so Gott will. Wenn in der Zwischenzeit jemand Zugang zum Autor des Buches hat, aber nicht in der Lage ist, die Hinrichtung durchzuführen, sollte er die Leute informieren, damit [Rushdie] für seine Taten bestraft wird.

    Mögen Frieden und Segen Allahs auf euch sein,

    Ruhollah Al-Musavi al-Khomeini

    14. Februar 1989

    https://irandataportal.syr.edu/fatwa-against-salman-rushdie

  6. Beste Genesungswünsche an Herrn Rushdie. Gut das es anscheinend relativ glimpflich verlaufen ist. BoJo, der fette Clown aus Downingstreet 10 und Bidden der Windelträger aus Washington haben sich auch schon staatstragend geäußert. Vom Angriff auf die freie Rede wird gesprochen. Über Assange, der das gleiche Recht für sich in Anspruch genommen hat, war von diesen beiden verlogenen IDIOTEN aber nichts zu hören.

  7. „Aber Mohammad Mossadegh durfte eben damals nicht sein, so wie z.B
    heute ein Julian Assange!“

    @Prince of Tales

    Ja, richtig. Die Amis hatten 1953 eine demokratisch gewählte Regierung in Iran gestürzt um ihre eigene Marionette zu installieren.
    https://www.dw.com/de/1953-irans-gestohlene-demokratie/a-17008768

    Überhaupt ging es den US Amerikanern im Kalten Krieg nie um Menschenrechte, um die Verteidigung westlicher Werte oder um die Installierung von Demokratien weltweit. Warum sonst hatten die
    US Amerikaner im Kalten Krieg viele antidemokratische Diktaturen installiert und unterstützt, vor allem in Lateinamerika?

  8. „Über Assange, der das gleiche Recht für sich in Anspruch genommen hat, war von diesen beiden verlogenen IDIOTEN aber nichts zu hören.“

    Und wie sieht es mit anderen Dissidenten und Regierungskritikern in den USA aus?
    Die werden dort gnadenlos gejagt. Assange und Snowden sind nicht die einzigen.
    Hier noch ein anderes Beispiel

    NSA-Whistleblower und Blogger Jim Stone vergiftet
    https://truthnews.de/nsa-whistleblower-und-blogger-jim-stone-vergiftet/

    Wo bleiben die EU-Sanktionen gegen das Biden-Regime?

    Wo bleiben die Einreiseverbote nach Europa für Vertraute von Biden ?

  9. Das kommt dabei raus wenn sich „Berufene“ verpflichtet fühlen Jahrhunderte lang geltende Gesetze oder wie hier den Koran mit Macht zu verändern. Bei uns sind es die Grünen, die langsam aber sicher darauf hin steuern dass nur noch Frau das gelbe vom Ei sind und Männer nichts mehr gelten sollen. Eben, wenn Größenwahnsinnige und strohdumme Menschen an die Macht kommen dann ist das Ergebnis voraussehbar

  10. Natürlich muß die Frage gestellt werden, ob ein religionskritisches Buch zum Islam, einer Religion des 6. Jh., geschrieben werden mußte. Auch in Europa des 15. Jh. wurden Menschen, die sich kritisch zu allgemeinen Religionsfragen äußerten, auf dem Scheiterhaufen verbrannt, auch die „Reichsacht“ wurde eingeführt (Menschen, die mit der Reichsacht belegt waren, konnten ohneProzeß gemaßregelt werden).Und da die friedliche Religion des Islam heute noch auf em Stand des 15. Jh. basiert, sind diese mittelalterlichen Maßnahmem gerechtfertigt. Daran sind natürlich auch die Europäer schuldig, warum haben sie sich weiterentwickelt und sind nicht auch mit ihrer Entwicklung im 15. Jh. stehen geblieben, dann wäre eine Maßnahme gegen einen Islamkritiker überhaupt kein Problem und wäre von allen akzeptiert worden. Unsere Schuld!

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