Dienstag, 28. November 2023

Kleine Helden des Alltags (II): Rudi, der Waldschrat

Kleine Helden des Alltags (II): Rudi, der Waldschrat

Die renovierte “Waldschrathütte”, in der Rudi bis heute gedacht wird (Foto: Uwe Epping)

Im ersten Teil dieser Serie berichtete ich von einer Dame, deren übermächtige Sehnsucht zu reisen sie zu einer “Alltagsheldin” machte. In der heutigen Geschichte geht es um einen Mann, der durch einen Schicksalsschlag einen ganz neuen Lebensweg einschlug. Sein Name war Rudi, und alle Welt nannte ihn nur den “Waldschrat“. Rudi wurde im Jahr 1917, in der Endphase des Ersten Weltkrieges, in der alten Reichs- und Kaiserstadt Goslar am Nordharzrand geboren. Schon als kleiner Junge liebte er die Wälder seiner Heimat und erkundete sie in immer länger währenden “Expeditionen“. Manchmal übernachtete er auch mit Genehmigung seiner Eltern im Wald. Durch jahrelange Erfahrungen in der Natur entwickelte der Junge sich zu einem zwar netten und stets höflichen, aber auch knorrigen und kantigen “Sonderling”, der vom Wald besessen war.

Selbst im Zweiten Weltkrieg, in dem er als Soldat kämpfte, konnte er seinem geliebten Wald nahe sein: Nach einer Verletzung an der Ostfront wurde er Kundschafter für die Suche nach geeigneten militärischen Stellungen zur Sicherung der “Festung Harz“, zu deren Errichtung es dann aber praktisch nicht mehr kam. Nach dem Krieg landete Rudi in der Forstverwaltung (wo auch sonst?) und wurde “bodenständig“: Er traf seine große Liebe Erika. Die beiden verliebten sich schnell ineinander, und nach kürzester Zeit waren sie bereits verlobt. Das Schicksal hatte es gut mit Rudi gemeint und ihm eine Partnerin zur Seite gegeben, die seine Passion für den Wald uneingeschränkt teilte und tagelang mit ihm im Wald verbrachte.

Tragische Wendung

Doch kurz vor der Hochzeit wendete sich das Blatt auf tragische Weise: Erika kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. In der Kurve einer gerade frisch ausgebauten Bundesstraße war einem vorbeifahrenden Auto ein Reifen geplatzt, der Fahrer verlor die Kontrolle über das Fahrzeug und schleuderte direkt in eine Bushaltestelle, an der Erika auf den Bus wartete. Unser Rudi hatte lange mit diesem Schicksalsschlag zu kämpfen – bis dann, aus seiner tiefen Trauer heraus, eine Entwicklung einsetzte, die sein weiteres Leben in eine ganz neue Richtung katapultierte.

Seine große Liebe hatte er verloren, also wollte Rudi sich künftig dem Wald widmen. Seiner Verlobten zu Ehren pflanzte er zuerst die – wenigen ortskundigen “Eingeweihten” bis heute bekannte – “Erikatanne“. Zu diesem Baum zog es ihn immer wieder. Dann fasste er Pläne für ein ganz besonderes Projekt: Unzählige Male füllte er Rucksack um Rucksack mit jeweils 10 bis 15 Kilogramm Muttererde – und buckelte diese hinauf zu einer unzugänglichen Lichtung im Steilhang des Rammelsberges – seines “Hausberges“. Dort legte er mehrere stufenförmige “Pflanzterrassen“ an und brachte die Muttererde aus. Ganz oben, am Rand der Lichtung, baute Rudi aus Totholz einen Unterstand mit einer Sitzgelegenheit. In diesem hängte er ein kleines Schränkchen auf, in dem sich stets eine “Pulle Schluck“ befand, wie er es nannte (meistens ein Obstwasser), eine Packung Pflaster und leichtes Verbandsmaterial, sodann ein Fläschchen “Nelkenöl“ (gegen Zahnschmerzen und Insekten), eine Tafel Schokolade und immer etwas Süßes für Kinder (meistens Kekse).

Ein verborgener Garten Eden

Auf den angelegten Beeten pflanzte Rudi Blumen und Pflanzen an, die den Vögeln Nahrung boten. Auch eine Tonne mit einer Art aufgesetztem “Trichter” zum Sammeln von Regenwasser hatte er aufgestellt . Damit man den Steilhang leichter erklimmen konnte, baute Rudi kleine Treppenstufen, die bis hinauf zum Unterstand führten. Diesen Garten Eden nannte er sein “Vogelparadies“. Gut verborgen und vom Weg kaum sichtbar, stand es Naturfreunden jederzeit offen und man konnte es nur finden, indem man vom Wegesrand das Dickicht absuchte, bis man dort eine “Erika“-Pflanze vor einem kleinen Pfingstrosenstrauch erblickte und genau in dieser Richtung querfeldein durch die Büsche schritt. Nach rund zehn Metern folgten zwei weitere Erika-Pflanzen – und zwischen ihnen befand sich die erste Stufe.

Von diesen “Vogelparadiesen“ errichtete Rudi in seinen Lieblingswäldern mindestens drei. Immer häufiger bot er Interessierten an, den herrlichen Wald und die Schönheit des Harzes mit seiner Tier- und Pflanzenwelt gemeinsam mit ihm zu erkunden. Seine Führungen zur Hirschbrunft sind bis heute legendär. Oft sammelte er Kinder um sich, um ihnen kindgerecht ihre Heimat näherzubringen und zu erklären. Ich selbst bin als Kind und noch als Jugendlicher so manchen Meter mit ihm durch den Harz gestreift. Rudis stets zweckmäßige Standardbekleidung (ich habe ihn nur ein einziges Mal in Anzug und Krawatte gesehen, darin wirkte er eher fremd) bestand aus einer olivgrünen Leder-Kniebundhose (“bestes Hirschleder!“), dicken, saugfähigen dunkelgrünen Strümpfen, einem Paar “Seekopf”-Bergstiefeln, einem warmen Unterhemd, einem Holzfällerhemd, einer Lodenjacke und darüber einem knielangen Lodenponcho. Dazu trug er ein Halstuch und einen Schlapphut. Stets hatte er einen langen Stock dabei – und natürlich sein “Zeiss-Fernglas“, das er sich von seinem ersten Weihnachtsgeld gekauft hatte und Zeit seines Lebens in Ehren hielt.

Humor- und geheimnisvoll

So sah er aus, dieser “Waldschrat”; übrigens wurde er schon so genannt, als er noch in der Forstverwaltung arbeitete. Und in der Tat, ein Waldschrat war er tatsächlich irgendwie: Es konnte passieren, dass er plötzlich aus dem Dickicht jenseits des Weges brach und mit fröhlichen “Glück auf, Bergkamerad!“ vor einem stand. Meist folgte dann eine kurze Plauderei über die Familie oder über Goslarer Befindlichkeiten. Ich erinnere mich, wie er einmal über ein modernes Kunstwerk des amerikanischen Künstlers Richard Serra sprach, das in Form einer vor sich hin rostenden Stahlplatte vor einem historischen Denkmal in den Boden eingelassen wurde und über das ganz Goslar diskutierte: “Haste diese grottenhässliche Panzerplatte schon gesehen? Das ist doch keine Kunst, das ist ein Hundeklo!“ So war Rudi, der Waldschrat: humorvoll und ein wenig geheimnisvoll.

Er hat sein Leben dem Wald geschenkt – zuerst seine Freizeit, dann seine gesamte Zeit. Er investierte sie in die Vogelparadiese, in seine kundigen Harzführungen und machte sich unsterblich durch seine Dienste an den Wanderern, “die unseren schönen Harz wirklich lieben”, wie er sagte. Er hat zahlreiche Spuren hinterlassen: Zahllose Quellen, Feucht- und Erosionsgebiete, die er einfasste, trockenlegte und wieder auffüllte, und auch etliche Bänke und Ruheplätze, die er schuf: Sie alle existieren heute noch. Leider im Gegensatz zu den Vogelparadiesen. Sie verfielen im Lauf der Jahre, nachdem Rudi 1989 gestorben war. Anlässlich seiner Pensionierung im Jahr 1978 ehrte der Goslarer Stadtforst den “Waldschrat” mit der Errichtung einer “Waldschrathütte“, die sich am Sidecum, kurz unter dem Gipfel des Rammelsberges, befindet. Sie besteht nach einer Komplettsanierung 2011 bis heute – und ist übrigens eine der Pflchtstationen, um die “Harzer Wandernadel“ zu erlangen.

5 Antworten

  1. Danke.
    Eine nette Geschichte aus der Wirklichkeit.
    Sie ist sinnbildlich für die Liebe des Deutschen zu seinem Heimatland.

    Gruß Rolf

  2. Warten Sie noch ein wenig ab. Ich fürchte, die Grünen werden eher den Wald um den Rammelsberg für die umweltschädlichen Windräder roden, statt sein segensreiches Werk für die Natur im Allgemeinen und die Vogelwelt im Besonderen fortzusetzen. Den Reinhardswald in Hessen haben sie ja schon zerstört.

    Kennen Sie den Engländer Alfred Wainwright? Er war ein passionierter Wanderer, der mehrere Bücher über englische Wanderwege und den Lake District veröffentlicht hat. Naturliebhaber durch und durch konnte er dennoch zu manchen Menschen recht ‘direkt’ sein. Es heißt, er habe bisweilen aus der Ferne Menschen, die sich laut in der Natur bewegt haben, seinen nackten Hintern gezeigt. Auch eine Möglichkeit des Protests. Sollte man vielleicht gegenüber waldrodenden Politikern auch machen.

  3. Vielen Dank, Herr Quintilian, für diesen, einen Menschen in schönen Worten ehrenden Bericht. Wir sollten alle viel mehr Aufmerksamkeit denen widmen, die in mental autarker Form aus der Zeit fallen. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass diese Menschen trotzdem dazugehören.

  4. Heute dürfte der gute Mann wahrscheinlich alles wieder rückbauen und es würde ihm jegliche “hetzerische”, antidemokratische Wanderung, in denen so ein komischer Reichsbürgervogel die Leute aufhetzt untersagt werden. Sowas naturverbundenes geht ja gar nicht, solche Bionazis machen doch alles kaputt. Am Ende will so jemnd noch eine Hütte ohne Frost- und Brandschutz in den Wald bauen und dort in etwas fern unserer feinen Gesellschaft im Wald wohnen. Geht gar nicht, wegsperren müsste man so jemanden natürlich nachdem man ihn mit 10000 diversen Polizeiinnen aus dem Wald geholt hat…

  5. Es gibt da auch
    eine wunderbare Geschichte von Jean Giono mit dem Titel ‘Der Mann mit den Bäumen’. Da geht es auch um so einen Waldschrat, der für sich abgeschieden im Wald lebt und über viele Jahre Eicheln in die Erde setzt und so zum Schöpfer großer Eichenwälder wird …

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